“Mit Ästhetik fängt alles an.” Interview mit Hans Martin Sewcz

29 06 2010

Es ist die Beschäftigung mit der Alltagskultur und dem alltäglichen Lebensgefühl, das sich wie ein roter Faden durch das vielfältige Werk des Fotografen und Konzeptkünstlers Hans Martin Sewcz zieht. In den 1970er Jahren, noch als Student an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, dokumentierte er mit der Kamera das Leben auf den Straßen in Leipzig und Ostberlin und porträtierte vor allem Jugendliche und Künstler in der Tradition der Porträtfotografie von August Sander bis Diane Arbus. Immer interessier(t)en ihn dabei die psychologisch wesentlichen Momente eines Augenblicks, den einzufangen er sich bemüht  – ähnlich in seinem Vorgehen etwa H. Cartier Bresson, der über seine Arbeit sagt: „Das Handwerk hängt stark von den Beziehungen ab, die man mit den Menschen herstellen kann. Ein Wort kann alles verderben, alle verkrampfen und machen dicht.“ (Quelle Zitat)

Juni 1990. Berlin. Marzahn. HO-Kaufhalle mit DDR-Produkten. Salz

Juni 1990. Berlin. Marzahn. HO-Kaufhalle mit DDR-Produkten. Salz

In den 1980ern widmete sich Sewcz der DDR-Produktkultur, die er zunächst etwa in den kargen Schaufensterauslagen fotografisch festhielt und schließlich auch in Form ihrer Produkte und deren Verpackungen selbst sammelte. Diese Sammlung von industriellem Produktdesign, die mittlerweile ein ganzes Lager füllt und durch den Lauf der Geschichte damit auch historisch besonderen Wert hat, integriert er in Installationen und skulpturalen Werken. Durch die Transferierung in einen neuen Zusammenhang werden die alltäglichen Objekte künstlerisch aufgewertet, erhalten zu ihrer kulturellen Aussage auch einen neuen ästhetischen Wert. Sewcz arbeitet häufig mit vorgefundenen Objekten, die er in Anlehnung an Marcel Duchamp „ready founds“ nennt. Im Gegensatz zu dem französischen Modernen jedoch geht Sewcz noch einen Schritt weiter: Er arrangiert und inszeniert die gefundenen Objekte präzise in ihrem Umraum, der dadurch ästhetischer Teil des Werks wird, so etwa fügen sich in der Installation „Industrial Vegetation“ Schaufelköpfe zu organisch wirkenden, pflanzenartigen Stelen.

H. M. Sewcz mit seiner Installation INDUSTRIAL VEGETATION, 2007, Foto: Klaus Rudolf

H. M. Sewcz mit seiner Installation INDUSTRIAL VEGETATION, 2007, Foto: Klaus Rudolf

Nach wie vor arbeitet der Künstler, dessen Arbeiten in zahlreichen öffentlichen Sammlungen vertreten sind -  etwa im Deutschen Historischen Museum in Berlin, in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, der Staatsgalerie Stuttgart und dem Designmuseum London -,  aber auch mit der Kamera. So hat er im Zuge der deutsch-deutschen „Wiedervereinigung“ die Bruchstellen der Wende festgehalten, wie sie sich in den Veränderungen im Berliner Stadtbild widerspiegeln. Seit den 1990ern hält er zudem die Gegenwart und das Lebensgefühl im wiedervereinigten Berlin nicht nur mit dem Fotoapparat, sondern auch filmisch fest: Straßenszenen, Techno-Paraden,  (Künstler-)Porträts, ready founds, Autobiografisches, … – der Künstler findet seine Motive überall und setzt sich mit Vielfalt des Alltags auseinander.

Palast der Republik

Palast der Republik 1993

Auch die Auseinandersetzung mit der Architektur spielt eine bedeutende Rolle im Schaffen von Sewcz, hat jedoch bislang noch nicht viel öffentliche Aufmerksamkeit erhalten. Er begegnet den Bauwerken wie Persönlichkeiten, die er fotografisch porträtiert und sie in ihrem besonderen Wesen einzufangen sucht.

