Rediscovered: Interview with Rem Koolhaas in 2006 – or: what does an architect have to do with R. Meyer?

6 06 2009

An older interview with Dutch architect Rem Koolhaas, conducted in 2007 by German magazine Spiegel editors Matthias Matussek and Joachim Kronsbein, rediscovered by a friend of mine and still interesting to read, with some valuable insights, thus I don’t want to keep it from you.

Koolhaas tells about the CCTV project and working in autocratic Peking, the differences between himself and fellow architects like F. O. Gehry or I. M. Pei, the social possibilities of buildings, the Berlin Stadtschloss/Palace of the Republic situation – to reconstruct or not to reconstruct? – and how ugliness happens to be more interesting than beauty. And, well, about he used to write screenplays for Russ Meyer who’s rather well-known, too, for a certain kind of movie genre… (this is actually mentioned in Chuck Palahniuk‘s  “Snuff”, though a little contorted – Koolhaas wrote, but didn’t act).

Thanks for the good research, M.! :-)

Read the Spiegel interview here.




Gebaute Inseln im Strom der Zeit Stefan Hoenerlohs Stadt-Gemälde | Painted Cities by Stefan Hoenerloh

5 06 2009

Nach einer ganzen Reihe von Fotografen, die sich mit Architektur beschäftigen – die Fotografie scheint das bevorzugte Medium für die Auseinandersetzung mit architektonischen Themen – wieder ein Künstler, der sich malerisch mit Architektur befasst: Stefan Hoenerloh zeigt in seinen Gemälden Stadtansichten, die wie urbane Momentaufnahmen auf einem Spaziergang durch eine Altstadt begegnen könnten und doch rein fiktional sind.

After a number of photographs focusing on architecture – photography appears to be the medium of choice when dealing with architectural topics – finally another painter thematizing architecture: Stefan Hoenerloh paints urban situations as  one could happen to encounter on a stroll through an old European city center – no vedutas, but “snapshot”-like views in  bottom view. Yet was seems so real is actually pure fiction. His painted buildings appear like “built islands in the course of time” (as says the German title of this article)

(Informationen und Abb. von der Website des Künstlers, available in German + English)

 Brooke Alexander Avenue 115 x 182 cm, 1998, Öl auf Polyvinyl/Leinwand

Brooke Alexander Avenue 115 x 182 cm, 1998, Öl auf Polyvinyl/Leinwand

Hoenerloh arbeitet in einer altmeisterlich perfekten Technik und bringt seine Motive vielschichtig lasierend auf den Bildträger. Sein Thema ist die Architektur, genauer: die gebaute Stadt. Zu sehen sind jedoch keine Veduten und Panoramen von Städten, wie sie etwa Canaletto so meisterhaft angefertigt hat, sondern Ausschnitte urbaner Architektur, Momentaufnahmen, wie sie einem auch bei einem Spaziergang durch eine Stadt begegnen: Monumentale Großbauten werden in Ausschnitten gezeigt, meist in Untersicht mit stürzenden Linien, wie man sie vor Ort erlebt.

The Knarz Room, Ten Years Later 2001, Öl auf Polyvinyl/Leinwand, 122x151cm

The Knarz Room, Ten Years Later 2001, Öl auf Polyvinyl/Leinwand, 122×151cm

Tatsächlich handelt es sich dabei jedoch nicht um reale Bauten, die etwa von einer Fotografie abgemalt oder vor Ort mit dem Pinsel anstelle der Kamera “aufgenommen” wurden. Hoenerlohs Motive sind reine Fiktion. Als typische Stadtarchitektur, wie sie überalle begegnen könnte,  wollen sie die Idee der “alten gebauten Stadt” verkörpern. Denn zu sehen sind “alte” urbane Gebäude, wie sie in den alten Stadtkernen europäischer Städte begegnen.

Allerdings zeigen die Gemälde auch nicht Stilgeschichte: Elemente zwischen Renaissance und Klassizismus und ihren Neo-Formen werden malerisch verbunden, ohne jedoch den diesen zugrundeliegenden Ideen zu entsprechen. Es wird nicht nur verzichtet darauf, Realarchitektur zu porträtieren, sondern auch darauf, reale Stile zu zeigen.

Aus dieser zweifachen Fiktionalität gewinnen Hoenerlohs Arbeiten ihre Ausdruckskraft.

