“Die fundamentale Eigenschaft der Fotografie, das Anhalten der Zeit, hat für mich nichts von ihrer Faszination verloren.” Interview mit Johannes Twielemeier

21 08 2010

Es ist eine ungewöhnliche Verbindung künstlerischer Ausdrucksmittel, die Johannes Twielemeiers Arbeit prägt: Der gelernte Steinmetz arbeitet nicht nur mit Stein, sondern auch als Fotograf. Den Fotografen Twielemeier beschäftigen die Spuren, die von Menschen in Zeit und Raum hinterlassen werden, die Bruchstellen im urbanen Raum, die sich vor allem und immer wieder in architektonischen Zeugnissen aufspüren lassen.

Seine Fotoserien tragen Titel wie Krematorien, Orte ohne Wiederkehr oder Niemandsland und zeigen stille, meist menschenleere Szenen, die erst auf den zweiten Blick komplexe Zusammenhänge offenbaren. Sylvia Böhmer vergleicht Twielemeiers Arbeitsweise mit „der eines Archäologen oder Entdeckers auf fremdem Terrain, bemüht Spuren einstigen Lebens zu sichern, ohne diese Chiffren und Zeichen einem finalen Plan zu unterwerfen.“

Plakatsäule, Otzenrath, Jan. 2006

Plakatsäule, Otzenrath, Jan. 2006 (aus: Orte ohne Wiederkehr)

Für seine Serie Orte ohne Wiederkehr etwa hat der Künstler die Spuren einer enormen Umsiedlungsaktion mitten in Deutschland festgehalten: Seit 1984 wird das Braunkohletagebaugebiet Garzweiler zwischen Aachen und Düsseldorf erweitert. Bis zum Jahr 2040 wird auf einer Gesamtfläche von ca. 120 Quadratkilometern eines der größten Braunkohletagebaugebiete Europas entstehen – für das über 7500 Menschen in 13 Ortschaften umgesiedelt werden. Eine ganze Region wird in eine Geisterlandschaft aus leerstehenden Häusern und verwaisten Straßen verwandelt. Twielemeiers Fotografien, die von 2002 bis 2009 entstanden, zeigen Szenen dieser vom Verschwinden bedrohten Region.

Orte ohne Wiederkehr ist zur Zeit im Museum für Sepulkralkultur in Kassel zu sehen.

Johannes Twielemeier – Orte ohne Wiederkehr

Museum für Sepulkralkultur, Kassel

13. Mai – 5. September 2010

Abb.:  © Johannes Twielemeier

INTERVIEW

Johannes Twielemeier, Ihre Fotoserien heißen Krematorien, Orte ohne Wiederkehr, Niemandsland und kreisen um Themen wie Vergänglichkeit, Tod, Zerstörung, Leere – zumindest assoziiert man dies mit den Titeln. Was ist das besondere Interesse Ihrer Fotografien?

Eingang, Krematorium Aachen

Eingang, Krematorium Aachen (aus: Krematorien)

Seit Jahren interessieren mich Orte, die, aus verschiedenen Gründen, von ihren Bewohnern verlassen wurden. Mich interessieren die Spuren, die Menschen dabei zurücklassen und ich mag die Magie, die Räume dieser Art entfalten können. Mir gefällt diese nutzlose, verbrauchte Architektur, die, auf sich selbst zurückgeworfen, ein Eigenleben entwickelt.

Im Fall des Krematorium-Projekts fand ich es sehr spannend, einen Blick in Räume zu werfen, die normalerweise nicht ohne Weiteres zugänglich sind. Da musste ich auch viel Überzeugungsarbeit leisten, um zu meinen Bildern zu kommen und war am Ende sprachlos über die Beschaffenheit der Räume, die ich zu Gesicht bekommen hatte.

Diese Spuren zeigen sich in Ihren Fotografien vor allem auch als Spuren von architektonischen Elementen. Woher kommt dieser Fokus auf die Architektur?

Gaststätte (aus: Niemandsland )

Als Fotograf interessieren mich Gebäude / Bauwerke vor allem dann, wenn die Zeit nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen ist. Ich richte meinen Blick auch eher auf eine Architektur, bei der die Zweckmäßigkeit im Vordergrund steht und nicht die Ästhetik. Deshalb bin ich sehr gerne in Industriegebieten unterwegs, ich mag die Bruchstellen, die man hier finden kann, am Rand von großen oder kleinen Städten …

Wo und wie finden Sie Ihre Motive?

Ich bewege mich mit meinen fotografischen Arbeiten in der Dokumentarfotografie, aber ich hoffe doch, das meine Arbeiten über das rein Dokumentarische hinausgehen. Das große Thema, das sich seit Jahren durch meine Fotoarbeiten zieht, ist das unaufhaltsame Fließen der Zeit und das war schon in meinen allerersten Fotografien so. Das hat sich natürlich im Lauf der Jahre um andere Aspekte erweitert, aber die fundamentale Eigenschaft der Fotografie, das Anhalten der Zeit, hat für mich nichts von ihrer Faszination verloren.

Fenster, Inden, Aug. 2002

Fenster, Inden, Aug. 2002 (aus: Orte ohne Wiederkehr)

Als ich vor Jahren mit dem Thema Krematorien in Deutschland begonnen habe, hat mich die Banalität und Zweckmäßigkeit dieser Räume angeregt, mich näher damit zu befassen, aber eigentlich bin ich in das erste Krematorium gefahren, um für meine Examensarbeit, eine Urne aus Stein, zu recherchieren, und daraus hat sich dann das Fotoprojekt entwickelt. Das Orte ohne Wiederkehr-Thema liegt fast vor meiner Haustür im Rheinland, auch deshalb konnte ich über einen Zeitraum von sieben Jahren immer wieder dort arbeiten.

Zur Zeit recherchiere ich für ein neues Projekt in Italien, darauf bin ich durch einen Beitrag im Radio aufmerksam geworden. So wie es aussieht, werde ich dieses Projekt mit einer selbstgebauten Camera obscura fotografieren, darauf freue ich mich besonders – back to the roots, sozusagen. Aber es gibt immer auch noch Tage, da nehme ich mir eine Kamera und flaniere ziellos durch eine Stadt oder einen Ort, an dem ich zufällig gerade bin, und lasse mich treiben, und wenn ich viel Glück habe, dann finden mich auch meine Motive, ohne dass ich nach ihnen suchen muss.

Vielleicht wollen Sie die ein oder andere Arbeit näher vorstellen?