Desweiteren erarbeitet er auch unterschiedliche Installationen und realisiert Kunst-am-Bau-Projekte, wobei sein architektonischer Bezug Anwendung findet. Sewcz sieht sich somit einerseits als wahrnehmender, andererseits als “ideengebärender” (Konzept-)Künstler.

Aktuell sind Sewcz’ Arbeiten gemeinsam mit Gemälden von Stefan Hoenerloh in der Ausstellung “Schöne Stadt – Urban Cliches” in der Berliner Galerie M zu sehen (4.7.-17.9.2010).

In einem Interview mit deconarch.com erklärt Hans Martin Sewcz, wie er Gebäude porträtiert, was ihn an der Architektur moderner und postmoderner Bauten interessiert und welche Möglichkeiten ihm die künstlerische Auseinandersetzung mit seiner Umwelt bietet.

Abb.:  © Hans Martin Sewcz

INTERVIEW

Ein paar Worte zu Ihrem Werdegang: Sie haben Ihre künstlerische Arbeit mit Fotografie begonnen und arbeiten nach wie vor viel mit der Kamera. Warum Fotografie? Welche Möglichkeiten eröffnet sie Ihnen?

H. M. Sewcz: Sammelleidenschaft ist ein wichtiges Motiv, Ereignisse und Situationen festzuhalten. Sobald das Abgebildete nicht mehr existiert, entfaltet sich dessen besondere Geltung.

DDR_Design, Vollformat

DDR-Design 1986

Das Faszinierende am Medium Fotografie ist darüber hinaus, mit der technischen Aufnahme der realen Außenwelt die eigene innere Welt darstellen zu können, subjektives Empfinden einfließen zu lassen.

Bei der Wiedergabe von Objekten des Alltags ergibt sich für mich die spannende Frage, ob das Original oder deren Abbildung mehr Kraft, mehr Berechtigung haben. Deshalb sicherte ich z.B. DDR-Produkt-Verpackungen im Original, statt sie zu fotografieren, hielt sie aber in Zusammenhängen des täglichen Lebens fotografisch fest.

Neben der Auseinandersetzung mit der ganz alltäglichen Konsumkultur der letzten 30 Jahre bilden auch die Architektur sowie urbane Strukturen einen ganz besonderen Schwerpunkt Ihrer Arbeit. Ihre Architekturfotografien haben bislang jedoch noch nicht so viel öffentliche Aufmerksamkeit erfahren. Was interessiert Sie an der Architektur besonders? Gibt es eine Bauphase, die Sie besonders reizt?

Besonders interessiert mich die Architektur der Moderne in ihrem visionären Schwung, in ihrer Leichtigkeit und Eleganz, die die Aufschwung-Stimmung der Nachkriegszeit mit sich brachte. Gegenwärtig gibt es viele Tendenzen parallel nebeneinander, so auch in Richtung Kaiserzeit-Mentalität, vor allem in Berlin.

Kaiserzeit-Mentalität, hier spielen Sie sicher auch auf die geplante „Neo“-Fassade des Berliner Stadtschlosses an. Ohne auf dieses Streitthema näher einzugehen – der Diskussion darüber könnte man sicher mehr als ein Gespräch widmen –: Gemeinhin werden historische Fassaden und klassische Bauten als schöner empfunden denn moderne und postmoderne Nachkriegsbauten. Diese werden eher wenig beachtet und wenn, dann meist als hässlich bezeichnet. Sie dagegen sprechen vom besonderen Schwung, von Leichtigkeit und Eleganz dieser Bauten, den Sie in Ihren Aufnahmen einzufangen suchen. Können Sie das näher erläutern?

“Das Luftschloss” Berlin 1993

Das geplante Stadtschloss soll das der Kaiserzeit nach außen imitieren. Ich spiele mehr auf steinerne Fassaden in Blockstruktur und Traufhöhe auf dem Grundriss des 19. Jahrhunderts an, gerade dort, wo nach der Maueröffnung Stadträume mit großen Chancen für hervorragende Architektur eng verbaut wurden.