Die Städte und Bauten sind leer, keine Menschen,  keine Tiere oder Pflanzen sind zu sehen. Der Betrachter muss seine Gefühls- und Gedankenwelt aktivieren und in die gemalte Stadt “eintreten”, sich selbst in Beziehung zu den Bauten setzen – man könnte schon einmal dort gewesen sein, könnte schon einmal in einer Stadt einer ähnlichen Situation begegnet sein.

 Winner of the Isabel Rawsthorne Competition: Das Gummipferd 1999, Öl, Acryl auf Polyvinyl/Leinwand, 93x130cm

Winner of the Isabel Rawsthorne Competition: Das Gummipferd 1999, Öl, Acryl auf Polyvinyl/Leinwand, 93x130cm

Aus dieser Spannung zwischen Gewesenem und Möglichem entfalten Hoenerlohs Bilder ihre Anziehungskraft.

(Zitat Gerhard Charles Rump:)

“Und ist man im Vorstellungsraum der Bilder, dann sieht man die Details, die das Erlebnis bereichern. Da gibt es Räume, die kann man nicht bewohnen, auch wenn es zunächst den Anschein hat. Da gibt es große Gebäudeteile, die gar keine Räume besitzen, auch wenn man erst dachte, das sei der Fall. Da gibt es die ausbalancierten Gegensatzpaare, die Treppen die nach oben und unten führen, die Seufzer-Brücken, die verbinden, was unverbunden erscheint.”

Das führt zu einer reichhaltigen, aber auch paradoxen Erfahrung von Architektur durch das Medium der Malerei, denn erst in der Malerei wird deutlich, was Architektur sein kann, und was sie nicht ist. [...] Sie wird so zu einer symbolischen Konkretisation von Welterfahrung.”

Bilder sind in Grau-Tönen gehalten, dunkel, trübe, verwaschen. Die Gebäude haben Patina, deutlich nagt an ihnen der Zahn der Zeit. Dieser Aspekt spielt für Hoenerloh eine wichtige Rolle: Gebäude sind wie Inseln im Zeit-Strom, sie trotzen der Vergänglichkeit und haben eine Geschichte, sind jedoch davon nicht unberührt, sondern zeigen durchaus Zeichen des Verfalls.

Beim näheren Hinsehen zeigt sich in diesen “minutiöse[n] Registraturen des materiellen Verfalls” (Rump), die an den gemalten Gebäudefassaden zu beobachten sind, auch das Malerische der Arbeiten: Hoenerlohs Gemälde sind immer auch als Malerei erkennbar.




Rooftop Communities in Hongkong: Ghetto with City View

2 06 2009

Das Kunsthaus Hamburg zeigt die Ausstellung ‘Portraits from Above – Hong Kong‘s Informal Rooftop Communities‘ mit Zeichnungen, Fotografien und Text von Rufina Wu und Stefan Canham. Die Schau ist sowohl ein Beitrag zu ‘Jugend kulturell Bildende Kunst. EXTRA‘ als auch zum 6. Hamburger Architektur Sommer. Sie wurde bereits im Spiegel Online wahrgenommen.

The exhibition “Portraits from Above – Hong Kong’s Informal Rooftop Communities” at the Hamburg Kunsthaus presents the photo documentation by Canadian architect Rufina Wu and German photographer Stefan Canham, including photos, drawings and texts. Within 3 months Wu and Canham have visited and portrayed the informal slum cities of Hong Kong – because of the city’s geographical disposition, these auxiliary sheds have been moved to the roofs of highrises from the 50s and 60s. On minimal space people are “residing” in corrugated iron shacks with up to three “storey”. Since about 50 years these illegal informal communities are essential part of the HK cityscape.

Die kanadische Architektin Wu und der deutsche Fotograf Canham spüren in ihrem Projekt den “Slums” über – genauer: auf den Dächern Hongkongs nach. Während sich die „Ghettos“, die Barackenstädte der armen Bevölkerung, in anderen Megastädten auf freien Stadtflächen, meist am Rande der anderen Viertel ansiedeln, hat die gedrängte räumliche Situation in Hongkong andere Lösungen nötig gemacht: Die einzigen „freien“ Flächen, die noch verfügbar sind und waren, befinden sich auf den Dächern der Wolkenkratzer. Hier wurden kleinste Wohnzellen errichtet – sie sind das andere Ende der “Micro Houses” als beliebte neue Bauform.

