“Die fundamentale Eigenschaft der Fotografie, das Anhalten der Zeit, hat für mich nichts von ihrer Faszination verloren.” Interview mit Johannes Twielemeier

21 08 2010

Es ist eine ungewöhnliche Verbindung künstlerischer Ausdrucksmittel, die Johannes Twielemeiers Arbeit prägt: Der gelernte Steinmetz arbeitet nicht nur mit Stein, sondern auch als Fotograf. Den Fotografen Twielemeier beschäftigen die Spuren, die von Menschen in Zeit und Raum hinterlassen werden, die Bruchstellen im urbanen Raum, die sich vor allem und immer wieder in architektonischen Zeugnissen aufspüren lassen.

Seine Fotoserien tragen Titel wie Krematorien, Orte ohne Wiederkehr oder Niemandsland und zeigen stille, meist menschenleere Szenen, die erst auf den zweiten Blick komplexe Zusammenhänge offenbaren. Sylvia Böhmer vergleicht Twielemeiers Arbeitsweise mit „der eines Archäologen oder Entdeckers auf fremdem Terrain, bemüht Spuren einstigen Lebens zu sichern, ohne diese Chiffren und Zeichen einem finalen Plan zu unterwerfen.“

Plakatsäule, Otzenrath, Jan. 2006

Plakatsäule, Otzenrath, Jan. 2006 (aus: Orte ohne Wiederkehr)

Für seine Serie Orte ohne Wiederkehr etwa hat der Künstler die Spuren einer enormen Umsiedlungsaktion mitten in Deutschland festgehalten: Seit 1984 wird das Braunkohletagebaugebiet Garzweiler zwischen Aachen und Düsseldorf erweitert. Bis zum Jahr 2040 wird auf einer Gesamtfläche von ca. 120 Quadratkilometern eines der größten Braunkohletagebaugebiete Europas entstehen – für das über 7500 Menschen in 13 Ortschaften umgesiedelt werden. Eine ganze Region wird in eine Geisterlandschaft aus leerstehenden Häusern und verwaisten Straßen verwandelt. Twielemeiers Fotografien, die von 2002 bis 2009 entstanden, zeigen Szenen dieser vom Verschwinden bedrohten Region.

Orte ohne Wiederkehr ist zur Zeit im Museum für Sepulkralkultur in Kassel zu sehen.

Johannes Twielemeier – Orte ohne Wiederkehr

Museum für Sepulkralkultur, Kassel

13. Mai – 5. September 2010

Abb.:  © Johannes Twielemeier

INTERVIEW

Johannes Twielemeier, Ihre Fotoserien heißen Krematorien, Orte ohne Wiederkehr, Niemandsland und kreisen um Themen wie Vergänglichkeit, Tod, Zerstörung, Leere – zumindest assoziiert man dies mit den Titeln. Was ist das besondere Interesse Ihrer Fotografien?

Eingang, Krematorium Aachen

Eingang, Krematorium Aachen (aus: Krematorien)

Seit Jahren interessieren mich Orte, die, aus verschiedenen Gründen, von ihren Bewohnern verlassen wurden. Mich interessieren die Spuren, die Menschen dabei zurücklassen und ich mag die Magie, die Räume dieser Art entfalten können. Mir gefällt diese nutzlose, verbrauchte Architektur, die, auf sich selbst zurückgeworfen, ein Eigenleben entwickelt.

Im Fall des Krematorium-Projekts fand ich es sehr spannend, einen Blick in Räume zu werfen, die normalerweise nicht ohne Weiteres zugänglich sind. Da musste ich auch viel Überzeugungsarbeit leisten, um zu meinen Bildern zu kommen und war am Ende sprachlos über die Beschaffenheit der Räume, die ich zu Gesicht bekommen hatte.

Diese Spuren zeigen sich in Ihren Fotografien vor allem auch als Spuren von architektonischen Elementen. Woher kommt dieser Fokus auf die Architektur?

Gaststätte (aus: Niemandsland )

Als Fotograf interessieren mich Gebäude / Bauwerke vor allem dann, wenn die Zeit nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen ist. Ich richte meinen Blick auch eher auf eine Architektur, bei der die Zweckmäßigkeit im Vordergrund steht und nicht die Ästhetik. Deshalb bin ich sehr gerne in Industriegebieten unterwegs, ich mag die Bruchstellen, die man hier finden kann, am Rand von großen oder kleinen Städten …

Wo und wie finden Sie Ihre Motive?

Ich bewege mich mit meinen fotografischen Arbeiten in der Dokumentarfotografie, aber ich hoffe doch, das meine Arbeiten über das rein Dokumentarische hinausgehen. Das große Thema, das sich seit Jahren durch meine Fotoarbeiten zieht, ist das unaufhaltsame Fließen der Zeit und das war schon in meinen allerersten Fotografien so. Das hat sich natürlich im Lauf der Jahre um andere Aspekte erweitert, aber die fundamentale Eigenschaft der Fotografie, das Anhalten der Zeit, hat für mich nichts von ihrer Faszination verloren.

Fenster, Inden, Aug. 2002

Fenster, Inden, Aug. 2002 (aus: Orte ohne Wiederkehr)

Als ich vor Jahren mit dem Thema Krematorien in Deutschland begonnen habe, hat mich die Banalität und Zweckmäßigkeit dieser Räume angeregt, mich näher damit zu befassen, aber eigentlich bin ich in das erste Krematorium gefahren, um für meine Examensarbeit, eine Urne aus Stein, zu recherchieren, und daraus hat sich dann das Fotoprojekt entwickelt. Das Orte ohne Wiederkehr-Thema liegt fast vor meiner Haustür im Rheinland, auch deshalb konnte ich über einen Zeitraum von sieben Jahren immer wieder dort arbeiten.