Da würde ich sehr gerne zwei Foto-Projekte vorstellen:

Garten, Spenrath, Mai 2006

Garten, Spenrath, Mai 2006 (aus: Orte ohne Wiederkehr)

Zum einen meine aktuelle Orte ohne Wiederkehr-Serie, an der ich von 2002 bis 2009 gearbeitet habe und die gerade im Museum für Sepulkralkultur in Kassel gezeigt wird. Ich habe zum ersten Mal über einen so langen Zeitraum an einer Sache gearbeitet, aber die ganze Dimension dieser Abriss- und Umsiedlungsaktion im Braunkohletagebau Garzweiler ist ja auch immens: Ende der 1980er Jahre wurde damit begonnen und in ca. 15 Jahren werden 13 Ortschaften in einer dann über 120 Quadratkilometer großen Braunkohlegrube für immer verschwunden sein. Fast 8.000 Bewohner verlieren Haus und Hof und werden „umgesiedelt“, was ein sehr harmloses Wort für den totalen Verlust ihrer Heimat ist. Ich habe mich irgendwann auf eine absurde Art „zu Hause“ gefühlt in dieser Geisterlandschaft aus verlassenen Häusern und verwaisten Straßen und habe mich regelrecht an den Themen, die mich ja seit Jahren fotografisch interessieren, abgearbeitet. Das hat aber auch dazu geführt, das ich nach der Beendigung dieses Projektes das Gefühl hatte, mit dieser Art der Fotografie erst mal an einem Endpunkt angekommen zu sein. Das haben mir jetzt auch die Vorbereitungen zu der Ausstellung bestätigt. Allerdings fühle ich mich in dem Museum für Sepulkralkultur in Kassel sehr gut aufgehoben mit meiner Arbeit. Neben den Fotografien zeige ich auch eine Steinarbeit, die parallel zu den Fotos entstanden ist. Ein Museum, in dem alles zum Thema Tod und Sterben gesammelt wird ist ja kein schlechter Platz für eine Fotoausstellung über eine verschwindende Landschaft, oder ?

Brooklyn, 19.09.1999

Brooklyn, 19.09.1999 (aus: New York City)

Dann würde ich gerne noch ein paar Worte zu meinem New York City-Serie sagen, die ist zwar schon vor 10 Jahren entstanden und war meine letzte Arbeit in s/w. Ich glaube, es gibt kaum eine Stadt, die so „durchfotografiert“ ist wie New York. Als ich 1999 für drei Wochen dort war, habe ich natürlich auch all die Bilder von den Hochhausschluchten und dem hektischen Gewimmel der Menschen in meinem Kopf gehabt. Da ich keine Lust hatte, solche Bilder zu machen, bin ich fast nur in den Nebenstraßen und Hinterhöfen der touristisch eher nicht so besuchten Stadteile Queens, Brooklyn und Coney Island unterwegs gewesen. Meine einzige Kamera war eine auf einem Flohmarkt für 40$ gekaufte Kleinbildsucherkamera aus den 70er Jahren. Ich bin morgens aufgestanden und habe mich getreu dem Motto „Be open to what the streets may deliver“ treiben lassen und ein New York entdeckt, in dem es kaum ein Hochhaus und fast keine Menschen gibt. Das Zitat stammt übrigens aus dem wundervollen Bildband „End Time City“ von Michael Ackerman, das ich damals in NY gekauft habe.

Sie haben es schon ein paar Mal angesprochen: Sie sind von Haus aus Steinmetz, arbeiten aber auch als Fotograf. Das ist eine eher unübliche Verbindung. Wie kommt es dazu? Warum die Entscheidung für die Kunst?

Postkarte

Die Totenstadt, Anröchter Dolomit, 90 cm | 45 cm | 50 cm

Ich habe Mitte der 80er Jahre eine Ausbildung zum Steinmetz absolviert und danach einige Jahre als Steinmetz gearbeitet. Obwohl meine Lehrzeit nicht so besonders war, gab es doch auch Momente, in denen ich gespürt habe: Das ist es! Dabei hat mich schon damals das Thema Grabmal besonders interessiert, aber vor allem deshalb, weil mir die absolute Einfallslosigkeit und Öde auf den meisten Friedhöfen, die ich zu Gesicht bekommen habe, doch sehr verwundert hat. Wohin man auch schaute, gab es nur die immer gleichen inhaltslosen und sinnlosen Formen, zu einem großen Teil aus industrieller Fertigung, da hat der Steinmetz dann noch den Namen graviert und, wenn´s hoch kam, vielleicht noch ein Ornament. Dabei bietet ein Grabmal, wenn man es richtig zu Ende denkt, die Chance, etwas über die Person auszusagen, für die es gemacht worden ist. Dass sich dafür allerdings die wenigsten Steinmetzen interessiert haben, hat mich damals wie heute verwundert.

Ich habe dann durch Zufall von der Akademie für gestaltende Handwerke in Aachen erfahren und dort von 1994 bis 1997 ein Studium absolviert. Dabei war es nicht primär mein Ziel, die Steinmetzarbeit hinter mir zu lassen, um mich der Bildhauerei zuzuwenden, sondern ich wollte vor allem das Thema Grabmal in all seinen Möglichkeiten ausloten. Denn meine Vorstellung war, dass ich nach dem Studium eine kleine Werkstatt gründen wollte, die sich auf ganz besondere Grabzeichen spezialisiert. Nach einigen Umwegen ist das mittlerweile auch der Fall und seit 4 Jahren unterrichte ich als Dozent an dieser Akademie das Fach Plastisches Gestalten und seit diesem Jahr auch noch Fotografie. Ich bin 2 Tage in der Akademie beschäftigt und der Rest der Zeit verteilt sich auf meine Fotoprojekte und die Arbeit in meiner Werkstatt.

Wie unterscheidet sich die Steinmetzarbeit von der Bildhauerkunst?

In der Regel stellt sich mir die Frage nach Steinmetzarbeit oder Bildhauerkunst überhaupt nicht, da ich immer auf einen konkreten Anlass hin tätig werde – und das ist in den meisten Fällen der Entwurf und die anschließende Anfertigung für ein Grabzeichen, das sich jemand für einen Verstorbenen wünscht. Es kommt natürlich vor, dass Menschen diese Arbeiten dann als Kunst bezeichnen, weil eben manchmal auch Dinge mitschwingen, die weit über das hinausgehen, was man üblicherweise mit einem Grabmal verbindet.

Beeinflussen sich die beiden Arbeitsweisen, Steinmetzarbeit und Fotografie, gegenseitig oder sind es zwei ganz unterschiedliche Bereiche?

Skulptur 2 Versailles, Februar 2010

Skulptur 2 Versailles, Februar 2010

Es gibt schon wechselseitige Einflüsse. Ich arbeite zum Beispiel gerade an einem Ornament für eine Stele, für die die Pflanzenfotografien von Karl Blossfeldt die Initialzündung waren. Vor einigen Jahren habe ich ein Fotoprojekt über diese kleinen Porträts von Verstorbenen gemacht, die besonders im Süden oder in Frankreich und Belgien auf Grabmälern zu finden sind. In der Regel sind das bedruckte Porzellantafeln, und wenn die einige Jahrzehnte der Witterung ausgesetzt waren, werden sie selber zum Memento Mori. Im vergangenen Winter habe ich in den Gärten von Schloss Versailles fotografiert. Ich hatte erfahren, das dort alle Marmorskulpturen der Witterung wegen von Planen verhüllt werden und das fand ich sehr reizvoll.

Vor zwei Jahren habe ich Fotografien über die Lehmhochhäuser im Jemen gesehen und die haben dann anschließend zu einer Umsetzung in Stein geführt.

