Dresden: UFA Cineplex von Coop Himmelb(l)au

28 04 2009

Noch ein weiterer Bau von einem dekonstruktivistischen Architektenteam ist in Dresden zu finden: Das UFA Multiplexkino von Coop Himmelb(l)au, der erste komplette Neubau, den das österreichische Architektenduo fertiggestellt hat (1998). Wie so viele Himmelb(l)aus Bauten ein sehr umstrittenes Projekt.

((Die folgenden recht ausführlichen Erläuterungen sind auch Teil meiner Arbeit (hier natürlich in stark gekürzter Form). Sollten jemand genauere Belege interessieren, bitte Bescheid geben.

Meine Kommentare in grün.))

© Fotos SK

Das Äußere…

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Blick auf "Kristall" und Betonblock

Der Kinokomplex ist aus zwei Teilen gebildet, dem Kinoblock aus Beton, in dem acht Vorführsäle untergebracht sind, und dem Kristall-Foyer. Typisch für die Coop ist der geschlossene Saalblock jedoch kein simpler Container, der die acht Kinor-Raumboxen zusammenfasst, sondern eine spitz zulaufende, vorkragende Beton-„Skulptur”, der auf einer Seite ein Gitter vorgespannt ist und die von einer öffentlichen Passage unterquert wird.

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Blicke auf die Umgebung

Das Foyer ist in einer Glas-Stahl-Konstruktion untergebracht, die wie ein unbearbeitetes Kristall-Stück schräg aus dem Boden ragt. Das Ensemble, das sich von jeder Seite anders präsentiert, wirkt an seinem prominenten Standort zwischen Dresdner Altstadt und Hauptbahnhof und umgeben von DDR-typischen Platten-Hochausscheiben der 1960er Jahre fremd und exotisch.

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Blick durch die Glasscheiben ins Innere (Spiegelung des gegenüberliegenden Rundkinos)

Innen…

Im Innern des Foyers befinden sich Treppenanlagen, zwei geknickte Aufzugstürme aus Sichtbeton, eine herabhängende, pyramidenförmige Projektionsfläche, die den Raumfluss unterteilt, sowie die “Skybar”, eine kegelförmige Seilnetzkonstruktion, in der eine Bar untergebracht ist – einer der frühesten Einsätze der Doppelkegels, der in späteren Entwürfen eine wichtige Rolle spielt. Der Raum wird bestimmt von sichtbaren Streben, Stützen und Zugstangen, von Abhängungen und Verankerungen. Die komplizierte Gestaltung wurde erst dank der computerunterstützten Entwurfspraktiken realisierbar. Die Vielzahl von sich überschneidenden und durchdringenden Raumsequenzen bietet den Besuchern des Foyers ein komplexes, aber auch verwirrendes, weil nicht mehr zentralperspektivisch erfassbares Raumerlebnis.

Da wir offenbar zu äußerst ungünstigen Zeiten vorbeischauten (später Abend, Nachmittags?), konnte ich den Kinokomplex allerdings nicht von innen begutachten.

Fließende Räume…

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Das Fließende der Räume – für die Architekten eines der wichtigsten Interessen in diesem Entwurf – beschränkt sich nicht nur auf die zirkulierende Wegeführung im Inneren des Baus, sondern entfaltet sich auch in den Stadtraum hinaus. Vom Innern des gläsernen Foyers aus sind nicht nur die Bewegungen der Menschen auf den verschiedenen Ebenen des Baus, sondern auch draußen zu beobachten. Das Foyer will keine schlichte Eingangshalle zu den Kinos sein, sondern ein Durchgangsort, der neuen Stadtraum schafft.

Ob das allerdings so erfolgreich umgesetzt wird, wie es die Konzeption vorsieht – ich habe nach meinem Besuch vor Ort Zweifel.