Zur Zeit recherchiere ich für ein neues Projekt in Italien, darauf bin ich durch einen Beitrag im Radio aufmerksam geworden. So wie es aussieht, werde ich dieses Projekt mit einer selbstgebauten Camera obscura fotografieren, darauf freue ich mich besonders – back to the roots, sozusagen. Aber es gibt immer auch noch Tage, da nehme ich mir eine Kamera und flaniere ziellos durch eine Stadt oder einen Ort, an dem ich zufällig gerade bin, und lasse mich treiben, und wenn ich viel Glück habe, dann finden mich auch meine Motive, ohne dass ich nach ihnen suchen muss.

Vielleicht wollen Sie die ein oder andere Arbeit näher vorstellen?

Da würde ich sehr gerne zwei Foto-Projekte vorstellen:

Garten, Spenrath, Mai 2006

Garten, Spenrath, Mai 2006 (aus: Orte ohne Wiederkehr)

Zum einen meine aktuelle Orte ohne Wiederkehr-Serie, an der ich von 2002 bis 2009 gearbeitet habe und die gerade im Museum für Sepulkralkultur in Kassel gezeigt wird. Ich habe zum ersten Mal über einen so langen Zeitraum an einer Sache gearbeitet, aber die ganze Dimension dieser Abriss- und Umsiedlungsaktion im Braunkohletagebau Garzweiler ist ja auch immens: Ende der 1980er Jahre wurde damit begonnen und in ca. 15 Jahren werden 13 Ortschaften in einer dann über 120 Quadratkilometer großen Braunkohlegrube für immer verschwunden sein. Fast 8.000 Bewohner verlieren Haus und Hof und werden „umgesiedelt“, was ein sehr harmloses Wort für den totalen Verlust ihrer Heimat ist. Ich habe mich irgendwann auf eine absurde Art „zu Hause“ gefühlt in dieser Geisterlandschaft aus verlassenen Häusern und verwaisten Straßen und habe mich regelrecht an den Themen, die mich ja seit Jahren fotografisch interessieren, abgearbeitet. Das hat aber auch dazu geführt, das ich nach der Beendigung dieses Projektes das Gefühl hatte, mit dieser Art der Fotografie erst mal an einem Endpunkt angekommen zu sein. Das haben mir jetzt auch die Vorbereitungen zu der Ausstellung bestätigt. Allerdings fühle ich mich in dem Museum für Sepulkralkultur in Kassel sehr gut aufgehoben mit meiner Arbeit. Neben den Fotografien zeige ich auch eine Steinarbeit, die parallel zu den Fotos entstanden ist. Ein Museum, in dem alles zum Thema Tod und Sterben gesammelt wird ist ja kein schlechter Platz für eine Fotoausstellung über eine verschwindende Landschaft, oder ?

Brooklyn, 19.09.1999

Brooklyn, 19.09.1999 (aus: New York City)

Dann würde ich gerne noch ein paar Worte zu meinem New York City-Serie sagen, die ist zwar schon vor 10 Jahren entstanden und war meine letzte Arbeit in s/w. Ich glaube, es gibt kaum eine Stadt, die so „durchfotografiert“ ist wie New York. Als ich 1999 für drei Wochen dort war, habe ich natürlich auch all die Bilder von den Hochhausschluchten und dem hektischen Gewimmel der Menschen in meinem Kopf gehabt. Da ich keine Lust hatte, solche Bilder zu machen, bin ich fast nur in den Nebenstraßen und Hinterhöfen der touristisch eher nicht so besuchten Stadteile Queens, Brooklyn und Coney Island unterwegs gewesen. Meine einzige Kamera war eine auf einem Flohmarkt für 40$ gekaufte Kleinbildsucherkamera aus den 70er Jahren. Ich bin morgens aufgestanden und habe mich getreu dem Motto „Be open to what the streets may deliver“ treiben lassen und ein New York entdeckt, in dem es kaum ein Hochhaus und fast keine Menschen gibt. Das Zitat stammt übrigens aus dem wundervollen Bildband „End Time City“ von Michael Ackerman, das ich damals in NY gekauft habe.

Sie haben es schon ein paar Mal angesprochen: Sie sind von Haus aus Steinmetz, arbeiten aber auch als Fotograf. Das ist eine eher unübliche Verbindung. Wie kommt es dazu? Warum die Entscheidung für die Kunst?

Postkarte

Die Totenstadt, Anröchter Dolomit, 90 cm | 45 cm | 50 cm

Ich habe Mitte der 80er Jahre eine Ausbildung zum Steinmetz absolviert und danach einige Jahre als Steinmetz gearbeitet. Obwohl meine Lehrzeit nicht so besonders war, gab es doch auch Momente, in denen ich gespürt habe: Das ist es! Dabei hat mich schon damals das Thema Grabmal besonders interessiert, aber vor allem deshalb, weil mir die absolute Einfallslosigkeit und Öde auf den meisten Friedhöfen, die ich zu Gesicht bekommen habe, doch sehr verwundert hat. Wohin man auch schaute, gab es nur die immer gleichen inhaltslosen und sinnlosen Formen, zu einem großen Teil aus industrieller Fertigung, da hat der Steinmetz dann noch den Namen graviert und, wenn´s hoch kam, vielleicht noch ein Ornament. Dabei bietet ein Grabmal, wenn man es richtig zu Ende denkt, die Chance, etwas über die Person auszusagen, für die es gemacht worden ist. Dass sich dafür allerdings die wenigsten Steinmetzen interessiert haben, hat mich damals wie heute verwundert.

Ich habe dann durch Zufall von der Akademie für gestaltende Handwerke in Aachen erfahren und dort von 1994 bis 1997 ein Studium absolviert. Dabei war es nicht primär mein Ziel, die Steinmetzarbeit hinter mir zu lassen, um mich der Bildhauerei zuzuwenden, sondern ich wollte vor allem das Thema Grabmal in all seinen Möglichkeiten ausloten. Denn meine Vorstellung war, dass ich nach dem Studium eine kleine Werkstatt gründen wollte, die sich auf ganz besondere Grabzeichen spezialisiert. Nach einigen Umwegen ist das mittlerweile auch der Fall und seit 4 Jahren unterrichte ich als Dozent an dieser Akademie das Fach Plastisches Gestalten und seit diesem Jahr auch noch Fotografie. Ich bin 2 Tage in der Akademie beschäftigt und der Rest der Zeit verteilt sich auf meine Fotoprojekte und die Arbeit in meiner Werkstatt.

