Bernard Tschumi: Zur Person

7 03 2008

Bernard Tschumi (*1944), ein frankoschweizer Architekt, der Büros in New York und Paris unterhält, betreut heute Projekte auf der ganzen Welt, darunter etwa das neue Akropolis-Museum in Athen, das 2008 eröffnet werden soll.

Bernard Tschumi (*1944), a Franco-Swiss architect running offices in New York and Paris, is responsible for projects all over the world, among others the new Acropolis Museum in Athens which is supposed to open in 2008.

acropolis_museum_btua2.jpg acropolis_museum_btua1.jpg (Fotos von dieser Site mit ausführl. Beschreibungstext, engl./extensive description, engl.)

Bekannt geworden ist Tschumi durch seinen Parc de La Villette in Paris, der sein erstes realisiertes Projekt überhaupt ist. Es wurde in der Dekonstruktivismus-Schau 1988 – die Architekten waren mit je einem Projekt vertreten – gezeigt und gilt zusammen mit Zaha Hadids theoretisch gebliebenem Hongkong Peak als Durchbruch einer neuen Architekturströmung.

Tschumi is known for his Parc de La Villette in Paris, his first built project ever. It has also been part of the Deconstructivism show 1988 – each architect was presented with one project only – and is considered, together with Zaha Hadids theoretical Hongkong Peak, as the breakthrough of a new architecture.

parc-de-la-villettemap.jpg hong-kong-peak.jpg

(Bernard Tschumi Parc de la Villette; Zaha Hadid: Hong Kong Peak. Details to follow)

Nach seinem Architekturstudium in Paris und an der ETH Zürich übernimmt Tschumi 1970 eine Dozentenstelle an der Architectural Association London, ein innovatives und kreatives Umfeld in den 1970ern, wo zeitgleich u. a. auch Rem Koolhaas und Zaha Hadid wirken. Ab 1975 hat Tschumi auch immer wieder Lehrstellen in den Vereinigten Staaten. In dieser Zeit arbeitet er nicht als praktischer Architekt, sondern entwickelt in Texten und konzeptuellen Zeichnungen seinen komplexen architekturtheoretischen Standpunkt. Einen vorläufigen Abschluss findet Tschumis theoretische Standortsuche 1981 mit den „Manhattan Transcripts“, einer Reihe von Architekturzeichnungen, die zum theoretischen Ausgangspunkt für den Parc de la Villette werden – dem ersten realisierten Projekt überhaupt.

After having studied architecture in Paris and ETH Zurich, Tschumi starts teaching at the Architectural Association London, an innovative and creative environment in the 1970s – at the same time, Rem Koolhaas and Zaha Hadid are teaching there, too. Since 1975, Tschumi lectures in the USA every now and then. In those days, he is not working as a practical architect, but develops his complex architectural theoretic position. Tschumi’s academic positioning comes to a provisional end in 1981, with his “Manhattan Transcripts”, a series of architectural drawings that became the theoretic starting point for the Parc de la Villette – Tschumi’s first built project ever.

Bezeichnend ist, dass Tschumi erst gute 10 Jahre theoretisch arbeitet, ehe er 1982/83 mit dem Parc de la Villette zum ersten Mal ein praktisches Projekt realisiert: Tschumis Verständnis von Architektur und sein Anspruch an seine Architektur sind stark theoretisch geprägt.

It is significant that Tschumi has been working as a theorist only for about 10 years before realising his first project Parc de la Villette in 1982/83: Tschumi’s perception of architecture and his claims to his architecture are highly theoretical.

Um seine Projekte zu verstehen, muss man auch seinen theoretischen Standpunkt nachvollziehen.

To understand his projects, you have to comprehend his theoretic position, too.

Geprägt von den Veränderungen im Zuge der 1968er Unruhen kreisen Tschumis Leitfragen um eine Neubestimmung der Architektur. Er entwickelt ebenso komplexe wie – hat man sich erst einmal eingearbeitet – simple (Neu)Bestimmung von Architektur: Architektur setzt sich nach Tschumi aus zwei wesentlichen Elementen zusammen – Space/Raum UND Event/das, was darin geschieht. (Auf die Bedeutung dieser Definition komme ich zurück.)

Affected by the changes happening in the course of the events of 1968, Tschumi’s main questions circle around a new definition of arhcitecture. He develops a complex and – once you have understood – simple (new) definition of architecture: Architecture consists of two fundamental elements – space AND event(what is happening in the spacial structure). (I will get back to the meanings of this definition.)

