position alltag. architecture in the context of everyday life || HDA Dokumente zur Architektur 21/22

Eine der aktuellsten Publikationen des Grazer Haus der Architektur HDA widmet sich der “Architektur im Kontext des Alltagslebens”:

One of the latest publications of HDA Graz (House of Architecture, Graz/Austria) is position alltag architecture in the context of everyday life. The book summarizes the results of a two-year-programme of the HAD about architecture and everyday life. It thus focuses a question which is usually absent from architectural discourse. While signature buildings – let’s call it “Bilbao-ism” – enjoy great attention, architecture in general is neglected.

The publication, written in both German and English, presents 6 essays of high academic standard dealing with different aspects – living, working, preserving, consuming, building – from several perspectives (architectural, media theoretical, artistic, ethnological, psychological) and offer thoughtful insights. It is written in both German and English.

Of particular interest might be artist Nils Norman’s „Urbanomic Archive„, documenting the outgrowth of „defensive devices“ in public spaces, as well as Riklef Rambow’s general considerations about what „everyday“ actually means in an architectural context (maybe it isn’t so much the extravagant shapes of  „Bilbao-istic“ buildings vs. the „common“ buildings, that needs to be considered, but their suitability for everyday use (- and thus a new structure in architectural discourse is needed)?

 

position alltag. architecture in the context of everyday life.

Preis: 19,90 €

HerausgeberInnen/Editors:
Markus Bogensberger, Gabu Heindl

AutorInnen/Authors:
Ellen Bareis, Gabu Heindl, Ernst Hubeli, Otto Kapfinger, Nils Norman, Marc Ries, Riklef Rambow

ISBN 978 3 901174 68 1


Darin wird ein Themenschwerpunkt zusammengefasst, der zwei Jahre lang das Programm des HDA, das baukulturelle Themen vermittelt und den Diskurs über architektonische Fragestellungen fördert, bestimmt hat. Das Leitthema ist ambitioniert – und richtig:

„Angesichts der Dominanz von ikonischen Bauten und deren als Stars bezeichneten Architekten in der medial vermittelten Architekturwelt erschien es uns sinnvoll, den Fokus auf eine Sensibilisierung für Alltägliches zu richten und das Außergewöhnliche gerade im Gewöhnlichen zu suchen.“ (7)

Tatsächlich begegnet derzeit eine seltsam widersprüchliche Situation – spätestens seit Bilbao und Gehrys Guggenheim herrscht ein reges Interesse an spektakulären Gebäuden, und so manches Unternehmen versucht, das visuelle – und werbeträchtige – Potenzial eines extravaganten Baus auszuschöpfen. (Womit sie freilich keineswegs allein auf weiter historischer Flur stehen, man denke nur an die repräsentativen Schlossbauten, an barocke Kirchen und Stadtanlagen, die noch heute Touristen wie Fachleute gleichermaßen faszinieren.)

Diesem gesteigerten Interesse an „Spektakel-Bauten“ steht ein, wenn man so will, erschreckendes Desinteresse, ein Nicht-Bewusstsein für Architektur an sich entgegen. Für die Architektur nämlich, die ständig begegnet, für die Alltagsbauten und Anlagen, die nicht spektakulär daherkommen, weil sie älter sind, einfacher und „hässlich“, unauffällig und funktional. Alltäglich eben. Sie werden in Publikationen oder Ausstellungen nur im seltensten Fall thematisiert. Dabei sind es jedoch gerade diese alltäglichen Bauten und architektonische Strukturen, die ihre Bewohner sowohl im Alltagsleben als auch in der „ideellen“ sozialen, politischen und kulturellen Lebensführung prägen, stärker als man sich oft bewusst ist.

„[W]elche dialektischen Beziehungen zwischen innen und außen sowohl auf der Ebene der Architekturen selbst als auch in einem städtebaulichen Zusammenhang gebildet werden und welchen Einfluss diese auf das soziale Leben und wiederum die Architekturproduktion habe“ (7), rückt „position alltag“ in den Mittelpunkt.

Die Publikation

In den fünf thematischen Schwerpunkten wohnen, arbeiten, schützen, konsumieren, bauen nähern sich fünf Essays der Themenstellung aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven. Sie verfolgen meist eine sehr theoretische Herangehensweise, die über grundlegende Fragen des Räumlichen im Alltag nachdenkt und über die gebaute Realität hinausführt. Da die Texte interessante Fragen und Blickwinkel auf die Thematik „Architektur und Raum im Alltag“ aufwerfen, schließen sich im Folgenden kurze Abrisse der einzelnen Beiträge an.