Wie unterscheidet sich die Steinmetzarbeit von der Bildhauerkunst?

In der Regel stellt sich mir die Frage nach Steinmetzarbeit oder Bildhauerkunst überhaupt nicht, da ich immer auf einen konkreten Anlass hin tätig werde – und das ist in den meisten Fällen der Entwurf und die anschließende Anfertigung für ein Grabzeichen, das sich jemand für einen Verstorbenen wünscht. Es kommt natürlich vor, dass Menschen diese Arbeiten dann als Kunst bezeichnen, weil eben manchmal auch Dinge mitschwingen, die weit über das hinausgehen, was man üblicherweise mit einem Grabmal verbindet.

Beeinflussen sich die beiden Arbeitsweisen, Steinmetzarbeit und Fotografie, gegenseitig oder sind es zwei ganz unterschiedliche Bereiche?

Skulptur 2 Versailles, Februar 2010

Skulptur 2 Versailles, Februar 2010

Es gibt schon wechselseitige Einflüsse. Ich arbeite zum Beispiel gerade an einem Ornament für eine Stele, für die die Pflanzenfotografien von Karl Blossfeldt die Initialzündung waren. Vor einigen Jahren habe ich ein Fotoprojekt über diese kleinen Porträts von Verstorbenen gemacht, die besonders im Süden oder in Frankreich und Belgien auf Grabmälern zu finden sind. In der Regel sind das bedruckte Porzellantafeln, und wenn die einige Jahrzehnte der Witterung ausgesetzt waren, werden sie selber zum Memento Mori. Im vergangenen Winter habe ich in den Gärten von Schloss Versailles fotografiert. Ich hatte erfahren, das dort alle Marmorskulpturen der Witterung wegen von Planen verhüllt werden und das fand ich sehr reizvoll.

Vor zwei Jahren habe ich Fotografien über die Lehmhochhäuser im Jemen gesehen und die haben dann anschließend zu einer Umsetzung in Stein geführt.

Wer oder was beeinflusst Ihre Arbeit? Gibt es Vorbilder?

Es gab und gibt natürlich Künstler, die meine Arbeit auf die ein oder andere Art beeinflusst haben. Aber es kann auch ein Buch, ein Film oder Musik sein. Wenn ich Namen nennen müsste, dann sicher zuerst Walker Evans, Stephen Shore, Lewis Baltz und Robert Adams, deren Arbeiten faszinieren mich seit Jahren. Aber vor rund 25 Jahren war es Robert Franks Buch „Die Amerikaner“ das mich dazu brachte, mich näher mit der Fotografie zu befassen. Vor einiger Zeit habe ich Joachim Brohm für mich entdeckt, seine Fotografien finde ich sehr spannend.

In der Bildhauerei schätze ich die Arbeiten von Karl Prantl und Ulrich Rückriem.

Was ist Ihrer Meinung nach charakteristisch für Ihre Arbeiten?

Für meine Steinarbeiten ganz sicher die reduzierte und klare Formensprache, ich übe mich seit Jahren in der Kunst des Weglassens. In meiner Fotografie ist es die fast immer zurückgenommene Farbigkeit in Verbindung mit einem präzisen und durchdachten Bildaufbau Teil meines Bildprogramms.

Johannes Twielemeier, herzlichen Dank für das Interview!

[ [ VORSPANN_TEXT ] ]

- Krematoriumprojekt

- Ausbildung Steinmetz

Ihre Fotoserien heißen Krematorien, Orte ohne Wiederkehr, Niemandsland und kreisen um Themen wie Vergänglichkeit, Tod, Zerstörung, Leere – zumindest assoziiert man dies mit den Titeln. Was ist das besondere Interesse Ihrer Fotografien?

Seit Jahren interessieren mich Orte, die, aus verschiedenen Gründen, von ihren Bewohnern verlassen wurden. Mich interessieren die Spuren, die Menschen dabei zurücklassen und ich mag die Magie, die Räume dieser Art entfalten können. Mir gefällt diese nutzlose, verbrauchte Architektur, die, auf sich selbst zurückgeworfen, ein Eigenleben entwickelt.

Im Fall des Krematorium-Projekts fand ich es sehr spannend, einen Blick in Räume zu werfen, die normalerweise nicht ohne Weiteres zugänglich sind. Da musste ich auch viel Überzeugungsarbeit leisten, um zu meinen Bildern zu kommen und war am Ende sprachlos über die Beschaffenheit der Räume, die ich zu Gesicht bekommen hatte.

Diese Spuren zeigen sich in Ihren Fotografien vor allem auch als Spuren von architektonischen Elementen. Woher kommt dieser Fokus auf die Architektur?

Ich denke, dass da der Grundstein in meiner Steinmetz-Ausbildung liegt, denn damit stehe ich ja sozusagen in der Tradition der Baumeister aus dem Mittelalter. Leider sind die Steinmetzen in der heutigen Baukultur höchstens noch damit befasst, Platten vor eine Betonfassade zu hängen, wenn wir den Bereich Restaurierung mal ausnehmen. Als Fotograf interessieren mich eher Gebäude und Bauwerke, an denen der Zahn der Zeit nicht spurlos vorübergegangen ist. In der Regel auch eine Architektur, die auf Zweckmäßigkeit ausgelegt ist. Deshalb bin ich auch gerne am Rand von großen oder kleinen Städten unterwegs, im urbanen Niemandsland, da gibt es immer etwas zu entdecken. Ich mag die Bruchstellen, die man hier finden kann.

Wo und wie finden Sie Ihre Motive?