Seit über fünfzig Jahren sind die informellen “Dach-Siedlungen” ein wesentlicher – und spektakulärer – Bestandteil der Stadt. Trotzem ist diese Architektur ohne Architekten noch weitgehend unbekannt außerhalb Hongkongs.

Einwanderung in Hongkong

Im Zuge der politischen Veränderungen in China im 20. Jahrhundert – Stichwörter sind etwa der Große Sprung nach vorn oder die Kulturrevolution – kamen Flüchtlingsströme nach Hongkong. Diese Zuwanderer vom chinesischen Festland, später auch Migranten aus Südostasien und Pakistan, mussten sich in der 7-Mio.-Stadt, in der aufgrund der geografischen Lage das Bauland knapp und die Wohnungsnot umso größer ist, billige Behelfsunterkunft suchen.

Hinzu kommt, dass in Hongkong nur der einen Anspruch auf eine Sozialwohnung hat, der sieben Jahre in der Stadt gelebt hat. Bis es soweit ist, müssen einige immer noch mit vergitterten Etagenbetten in einer der berüchtigten Bettunterkünfte (“cage homes”) auskommen. Allerdings sind diese Sozialwohnungen meist in Wohntürmen in Satellitenstädten untergebracht – dort gibt es jedoch keine Jobs.

Jobs wiederum finden die Einwanderer in den Altstadtvierteln auf Märkten, in Garküchen oder im innerstädtischen Kleingewerbe-Gewimmel – als Küchenhilfen, Reinigungskräfte oder auf dem Bau.

Slums in Top-Lage

Auf den Dächern von sieben bis zwölfstöckigen Wohnbauten aus den 50er und 60er Jahren errichteten sich die Einwanderer informelle, selbstorganisierte Wohnsiedlungen. In Verschlägen und Hütten aus Wellblech, Holz und Restmaterialien leben sie auf engstem Raum. Einige dieser “Dach-Aufbauten” sind bis zu drei Stockwerke hoch.

Tatsächlich bieten diese informellen Kleinst-Wohnzellen auf den Dächern auch einige Vorteile:

“Obwohl meist winzig, ärmlich und der Witterung ausgesetzt, bieten die Dachhütten mehr Licht und Luft als manche Etagenwohnung. Hier und da gibt es kleine Freiflächen, auf denen Kinder kicken oder Basketball spielen. Dachgärten aus Topfpflanzen werden gehegt. Leitern aus Stühlen und Kisten schaffen Verbindungen zwischen Gebäudeteilen. Manchmal findet sich Platz für kleine Schreine und Hausaltäre. Und in den engen Gängen zwischen den Verschlägen verschmelzen buddhistische Gesänge mit den Klängen pakistanischer Musikvideos und thailändischer Seifenopern.”  (zitiert aus Spiegel Online)

Dennoch:

“So pittoresk diese Dachaufbauten sind, zu sozialromantischer Verklärung taugen sie kaum. Die Sonne heizt die Räume gnadenlos auf. Bei Taifun segeln Dachpappen wie Drachen durch die Luft. Und beschwert sich ein Bewohner der umliegenden Häuser über den Blick auf den Verhau aus Wellblech, Planen und verrottenden Latten, rücken die Abrisstrupps an. Denn obwohl die Behörden die Siedlungen meist tolerieren, ja sogar Post zustellen, Strom und Wasser liefern, Gebühren und Steuern kassieren – die Aufbauten sind illegal. 

Vergleichbare Siedlungen wuchern auf den Dächern Kairos, auch in Phnom Penh soll es sie geben.”(zitiert aus Spiegel Online)

Zur Zeit sind die Dachsiedlungen in Hongkong stark bedroht: Die relativ niedrigen Hochhäuser aus den 50er und 60er Jahren werden nach und nach durch wesentliche höhere Bauten ersetzt werden.

Ausstellung in Hamburg

Rufina Wu und Stefan Canham dokumentieren die informellen Siedlungen auf Hongkongs Dächern mit Fotos der Wohnverschläge von innen und außen, Zeichnungen zur architektonischen Anlage der „Dach-Aufbauten“ und mit Texten. Sie machen sichtbar, wie diese Selbsthilfe in Existenznöten funktioniert. Zudem porträtieren sie auch einige Bewohner und ihr Leben in ihren Wohnzellen.

Für ihre Arbeit wurden Wu und Canham mit dem 3. Preis des Internationalen Bauhaus Award 2008 ausgezeichnet.