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Blick von "hinten" auf den Betonblock

Zugleich dringt der Stadtraum im wahrsten Sinne durch den Einsatz von rauen, unbehandelten Materialien wie Beton, Aluminiumbleche und -gitter, die als typische Stadtmaterialien gelten, in das Gebäude ein. Zudem wird der erleuchtete Glas-”Kristall” nachts in den Stadtraum projiziert. Auf diese Weise treten Stadt und Gebäude miteinander in Dialog, so die Architekten, die Grenzen zwischen innen und außen verschwimmen und es wird ein neuer, überdachter “flüssiger” Stadtraum geschaffen: “definiert, aber nicht abgeschlossen”.[2]

Diese Erfahrung lässt sich vor Ort schon eher bestätigen, auch wenn die Beleuchtung eher weniger kristallin war (was aber nicht dem Entwurf anzukreiden ist).

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Ein Kino als öffentlicher Raum? Coop Himmelb(l)aus Ziele…

Der Kinobau will mehr als ein monofunktionales Filmvorführhaus sein; vielmehr stand die Beschäftigung mit dem eigentlichen Zweck „Kino” bei der Entwicklung des Entwurfs im Hintergrund. Wichtiger war die Auseinandersetzung mit dem öffentlichen Raum, für die die Coop die beschriebenen Lösungen gefunden hat.

Damit reagieren sie nicht nur auf die besondere Lage des Kinozentrums, sondern auch auf die urbanen Probleme der Stadt: durch Nachverdichtung sollte „Dresdens Zentrum urbane Dichte und Qualität zurück[ge]geben” werden.[3] Die Coop sah die Situation bedroht durch die häufig üblichen Verkäufe von öffentlichen Raum an private Bauunternehmen, und setzten ihren Entwurf entgegen: Durch das Verweben von urbanen Räumen, öffentlichen Innenräumen und Durchgangswegen sollte die Monofunktionaliät aufgehoben und das neue Zentrum Dresdens verdichtet werden.

Der UFA-Komplex wurde nicht nur als Kino, sondern vor allem auch als öffentlicher Raum gebaut – “kein Innenraum, sondern ein Außenraum, der zufällig abgedeckt ist”.[4]

Die Auseinandersetzung mit dem öffentlichen Raum, die Coop Himmelb(l)au von Anfang an beschäftigt und schon hinter den aktionistischen Projekten ihrer ersten Jahre stand, wird in Dresden erstmals in einem Bauprojekt thematisiert und umgesetzt. Dieser Punkt macht den Kinosolitär jedoch auch angreifbar: Kritiker bezeichnen den Bau als „unstädtisch”, weil er zuviel formale Willkür zeige und daher als Stadtbaustein wenig geeignet sei.

Kommentar…

Gerade zu letzterer Kritik gilt aber – für meinen Geschmack: alles halb so wild. Zum einen ist der Coop’sche Bau gar nicht so groß, wie er auf Illustrationen oft wirkt, und ist daher nicht so überdominant, wie es die Kritiken beschwören wollen.

Zum anderen ist die Lage tatsächlich sehr ungünstig für einen einladend gestalteten öffentlichen Platz: sie hat etwas von einem Reststück zwischen Straße und Wohnblock”riegel” zur Pragerstraße hin (auf den Abbildungen stellenweise im Hintergrund zu sehen. Zu diesem Wohnblock habe ich allerdings keine Informationen). Das extravagante Kino macht das Beste aus dieser ungünstigen Stelle, die sonst mehr eine “Hinterhof/Parkplatz”-Atmosphäre hätte, und verleiht ihr einen eigenen Charakter.  (Mehr hier).

Fundierter ist dagegen die Kritik, dass es stadtplanerisch unklug sei, einen Kinokomplex an einer Stelle zu konzentrieren – dies trifft erfahrungsgemäß und nicht nur für Dresden mit Sicherheit zu.

