„Aufmerksam sein und Umwege fahren!“ INTERVIEW mit Johanna Jakowlev

Narrative Szenerien, menschenleere Landschaften, Seen und Gewässer und – Betonwände, Auffangbecken, Brücken. Naturräume, in denen die menschlichen Eingriffe sichtbar sind. Keine „schönen“ Idyllen, sondern Zweckarchitekturen, moderne Gebäude, Industriespuren, Brücken werden zum Motiv der Stuttgarter Künstlerin. In ihren Kompositionen entfaltet jedoch gerade das ungewohnt Gewohnte, meist begleitet von dunklen, farbenreichen Himmelansichten, eine besondere Stimmung, die den Betrachter trotz – oder gerade wegen – der eher düsteren Atmosphäre in die poetischen Szenerien hineinzieht.

Lichtung, 110x160, 2011

Lichtung, 110×160, 2011

Jakowlev kreiert eine Landschaftsmalerei, die die „traditionellen“ Motivik transferiert und aktualisiert. Sie komponiert, inspiriert von Eindrücken „en plein air“, ihre Motive im Atelier, spielt mit Lichtstimmungen und schafft Szenerien, die die Realität reflektieren, Natur ebenso wie „man-made“ Spuren der Zivilisation. Dabei sind es keine außergewöhnlichen Momente, die Jakowlev auf der Leinwand intensiv, Schicht für Schicht aufbaut – oft auch mit Verfahren, das die Spuren der Zeit gleichsam nachahmt, die Verwaschungen, Absplitterungen, Ablagerungen auf den Fassaden etwa – , sondern es sind die gewöhnlichen, gewohnten, alltäglichen, oft auch aus dem Blick geratenen Perspektiven, die sie thematisiert.

Aufgewachsen in einer Künstlerfamilie, in der sie von klein auf mit Kunst und Ausstellungen in Berührung kam und selbst kreativ war – „Kunst war als schon immer ein ganz normaler Bestandteil meines Lebens“, so die Künstlerin, – studierte Jakowlev freie Malerei in Stuttgart. Gegen Ende des Studiums fand sie schließlich zu ihrem Thema, Architektur und Landschaft, „ein unendlich großer Themenkomplex, der mich nach wie vor herausfordert und mir eine riesige Fülle an Inspiration schenkt“.

Deconarch.com erzählte Johanna Jakowlev, was sie an diesem Thema reizt, wo sie Inspirationen findet und wie ihre Arbeiten entstehen.

 Illus. (c) Johanna Jakowlev

Eine umfangreiche Übersicht über Johanna Jakowlevs Arbeiten gibt es

als Virtual Exhibition!

INTERVIEW

Winterschlaf, 3x90x160-2012

Winterschlaf, 3x90x160, 2012

Deine Arbeiten zeigen „Architektur-Landschaften“, also Szenerien, in denen sich Natur- und Architekturansichten verbinden. Was interessiert dich an der Beschäftigung mit Architekturformen?

Architektur ist meist nur ein Teil des Motivs, wenn auch ein wichtiger. Mich fasziniert das Erzählerische, das ein Gebäude immer hat. Der Mensch wird spürbar und bekommt indirekt eine Rolle in den Bildern, schon allein durch die Tatsache, dass immer auch Menschen die Gebäude errichteten.

Zum anderen sind es oft Zweckbauten, die ich male. Die sind vor allem mit dem Ziel der Funktionalität erbaut worden, die Ästhetik und wie sich ein solches Gebäude in die Umwelt einpasst, ist meist nebensächlich. Genau an dieser Schnittstelle passiert aber oft, wie ich finde, ungewollt etwas, das durchaus schön sein kann, etwas, das immer eine Geschichte erzählt und auch eine Form von Zeitgenossenschaft darstellt.

Wie findest du deine Motive und Themen?

Aufmerksam sein und Umwege fahren!

Und ich habe einen riesigen Fundus an Büchern, Zeitungsausschnitten und Fotos, die ich seit Jahren sammle und auch teilweise von Freunden und Familie bekomme.

Brückenschlag, 115x160, 2010

Brückenschlag, 115×160, 2010

Wie ist läuft dein Arbeitsprozess ab, mit diesen Inspirationen?

Meist ist ein Gebäude oder eine Landschaft – das kann eine Fotografie ebenso sein wie ein „realer“ Eindruck – die Initialzündung für eine neue Arbeit. Wie sich das Bild und die Stimmung dann aber weiterentwickeln, hat so gut wie nie noch viel mit dieser ursprünglichen Idee zu tun. Da passiert viel beim Machen, und vieles ist Zufall oder vielleicht so was wie „gelenkter Zufall“. Es ist auch für mich immer wieder spannend, was für Orte da auf der Leinwand wachsen. Die Orte gibt es in der Realität nicht, es könnte sie aber so oder so ähnlich geben.

Die Szenerien sind immer menschenleer. Warum?

Ich habe früher eigentlich ausschließlich Menschen gemalt. Dann wurden sie immer kleiner und die gemalte Umgebung im Verhältnis immer größer und wichtiger. Irgendwann waren die Menschen, in Form von Figuren, dann ganz weg.