Wer oder was beeinflusst Ihre Arbeit? Gibt es Vorbilder?

Es gab und gibt natürlich Künstler, die meine Arbeit auf die ein oder andere Art beeinflusst haben. Aber es kann auch ein Buch, ein Film oder Musik sein. Wenn ich Namen nennen müsste, dann sicher zuerst Walker Evans, Stephen Shore, Lewis Baltz und Robert Adams, deren Arbeiten faszinieren mich seit Jahren. Aber vor rund 25 Jahren war es Robert Franks Buch „Die Amerikaner“ das mich dazu brachte, mich näher mit der Fotografie zu befassen. Vor einiger Zeit habe ich Joachim Brohm für mich entdeckt, seine Fotografien finde ich sehr spannend.

In der Bildhauerei schätze ich die Arbeiten von Karl Prantl und Ulrich Rückriem.

Was ist Ihrer Meinung nach charakteristisch für Ihre Arbeiten?

Für meine Steinarbeiten ganz sicher die reduzierte und klare Formensprache, ich übe mich seit Jahren in der Kunst des Weglassens. In meiner Fotografie ist es die fast immer zurückgenommene Farbigkeit in Verbindung mit einem präzisen und durchdachten Bildaufbau Teil meines Bildprogramms.

Johannes Twielemeier, herzlichen Dank für das Interview!

[ [ VORSPANN_TEXT ] ]

- Krematoriumprojekt

- Ausbildung Steinmetz

Ihre Fotoserien heißen Krematorien, Orte ohne Wiederkehr, Niemandsland und kreisen um Themen wie Vergänglichkeit, Tod, Zerstörung, Leere – zumindest assoziiert man dies mit den Titeln. Was ist das besondere Interesse Ihrer Fotografien?

Seit Jahren interessieren mich Orte, die, aus verschiedenen Gründen, von ihren Bewohnern verlassen wurden. Mich interessieren die Spuren, die Menschen dabei zurücklassen und ich mag die Magie, die Räume dieser Art entfalten können. Mir gefällt diese nutzlose, verbrauchte Architektur, die, auf sich selbst zurückgeworfen, ein Eigenleben entwickelt.

Im Fall des Krematorium-Projekts fand ich es sehr spannend, einen Blick in Räume zu werfen, die normalerweise nicht ohne Weiteres zugänglich sind. Da musste ich auch viel Überzeugungsarbeit leisten, um zu meinen Bildern zu kommen und war am Ende sprachlos über die Beschaffenheit der Räume, die ich zu Gesicht bekommen hatte.

Diese Spuren zeigen sich in Ihren Fotografien vor allem auch als Spuren von architektonischen Elementen. Woher kommt dieser Fokus auf die Architektur?

Ich denke, dass da der Grundstein in meiner Steinmetz-Ausbildung liegt, denn damit stehe ich ja sozusagen in der Tradition der Baumeister aus dem Mittelalter. Leider sind die Steinmetzen in der heutigen Baukultur höchstens noch damit befasst, Platten vor eine Betonfassade zu hängen, wenn wir den Bereich Restaurierung mal ausnehmen. Als Fotograf interessieren mich eher Gebäude und Bauwerke, an denen der Zahn der Zeit nicht spurlos vorübergegangen ist. In der Regel auch eine Architektur, die auf Zweckmäßigkeit ausgelegt ist. Deshalb bin ich auch gerne am Rand von großen oder kleinen Städten unterwegs, im urbanen Niemandsland, da gibt es immer etwas zu entdecken. Ich mag die Bruchstellen, die man hier finden kann.

Wo und wie finden Sie Ihre Motive?

Ich bewege mich mit meinen fotografischen Arbeiten in der Dokumentarfotografie, aber ich hoffe doch, das meine Arbeiten über das rein Dokumentarische hinausgehen. Das große Thema, das sich seit Jahren durch meine Fotoarbeiten zieht, ist das unaufhaltsame Fließen der Zeit und das war schon in meinen allerersten Fotografien so. Das hat sich natürlich im Lauf der Jahre um andere Aspekte erweitert, aber die fundamentale Eigenschaft der Fotografie, das Anhalten der Zeit, hat für mich nichts von ihrer Faszination verloren.

Als ich vor Jahren mit dem Thema Krematorien in Deutschland begonnen habe, hat mich die Banalität und Zweckmäßigkeit dieser Räume angeregt, mich näher damit zu befassen, aber eigentlich bin ich in das erste Krematorium gefahren, um für meine Examensarbeit, eine Urne aus Stein, zu recherchieren, und daraus hat sich dann das Fotoprojekt entwickelt. Das Orte ohne Wiederkehr-Thema liegt fast vor meiner Haustür im Rheinland, auch deshalb konnte ich über einen Zeitraum von sieben Jahren immer wieder dort arbeiten.

Zur Zeit recherchiere ich für ein neues Projekt in Italien, darauf bin ich durch einen Beitrag im Radio aufmerksam geworden. So wie es aussieht, werde ich dieses Projekt mit einer selbstgebauten Camera obscura fotografieren, darauf freue ich mich besonders – back to the roots, sozusagen. Aber es gibt immer auch noch Tage, da nehme ich mir eine Kamera und flaniere ziellos durch eine Stadt oder einen Ort, an dem ich zufällig gerade bin, und lasse mich treiben, und wenn ich viel Glück habe, dann finden mich auch meine Motive, ohne dass ich nach ihnen suchen muss.

Vielleicht wollen Sie die ein oder andere Arbeit näher vorstellen?

Da würde ich sehr gerne zwei Foto-Projekte vorstellen:

Zum einen meine aktuelle Orte ohne Wiederkehr-Serie, an der ich von 2002 bis 2009 gearbeitet habe und die gerade im Museum für Sepulkralkultur in Kassel gezeigt wird (LINK IM VORSPANNTEXT). Ich habe zum ersten Mal über einen so langen Zeitraum an einer Sache gearbeitet, aber die ganze Dimension dieser Abriss- und Umsiedlungsaktion im Braunkohletagebau Garzweiler ist ja auch immens: Ende der 1980er Jahre wurde damit begonnen und in ca. 15 Jahren werden 13 Ortschaften in einer dann über 120 Quadratkilometer großen Braunkohlegrube für immer verschwunden sein. Fast 8.000 Bewohner verlieren Haus und Hof und werden „umgesiedelt“, was ein sehr harmloses Wort für den totalen Verlust ihrer Heimat ist. Ich habe mich irgendwann auf eine absurde Art „zu Hause“ gefühlt in dieser Geisterlandschaft aus verlassenen Häusern und verwaisten Straßen und habe mich regelrecht an den Themen, die mich ja seit Jahren fotografisch interessieren, abgearbeitet. Das hat aber auch dazu geführt, das ich nach der Beendigung dieses Projektes das Gefühl hatte, mit dieser Art der Fotografie erst mal an einem Endpunkt angekommen zu sein. Das haben mir jetzt auch die Vorbereitungen zu der Ausstellung bestätigt. Allerdings fühle ich mich in dem Museum für Sepulkralkultur in Kassel sehr gut aufgehoben mit meiner Arbeit. Neben den Fotografien zeige ich auch eine Steinarbeit, die parallel zu den Fotos entstanden ist. Ein Museum, in dem alles zum Thema Tod und Sterben gesammelt wird ist ja kein schlechter Platz für eine Fotoausstellung über eine verschwindende Landschaft, oder ?