Zu einem weiteren Vorwurf, dass Ausführung des Baus eher mangelhaft sei (die Gestaltung des Innenraums sei für Nutzer unübersichtlich und erschwere die Orientierung, die Schallisolierung der Wänden zwischen den einzelnen Sälen unzureichend) kann ich nicht beurteilen. Einzuräumen ist jedoch auch, dass das gebaute UFA-Kino nur eine „Spar-Variante” des ursprünglichen Entwurfes gewesen ist, so die Architekten (DNN vom 12.01.05).


[1] Projektbeschreibung auf www.coophimmelblau.at.

[2] Prix, Wolf D., Architektur am Ende des 20. Jahrhunderts. Vortrag von Wolf D. Prix im Rathaus Wien. 1998, in: Prix, Wolf D., Coop Himmelblau: Get off of my cloud. Texte 1968 – 2005, hrsg. von Martina Kandeler-Fritsch und Thomas Kramer, Ostfildern-Ruit 2005,S. 202.

[3] Werner, Covering + Exposing. Die Architektur von Coop Himmelb(l)aus, Basel, Berlin, Boston, 2000, S. 53.

[4] Prix, Architektur am Ende, 2005, S. 202




Daniel Libeskind: Erweiterung des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr, Dresden

1 04 2009

Das Militärhistorische Museum der Bundeswehr, das Kontinuitäten und Brüche des Verhältnisses von Militär und Gesellschaft in Deutschland vom Mittelalter bis heute thematisiert, wird architektonisch und inhaltlich neugestaltet (mehr hier). Libeskinds Konzept sieht eine Keilspitze vor, die aus dem Haupttrakt der Anlage hervorragt: In der Form eines Keils hatten die britischen Bomberverbände im Februar 1945 die Altstadt Dresdens angeflogen. Die Keilspitze zeigt auf den Ort, an dem die ersten Bomben abgeworfen wurden.

Die Keilform nimmt nicht nur symbolisch Bezug auf die Bombardierung, sondern verweist auch auf die neue Konzeption der Ausstellung: Die chronologische Schau soll unter- und aufgebrochen werden durch den modernen Keil, der spezielle, epochenübergreifende Themen beinhalten soll. Ein Zitat aus der offiziellen Projektbeschreibung Libeskinds folgt unten.

Fertiggestellt soll das Militärhistorische Museum so aussehen:

Südfassade mit Libeskind-Neubau, Zeichnung: Büro Libeskind.

Südfassade mit Libeskind-Neubau, Zeichnung: Büro Libeskind.

Die Keilspitze wurde im September 2008 montiert (die Fertigstellung ist für 2010 geplant, statt wie ursprünglich 2008). Aktuell sieht es so aus (Stand Mitte März 2009):

© Fotos SK (ja, das Wetter war nicht ideal!)

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Die Stahlkonstruktion ist 30m hoch und ragt bis zu 20m heraus; sie besteht aus ca. 140t Stahl, wurde aus zwei Seiten zusammengesetzt und steht auf 6 Bohrpfählen mit je 13 m Länge.

Die Verkleidung durch gelochte Aluminiumpaneelen folgt.

Der Umbau soll bis 2010 fertiggestellt werden, 2013 soll eröffnet werden (laut Angaben auf der Seite des Architekten).

Zur Projektbeschreibung heißt es auf der offiziellen Website Libeskinds:

Daniel Libeskind designed the new extension by cutting a wedge through the structural order of the arsenal, giving the museum a place for reflection about organized violence. This wedge creats an objective view to the continuity of military conflicts and opens up vistas to central anthropological questioning.

The new extension gives a fundamental re-orientation to the existing building. It opens up the view to the historical center of Dresden. The wedge soars above the roof of the existing building, creating an image of modernization to the outside world and offering the opportunity to experience the opening to the city.

The new façade is being conceived against the background of the existing building, in response and contrast to it. The openness and transparency of the new façade stands against the opacity and solidity of the old façade. As one represents the severity of the authoritarian past in which it was built, the other reflects the openness of a democratic society and the changed role of its military. In the new elevation of the Museum both are visible at the same time and one through the other. This correlation corresponds to the juxtaposition of new and old in the building’s interior; the rigid column grid of the old Arsenal is contrasted with a new column of free space.  The interplay of both together forms the character of the new Military History Museum.