Ich bewege mich mit meinen fotografischen Arbeiten in der Dokumentarfotografie, aber ich hoffe doch, das meine Arbeiten über das rein Dokumentarische hinausgehen. Das große Thema, das sich seit Jahren durch meine Fotoarbeiten zieht, ist das unaufhaltsame Fließen der Zeit und das war schon in meinen allerersten Fotografien so. Das hat sich natürlich im Lauf der Jahre um andere Aspekte erweitert, aber die fundamentale Eigenschaft der Fotografie, das Anhalten der Zeit, hat für mich nichts von ihrer Faszination verloren.

Als ich vor Jahren mit dem Thema Krematorien in Deutschland begonnen habe, hat mich die Banalität und Zweckmäßigkeit dieser Räume angeregt, mich näher damit zu befassen, aber eigentlich bin ich in das erste Krematorium gefahren, um für meine Examensarbeit, eine Urne aus Stein, zu recherchieren, und daraus hat sich dann das Fotoprojekt entwickelt. Das Orte ohne Wiederkehr-Thema liegt fast vor meiner Haustür im Rheinland, auch deshalb konnte ich über einen Zeitraum von sieben Jahren immer wieder dort arbeiten.

Zur Zeit recherchiere ich für ein neues Projekt in Italien, darauf bin ich durch einen Beitrag im Radio aufmerksam geworden. So wie es aussieht, werde ich dieses Projekt mit einer selbstgebauten Camera obscura fotografieren, darauf freue ich mich besonders – back to the roots, sozusagen. Aber es gibt immer auch noch Tage, da nehme ich mir eine Kamera und flaniere ziellos durch eine Stadt oder einen Ort, an dem ich zufällig gerade bin, und lasse mich treiben, und wenn ich viel Glück habe, dann finden mich auch meine Motive, ohne dass ich nach ihnen suchen muss.

Vielleicht wollen Sie die ein oder andere Arbeit näher vorstellen?

Da würde ich sehr gerne zwei Foto-Projekte vorstellen:

Zum einen meine aktuelle Orte ohne Wiederkehr-Serie, an der ich von 2002 bis 2009 gearbeitet habe und die gerade im Museum für Sepulkralkultur in Kassel gezeigt wird (LINK IM VORSPANNTEXT). Ich habe zum ersten Mal über einen so langen Zeitraum an einer Sache gearbeitet, aber die ganze Dimension dieser Abriss- und Umsiedlungsaktion im Braunkohletagebau Garzweiler ist ja auch immens: Ende der 1980er Jahre wurde damit begonnen und in ca. 15 Jahren werden 13 Ortschaften in einer dann über 120 Quadratkilometer großen Braunkohlegrube für immer verschwunden sein. Fast 8.000 Bewohner verlieren Haus und Hof und werden „umgesiedelt“, was ein sehr harmloses Wort für den totalen Verlust ihrer Heimat ist. Ich habe mich irgendwann auf eine absurde Art „zu Hause“ gefühlt in dieser Geisterlandschaft aus verlassenen Häusern und verwaisten Straßen und habe mich regelrecht an den Themen, die mich ja seit Jahren fotografisch interessieren, abgearbeitet. Das hat aber auch dazu geführt, das ich nach der Beendigung dieses Projektes das Gefühl hatte, mit dieser Art der Fotografie erst mal an einem Endpunkt angekommen zu sein. Das haben mir jetzt auch die Vorbereitungen zu der Ausstellung bestätigt. Allerdings fühle ich mich in dem Museum für Sepulkralkultur in Kassel sehr gut aufgehoben mit meiner Arbeit. Neben den Fotografien zeige ich auch eine Steinarbeit, die parallel zu den Fotos entstanden ist. Ein Museum, in dem alles zum Thema Tod und Sterben gesammelt wird ist ja kein schlechter Platz für eine Fotoausstellung über eine verschwindende Landschaft, oder ?

Dann würde ich gerne noch ein paar Worte zu meinem New York City-Serie sagen, die ist zwar schon vor 10 Jahren entstanden und war meine letzte Arbeit in s/w. Ich glaube, es gibt kaum eine Stadt, die so „durchfotografiert“ ist wie New York. Als ich 1999 für drei Wochen dort war, habe ich natürlich auch all die Bilder von den Hochhausschluchten und dem hektischen Gewimmel der Menschen in meinem Kopf gehabt. Da ich keine Lust hatte, solche Bilder zu machen, bin ich fast nur in den Nebenstraßen und Hinterhöfen der touristisch eher nicht so besuchten Stadteile Queens, Brooklyn und Coney Island unterwegs gewesen. Meine einzige Kamera war eine auf einem Flohmarkt für 40$ gekaufte Kleinbildsucherkamera aus den 70er Jahren. Ich bin morgens aufgestanden und habe mich getreu dem Motto „Be open to what the streets may deliver“ treiben lassen und ein New York entdeckt, in dem es kaum ein Hochhaus und fast keine Menschen gibt. Das Zitat stammt übrigens aus dem wundervollen Bildband „End Time City“ von Michael Ackerman, das ich damals in NY gekauft habe.

Sie haben es schon ein paar Mal angesprochen: Sie sind von Haus aus Steinmetz, arbeiten aber auch als Fotograf. Das ist eine eher unübliche Verbindung. Wie kommt es dazu? Warum die Entscheidung für die Kunst?