Die Texte stellen eine Auswahl der Stellungnahmen dar, die im Rahmen des zweijährigen Veranstaltungsprogramms des HDA – zentrales Element waren Roundtables mit Experten aus verschiedenen Disziplinen – vorgetragen wurden

Angeordnet in sechs Kapiteln (1 Einleitung + 5 Essays) sind die Essays in zwei Sprachen, deutsch und englisch verfügbar. Die Texte sind nur wenig (oder gar nicht) illustriert; dies ist insofern anzumerken, da man von Publikationen eines Ausstellungshauses in der Regel Katalogcharakter erwartet. Diesen hat lediglich der zweite Teil des Bandes, der etwas weniger als ein Drittel des Gesamtumfangs ausmacht und der Abschlussausstellung des Projekts „position alltag“ gewidmet ist, einer Fotografieschau: Architektur 24/7 – eine alltägliche Beziehung (2007).

Gezeigt wurden jedoch keine der üblichen Fotografien von Gebäuden, die „oft den Eindruck machen, deren BenutzerInnen wären auf Urlaub geschickt worden, um die Architektur nicht zu stören“, sondern Aufnahmen von Architektur im Alltag, „die uns 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche“ (109) lang umgibt.

Entstanden sind die Fotografien in Postkartengröße auf Einladung des HDA an Architekturbüros, zu eigenen Gebäuden und Bauprojekten zurückzukehren und diese zu fotografieren, wie sie in Gebrauch sind. Begleitet werden die Aufnahmen von kommentierenden Statements der Bewohner/Benutzer.

So ist eine Sammlung verschiedener Perspektiven auf alltägliche Architektur im Spannungsfeld zwischen fotografierenden Architekten und fotografierten Benutzern der Bauten entstanden.

 

POSITION ALLTAG: Gabu Heindl_Den Alltag Begehen.
Positionswechsel zwischen Architektur, Spektakel und dem Alltäglichen

Eröffnet wird die Publikation von einem einleitenden Text von Gabu Heindl, die auch de Abschlussausstellung „Architektur 24/7“mit kuratiert hat, einer Architektin, Urbanistin und Kuratorin aus Wien.

Heindl setzt an mit der Idee des Gehens in der Stadt, des Flanierens durch die Stadt, das nicht von A nach B bringen soll, sondern zum Selbstzweck wird. Dieses gehende Sehen und Wahrnehmen kann zu einer „experimentellen Wissensform“ werden, die das Gesehene reflektiert und daraus produktiv tätig werden kann – so kann sich aus dieser Art der Stadterfahrung ein empirisches Recherche-Tool gegeben, das im Gegensatz zum modernistischen „allwissenden“ Masterplaner der Tabula Rasa die konkrete urbane Qualität in die Entwürfe integrieren kann. Entsprechende Kritik wurde etwa von den Postmodernen geübt, die den modernistischen Urbanismus „von oben“ bzw. „vom Reißbrett“ anprangern.

Heindl zeichnet verschiedene Stufen dieser Entwicklungen und Überlegungen gestützt auf ausführliche Belege nach. Letztere setzen beim Leser allerdings einiges an philosophisch-theoretischem Vorwissen voraus, da viele Positionen nur angerissen, aber nicht vertieft werden (können). In Gegensatzpaaren wird die Problematik „Spektakelbau  vs. Alltagsbau“ umkreist. Welcher Spielraum bleibt „zwischen Zurückweisung reiner Spektakelarchitektur und dem anderen Extrem einer Fetischisierung des Alltäglichen?“ (21)

Abschließend schlägt Heindl eine „Um-Scharfstellung“ vor, die „die kategorische Differenzierung von alltäglich-unwichtig und architektonisch-wichtig“ (23) aufbricht. Wichtig sei es Position zu beziehen, um „das Alltägliche aus seiner Selbstverständlichkeit herauszureißen (28).