Dann würde ich gerne noch ein paar Worte zu meinem New York City-Serie sagen, die ist zwar schon vor 10 Jahren entstanden und war meine letzte Arbeit in s/w. Ich glaube, es gibt kaum eine Stadt, die so „durchfotografiert“ ist wie New York. Als ich 1999 für drei Wochen dort war, habe ich natürlich auch all die Bilder von den Hochhausschluchten und dem hektischen Gewimmel der Menschen in meinem Kopf gehabt. Da ich keine Lust hatte, solche Bilder zu machen, bin ich fast nur in den Nebenstraßen und Hinterhöfen der touristisch eher nicht so besuchten Stadteile Queens, Brooklyn und Coney Island unterwegs gewesen. Meine einzige Kamera war eine auf einem Flohmarkt für 40$ gekaufte Kleinbildsucherkamera aus den 70er Jahren. Ich bin morgens aufgestanden und habe mich getreu dem Motto „Be open to what the streets may deliver“ treiben lassen und ein New York entdeckt, in dem es kaum ein Hochhaus und fast keine Menschen gibt. Das Zitat stammt übrigens aus dem wundervollen Bildband „End Time City“ von Michael Ackerman, das ich damals in NY gekauft habe.

Sie haben es schon ein paar Mal angesprochen: Sie sind von Haus aus Steinmetz, arbeiten aber auch als Fotograf. Das ist eine eher unübliche Verbindung. Wie kommt es dazu? Warum die Entscheidung für die Kunst?

[[hier wird ein Teil in die Einleitung miteinfließen und daher an dieser Stelle wegfallen]]

Ich habe Mitte der 80er Jahre eine Ausbildung zum Steinmetz absolviert und danach einige Jahre als Steinmetz gearbeitet. Obwohl meine Lehrzeit nicht so besonders war, gab es doch auch Momente, in denen ich gespürt habe: Das ist es! Dabei hat mich schon damals das Thema Grabmal besonders interessiert, aber vor allem deshalb, weil mir die absolute Einfallslosigkeit und Öde auf den meisten Friedhöfen, die ich zu Gesicht bekommen habe, doch sehr verwundert hat. Wohin man auch schaute, gab es nur die immer gleichen inhaltslosen und sinnlosen Formen, zu einem großen Teil aus industrieller Fertigung, da hat der Steinmetz dann noch den Namen graviert und, wenn´s hoch kam, vielleicht noch ein Ornament. Dabei bietet ein Grabmal, wenn man es richtig zu Ende denkt, die Chance, etwas über die Person auszusagen, für die es gemacht worden ist. Dass sich dafür allerdings die wenigsten Steinmetzen interessiert haben, hat mich damals wie heute verwundert.

Ich habe dann durch Zufall von der Akademie für gestaltende Handwerke in Aachen erfahren und dort von 1994 bis 1997 ein Studium absolviert. Dabei war es nicht primär mein Ziel, die Steinmetzarbeit hinter mir zu lassen, um mich der Bildhauerei zuzuwenden, sondern ich wollte vor allem das Thema Grabmal in all seinen Möglichkeiten ausloten. Denn meine Vorstellung war, dass ich nach dem Studium eine kleine Werkstatt gründen wollte, die sich auf ganz besondere Grabzeichen spezialisiert. Nach einigen Umwegen ist das mittlerweile auch der Fall und seit 4 Jahren unterrichte ich als Dozent an dieser Akademie das Fach Plastisches Gestalten und seit diesem Jahr auch noch Fotografie. Ich bin 2 Tage in der Akademie beschäftigt und der Rest der Zeit verteilt sich auf meine Fotoprojekte und die Arbeit in meiner Werkstatt.

Wie unterscheidet sich die Steinmetzarbeit von der Bildhauerkunst?

In der Regel stellt sich mir die Frage nach Steinmetzarbeit oder Bildhauerkunst überhaupt nicht, da ich immer auf einen konkreten Anlass hin tätig werde – und das ist in den meisten Fällen der Entwurf und die anschließende Anfertigung für ein Grabzeichen, das sich jemand für einen Verstorbenen wünscht. Es kommt natürlich vor, dass Menschen diese Arbeiten dann als Kunst bezeichnen, weil eben manchmal auch Dinge mitschwingen, die weit über das hinausgehen, was man üblicherweise mit einem Grabmal verbindet.

Beeinflussen sich die beiden Arbeitsweisen, Steinmetzarbeit und Fotografie, gegenseitig oder sind es zwei ganz unterschiedliche Bereiche?

Es gibt schon wechselseitige Einflüsse. Ich arbeite zum Beispiel gerade an einem Ornament für eine Stele, für die die Pflanzenfotografien von Karl Blossfeldt die Initialzündung waren. Vor einigen Jahren habe ich ein Fotoprojekt über diese kleinen Porträts von Verstorbenen gemacht, die besonders im Süden oder in Frankreich und Belgien auf Grabmälern zu finden sind. In der Regel sind das bedruckte Porzellantafeln, und wenn die einige Jahrzehnte der Witterung ausgesetzt waren, werden sie selber zum Memento Mori. Im vergangenen Winter habe ich in den Gärten von Schloss Versailles fotografiert. Ich hatte erfahren, das dort alle Marmorskulpturen der Witterung wegen von Planen verhüllt werden und das fand ich sehr reizvoll.

Vor zwei Jahren habe ich Fotografien über die Lehmhochhäuser im Jemen gesehen und die haben dann anschließend zu einer Umsetzung in Stein geführt.

Wer oder was beeinflusst Ihre Arbeit? Gibt es Vorbilder?

Es gab und gibt natürlich Künstler, die meine Arbeit auf die ein oder andere Art beeinflusst haben. Aber es kann auch ein Buch, ein Film oder Musik sein. Wenn ich Namen nennen müsste, dann sicher zuerst Walker Evans, Stephen Shore, Lewis Baltz und Robert Adams, deren Arbeiten faszinieren mich seit Jahren. Aber vor rund 25 Jahren war es Robert Franks Buch „Die Amerikaner“ das mich dazu brachte, mich näher mit der Fotografie zu befassen. Vor einiger Zeit habe ich Joachim Brohm für mich entdeckt, seine Fotografien finde ich sehr spannend.

In der Bildhauerei schätze ich die Arbeiten von Karl Prantl und Ulrich Rückriem.

Was ist Ihrer Meinung nach charakteristisch für Ihre Arbeiten?

Für meine Steinarbeiten ganz sicher die reduzierte und klare Formensprache, ich übe mich seit Jahren in der Kunst des Weglassens. In meiner Fotografie ist es die fast immer zurückgenommene Farbigkeit in Verbindung mit einem präzisen und durchdachten Bildaufbau Teil meines Bildprogramms.