Die Frage nach hässlichen Gebäuden wird von verschiedenen Menschen aus jeweils andersartiger Sicht, oft gegensätzlich beantwortet. Im vergangenem Jahr wurde im Berliner „Tagesspiegel“ der Abriss der sogenannten „Westberliner Bausünden“ gefordert, Wahrheitszeichen wie dem Internationalen Congress-Centrum, kurz ICC, das bei Architekturinterssierten weltweit höchsten Kultstatus hat. Ich leide eher darunter, wenn Architekturdenkmäler der Moderne verunstaltet und vernichtet werden, um plumpem ästhetischen Analphabetismus Platz zu schaffen – ob in Ost oder West, spielt dabei keine Rolle. Meine Affinität zur Architektur der Moderne ist nicht rückwärtsgewandt.

So fasst Patrik Schuhmacher, Partner im Büro Zaha Hadid Architects, die Baustile  gleich folgendermaßen zusammen: Renaissance, Barock, Moderne, Parametrismus (die jüngere Avantgarde-Architektur,in der alles in Beziehung zueinander steht). Den Klassizismus und die Postmoderne zählt er nicht mit auf.

Sie sprechen davon, dass Sie in Ihren Architekturaufnahmen die Gebäude „porträtieren“ . Wie kann man sich das vorstellen?

Weil ich eine emotionale Beziehung zur Architektur habe, „porträtiere“ ich sie eher als „Persönlichkeit“, die einen mit den Menschen äquivalenten Lebensablauf haben.

Architektur-Persönlichkeiten haben ein Wesen, strahlen Psychologie aus, die ich aus einem charakterisierenden Blickwinkel einfange. Die Einmaligkeit aller Bedingungen, auch meiner eigenen Befindlichkeit, machen das Bild unwiederholbar.

Wie finden Sie Ihre Themen und Motive?

Das Motiv fesselt mich intuitiv. Ich werde in einer alltäglichen Situation spontan „angehalten“ und von einem Ausschnitt „angesprochen“, den ich mit der Kamera festhalte. Mein Thema reift mit der Auseinandersetzung über eine lange (Lebens-)Zeit.

Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihren Arbeiten?

Alexanderplatz

Alexanderplatz

Es geht darum, die Existenz in erweiternden Kontexten wahrzunehmen, um Erkenntnis auf verschiedenen Ebenen, die das Bewusstsein reifen lassen. Im Konkreten fotografiere ich Architektur, um deren vergessene Schönheit wieder erlebbar zu machen, der Abrissbirne entgegenzutreten oder deren Andenken zu bewahren.

Wer und/oder was beeinflusst Ihre Arbeit? Gibt es Vorbilder?

Marcel Duchamp und Andy Warhol haben mich am meisten beeinflusst; beide teilen sich über das Objekt, das Produkt mit. Marcel Duchamps erklärtes Ziel war es, Werke jenseits der Kunst zu schaffen, die allein Ausdruck des Intellektes sind und alle Ästhetik, die sich im Sinnlich-Manuellen manifestiert, wegzulassen. Darauf bezugnehmend arbeite ich an meinem Zyklus „Ready Found“. Andy Warhol, der das alltägliche Produkt zum Kunstwerk erklärte, regte mich  zu dessen Arrangement und Überhöhung an, den Umraum ins Kunstwerk einbeziehend.

Ich lasse mich von wechselnden Künstlern inspirieren, deren Einfluss nicht direkt  in meinen Arbeiten sichtbar wird, aber die Energie, die Art und Weise meines Sehens steuert.

Gegenwärtig bin ich besonders von Günter Fruhtrunk beeindruckt, der in den 70er Jahren  den Vorraum das UN-Sicherheitsrats mit seiner resoluten Streifen-Ästhetik als Geschenk vom modernen Deutschland überzog und die Plastiktüte für Aldi Nord entwarf. Zu seinem Werk schrieb Florian Illies im  vergangenen Jahr in der Zeitschrift „Monopol“: „Hinter der Strenge lodert das Feuer.“ Das beschreibt prägnant, was ich beim Aufspühren  der Architektur der Moderne fühle.

Was ist Ihrer Meinung nach charakteristisch für Ihre Arbeiten?

Diese Frage ist vom Künstler selbst schwer zu beantworten, das überlasse ich besser den Rezipienten!

Wollen Sie es trotzdem versuchen? Ein paar Stichworte?

Der Grat zwischen Dokument und künstlerischer Intention.

Gestaltungswillen. Komponierendes Sehen. Klarheit.