Als malerische Herausforderung ist für mich der Mensch im Moment einfach nicht interessant. Und ich möchte in meiner Arbeit nichts über konkrete Personen erzählen, mir geht es mehr um die Spuren, die „die Menschheit“ hinterlässt.

Bastion, 70x120, 2011

Bastion, 70×120, 2011

Die Titel deiner Arbeiten sind meist sehr knapp, oft doppeldeutig und spannen bestimmte Atmosphären auf. Welche Bedeutung kommt den Titeln deiner Gemälde zu?

Die Titel sind mir sehr wichtig. Ich finde, wenn schon ein Titel, dann sollte er der Arbeit auch eine weitere Ebene hinzufügen, dem Betrachter einen Denkanstoß oder einfach nur eine Stimmung geben. Nur beschreibende Titel halte ich für überflüssig.

Wie ist dein Arbeitsprozess? Kommen neben Malerei auch andere Medien zum Einsatz?

Ich arbeite ziemlich klassisch, in Acrylfarbe auf Leinwand.

Früher habe ich viel in Öl gearbeitet, aber da ich unheimlich viel übermale und auch lasierend arbeite, habe ich irgendwann nach guten Acrylfarben gesucht, da diese einfach schnell trocknen, was meiner Arbeitsweise sehr entgegenkommt. Da hat sich glücklicherweise in den letzten Jahren viel getan und man kann das Ergebnis oft nicht mehr von Ölmalerei unterscheiden, vor allem wenn man, wie ich, sowieso eine matte Oberfläche erzielen will.

Es entstehen immer auch Fotografien. Sie haben für mich aber nur die Aufgabe, Eindrücke festzuhalten, sie sind kein künstlerisches Endprodukt. Außerdem auch verhältnismäßig schnelle Arbeiten auf Papier, die oft zwischen zwei großen Arbeiten entstehen, sozusagen als Lockerungsübung und um den Kopf freizubekommen.

Klare-Sicht II, 110x90, 2012

Klare-Sicht II, 110×90, 2012

Gibt es Vorbilder? Setzt du dich etwa bewusst mit Beispielen aus der traditionellen Landschaftsmalerei auseinander?

Miriam Vlaming, Peter Doig, Didier Paquignon, Neo Rauch, Turner, C. D. Friedrich, Frederic Chaubin, … um nur einige zu nennen. Sie sind aber keine wirklichen Vorbilder, sondern eher Künstler, deren Arbeit ich teilweise sehr mag oder deren Arbeits- und Sichtweise mich inspiriert. Als bewusste Auseinandersetzung würde ich das jedoch nicht bezeichnen, denn ich bin ein Mensch, der Kunst vor allem über den Bauch lebt.

Warum Kunst? Welche Möglichkeiten bietet dir die künstlerische Arbeit?

Weil es das ist, was mich herausfordert, mir Kraft und Freude bringt. Weil es das ist, was ich meine am besten zu können und ich mir einfach nichts anderes für mein Leben vorstellen könnte. Ich würde mir manchmal fast wünschen, es gäbe da noch eine Alternative, die mich erfüllt, denn der sogenannte Freie Markt ist kein Zuckerschlecken.

Die künstlerische Arbeit bietet mir die Möglichkeit, den Blick auf Dinge und vor allem Stimmungen zu lenken, die in der Regel von den Menschen übersehen werden.

Welche Ziele verfolgst du mit deinen Arbeiten?

Wechselspiel, 110x150, 2011

Wechselspiel, 110×150, 2011

Konkrete Ziele, im Sinne von „politischer Kunst“ oder dergleichen, verfolge ich eigentlich keine. Ich höre oft, dass meine Bildsujets etwas Mahnendes hätten, aber das ist, glaube ich, auch das, was mancher Betrachter hineinprojiziert.

Für mich sind die Bildideen schlicht eine Art Zeitzeugnis von Orten, Stimmungen und modernen Ruinen, die uns alle umgeben und sehr ästhetisch sein können – man muss nur genau hinschauen.

Da ist der Moment des Innehaltens, den ich liebe und in meiner Arbeit zu leben versuche und den ich dem Betrachter zu vermitteln erhoffe.

Und zum Abschluss: Was ist deiner Meinung nach charakteristisch für deine Arbeit?

… das können andere wahrscheinlich klarer und besser beantworten!

Ich glaube, etwas Charakteristisches sind die Himmel, die Oberflächenstrukturen und die Farbigkeit, mit vielen gebrochenen und schmutzigen Tönen. Dann bestimmt auch die Stimmungen, die, wie ich immer mehr merke, sehr unterschiedlich, aber eigentlich immer s tark empfunden werden.

Oft höre ich auch, dass die gemalten Orte etwas Rätselhaftes haben und viele versuchen, sich eine Geschichte zurechtzulegen, was warum auf dem Bild ist und wie es wäre, an diesem Ort zu sein. Das sind oft richtig kleine Geschichten.

Johanna Jakowlev, herzlichen Dank für das Interview!

 

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