“Mit Ästhetik fängt alles an.” Interview mit Hans Martin Sewcz

29 06 2010

Es ist die Beschäftigung mit der Alltagskultur und dem alltäglichen Lebensgefühl, das sich wie ein roter Faden durch das vielfältige Werk des Fotografen und Konzeptkünstlers Hans Martin Sewcz zieht. In den 1970er Jahren, noch als Student an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, dokumentierte er mit der Kamera das Leben auf den Straßen in Leipzig und Ostberlin und porträtierte vor allem Jugendliche und Künstler in der Tradition der Porträtfotografie von August Sander bis Diane Arbus. Immer interessier(t)en ihn dabei die psychologisch wesentlichen Momente eines Augenblicks, den einzufangen er sich bemüht  – ähnlich in seinem Vorgehen etwa H. Cartier Bresson, der über seine Arbeit sagt: „Das Handwerk hängt stark von den Beziehungen ab, die man mit den Menschen herstellen kann. Ein Wort kann alles verderben, alle verkrampfen und machen dicht.“ (Quelle Zitat)

Juni 1990. Berlin. Marzahn. HO-Kaufhalle mit DDR-Produkten. Salz

Juni 1990. Berlin. Marzahn. HO-Kaufhalle mit DDR-Produkten. Salz

In den 1980ern widmete sich Sewcz der DDR-Produktkultur, die er zunächst etwa in den kargen Schaufensterauslagen fotografisch festhielt und schließlich auch in Form ihrer Produkte und deren Verpackungen selbst sammelte. Diese Sammlung von industriellem Produktdesign, die mittlerweile ein ganzes Lager füllt und durch den Lauf der Geschichte damit auch historisch besonderen Wert hat, integriert er in Installationen und skulpturalen Werken. Durch die Transferierung in einen neuen Zusammenhang werden die alltäglichen Objekte künstlerisch aufgewertet, erhalten zu ihrer kulturellen Aussage auch einen neuen ästhetischen Wert. Sewcz arbeitet häufig mit vorgefundenen Objekten, die er in Anlehnung an Marcel Duchamp „ready founds“ nennt. Im Gegensatz zu dem französischen Modernen jedoch geht Sewcz noch einen Schritt weiter: Er arrangiert und inszeniert die gefundenen Objekte präzise in ihrem Umraum, der dadurch ästhetischer Teil des Werks wird, so etwa fügen sich in der Installation „Industrial Vegetation“ Schaufelköpfe zu organisch wirkenden, pflanzenartigen Stelen.

H. M. Sewcz mit seiner Installation INDUSTRIAL VEGETATION, 2007, Foto: Klaus Rudolf

H. M. Sewcz mit seiner Installation INDUSTRIAL VEGETATION, 2007, Foto: Klaus Rudolf

Nach wie vor arbeitet der Künstler, dessen Arbeiten in zahlreichen öffentlichen Sammlungen vertreten sind -  etwa im Deutschen Historischen Museum in Berlin, in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, der Staatsgalerie Stuttgart und dem Designmuseum London -,  aber auch mit der Kamera. So hat er im Zuge der deutsch-deutschen „Wiedervereinigung“ die Bruchstellen der Wende festgehalten, wie sie sich in den Veränderungen im Berliner Stadtbild widerspiegeln. Seit den 1990ern hält er zudem die Gegenwart und das Lebensgefühl im wiedervereinigten Berlin nicht nur mit dem Fotoapparat, sondern auch filmisch fest: Straßenszenen, Techno-Paraden,  (Künstler-)Porträts, ready founds, Autobiografisches, … – der Künstler findet seine Motive überall und setzt sich mit Vielfalt des Alltags auseinander.

Palast der Republik

Palast der Republik 1993

Auch die Auseinandersetzung mit der Architektur spielt eine bedeutende Rolle im Schaffen von Sewcz, hat jedoch bislang noch nicht viel öffentliche Aufmerksamkeit erhalten. Er begegnet den Bauwerken wie Persönlichkeiten, die er fotografisch porträtiert und sie in ihrem besonderen Wesen einzufangen sucht.

Desweiteren erarbeitet er auch unterschiedliche Installationen und realisiert Kunst-am-Bau-Projekte, wobei sein architektonischer Bezug Anwendung findet. Sewcz sieht sich somit einerseits als wahrnehmender, andererseits als “ideengebärender” (Konzept-)Künstler.

Aktuell sind Sewcz’ Arbeiten gemeinsam mit Gemälden von Stefan Hoenerloh in der Ausstellung “Schöne Stadt – Urban Cliches” in der Berliner Galerie M zu sehen (4.7.-17.9.2010).

In einem Interview mit deconarch.com erklärt Hans Martin Sewcz, wie er Gebäude porträtiert, was ihn an der Architektur moderner und postmoderner Bauten interessiert und welche Möglichkeiten ihm die künstlerische Auseinandersetzung mit seiner Umwelt bietet.

Abb.:  © Hans Martin Sewcz

INTERVIEW

Ein paar Worte zu Ihrem Werdegang: Sie haben Ihre künstlerische Arbeit mit Fotografie begonnen und arbeiten nach wie vor viel mit der Kamera. Warum Fotografie? Welche Möglichkeiten eröffnet sie Ihnen?

H. M. Sewcz: Sammelleidenschaft ist ein wichtiges Motiv, Ereignisse und Situationen festzuhalten. Sobald das Abgebildete nicht mehr existiert, entfaltet sich dessen besondere Geltung.

DDR_Design, Vollformat

DDR-Design 1986

Das Faszinierende am Medium Fotografie ist darüber hinaus, mit der technischen Aufnahme der realen Außenwelt die eigene innere Welt darstellen zu können, subjektives Empfinden einfließen zu lassen.

Bei der Wiedergabe von Objekten des Alltags ergibt sich für mich die spannende Frage, ob das Original oder deren Abbildung mehr Kraft, mehr Berechtigung haben. Deshalb sicherte ich z.B. DDR-Produkt-Verpackungen im Original, statt sie zu fotografieren, hielt sie aber in Zusammenhängen des täglichen Lebens fotografisch fest.

Neben der Auseinandersetzung mit der ganz alltäglichen Konsumkultur der letzten 30 Jahre bilden auch die Architektur sowie urbane Strukturen einen ganz besonderen Schwerpunkt Ihrer Arbeit. Ihre Architekturfotografien haben bislang jedoch noch nicht so viel öffentliche Aufmerksamkeit erfahren. Was interessiert Sie an der Architektur besonders? Gibt es eine Bauphase, die Sie besonders reizt?

Besonders interessiert mich die Architektur der Moderne in ihrem visionären Schwung, in ihrer Leichtigkeit und Eleganz, die die Aufschwung-Stimmung der Nachkriegszeit mit sich brachte. Gegenwärtig gibt es viele Tendenzen parallel nebeneinander, so auch in Richtung Kaiserzeit-Mentalität, vor allem in Berlin.