[[hier wird ein Teil in die Einleitung miteinfließen und daher an dieser Stelle wegfallen]]

Ich habe Mitte der 80er Jahre eine Ausbildung zum Steinmetz absolviert und danach einige Jahre als Steinmetz gearbeitet. Obwohl meine Lehrzeit nicht so besonders war, gab es doch auch Momente, in denen ich gespürt habe: Das ist es! Dabei hat mich schon damals das Thema Grabmal besonders interessiert, aber vor allem deshalb, weil mir die absolute Einfallslosigkeit und Öde auf den meisten Friedhöfen, die ich zu Gesicht bekommen habe, doch sehr verwundert hat. Wohin man auch schaute, gab es nur die immer gleichen inhaltslosen und sinnlosen Formen, zu einem großen Teil aus industrieller Fertigung, da hat der Steinmetz dann noch den Namen graviert und, wenn´s hoch kam, vielleicht noch ein Ornament. Dabei bietet ein Grabmal, wenn man es richtig zu Ende denkt, die Chance, etwas über die Person auszusagen, für die es gemacht worden ist. Dass sich dafür allerdings die wenigsten Steinmetzen interessiert haben, hat mich damals wie heute verwundert.

Ich habe dann durch Zufall von der Akademie für gestaltende Handwerke in Aachen erfahren und dort von 1994 bis 1997 ein Studium absolviert. Dabei war es nicht primär mein Ziel, die Steinmetzarbeit hinter mir zu lassen, um mich der Bildhauerei zuzuwenden, sondern ich wollte vor allem das Thema Grabmal in all seinen Möglichkeiten ausloten. Denn meine Vorstellung war, dass ich nach dem Studium eine kleine Werkstatt gründen wollte, die sich auf ganz besondere Grabzeichen spezialisiert. Nach einigen Umwegen ist das mittlerweile auch der Fall und seit 4 Jahren unterrichte ich als Dozent an dieser Akademie das Fach Plastisches Gestalten und seit diesem Jahr auch noch Fotografie. Ich bin 2 Tage in der Akademie beschäftigt und der Rest der Zeit verteilt sich auf meine Fotoprojekte und die Arbeit in meiner Werkstatt.

Wie unterscheidet sich die Steinmetzarbeit von der Bildhauerkunst?

In der Regel stellt sich mir die Frage nach Steinmetzarbeit oder Bildhauerkunst überhaupt nicht, da ich immer auf einen konkreten Anlass hin tätig werde – und das ist in den meisten Fällen der Entwurf und die anschließende Anfertigung für ein Grabzeichen, das sich jemand für einen Verstorbenen wünscht. Es kommt natürlich vor, dass Menschen diese Arbeiten dann als Kunst bezeichnen, weil eben manchmal auch Dinge mitschwingen, die weit über das hinausgehen, was man üblicherweise mit einem Grabmal verbindet.

Beeinflussen sich die beiden Arbeitsweisen, Steinmetzarbeit und Fotografie, gegenseitig oder sind es zwei ganz unterschiedliche Bereiche?

Es gibt schon wechselseitige Einflüsse. Ich arbeite zum Beispiel gerade an einem Ornament für eine Stele, für die die Pflanzenfotografien von Karl Blossfeldt die Initialzündung waren. Vor einigen Jahren habe ich ein Fotoprojekt über diese kleinen Porträts von Verstorbenen gemacht, die besonders im Süden oder in Frankreich und Belgien auf Grabmälern zu finden sind. In der Regel sind das bedruckte Porzellantafeln, und wenn die einige Jahrzehnte der Witterung ausgesetzt waren, werden sie selber zum Memento Mori. Im vergangenen Winter habe ich in den Gärten von Schloss Versailles fotografiert. Ich hatte erfahren, das dort alle Marmorskulpturen der Witterung wegen von Planen verhüllt werden und das fand ich sehr reizvoll.

Vor zwei Jahren habe ich Fotografien über die Lehmhochhäuser im Jemen gesehen und die haben dann anschließend zu einer Umsetzung in Stein geführt.

Wer oder was beeinflusst Ihre Arbeit? Gibt es Vorbilder?

Es gab und gibt natürlich Künstler, die meine Arbeit auf die ein oder andere Art beeinflusst haben. Aber es kann auch ein Buch, ein Film oder Musik sein. Wenn ich Namen nennen müsste, dann sicher zuerst Walker Evans, Stephen Shore, Lewis Baltz und Robert Adams, deren Arbeiten faszinieren mich seit Jahren. Aber vor rund 25 Jahren war es Robert Franks Buch „Die Amerikaner“ das mich dazu brachte, mich näher mit der Fotografie zu befassen. Vor einiger Zeit habe ich Joachim Brohm für mich entdeckt, seine Fotografien finde ich sehr spannend.

In der Bildhauerei schätze ich die Arbeiten von Karl Prantl und Ulrich Rückriem.

Was ist Ihrer Meinung nach charakteristisch für Ihre Arbeiten?

Für meine Steinarbeiten ganz sicher die reduzierte und klare Formensprache, ich übe mich seit Jahren in der Kunst des Weglassens. In meiner Fotografie ist es die fast immer zurückgenommene Farbigkeit in Verbindung mit einem präzisen und durchdachten Bildaufbau Teil meines Bildprogramms.




Thomas Florschuetz “Imperfekt” in Tübingen

5 08 2010

As Thomas Florschuetz’ work focuses on manifold themes, in the exhibition “Imperfekt” at Kunsthalle Tübingen, his photographs are organized not according to a possible contingency of contents, but to visual connections and aesthetic associations. Nevertheless there’s a leitmotif in all these works: architecture. Kunsthalle Tübingen presents a selection of Florschuetz’ most recent works from 1997 to 2010.

Thomas Florschuetz, Enclosure (Brasilia) 05, 2008/2010, C-print, Diasec © VG Bild-Kunst, Bonn 2010

Thomas Florschuetz, Enclosure (Brasilia) 05, 2008/2010, C-print, Diasec © VG Bild-Kunst, Bonn 2010

.

.

.

Thomas Florschuetz

Imperfekt

17. Juli – 26. September 2010
Kunsthalle Tübingen

.

.

.

.