Eleganz als Verhältnis aus Spannung und Harmonie.

Meine Bilder entstehen entweder in schwärmerischen Einvernehmen zum Abgebildeten oder gegenteilig im Aufzeigen meiner Abneigung zu etwas bis hin zur Satire: Das anachronistische Design der DDR-Waren in den Schaufenstern der 80er Jahre hielt ich damals mit „Andy Warhol im Kopf“ fest. Zusammen mit dieser Motivwelt des „normalen“ Alltags, damals keiner Aufmerksamkeit würdig, verabschiedete sich eine Gesellschafts-ordnung gänzlich. So empfinde ich mich als Seismograf gesellschaftlicher Entwicklungen aus einem ästhetischen  Blickwinkel:  Mit Ästhetik fängt alles an.

Eine allgemeine Frage zum Abschluss: Welche Bedeutung hat Architektur, gebaute Umwelt für uns?

ICC 2003

ICC, 2003

Architektur kann mir Wohlgefühl bis zu beschwingter Freude schenken oder Unwohlgefühl, Beengtsein bis zur Bedrohung auslösen – ein Ärgernis sein. Ich erfreue mich oft einfach an spannenden Proportionen und schwungvollen Linien, vor allem der Gebäude der 50er Jahre bis zur Gegenwart. In der Architektur geht es zuerst um Funktionalität und Lebensqualität. Der West-Berliner Architekt Georg Heinrichs äußert sich im Film „Die Fahrt durchs Haus“ zu seiner Architekturskulpturstruktur: „Ob Form allein moralisch ist, kann ich natürlich nicht beantworten. Aber man kann versuchen, einer bestimmten Moralvorstellung Gestalt zu geben.“

Gegenwärtig bereiten Stefan Hoenerloh und ich die Ausstellung “Schöne Stadt – Urban Cliches” in der Berliner Galerie M vor, für die wir Beziehungsachsen zwischen seinen Gemälde und meinen Fotografien spinnen. Für die Einladungskarte suchte ich das ICC aus, weil der skulpturale Solitär dem Motiv Stefan Hoenerlohs Charisma entgegensetzt.




Afrika jetzt! Die Stadien von Gerkan, Marg und Partner. Ausstellung und Buchpräsentation in Berlin

13 06 2010

Aus gegebenem Anlass..: “WM, WM, wir fahren zur WM!” :-) Wer es aber nicht gleich nach Südafrika schafft, kann in Berlin die Gelegenheit nutzen, sich die drei neuen Stadien in den Küstenstädten Durban, Port Elizabeth und Kapstadtvon Gerkan, Marg und Partner in einer Ausstellung anzusehen.

For current reason … “WM, WM, wir fahren zur WM!” (German fan song, means more or less: Let’s go to the championship!). Who can’t make it to South Africa, though, can still watch the three new stadiums in Durban, Port Elizabeth and Cape Town designed by German Gerkan, Marg and Partner in a Berlin exhibition. A new book by Felix Jaeger tells the stories of and around the stadiums.

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“Ke Nako Afrika – Afrika jetzt!“

11. Juni bis 11. Juli 2010

Kutscherhaus am Kurfürstendamm (Geschäftsstelle des Architekturpreis Berlin e.V)

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Bei der Ausstellungeröffnung am Donnerstag, dem 10. Juni 2010, präsentierte Falk Jaeger sein neues Buch 3 Stadia 2010. Architektur für einen afrikanischen Traum. Die Publikation erzählt auch die Geschichten rund um die Neubauten.

Cover "3Stadia 2010"

PR-Text: Erstmals findet eine Fußballweltmeisterschaft auf dem schwarzen Kontinent statt. Drei der zehn dafür vorgesehenen Stadien sind von den Architekten gmp von Gerkan, Marg und Partner in Zusammenarbeit mit den Ingenieuren schlaich bergermann und partner aus Deutschland geplant und realisiert worden. Mit ihrer aus der Konstruktion logisch entwickelten, zeichenhaften Statur zählen sie zu den schönsten Stadien der Gegenwart. Das Buch erzählt die Geschichten um die drei Stadien und stellt die neuen Wahrzeichen der südafrikanischen Küstenstädte Durban, Port Elizabeth und Kapstadt vor, die zu architektonischen Orten für den afrikanischen Traum geworden sind.