Kaiserzeit-Mentalität, hier spielen Sie sicher auch auf die geplante „Neo“-Fassade des Berliner Stadtschlosses an. Ohne auf dieses Streitthema näher einzugehen – der Diskussion darüber könnte man sicher mehr als ein Gespräch widmen –: Gemeinhin werden historische Fassaden und klassische Bauten als schöner empfunden denn moderne und postmoderne Nachkriegsbauten. Diese werden eher wenig beachtet und wenn, dann meist als hässlich bezeichnet. Sie dagegen sprechen vom besonderen Schwung, von Leichtigkeit und Eleganz dieser Bauten, den Sie in Ihren Aufnahmen einzufangen suchen. Können Sie das näher erläutern?

“Das Luftschloss” Berlin 1993

Das geplante Stadtschloss soll das der Kaiserzeit nach außen imitieren. Ich spiele mehr auf steinerne Fassaden in Blockstruktur und Traufhöhe auf dem Grundriss des 19. Jahrhunderts an, gerade dort, wo nach der Maueröffnung Stadträume mit großen Chancen für hervorragende Architektur eng verbaut wurden.

Die Frage nach hässlichen Gebäuden wird von verschiedenen Menschen aus jeweils andersartiger Sicht, oft gegensätzlich beantwortet. Im vergangenem Jahr wurde im Berliner „Tagesspiegel“ der Abriss der sogenannten „Westberliner Bausünden“ gefordert, Wahrheitszeichen wie dem Internationalen Congress-Centrum, kurz ICC, das bei Architekturinterssierten weltweit höchsten Kultstatus hat. Ich leide eher darunter, wenn Architekturdenkmäler der Moderne verunstaltet und vernichtet werden, um plumpem ästhetischen Analphabetismus Platz zu schaffen – ob in Ost oder West, spielt dabei keine Rolle. Meine Affinität zur Architektur der Moderne ist nicht rückwärtsgewandt.

So fasst Patrik Schuhmacher, Partner im Büro Zaha Hadid Architects, die Baustile  gleich folgendermaßen zusammen: Renaissance, Barock, Moderne, Parametrismus (die jüngere Avantgarde-Architektur,in der alles in Beziehung zueinander steht). Den Klassizismus und die Postmoderne zählt er nicht mit auf.

Sie sprechen davon, dass Sie in Ihren Architekturaufnahmen die Gebäude „porträtieren“ . Wie kann man sich das vorstellen?

Weil ich eine emotionale Beziehung zur Architektur habe, „porträtiere“ ich sie eher als „Persönlichkeit“, die einen mit den Menschen äquivalenten Lebensablauf haben.

Architektur-Persönlichkeiten haben ein Wesen, strahlen Psychologie aus, die ich aus einem charakterisierenden Blickwinkel einfange. Die Einmaligkeit aller Bedingungen, auch meiner eigenen Befindlichkeit, machen das Bild unwiederholbar.

Wie finden Sie Ihre Themen und Motive?

Das Motiv fesselt mich intuitiv. Ich werde in einer alltäglichen Situation spontan „angehalten“ und von einem Ausschnitt „angesprochen“, den ich mit der Kamera festhalte. Mein Thema reift mit der Auseinandersetzung über eine lange (Lebens-)Zeit.

Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihren Arbeiten?

Alexanderplatz

Alexanderplatz

Es geht darum, die Existenz in erweiternden Kontexten wahrzunehmen, um Erkenntnis auf verschiedenen Ebenen, die das Bewusstsein reifen lassen. Im Konkreten fotografiere ich Architektur, um deren vergessene Schönheit wieder erlebbar zu machen, der Abrissbirne entgegenzutreten oder deren Andenken zu bewahren.

Wer und/oder was beeinflusst Ihre Arbeit? Gibt es Vorbilder?

Marcel Duchamp und Andy Warhol haben mich am meisten beeinflusst; beide teilen sich über das Objekt, das Produkt mit. Marcel Duchamps erklärtes Ziel war es, Werke jenseits der Kunst zu schaffen, die allein Ausdruck des Intellektes sind und alle Ästhetik, die sich im Sinnlich-Manuellen manifestiert, wegzulassen. Darauf bezugnehmend arbeite ich an meinem Zyklus „Ready Found“. Andy Warhol, der das alltägliche Produkt zum Kunstwerk erklärte, regte mich  zu dessen Arrangement und Überhöhung an, den Umraum ins Kunstwerk einbeziehend.

Ich lasse mich von wechselnden Künstlern inspirieren, deren Einfluss nicht direkt  in meinen Arbeiten sichtbar wird, aber die Energie, die Art und Weise meines Sehens steuert.

Gegenwärtig bin ich besonders von Günter Fruhtrunk beeindruckt, der in den 70er Jahren  den Vorraum das UN-Sicherheitsrats mit seiner resoluten Streifen-Ästhetik als Geschenk vom modernen Deutschland überzog und die Plastiktüte für Aldi Nord entwarf. Zu seinem Werk schrieb Florian Illies im  vergangenen Jahr in der Zeitschrift „Monopol“: „Hinter der Strenge lodert das Feuer.“ Das beschreibt prägnant, was ich beim Aufspühren  der Architektur der Moderne fühle.

Was ist Ihrer Meinung nach charakteristisch für Ihre Arbeiten?

Diese Frage ist vom Künstler selbst schwer zu beantworten, das überlasse ich besser den Rezipienten!

Wollen Sie es trotzdem versuchen? Ein paar Stichworte?

Der Grat zwischen Dokument und künstlerischer Intention.

Gestaltungswillen. Komponierendes Sehen. Klarheit.

Eleganz als Verhältnis aus Spannung und Harmonie.

Meine Bilder entstehen entweder in schwärmerischen Einvernehmen zum Abgebildeten oder gegenteilig im Aufzeigen meiner Abneigung zu etwas bis hin zur Satire: Das anachronistische Design der DDR-Waren in den Schaufenstern der 80er Jahre hielt ich damals mit „Andy Warhol im Kopf“ fest. Zusammen mit dieser Motivwelt des „normalen“ Alltags, damals keiner Aufmerksamkeit würdig, verabschiedete sich eine Gesellschafts-ordnung gänzlich. So empfinde ich mich als Seismograf gesellschaftlicher Entwicklungen aus einem ästhetischen  Blickwinkel:  Mit Ästhetik fängt alles an.

Eine allgemeine Frage zum Abschluss: Welche Bedeutung hat Architektur, gebaute Umwelt für uns?