Vor La Villette entsteht ein umfangreiches schriftliches Werk. Tschumi setzt sich mit zahlreichen anderen Disziplinen auseinander, von Kino über Literatur, strukturalistischen Sprachwissenschaften und Philosophie bis zur Psychoanalyse.

Prior to La Villette, Tschumi creates a vast writtten work. He is dealing with several disciplines, from cinema, literature, to structuralist linguistics philosophy and psycho analysis.

Um sich einem so stark theoretisch wirkenden Architekten wie Tschumi anzunähern, sind vor allem seine eigenen Schriften aufschlussreich, etwa:

To understand an architect working so much with theoretical approaches, his own texts are particularly revealing, e.g.:

tshcumiarch-disjunctin.jpg Bernard Tschumi: Architecture and Disjunction, Cambridge/USA, 1994

Hinzu kommen Interviews mit dem Architekten; insbesondere die Gespräche, die Enrique Walker zwischen 2000 und 2006 mit dem Architekten geführt hat, in denen das ganze bisherige Schaffen von Tschumi selbst reflektiert wird.

Furthermore, interviews with the architect are informative; especially the conversations Enrique Walker held with the architects between 2000 and 2006, wherein Tschumi reflects his entire work to date.

tschumi-walker-interview.jpg Bernard Tschumi, Enrique Walker: Tschumi on Architecture: Conversations with Enrique Walker, New York, 2006




Architektur in China

2 03 2008

Der Spiegel hat vor einiger Zeit online eine Debatte angestoßen über die Verantwortung von Architekten, wenn sie in nicht-demokratischen Ländern wie China, Vietnam, Libyen bauen. Bei diesen Projekten geht es natürlich nicht um ein oder zwei Einfamilienhäuser, sondern um Mammutprojekte, bei denen Milliarden verbaut werden: Regierungsgebäude, repräsentative Niederlassungen, sogar ganze Stadtviertel. Die jeweiligen Machthaber wollen sich mit modernen Gebäuden schmücken und ihren Städten ein neues, repräsentatives Gesicht verpassen. Für Architekten und Stadtplaner eine fast schon ideale Herausforderung.

Allzu oft gehen diese Baumaßnahmen auf Kosten der traditionellen Landeskultur – in China ist der Bauboom schon geradezu sprichwörtlich geworden: Das Gesicht der Städte verändert sich beinahe im Wochenrhythmus. Man kann den Häusern beim Wachsen zuschauen, während die traditionelle Seite des Landes verschwindet. Altstädte? Wozu? Ganz zu schweigen von der gesellschaftlichen Dimension, die manche Bauprojekte nach sich ziehen (Umquartierungen, Totalabrisse bestimmter Viertel, Ausbeutung von Wanderarbeitern, … ich bin hier nur oberflächlich informiert, freue mich aber, wenn jemand mehr Details kennt).

Wie viel Verantwortung trägt der Architekt für seine Entwürfe? Oder genauer (und dieser Aspekt fehlt im Spiegel-Artikel ganz) – Hat ein Architekt für seine Tätigkeit in nicht-demokratischen Ländern mehr Verantwortung, als die Firmen, die ihre Produktion zu Billigpreisen in eben diese Länder verlagern?

Dennoch – soweit, so treffend die Stoßrichtung des Artikels. Leider nimmt sich der Autor selbst den Wind aus den Segeln, indem er seine Kritik selbst einschränkt: Er packt nämlich den „Speer-Faktor“ aus und wirft ausschließlich den deutschen Architekten vor, sich vor der Verantwortung zu drücken.

800px-beijing_national_stadium.jpg Herzog & De Meuron: Nationalstadium Peking (H&dM haben keine eigene Website(!) )

Die anderen Länder stünden nun mal „nicht so sehr im Schatten der Geschichte wie ihre deutschen Kollegen“. Weil Albert Speer Germania geplant hat, haben die deutschen Architekten also Pech gehabt, dass sie nicht aus Holland kommen (Rem Koolhaas und OMA: CCTV Peking; Shenzen Börse, Shenzen/China) oder aus der Schweiz (Herzog und de Meuron: Nationalstadion Peking. In Deutschland bekannt: Allianz Arena München)?

koolhaascctv-peking1.jpg koolhaascctv-peking2.jpg Rem Koolhaas/OMA:CCTV (China Central Television), Peking

Im Zeitalter der Globalisierung also wieder zurück in Kleinstaaterei und jeder kocht sein Süppchen und die Deutschen ab in die Ecke?