Militärhistorisches Museum der Bundeswehr
Olbrichtplatz 2
01099 Dresden




Coop Himmelb(l)au: Get off of my Cloud

11 11 2008

As I’m working on Coop Himmelb(l)au’s deconstructivist (or not) tendencies currently, I had to go through their “Get off of my Cloud”, too. With over 500 pages it is quite a tome!

By the way, I’m writing about the German edition.

Published in 2005 – in German -, it assembles selected texts by the Austrian Architects from 1968 (the year of their foundation) to 2005. Structured in 6 chapters, the book presents “Programmatic Texts” (these texts can hardly be missing in any publication of the Coop), “Selected Projects Texts” (Conceptual descriptions of some important projects, like Villa Rosa, Open House, Wien, Melun-Sénart), Speeches, Interveiws, Comments “About friends and foes” and “other texts”. Prefaces by Jeffery Kipnis and Christian Reder.

Particularly helpful and revealing are both speeches and interviews, even though they often repeat certain ideas and comments. As the pictures are in black-white and the volume is enormous – the pages can’t be easily turned over. Well, of course, turning them over is not the problem, but keeping them open while reading is. You know how it is with such a bulky tome). So I’d say – to watch the illustrations (it’s actually not that many illustrations), better choose other publications or the architects’ website, but for a collection of informative texts and a overview of 40 years of Coop Himmelb(l)au as well as a first approach to their theoretical thinking, the book is definitely worth its money.

Another “by the way”:

Get off of my cloud is the second international No.1 hit single by the Rolling Stones in 1965/66 – as Coop Himmelb(l)au not only have been avowed fans of the Stones and Rock’n'Roll since the 60s, but also have always included the ideas of clouds, sky, lightness, changeability, the title probably couldn’t have been chosen better.




Deconstructivist Architecture Exhibition at the MoMA 1988

16 02 2008

Das Wesentliche in aller Kürze:

1988 wurde im Museum of Modern Art New York eine Architektur-Ausstellung unter dem Titel “Deconstructivist Architecture” veranstaltet, kuratiert von Philip Johnson und Mark Wigley.

Gezeigt wurden 7 Architekten, die meisten von ihnen noch recht jung. Mittlerweile spielen alle 7 in der obersten Liga weltweit mit:

Zaha Hadid

Bernard Tschumi

Rem Koolhaas

Coop Himmelblau

Daniel Libeskind

Peter Eisenman

Frank O. Gehry

Seit besagter Ausstellung werden diese Architekten – salopp gesagt – in die “Schublade” Dekonstruktivismus einsortiert, eine Zuordnung, die eigentlich keiner von ihnen unterstützt. Hinzu kommt, dass die Dekonstruktion eigentlich ein Begriff ist, der aus der Philosophie stammt und einige Jahre zuvor von Jacques Derrida eingeführt wurde.

Problematisch dabei ist, auf welcher Grundlage also ein ursprünglich philosophischer Terminus in eine andere Disziplin übertragen werden kann:

Haben Kontakte bestanden zwischen Philosophie und Architektur? (Jein – bis auf Tschumi und Eisenman hat sich keiner der Architekten intensiv mit Derrida auseinander gesetzt. Aber keiner sagt jedoch “ich übertrage den philosophischen Begriff jetzt in die Architektur”.)

Hat der De-Konstruktivismus etwas mit dem modernen russischen Konstruktivismus zu tun? (auch hier wieder: jein)

Wird denn etwas “de” gemacht, wie die Vorsilbe nahe legt, also zerstört? (nein, gerade nicht. Alle Architekten entwerfen hoch-komplexe und konstruktiv höchst anspruchsvolle Bauten.)

Warum also die Bezeichnung Dekonstruktivismus in der Architektur?