Falk Jaeger (Hrsg.), 3 Stadia 2010. Architektur für einen afrikanischen Traum, deutsch/englisch, 176 Seiten, Jovis Verlag, Euro 34.00, ISBN 978-3-86859-063-0

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Die Baunetzwoche widmet übrigens ein Spezialausgabe ganz der WM 2010 – aus architektonischer Sicht.




Neue Bücher: Von Walter Niedermayr bis Peter Bialobrzeski. Hatje Cantz im Herbst 2010

10 06 2010

Out now: the autumn program of German art book publisher Hatje Cantz – including several interesting architecture+art publications. And because it’s Fifa World Cup, we’re starting with 2 photo books about South Africa, then turn to Italy and to – it can’t be missed – Berlin.

Please use the links for an English description of the books.

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Thomas Hoeffgen: African Arenas

Thomas Hoeffgen, eigentlich international erfolgreicher Mode- und Werbefotografen, hat sich von der Begeisterung, mit der in  Afrika Fußball gespielt wird, anstecken lassen und seit 1999 immer wieder Fußballspieler und Zuschauern in Nigeria, Namibia, Botswana, Sambia, Malawi und Südafrika fotografiert – auf den typischen improvisierten Sandbolzplätze des Kontinents mit zwei Holzpflöcken als Tor, aber auch in den Betonarenen der Städte mit ihren Flutlichtern und Tribünen. (Ausstellungen: Auswärtiges Amt, Berlin 30.4.–2.6.2010 | Deutsche Akademie für Fußball-Kultur, Künstlerhaus im KunstKulturQuartier, Nürnberg 5.6.–18.7.2010).

Thomas Hoeffgen: African Arenas, Hrsg. Nadine Barth, Text von Nadine Barth, Ian Hawkey, Thomas Hoeffgen, Gestaltung von Julia Wagner, Deutsch, Englisch, 2010. ISBN 978-3-7757-2668-9

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Peter Bialobrzeski: Informal Arrangements

Sehr viel ernster hingegen Peter Bialobrzeskis neuestes Projekt Informal Arrangements, das Innenansichten südafrikanischer Slumhütten zeigt. Die Fotos entstanden 2009 in Kliptown, einem Vorort von Soweto, in dem 1955 Mitglieder der Anti-Apartheid-Bewegung die »Freedom Charter«, ein Zehn-Punkte-Programm,verabschiedeten, das bis 1990 verboten blieb und heute einen wesentlichen Teil der südafrikanischen Verfassung darstellt. Trotz des historischen Auftrags hat sich die Lebenssituation der Bewohner informeller Siedlungen in den vergangenen 20 Jahren kaum verbessert.

Soccer City, Johannesburgs neues, extra für die WM 2010 gebautes Fußballstadion, ist weniger als zehn Kilometer Luftlinie entfernt. Eine Eintrittskarte auf dem internationalen Markt ist teurer als die gesamte Einrichtung einer Hütte auf den Fotos von Peter Bialobrzeski. Die Bilder erzählen von dem Wunsch, das Heim mit den wenigen zur Verfügung stehenden Mitteln wohnlich zu organisieren.

Peter Bialobrzeski: Informal Arrangements, Text von Peter Bialobrzeski, Indra Wussow, Gestaltung von Peter Bialobrzeski, Kathrin Hufen, Deutsch, Englisch, 2010. ISBN 978-3-7757-2660-3

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Auch aus bzw. über Italien gibt es gleich zwei schöne Bände: Gregory Crewdson: Sanctuary und Walter Niedermayr: Recollection, dessen beeindrucke Arbeiten mir schon lange aufgefallen sind.

Walter Niedermayr (*1952 in Bozen) ist einer der großen europäischen Fotokünstler unserer Zeit. Seine sensible Bildsprache, die in den letzten Jahren von zahllosen anderen Fotografen leider viel kopiert wurde, ist durch die zurückgenommene Farbdichte gekennzeichnet. Einem breiten Publikum bekannt wurde Niedermayr durch seine Bildserien zu alpinen Landschaften, Architekturen und Infrastrukturen.