PR-Text: Ein abgewrackter Helikopter, überflügelt von einem Bündel braun gefleckter Bananen; das Rund einer antiken Arena neben einer Roten-Beete-Knolle; ein kopfloses Reiterstandbild und ein abgetrennter Eselskopf an einer Wand; vier runde Lüster, begleitet von zwei Orangen: Thomas Florschuetz schert sich bei der Anordnung seiner Bilder in der Kunsthalle Tübingen nicht um inhaltliche Stringenz. Vielmehr bestimmen visuelle Bezüge und ästhetische Assoziationen die Hängung der großformatigen Arbeiten des Berliner Fotokünstlers. Und doch beherrscht ein Grundtenor die Schau seiner Hauptwerke aus den Jahren zwischen 1997 und 2010. Es ist die Architektur, die den roten Faden durch die Ausstellungsräume spinnt.

Thomas Florschuetz, Enclosure (Neues Museum) 25, 2009/2010, C-print, Diasec  © VG Bild-Kunst, Bonn 2010

Thomas Florschuetz, Enclosure (Neues Museum) 25, 2009/2010, C-print, Diasec © VG Bild-Kunst, Bonn 2010

So sind Florschuetz’ Werkgruppen zu Le Corbusiers Wallfahrtskirche in Ronchamp, zu Oscar Niemeyers Bauten in Brasília, zur Residenz des Deutschen Botschafters in London oder zu seinem Atelierfenster zu sehen, und immer wieder Unvollendetes oder Zerstörtes: David Chipperfields Umbaustelle des Neuen Museums, der Abrisstorso des Palasts der Republik, eine Vandalismusruine im kalifornischen Wonder Valley und die römischen Siedlungsreste im israelischen Bet Sche’an. Zwischendrin treten Variationen, Abweichungen und Störungen des architektonischen Themas in den Vordergrund: duftig zarte Orchideenblüten etwa, ähnlich anmutige Details von ausgedienten Kampfjets und Hubschraubern in einer Wüste in Arizona, oder die Nahaufnahme einer Roten-Beete-Knolle und andere überraschende Kontrapunkte. Die dokumentarische Eindeutigkeit, die dem Medium der Fotografie von jeher zugeschrieben wird, finden die durch die Kunsthalle Tübingen flanierenden Besucher nicht wieder. Stattdessen werden sie beim Gang durch Florschuetz’ visuelle Kompositionen eine geradezu musikalische Rhythmizität und eine schillernde Vieldeutigkeit erleben, die jeden Interpretationsspielraum offen lassen.

Schärfe, Unschärfe, Spiegelung und Fragmentierung sowie die Zusammenfügung von Teilansichten zu mehrteiligen Ensembles gehören zu den Verfremdungseffekten, die sich der 1957 in Zwickau geborene Thomas Florschuetz im Laufe seiner bemerkenswerten Karriere erarbeitet hat. Der international herausragende Vertreter deutscher Fotografie hat sich sein künstlerisches Können autodidaktisch in Karl-Marx-Stadt angeeignet, wo er aufwuchs. Nachdem er sich 1981 der Ostberliner Künstlerszene angeschlossen hatte, experimentierte er mit Selbstakten, die er zu absurden Ensembles fügte. Mit diesen Arbeiten gewann er überraschend 1987 den Preis für junge europäische Fotografie in Frankfurt am Main. Anschließend übersiedelte er nach Westberlin. Ab 1993 schuf er mittels Durchleuchtung von Körperteilen Bilder von abstrakter Qualität. Ab 1997 setzte er sein Atelierfenster als ein die Außenwelt brechendes Kaleidoskop ins Bild. Bis zur Jahrtausendwende entstanden Blumen- und Vorhangbilder. Seitdem befasst er sich mit Architektur. Die Ausstellung in der Kunsthalle Tübingen vereint erstmals eine Auswahl dieser jüngeren Werkgruppen zu einem umfassenden Überblick.

Illus. courtesy Kunsthalle Tübingen, Thomas Florschuetz




“Invisible Past” in Berlin, “Nackt/Pur” in Erfurt

5 08 2010

The photographs shown in Berlin based exhibit „Invisible Past – Bilder einer verschwindenden Zeit“ (Images of a vanishing past) reflect facets of Berlin within the past 50 years. | For her new project „Nackt/Pur“ (Naked/Pure), Chris Kremberg works with actors/dancers. Together thes create poses that thematise the relationship of man to urban exteriors of cities. It’s currently on view at Kunsthalle Erfurt.

© Leo Pompinon, Wandstudie, Berlin, 2009

© Leo Pompinon, Wandstudie, Berlin, 2009

.

Invisible Past – Bilder einer verschwindenden Zeit

Photoarbeiten von Sibylle Bergemann, Hannes Kilian, Stefan Moses, Louis Stettner, Birgit Kleber, Dieter Matthes, Martin Mlecko und Leo Pompinon.

21. Juli – 28. August 2010

Johanna Breede PHOTOKUNST, Berlin

.

.

© Sibylle Bergemann, Clärchens Ballhaus, Berlin, 2008

© Sibylle Bergemann, Clärchens Ballhaus, Berlin, 2008

Aus dem PR-Text: Hannes Kilian’s regennasse Pflasterstraße im Berlin der 1950er Jahre, Stefan Moses markante Leipziger Milieustudien, noch nie gezeigte Photographien von Louis Stettner die den „Spirit of G.D.R“ wiedergeben, bröckelnde Fassaden, von Sibylle Bergemann als Kulisse für Ihre Modeaufnahmen inszeniert oder aber die längst verlassenen Orte ostdeutscher Lebenslandschaften von Dieter Matthes, Martin Mlecko und Leo Pompinon – sie alle sind Bilder einer verschwindenden Zeit, die das Bewusstsein der Vergänglichkeit wach werden lassen.

In den Motiven treffen Vergangenheit und Gegenwart aufeinander. Mystische Ausstrahlung, skurrile Momente, historische Räume oder marode Ästhetik beschreiben die Geschichte auf ihre ganz eigene Art und Weise.

Illus. courtesy Johanna Breede PHOTOKUNST

****************************************************************

Chris Kremberg Nackt.Pur, 2009 Fotografie auf Büttenpapier © VG Bild-Kunst, Bonn 2010

Chris Kremberg, Nackt.Pur, 2009, Fotografie auf Büttenpapier © VG Bild-Kunst, Bonn 2010

.