 

POSITION 01: WOHNEN: Ernst Hubeli_Zur Polit-Ökonomie der Seelenkiste

Im nächsten Essay zur Position „wohnen“ geht Autor Ernst Hubeli, ebenfalls Architekt und Inhaber eines Architekturbüros – entsprechend sind alle Abbildungen, die den Essay illustrieren (mit einer Ausnahme), Projekte dieser Architekten GmbH –, den Schritt von öffentlichen Bauten zu Wohnbauten. Die Diskrepanz zwischen den Spektakelbauten und alltäglichen Nutzbauten lässt sich auch im privaten Bereich der Wohnbauten beobachten. Hubeli beschreibt einen Wohnungsbaumarkt, der am Markt vorbeiproduziert ohne zu erkennen, dass die Bedürfnisse und Ansprüche an das Wohnen heute andere sind – „das ‚klassische’ Küche-Ess-Wohnraum-Eltern-Kinder-Sclafzimmer-Bad/WC-Schema“ (32) hat ausgedient, entsprechend der Entwicklungen eines neuen Lebensgefühls, der Tendenz zur Individualisierung und einem neuem Verständnis von Heimat, die nicht mehr so sehr lokal verankert gesehen wird, sondern zur Nomadisierung tendiert. Aber auch die Entgrenzung von Innen- und Außenraum, von Privat und Öffentlich, die mit der Globalisierung und dem Internet einhergehen, spielt eine Rolle. „Wohnen ist nicht [mehr?] planbar.“ (35) Um darauf zu reagieren sollte das Entwerfen von Wohnungen nach Hubeli ein Entwerfen von Möglichkeiten sein.

Auch Hubeli entwickelt seinen Text gestützt auf wissenschaftliche Quellen von Benjamin bis Bourdieu und fasst sehr komplexe Inhalte konzentriert zusammen. Wie bei Heindl eilen auch seine Ausführungen in einem rasantem Tempo durch die Verweise, so dass ein fachlich weniger vorgebildeter Leser Schwierigkeiten haben dürfte, Schritt zu halten. Spätestens wenn die Rede auf Heidegger kommt, gerät jemanden, der mit dessen Vokabular (Ding, Zeug, Seinsvergessenheit) oder zumindest mit seinen Denkstrukturen nicht vertraut ist, ins Schwimmen.

Gegen Ende werden Hubelis Ausführungen jedoch wieder praktischer und sind mit Beispielen belegt, die den Bogen von der architekturphilosophischen zur praktischen Betrachtungsweise schlagen.

 

POSITION 02: ARBEITEN: Marc Ries_Arbeit und ihre Räume

Nach den Architekten beleuchtet Marc Ries die Position „arbeiten“ aus medientheoretischer Perspektive. Er setzt an am Arbeitsraum, speziell in der industriellen Architektur, der in der Regel bei entsprechenden Überlegungen außen vor bleibt – zumal „Arbeitsraum meist von Ingenieuren gebaut wird“ (53). Es folgen Überlegungen zur Entwicklung von Arbeit in Relation zum Arbeitsraum, die vom eigentlichen Thema der Alltagsarchitektur wegführen: Während historisch der Arbeitsraum an präzise bestimmbaren Orten in klar definierten Räumen eingebunden war, änderte sich dies mit der Industrialisierung in der Neuzeit. Fabriken entstehen, Arbeitsprozesse werden geteilt, eine globalere Perspektive tritt hinzu,. Die Arbeitsräume werden vom konkreten Ort losgelöst, der Arbeiter selbst disloziert.

Neben diesen äußeren Entwicklungen beobachtet Ries auch innere – die Art der Arbeit verändert sich immer mehr, nicht zuletzt auch dank Hightech und Internet, und wird unabhängig vom Ort.

Wo verbleibt in diesem desaströsen Spiel die Architektur?“ (62)

 

POSITION 03: SCHÜTZEN: Nils Norman_Das Urbanomics-Archiv

Nils Normans Text über das „Urbanomics-Archiv“ hebt sich nicht nur in seiner Länge – es ist der kürzeste Text der Publikation – von den anderen Essays ab, sondern auch inhaltlich: Autor Norman hat keinen akademischen Background, sondern ist Künstler und bietet in wenigen Worten eine sehr eindringliche Bestandsaufnahme, wie öffentliche Räume vor allem im angelsächsischen Raum immer stärker „geschützt“ – genauer: kontrolliert und reguliert werden.