ICC 2003

ICC, 2003

Architektur kann mir Wohlgefühl bis zu beschwingter Freude schenken oder Unwohlgefühl, Beengtsein bis zur Bedrohung auslösen – ein Ärgernis sein. Ich erfreue mich oft einfach an spannenden Proportionen und schwungvollen Linien, vor allem der Gebäude der 50er Jahre bis zur Gegenwart. In der Architektur geht es zuerst um Funktionalität und Lebensqualität. Der West-Berliner Architekt Georg Heinrichs äußert sich im Film „Die Fahrt durchs Haus“ zu seiner Architekturskulpturstruktur: „Ob Form allein moralisch ist, kann ich natürlich nicht beantworten. Aber man kann versuchen, einer bestimmten Moralvorstellung Gestalt zu geben.“

Gegenwärtig bereiten Stefan Hoenerloh und ich die Ausstellung “Schöne Stadt – Urban Cliches” in der Berliner Galerie M vor, für die wir Beziehungsachsen zwischen seinen Gemälde und meinen Fotografien spinnen. Für die Einladungskarte suchte ich das ICC aus, weil der skulpturale Solitär dem Motiv Stefan Hoenerlohs Charisma entgegensetzt.




“Das Streichen einer Wand ist also die egoistische Zerstörung von Lebensraum und Information.” Interview mit Stefan Hoenerloh

22 04 2010

Der Berliner Künstler Stefan Hoenerloh zeigt in seinen Gemälden Stadtansichten, die wie urbane Momentaufnahmen scheinen, welche auf einem Spaziergang durch eine Altstadt begegnen könnten – und die doch rein fiktional sind. Zu sehen sind keine Veduten, sondern menschenleere Ausschnitte urbaner Architektur: Monumentale Großbauten werden in Ausschnitten gezeigt, meist in Untersicht mit stürzenden Linien, wie man sie vor Ort erlebt. Hoenerloh bringt sie in einer altmeisterlich perfekten Technik vielschichtig lasierend auf den Bildträger.

Le Seuil de la Forêt 114 x 167 cm, 2003, Öl, Acryl auf LeinwandStefan Hoenerloh, Le Seuil de la Forêt, 114 x 167 cm, 2003, Öl, Acryl auf Leinwand

Dennoch handelt es sich nicht um reale Bauten, die etwa von einer Fotografie abgemalt oder vor Ort mit dem Pinsel anstelle der Kamera “aufgenommen” wurden. Hoenerlohs Motive sind reine Fiktion. Als typische Stadtarchitektur, wie sie überalle begegnen könnte,  verkörpern sie die Idee der “alten gebauten Stadt”. Denn zu sehen sind “alte” urbane Gebäude, wie sie in den alten Stadtkernen europäischer Städte begegnen. Die Gemälde sind in Grau-Tönen gehalten, dunkel, trübe, verwaschen. Die Gebäude haben Patina, deutlich nagt der Zahn der Zeit an ihnen.

Auch kunsthistorische Stilgeschichte zeigen die Gemälde nicht: Es wird nicht nur darauf verzichtet, Realarchitektur zu porträtieren, sondern auch darauf, reale Stile zu zeigen. Aus dieser zweifachen Fiktionalität gewinnen Hoenerlohs Arbeiten ihre Ausdruckskraft.

In einem Interview mit deconarch.com gibt Stefan Hoenerloh Einblicke in seine Kunst, schildert, welche besondere Faszination die Architektur für ihn hat, und verrät, warum er keine modernen Bauten malt.

Abb.:  © Stefan Hoenerloh

INTERVIEW

deconarch.com: Herr Hoenerloh, wie haben Sie zur Kunst gefunden? Welche Möglichkeiten eröffnet sie?

Entwurf bei Sonnenaufgang: 470 Nimoy Street 71 x 123 cm, 2000, Öl, Acryl auf PolyvinylStefan Hoenerloh, Entwurf bei Sonnenaufgang: 470 Nimoy Street, 71 x 123 cm, 2000, Öl, Acryl auf Polyvinyl

Stefan Hoenerloh: Man beginnt als Künstler seine Tätigkeit, ohne zu wissen, dass man Künstler wird. Das stellt sich erst später heraus. Anfangs gibt es einen unbändigen Wunsch, bestimmte Vorstellungen umzusetzen, und erst nach einigen Jahren Tätigkeit merkt man, dass man einen bestimmten Beruf hat, der bestimmte gesellschaftlich verankerte Normen zu erfüllen hat und einigen typischen Mechanismen unterworfen ist. Dies gilt aber nur für Künstler der Postmoderne, also ausgebildet bis etwa 1985; die Generationen danach haben andere Herangehensweisen und bemerken die Existenz dieser Normierung und Mechanismen wesentlich früher, teilweise im Studium bereits, und reagieren entsprechend. Der nachpostmoderne Künstler beabsichtigt zunächst, Künstler zu werden, und sucht sich dann sein Arbeitsfeld, während hingegen der postmoderne Künstler sein Arbeitsfeld quasi in die Wiege gelegt bekommt.

Die Frage der Authentizität stellt sich bei ersterem natürlich neu, da nach dem Ende der Grenzerfahrungen (mit der letzten noch ursprünglichen Kunstrichtung der Land Art 1979 dann abgeschlossen) nur noch Kunstrichtungen erschienen, welche eine Retroausrichtung beinhalten, also bereits Dagewesenes neu interpretieren (bestes Beispiel heutzutage: die Appropriation Art). Eine Kreativität im Sinne von Kreation (Neuschöpfung) ist heutzutage nicht mehr möglich, da alles ausnahmslos schon vorhanden gewesen ist. Künstler wie Schwarzkogler oder Duchamp vernichteten sozusagen jegliche Weiterentwicklungsmöglichkeit. Auch Mark Quinn mit „Shithead” ist nur ein Remake von „merde d’artista” von Piero Manzoni. Auch Tracy Emins ungemachtes Bett ist nur ein Remake von Eugene Delacroix „Un Lit Defait” von 1827.

Wo stehen Sie in dieser komplexen (post-)postmodernen Situation?

The Acceptance of the Inherent Lies in Everything 101 x 132 cm, 2001, Öl auf Polyvinyl/LeinwandStefan Hoerneloh, The Acceptance of the Inherent Lies in Everything, 101 x 132 cm, 2001, Öl auf Polyvinyl/Leinwand

Als Künstler, der 1960 geboren ist, stehe ich genau an der Grenzlinie dieser beiden Zeitabschnitte. Ein Teil wollte eigentlich nur bestimmte psychologische Themen verarbeiten, ein Teil war sich dessen bewusst, dass dies in einen Beruf mündet, den man auch dazu verwenden kann, nach außen zu treten – also auszustellen und zu verkaufen. Diese unheilige Verquickung bedroht dann ständig die eigentliche Herangehensweise an Kunst, eröffnet aber die Möglichkeit weiterzumachen, da man sich die Farben weiter leisten kann. Damien Hirst leistet sich sehr teure Farben, wie man weiß.

Auf den Kunstmarkt werden wir gleich noch einmal zurückkommen. Ein besonderer Schwerpunkt Ihres Werks liegt auf der Architektur bzw. dem Zeigen von architektonischen Räumen. Wie kam und kommt es dazu? Was beschäftigt Sie besonders in Ihren Arbeiten?