Für dieses Projekt reiste er in den Jahren 2005 bis 2008 nach Teheran, Isfahan, Yazd, Schiraz sowie in kleinere Städte und zu historischen Stätten des Iran. Es entstand eine neue Werkgruppe, in der er die architekturhistorischen Zusammenhänge der aktuellen iranischen Architektur vor ihrem kulturellen und geschichtlichen Kontext hinterfragt. Das vom Künstler selbst in enger Zusammenarbeit mit den Grafikern und dem Verlag entwickelte Projekt wird, wie die vorangegangenen Bücher Niedermayrs, sicher wieder ein Höhepunkt der »Fotobuchkunst« werden.

Walter Niedermayr: Recollection, Gestaltung von Mevis & van Deursen, Deutsch, Englisch, 2010. ISBN 978-3-7757-2738-9

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Gregory Crewdson, der Großmeister rätselhaft verdichteter Fotoinszenierungen hat ein neues Sujet gefunden: die römische Cinecittà.

Bislang waren Crewdsons Serien enorm aufwendig und erforderten große Produktionsteams, eigens gebaute Filmateliers und professionelle Schauspieler. Nun aber kehrte er nur mit einem kleinen Team zurück und arbeitete für seine eindringlichen schwarz-weiß Aufnahmen zerbröckelnder Fassaden und verlassener Straßen vorwiegend mit natürlichem Licht. All dies bedeutet jedoch nicht wirklich einen Bruch zu Crewdsons früheren Serien, denn der dramatische Subtext seiner Bilder, das unheimliche Gefühl, dass in ihnen die Vergangenheit wieder zum Leben erweckt wird, findet sich auch hier.

Gregory Crewdson: Sanctuary, Einleitung von A. O. Scott, Gestaltung von Sarah Gifford, Deutsch, 2010. ISBN 978-3-7757-2734-1

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Und natürlich darf auch Berlin nicht fehlen: Agentur OSTKREUZ: Die Stadt und Christian von Steffelin: Palast der Republik

Mittlerweile leben weltweit mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Welche Hoffnungen und Wünsche verbinden sie mit der Stadt? Auf welche Weise prägt die Stadt ihren Alltag und ihre Beziehungen zu Umwelt und Mitmenschen? Die Fotografen der Berliner Agentur OSTKREUZ sind diesen Fragen nachgegangen. OSTKREUZ steht dabei für eine bestimmte Vorgehensweise, nämlich den Kern der Dinge zu erkennen, ihn abzubilden und in diesem Abbilden ehrlich zu bleiben. Die 18 Fotografen porträtieren die Bewohner der Stadtutopie Auroville in Indien, der Slums von Manila und des von der Mitte aus zerfallenden Detroit, sie dokumentieren das am Reißbrett entstandene chinesische Ordos, die Künstlichkeit der Straßenzüge Dubais und die zerbombten Häuser von Gaza. Was am Ende aufscheint, ist das Porträt einer Stadt, die alle Städte ist.

Die beteiligten Fotografen:

Sibylle Bergemann, Jörg Brüggemann, Espen Eichhöfer, Annette Hauschild, Harald Hauswald, Pepa Hristová, Andrej Krementschouk, Ute & Werner Mahler, Thomas Meyer, Dawin Meckel, Julian Röder, Frank Schinski, Jordis Antonia Schlösser, Anne Schönharting, Linn Schröder, Heinrich Völkel, Maurice Weiss

Ausstellung: C/O Berlin, Postfuhramt 8.5.–4.7.2010

Die Stadt: Vom Werden und Vergehen, Hrsg. Ostkreuz – Agentur der Fotografen, Vorwort von Marcus Jauer, Protokolle von Marcus Jauer, Anne-Dore Krohn, Nachwort von Felix Hoffmann, Gestaltung von Naroska Design, Deutsch, Englisch, 2010. ISBN 978-3-7757-2659-7

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Seit 1993 fotografiert Christian von Steffelin (*1963 in Karlsruhe) die drastischen Veränderungen im Osten Berlins seit der Wende. Sein Interesse gilt hier insbesondere den kurzlebigen Stadien einzelner Bauten und Stadträume und deren Vergänglichkeit. Eine Langzeitstudie widmete er dem Palast der Republik in einem Zeitraum von 1994 bis 2009.