.

Chris Kremberg | Nackt.Pur | Fotografien

22. Juli – 22. August 2010

Kunsthalle Erfurt

.

.

.

.

Aus dem PR-Text: [...] Seit mehreren Jahren arbeitet Chris Kremberg (*1971) eng mit Tänzern zusammen, studiert Bewegungsabläufe, Körperhaltung, Atmung etc., um sie in choreografierte fotografische Bilder zu übersetzen. Dabei spielt der menschliche Körper als Hülle subjektiver Innerlichkeit und seine sensitive, osmotische Interaktion mit der Umwelt eine wichtige Rolle. Nicht selten agieren die Tänzer in Kostümen, welche die Künstlerin entworfen hat. Für das neue Projekt „Nackt/Pur“ entwirft Chris Kremberg mit den Darstellern bzw. Tänzern Haltungen, die das Verhältnis des Einzelnen zum urbanen Außenraum von Großstädten thematisieren.

Chris Kremberg Körper. Nicht Ort, 2010 Fotografie auf Aludibond, unter Glanzfolie  © VG Bild-Kunst, Bonn 2010

Chris Kremberg, Körper. Nicht Ort, 2010 ,Fotografie auf Aludibond, unter Glanzfolie © VG Bild-Kunst, Bonn 2010

Diese aus ihrer Sicht unwirtlichen, transitorischen Räume, tagsüber stark frequentiert, nachts leer, werden von den Darstellern markiert, besetzt, belebt – symbolisch angeeignet. Gehemmt wird die individuelle Bewegungsfreiheit der Agierenden jedoch durch enge Verhüllungen. Die formalen Spannungen zwischen Körper und Raum/ Architektur, organischer und unbelebter Dinglichkeit, Bewegung und Hemmung des Bewegungsdrangs bilden die Grundlage einer fotografischen Deutung, die das Verhältnis des Individuums zur gebauten Umwelt der großen modernen Städte als ein prekäres beschreibt.

Illus. courtesy Kunsthalle Erfurt, Chris Kremberg




Urbane Gewächse | Urban Plants: Surprising perspectives on urbanity

5 08 2010

An unusual perspective on urbanism: „Urbane Gewächse“ (Urban Plants) presents a surprising aspect of contemporary photography focusing on the multi-faceted topic of plants in the city. Shown are works by 6 German photographers Claudia Angelmaier, Nina Ebbinghaus, Claudia Fährenkemper, Annabelle Fürstenau, Ralph Samuel Grossmann, Helmut Völter.

Annabelle Fürstenau Astrantia major (Doldenstern), 2010 Inkjet-Print © Annabelle Fürstenau

Annabelle Fürstenau Astrantia major (Doldenstern), 2010 Inkjet-Print © Annabelle Fürstenau

.

.

Urbane Gewächse
Positionen zeitgenössischer Pflanzenfotografie

Kurator: Dr. Christoph Schaden, Köln

Teilnehmende Künstler: Claudia Angelmaier | Nina Ebbinghaus | Claudia Fährenkemper |
Annabelle Fürstenau | Ralph Samuel Grossmann | Helmut Völter

24. Juli bis 26. September 2010

Alfred Erhard Stiftung Berlin

Künstlergespräch: Sonntag, 22. August 2010, 14 Uhr
zwischen Helmut Völter und Dr. Christoph Schaden mit einer integrierten Lesung aus dem Handbuch der wildwachsenden Großstadtpflanzen

.

.

Helmut Völter Bildseite aus dem Buch „Handbuch der wildwachsenden Großstadtpflanzen“, 2006 Buch, Offsetdruck © Helmut Völter

Helmut Völter Bildseite aus dem Buch „Handbuch der wildwachsenden Großstadtpflanzen“, 2006 Buch, Offsetdruck © Helmut Völter

PR-Text: In seinem Handbuch der wildwachsenden Großstadtpflanzen, das 2006 erschienen ist, gelingt dem Leipziger Künstler Helmut Völter eine Neubestimmung des Floralen im urbanen Raum. „Die Stadt ist auf den ersten Blick für Pflanzen ein fremder, wenn nicht feindlicher Standort. Wo zwischen der dichten Bebauung offener Boden übrigbleibt, ist dieser untergraben von der unterirdischen Infrastruktur der Stadt, belastet mit Schadstoffen und von Fußgängern und Automobilen betreten und befahren. Ein zweiter Blick, ein aufmerksamer Spaziergang zeigt, dass sich trotz dieser schwierigen Bedingungen eine wildwachsende, eigenständige Flora der Stadt entwickelt hat.“ Dass mit der Wiederaneignung städtischer Restareale tatsächlich der vermeintliche Nischencharakter, welcher Pflanzen in der Großstadt attestiert wird, zur Disposition steht, belegen die akribischen fotodokumentarischen Erkundungen von Helmut Völter mit Nachdruck. Seine Recherchearbeiten eröffnen einen schöpferischen Gegenblick und bilden zugleich den Ausgangspunkt der Ausstellung „Urbane Gewächse“, die mitunter auch eine zivilisatorische Perspektive wagt.

Nina Ebbinghaus Hercleum mantegazzianum / Riesen Bärenklaue. Herkunftsort: Kaukasus, 2009 aus der Serie „Neubürger“ C-Print © Nina Ebbinghaus

Nina Ebbinghaus Hercleum mantegazzianum / Riesen Bärenklaue. Herkunftsort: Kaukasus, 2009 aus der Serie „Neubürger“ C-Print © Nina Ebbinghaus

Nina Ebbinghaus aus Dortmund etwa dokumentiert in zwei sechsteiligen Farbserien Pflanzenarten, die einen deutlichen Migrationshintergrund aufweisen. Es handelt sich bei den portraitierten Neophyten um sogenannte „Aquatische Migranten“ und „Neubürger“, die über Luft und Wasser auf illegitime Weise nach Deutschland gelangen konnten.