Schade, dass ein ohne Frage heikles Thema erst angestoßen wird und dann wieder mit dem historischen Allzweckvorwurf außer Kraft gesetzt wird.
Der Autor zitiert selbst Hans Stimmann[1], der meinte „Speer werde als Schlagwort zu oft zu leichtfertig eingesetzt, um sich Argumente zu ersparen“. Spannender sei die Frage „Welche Verantwortung hat ein Architekt mit seinen Planungen und Bauten für die Gesellschaft?“

Na also.

Meinhard von Gerkan hat am 24.02.08 auf den Vorwurf reagiert und einen Kommentar im Spiegel online veröffentlicht. Sein Hamburger Büro gmp (Gekan, Marg und Partner) arbeitet in Hanoi an mehreren Projekten und errichtet Lingang New City (China), eine Satellitenstadt bei Shanghai für rund 800.000 Einwohner (soll 2020 fertig gestellt werden).

bild1119882535463.jpg Lingang New City, Shanghai

In Deutschland ist von Gerkan vor allem „der vom Berliner Hauptbahnhof“ – auch kein besonders einfaches Bauprojekt.[2] Wenig überraschend deutet er denn auch an, dass in Berlin auch nicht „demokratischer“ gebaut würde als etwa in China.

Gerkan weist ebenfalls v. a. darauf hin, dass man „nicht mit einem moralischen Prinzip argumentieren und es dann mit zweierlei Maß messen“ kann. Weiter sagt er, es sei „Heuchelei, lautstark Architekturexporte nach China anzuprangern und zugleich über Massenimporte aus China zu schweigen“.

Zwar hakt auch seine Argumentation an manchen Stellen (darauf komme ich noch zurück), aber seine wesentliche Kritik ist überzeugend.

Also (ein paar Gedanken zum Abschluss) / So (some thoughts):
Grundsätzlich nötig ist Sensibilität für die Globalisierungsbestrebungen nicht-demokratischer Staaten (ich sage bewusst nicht Diktaturen, weil damit auch wieder eine pauschale Schublade aufgemacht wird) – und dies gilt nicht nur für Architektur-Unternehmungen, sondern generell auch für Wirtschaftsbeziehungen (Stichwor:t China).
Bascially necessary is sensibility for the efforts in globalization of non-democratic states (I am intentionally not using the word dictatorship as this would just be another generalization) – and this concerns not only architectural enterprises, but all economic relationships in general (key word: China).

Speziell für den architektonischen Aspekt gilt, sich bewusst zu machen, welche Bedeutung Bauten zukommt (und das sicher nicht nur in China): Gebäude prägen wesentlich unsere Lebenswelt. Die Art und Weise, wie ein Bau gestaltet ist, beeinflusst maßgeblich das, was darin passiert – und damit letztendlich auch eine Kultur.
Meinhard von Gerkan jedenfalls betont, dass viele Architekten „an einer besseren, lebenswerteren Welt mit[]bauen“ wollen – und das ebenso in nicht-demokratischen Ländern wie in demokratisch regierten.

Regarding architecture in particular, it is important to realise what buildings mean (and certainly not only in China): buildings fundamentally affect our lifeworld.  The way an edifice is featured influences significantly what is happening inside the building – and  thus, ultimately,  culture, too. Meinhard von Gerkan stresses that many architects want to “create a better world, being more pleasant to live in” – and this both in non-democratic and democratic countries.


[1] Hans Stimmann war seit Anfang der 1990er Jahre bis 2006 fast ununterbrochen Senatsbaudirektor in Berlin und hat den Auf/Umbau Berlins nach der Wende wesentlich mitbestimmt – nicht unumstritten: bestimmte Vorgaben wie einheitliche Traufhöhen und Einsatz von Steinfassaden haben sehr großen Protest hervorgerufen, auch der Faschismusvorwurf fiel.

[2] Zur Erinnerung: Vom Auftraggeber DB wurden verschiedene Merkmale des Baus verändert (die Gesamtlänge des Hallendachs wurde verkürzt, für die Decken der unterirdischen Bahnsteige wurde eine Flachdecke eingebaut statt der geplanten gewölbeartigen Konstruktion; letzteres ohne Absprache mit dem Architekten).