Sein 1997 initiiertes „Urbanomics-Archiv“ sammelt und dokumentiert defensive Straßenmöblierung, die auch in ein paar ausgewählten Abbildungen gezeigt wird und im Trailer auch visuell zu sehen sind (TRAILER-Link): Anti-Urinier-Vorrichtungen, Zacken zum Schutz vor Skatboardern, Umgestaltung öffentlicher Räume, um Herumlungern zu verhindern,… Ein Großteil dieser Vorrichtungen hat ihren Ursprung im militärischen Bereich. Überhaupt nimmt die Gestaltung des öffentlichen Raums v. a. in den USA immer stärker militärische Züge an – alles im Namen der Verstärkung der öffentlichen Sicherheit. „Die Bedrohung und Angst, dass etwas geschehen könnte, haben Eingang in die Sprache der Stadtplanung gefunden.“ (69)

Ironischerweise tendiert der öffentliche „bürgerliche“ Raum durch dieses „Sichern“ immer weiter zu Ab- und Eingrenzung – private Sicherheits- und Reinigungsfirmen werden eingesetzt, Verbote und Erlasse im Sinne einer bestimmten Bewohnergruppe umgesetzt – und verliert dadurch letztendlich seine Funktion als öffentlicher Raum.

 

POSITION 04: KONSUMIEREN: Ellen Bareis_Muzak und Music – Alltäglichkeit im Konsumraum

Die Ethnografin Ellen Bareis befasst sich mit den immer häufiger und beliebter werdenden Konsumtempeln: Shopping Malls lassen sich als teils öffentliche, teils private Räume nicht richtig einordnen, zumal mit dem gängigen Begrifflichkeiten – sind sie semi-öffentlich, semi-privat, privatisiert-öffentlich? Vielleicht ein Zeichen dafür, dass etwas Neues im Entstehen begriffen ist, denn ohne Frage sind diese Shoppingcenter mittlerweile fester Teil des städtischen Raums und zu sozialen urbanen Orten geworden, die genutzt werden. Bareis formuliert thesenartig die Fragen der Ethnografie an diese neue städtischen Entwicklungen.

Die im Titel ankündigte Thematik der „Music/Muzak“ – letztere meint funktionelle Musik, wie sie zur Hintergrundbeschallung in Warenhäusern eingesetzt wird – wird allerdings im Essay nicht weiterverfolgt.

 

POSITION 05: BAUEN: Riklef  Rambow_Alltag? Welcher Alltag?

Riklef Rambow, von Hause aus Psychologe, befasst sich in der letzten Position „bauen“ damit, was Alltag in der Architektur eigentlich bedeutet. Genau besehen ist „Alltag“ ein unspezifisches Konzept: „Was genau damit gemeint ist, wenn man von einer Architektur des Alltags, einer alltagstauglichen oder einer alltäglichen Architektur spricht, das ist von Fall zu Fall recht unterschiedlich.“ (97)

Rambow denkt zunächst über den Unterschied zwischen alltäglicher Architektur im Gegensatz zur besonderen „Sonntagsarchitektur“, den spektakulären Signature Buildings nach, deren Problem wohl weniger ihre Auffälligkeit ist, als vielmehr „das Ungleichgewicht in der Verteilung der knappen Ressourcen“ (98) durch die Bauherren. Möglicherweise ist also der Unterschied zwischen Alltag / Sonntag (im Sinne eines Nicht-Alltags) nicht so sehr nur in der formalen Gestaltung der Architektur zu suchen, sondern eher hinsichtlich der Gebrauchstüchtigkeit eines Baus, egal ob spektakulär oder nicht. Bewährt sich ein Gebäude über einen längeren Zeitraum hinweg, in der alltäglichen Nutzung?

Damit wäre die Frage nach dem Alltag in der Architektur weniger ein formales Problem, als vielmehr „ein[] strukturelle[s] Defizit des Architekturdiskurses“ (100), der in der Bewertung von Architektur bestimmte Aspekte außer Acht lässt, so Rambow. Diesen Ansatz denkt er weiter, indem er erläutert, wie diese Alltagstauglichkeit geprüft und beurteilt werden könnte und welche Bedeutung diese Einsichten für das Entwerfen haben könnten. Dabei stellen sich Vorteile ebenso heraus wie Schwierigkeiten, die es zu bewältigen gilt. Kurz: „Eine naive Verklärung des Alltags hilft da ebenso wenig weiter wie sein Ignorieren.“ (104)

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