Claudia Angelmaier aus Leipzig analysiert in ihren fotografischen Arbeiten dagegen tradierte Vorlagen der Hochkunst, die das kollektive Vorstellungsbild von Pflanzen nachhaltig geprägt haben. Exemplarisch werden „Das große Rasenstück“ und die „Akelei“ von Albrecht Dürer in sorgsam drapierten Buchreproduktionen zu jeweils großformatigen Tableaus zusammengestellt. Nicht ohne Ironie bedienen diese Konstruktionen tradierte Projektionsmechanismen, denen die Pflanze im großstädtischen „kulturellen Raum“ bis heute ausgesetzt ist.

Einen chirurgischen Blick auf das Florale wirft wiederum Annabelle Fürstenau aus Kiel. Ihre fotografischen Aufnahmen bilden das aufwändige Resultat von Sezierungsprozessen einzelner Blumen- und Pflanzengewächse, deren fragile Glieder nach Größe und Gestalt sorgsam aneinandergereiht wurden. In der Anschauung evozieren ihre Ordnungssysteme eine schmerzende wie ästhetisierende Distanz zu den Objekten. Radikal stellt sich hier die Frage nach dem Identitätsmoment von zeitgenössischen Pflanzenarten.

Ralph Samuel Grossmann Le Trèfle, 2010 aus der Serie „Lux Botanica“ C-Print auf Fuji Crystal Archive © ADAGP, Paris 2010Ralph Samuel Grossmann Le Trèfle, 2010 aus der Serie „Lux Botanica“ C-Print auf Fuji Crystal Archive © ADAGP, Paris 2010

Im Gegenzug offenbart sich die Werkserie von Claudia Fährenkemper in Form einer medialen Rückvergewisserung. Bei ihren hochformatigen Pflanzen- und Blumenbildern handelt es sich um Fotogramme, die am Fundort der Pflanzenobjekte unmittelbar von Sonnenstrahlen belichtet wurden. Auf dem Bildträger hinterlassen die Motive einen Abdruck in Originalgröße, der in seiner Farbigkeit bizarr gehalten ist. Somit stellt sich der Abdruckcharakter der Fotogramme bewusst zwischen Anachronismus und Modernität.

Ein Fanal bilden schließlich die beiden Fotoarbeiten von Ralph Samuel Grossmann aus Berlin. In seinen betont nüchternen Bildern ist das Florale wieder in die Blumenvase zurückgekehrt. Eine künstlerische Domestizierungsmaßnahme, wie es scheint, die im Pflanzenmotiv allenfalls noch einen farbabstrakten Aspekt erkunden will. Urbane Gewächse fungieren hier nicht einmal mehr als Projektionsfläche.

Illus. courtesy Alfred Ehrhardt Stiftung, die Fotografen




Susanne Beik in Viernheim: Changing architecture painting

4 08 2010

Currently on show at Viernheim Kunstverein: Susanne Beik’s wall paintings that work on the exhibition space’s architecture in a particular manner, regarding specific details such as size, proportions, colours, material and thus changing the space fundamentally.

“NETZWERKE”

Malerische Installation und Tafelbilder von SUSANNE BEIK

im Kunsthaus Viernheim

23.Juli – 21.Aug. 2010

PR-Text: In ihren Wandmalereien bearbeitet Susanne Beik Architektur in einer Weise, die auf spezifische Vorgaben wie Maße, Proportionen, Farbigkeit und Materialien Bezug nimmt, gerade dadurch jedoch den Raum grundlegend verändert.

Vor Jahren schon hat sie eine Bildsprache entwickelt, deren Spektrum auf den ersten Blick eng begrenzt erscheint, in der konkreten Anwendung aber eine erstaunliche Varianzbreite nicht nur graduell, sondern auch grundsätzlich unterschiedlichster Möglichkeiten eröffnet. Einmal mehr zeigt sich, dass radikale Beschränkung – nicht nur in der Kunst – ein Gestaltungs- und Wahrnehmungsspektrum von überraschender Vielfalt erschließen kann. Dem mit Akribie und Disziplin, mit geradezu wissenschaftlicher Neugier und Präzision nachzuspüren, kann zu einer Obsession werden, aus der faszinierende Einsichten und Ergebnisse resultieren.

Susanne Beik verwendet ausschließlich eine Art Schlingmuster, dessen „Tragfähigkeit” sie zunächst in Tafelbildern, später in eindrucksvollen Wandmalereien erprobt hat. Sie setzt es sparsam oder ganze Wandflächen füllend ein, flächendeckend, punktuell oder als Fries.

Susanne Beiks Arbeiten leben aus der Spannung zwischen der seriellen Anordnung ihrer Motive und deren individuell skripturaler, jedenfalls nicht schablonenhaft-mechanischer Ausführung. Diese Ausführung ist nichts, was als sekundär vom konzeptionellen Ansatz getrennt werden könnte. In der individuellen, nicht delegierbaren Aktion des Machens verwirklicht sich erst eigentlich das künstlerische Konzept. Die Arbeit entsteht in einem Prozess höchster Konzentration, der die künstlerische Aneignung des Raumes und das Erleben und Sichtbarmachen der Zeitdimension umschließt. Das weiße Lineament wird dabei nicht einem dunklen Grund aufgesetzt, sondern bleibt als Bestandteil der Wand ausgespart. (Hans Gercke)

Susanne Beik selbst sagt::
Bei meinen malerischen Installationen bin ich durch das Arbeiten vor Ort mit immer neuen räumlichen Situationen konfrontiert. Durch das Eingehen auf und das Arbeiten mit diesen Gegebenheiten entstehen immer neue Installationen, die einzigartig sind – womit ich meine, dass keine von ihnen genau so an einem anderen Ort entstehen kann.

Illus.: courtesy Kunstverein Viernheim, Susanne Beik