Bernhard Leitners „Rettung des Wittgenstein Hauses in Wien“ | REZENSION

Es gibt sie, die Bauten, die durch ihre Geschichte zu außergewöhnlichen Monumenten der Zeitgeschichte werden, und die nicht (nur) wegen ihrer formalen Charakteristika für einen bemerkenswerten Zeitabschnitt stehen. Das Haus Tugendhat ist so eine Ikone (hier mehr dazu). Oder auch das Haus Wittgenstein in Wien. Sie verbindet nicht nur der Name eines bedeutenden Denkers – während in Brünn der Sohn der Familie als Philosoph den Namen bekannt gemacht hat, ist es in Wien tatsächlich der Philosoph selbst, der das Haus gebaut und entwickelt hat.

Ludwig Wittgenstein war ein „one-shot-architect“, der das Gebäude 1925 – gemeinsam mit Paul Engelmann, einem Loos-Schüler – für seine Schwester Margarethe Stonborough-Wittgenstein entwarf; diese lebte bis zu ihrem Tod (1958) in der Stadtvilla. Die historische Bedeutung des Gebäudes geriet in Vergessenheit, bis im Juni 1971 der Abbruch des modernen Hauses eigentlich schon beschlossene Sache war. Hätte sich nicht Bernhard Leitner einschaltet. Leitner, heute als Klangkünstler bekannt, seit 1987 Ordentlicher Professor an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien , aber von Haus aus studierter Architekt, stieß über Zufälle auf das Gebäude und startete von New York aus eine zwei Jahre währende Kampagne, die letztlich und – durchaus unerwartet – dazu führte, dass das Haus Wittgenstein erhalten blieb.

Die Publikation versammelt erstmals vollständig faksimilierte Briefe, Fotos und Berichte (auf Deutsch und Englisch), die die Rettung des Hauses dokumentieren. Was jedoch fehlt, sind Informationen zum Haus selbst, was es besonders macht und in architektonischer Hinsicht auszeichnet, dafür muss das umfangreiche Bildmaterial genügen – sowie Leitners frühere Publikation „The Wittgenstein House“ (Princeton Architectural Press, New York 2000, ISBN 978-1-56898-251-9).

Cover Wittgenstein HausBernhard Leitner

Die Rettung des Wittgenstein Hauses in Wien vor dem Abbruch | Saving the Wittgenstein House Vienna from Demolition
Eine Dokumentation | A Documentation 06/1969 – 21/06/1971

Ambra Verlag 2013

ISBN: 978-3-99043-618-9

Details (Link)

 

Das großformatige Buch ist in zwölf Kapitel unterteilt, die mit vielen Abbildungen – Fotografien ebenso wie zahlreiche Originaldokumente – in kurzen Abrissen die Abläufe 1969 bis 1971 nachzeichnen. Leitner schildert in knappen, teils fast tagebuchartigen Notizen, wie er erstmals mit dem Wittgenstein-Haus in Berührung gekommen ist, das damals „der Fachwelt wie der Öffentlichkeit so gut wie unbekannt“ (S. 5) war – Anlass war ein Beitrag für ARTFORUM, der im Februar 1970 als „Wittgenstein’s Architecture“ erschien (kurze Zeit später übrigens auch in der ZEIT) – und vom geplanten Verkauf des Erben erfahren hat. Es folgen zahlreiche Briefwechsel, eine Auseinandersetzung mit dem Denkmalamt und die Suche nach einem Käufer, bis letztlich ein städtischer Beschluss den Abriss des Gebäudes besiegelt. In einer letzten Änderung seiner Strategie gelingt es Leitner dann jedoch doch noch, das Haus zu erhalten: Es soll zu einem Wittgenstein-Forum werden:

„Über das Wochenende verständigte ich die internationale Presse und lud telefonisch eine große Anzahl von Architekten, Journalisten und schriftstellern in das Haus ein, die so das einzigartige Innere des Hauses erstmals selbst sehen konnten. […] Die hohe, eindrucksvolle Ästhetik des Baues überzeugte alle Anwesenden.“ (S. 125)

Es ist spannend und – für eine Dokumentation – überraschend kurzweilig zu lesen, wie eine solche Rettungskampagne verlaufen und dabei, allen kommerziellen Interessen zum Trotz, auch noch von Erfolg gekrönt sein kann – in Österreich, in den späten 1960er Jahren, von New York aus. Wer weiß, ob ein solches Vorhaben heute einen ähnlichen Verlauf nehmen würde …

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