Von Steffelin dokumentiert die einzelnen Phasen des Verfalls des einstigen Zentrums der Macht: von den Resten der entfernten Inneneinrichtung über den Baukörper im Rohbauzustand bis zur übrig gebliebenen freien Rasenfläche. Diese Bilder des langsamen Verschwindens offenbaren den gewaltigen Widerspruch zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Christian von Steffelin: Palast der Republik, Gestaltung von Kai-Olaf Hesse, Text von Christian von Steffelin, Ulrike Westphal, Gerwin Zohlen, Deutsch, Englisch, 2010. ISBN 978-3-7757-2721-1

Presseinfos und Abb. Hatje Cantz




Asmara – Africa’s Secret Capital of Modernism in HDA Graz

9 06 2010

One of the biggest ensembles of modern European architecture can be found in Eritrean capital Asmara. Only Miami South Beach, Tel Aviv and Napier (NZ) have comparable ensembles. The development toward a modern city started only in 1889, when Ethopia was occupied by Italian colonists. Asmara, a city looking back on over 700 years of history, became a military base, in 1900 it was declared capital of the Italian colony Eritrea. With Mussolini’s takeover in 1922 the city became a modern metropolis within few years, until 1941. A touring exhibition presents the intriguing architectural history of Asmara – Africa’s secret capital of Modernism, currently visiting Graz, Austria.

For extensive English information please read on: Asmara Architecture

Asmara - Afrikas heimliche Hauptstadt der Moderne. © Edward Denison 2010

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Asmara – Afrikas heimliche Hauptstadt der Moderne

HDA Graz

10. Juni bis 31. Juli 2010

Photographs: Edward Denison

Architectural models: Wolfgang Knoll (Atelier fuer Architektur + Gestaltung, Stuttgart)

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PR-Text: Mit der Befreiung Eritreas 1991 begann auch die Wiederentdeckung der räumlichen und baulichen Qualitäten der Hauptstadt Asmara als ein eindrucksvolles Beispiel des europäischen Städtebaus des frühen 20. Jahrhunderts. Trotz der Wirren des Zweiten Weltkriegs und des 30-jährigen Befreiungskampfes blieb die Architektur der Moderne fast vollständig erhalten und wurde seit dem Abzug der Italiener 1941 kaum verändert. Dieses Erbe wurde unter kolonialen, faschistischen und rassistischen Bedingungen geschaffen. Trotzdem identifiziert sich die Bevölkerung in hohem Maße damit und strebt der Staat Eritrea die Aufnahme der Architektur ins UNESCO Weltkulturerbe an.

Die Wanderausstellung, die u.a. unter der Schirmherrschaft der UNESCO und der UIA (Union International des Architects) steht, zeigt in Bildern und Modellen herausragende Beispiele moderner Architektur in Asmara unter Miteinbeziehung der historischen Zusammenhänge. Sie soll letztlich ihre Wanderschaft in Asmara beenden.

Kuratoren: Prof. Dr. Omar Akbar, ehemaliger Vorstand und Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau und Naigzy Gebremedhin, ehemaliger Direktor des CARP (Cultural Assets Rehabilitation Project)

Initiator und Leihgeber der Ausstellung: Projektgruppe „4Asmara – Arbate Asmera“ im „Verein zur Förderung von Bildung und Publizistik zu Umwelt und Entwicklung e.V.“

Infos + Abb. HDA Graz

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Cover: Asmara – Africa’s Secret Modernist City, Edward Denison, Guang Yu Ren & Naigzy Gebremedhin, 2003

Die Ausstellung basiert auf dem Buch Asmara – Africa’s Secret Modernist City” von Edward Denison, Guang Yu Ren & Naigzy Gebremedhin (Merrell Publishers, London/New York, 2003). In vier thematischen Einheiten wird nicht nur die Architektur, sondern auch ihr gegenwärtiger sowie ihr historisch-sozialer Kontext beleuchet.

Zum ersten Mal wurde die Schau im Oktober 2006 im Deutschen Architektur Zentrum in Berlin gezeigt, danach folgten Stationen in verschiedenen Städten weltweit. Zuletzt soll die Ausstellung als ständige Ausstellung in Asmara zu sehen sein.

Weitere Infos auf der Webseite Asmara Architecture.

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