Dies ist eine der schwer zu erklärenden Fragen, da sie aus dem jugendlichen unartikulierten Bedürfnis erwuchs. Architektur ist eine vom Menschen geschaffene langfristige Raumsituation, welche gut dazu geeignet ist, Zeit, Informationstheorie und Negativraum gleichzeitig darzustellen. Da Bauwerke länger als Menschen existieren, heben sie sich über deren Wichtigkeit primär hinweg. Das ist günstig, um nicht in den Chor der anderen Menschenaffen einzustimmen, welche sich immer nur einen Spiegel vorhalten. Viele Kunstwerke zeigen nur menschliche Gesichter, als ob dies alles wäre, was im Universum wichtig ist.

Ihre Gemälde zeigen menschenleere Stadtansichten, verwittert, sie scheinen realistisch möglich und sind doch rein fiktional. Wie stellen sie die Fragen nach der Zeitlichkeit, dem Vermitteln von Informationen und dem Negativraum, um die Ihre Arbeiten kreisen?

 Stelenfeld 100 x 170 cm, 2007, Oel, Acryl auf Polyester/LeinwandStefan Hoenerloh, Stelenfeld, 100 x 170 cm, 2007, Oel, Acryl auf Polyester/Leinwand

Die Zeitfrage ist dadurch dargestellt, dass Gebäude übereinander gestellt sind, ohne dass sich ihr Baustil ändert. Dies zeigt eine Metapher für eine fortschrittslose Gesellschaft, in welcher das menschliche Gehirn Zeit hat, sich evolutionär den neuen Entwicklungen anzupassen; ergo eine sehr langsam vergehende, begreifbare Zeit.

Die entstandene Information komplexer patinierter verwitterter Oberflächen ist ein Symbol für eine Gesellschaft, die wahrscheinlich durch die höhere Quantität an Information die höherstehende ist. Die Bibliothek von Athen hatte gewiss weniger Bände als die British Library, genauso hat eine schmutzige Wandfläche tausendfach mehr Information als eine frisch gestrichene. Besonders für Kleinlebewesen ist die verwitterte Wand ein Sammelsurium an Versteckmöglichkeiten, komplex wie ein Tropenwald.

Das Streichen einer Wand ist also die egoistische Zerstörung von Lebensraum und Information.

Und der dritte Aspekt, der Negativraum …

Dann noch der Negativraum: Er bietet das Bühnenbild für Handlung, welche vom Betrachter imaginiert werden soll, das Kunstwerk entsteht sozusagen im Kopf des Betrachters. Dadurch wird das Kunstwerk interaktiv. Es ist nur die Weiterführung von Caspar David Friedrichs und Bellottos Räumen, welche noch nicht auf den Menschen als Referenzpunkt verzichtet haben. Dieses Bühnenbild kann ein Canyon sein, eine Straße oder ein Waldweg. Der Inhalt ist der gleiche, aber die natürlichen Dinge entbehren hier ein wenig der Kausalität, da sie ihren Sinn in sich selbst tragen und die Informationstheorie sowie die Zeitfrage bei ihnen keine Rolle spielt.

In ihren Arbeiten konzentrieren Sie sich ausschließlich auf „alte“ Bauten. Warum keine modernen Gebäude?

Die Sixtinische Madonna 58 x 85 cm, 2007, Oel, Acryl auf Polyester/LeinwandStefan Hoenerloh, Die Sixtinische Madonna, 58 x 85 cm, 2007, Oel, Acryl auf Polyester/Leinwand

Bei modernen Bauten findet man weder proportionierte Schönheit, noch gibt es eine patinierte Wand, welche durch ihren Komplexitätsgrad eine Allegorie zu Baumrinde, Holzboden oder Felswänden darstellt, sondern nur Oberflächen und Formen, welche eine möglichst weite Entfernung zu jeder Natürlichkeit zurückgelegt haben. Die Ängste der Menschen vor der Natur (und dem Tod) hat hier eine neue Dimension gewonnen. Die 3 Väter des Internationalen Stils (Le Corbusier, Mies v. d. Rohe und W. Gropius) haben einen Stil geschaffen, welcher zusätzlich eine extreme Ökonomie am Bau zuließ und sich damit komplett weltweit ausgebreitet hat. Diese Ökonomie (das Gegenteil von Kultur) lässt sich nun nicht wieder wegzaubern, die Gründe dazu sind in Tom Wolfes Buch „Mit dem Bauhaus leben” genauestens und verständlich dargelegt. Die Macht der Verbünde und Seilschaften an den Universitäten lässt anderes Bauen gar nicht erst zu, da es abgewertet wird. Nach dem Studium dieses Buches versteht man, warum große Teile der Architektur seit 1918 aufgehört haben zu existieren.

Wenn eine Klasse einen Kurs mit Aktzeichnen hat, dann arbeiten sie nach einem menschlichen Modell. Sie würden wohl kaum, wie es in der Architektur seit 1918 der Fall ist, stattdessen eine Schaufensterpuppe porträtieren.

Wie finden Sie Ihre Themen und Motive?

Die Themen und Motive zu finden ist eine andere, schwierigere Aufgabe. Ein Situation wird zunächst schemenhaft skizziert, da die schemenhaften Bilder sich selbst formen. Dann wird Haus für Haus soweit hin und her geschoben in einem virtuellen Grundriss, dass der Blickwinkel interessant ist.

Manchmal wird auch eine Situation aus einem Canyon nachgestellt, mit Hauswänden verdeutlicht.

Das Motiv des Canyons, der „canyon-haften“ Häuserschlucht, wird besonders deutlich auch in der Gegenüberstellung zu Fotografien von Natascha Wilms, die amerikanische Canyons porträtiert. Arbeiten Sie zusammen?

Natascha Wilms, The Wave in ArizonaNatascha Wilms, The Wave in Arizona © N. Wilms

Die Canyons sind prinzipiell eine ähnliche Situation: eine Darstellung der Zeit, nur in umgekehrter Reihenfolge, von oben nach unten. Städte wachsen andersherum. Beiden ist gemeinsam, dass der Negativraum die sichtbaren Flächen erst ermöglicht und verstärkt, je steiler die Wand ist. Architektur und Canyon sind Gebilde, die der Entropie entgegengerichtet sind und gegen sie kämpfen.
Damit kämpfen sie gegen den Tod, die Canyons dabei sehr erfolgreich, da sie schon sehr alt sind. Ich lasse mich von den Fotografien von Natascha Wilms auf neue städtebauliche Ideen bringen, man kann Flussläufe in Grundrisse umsetzen.

Ihre Arbeiten spielen auch mit der Seherwartung der Betrachter – „Hier bin ich schon mal gewesen!“ – und sind dennoch nicht „real“ existent. Malerei bietet andere Möglichkeiten als die „realistische“ Fotografie. Warum Malerei?

Wenn es die Möglichkeit gäbe, diese Bilder zu fotografieren, dann würde ich das tun. Da es die Gebäude aber nicht gibt, muss ich sie malen, dies aber nur ungern. Malerei ist eine hilflose Krücke mit der man nur einen Teil der eigenen Ideen verwirklichen kann. Aber das Ganze tatsächlich bauen, steht auf einem anderen Blatt.

Jede Situation muss genau auf der Grenzlinie zwischen Fiktion und Erinnerung balancieren, da nur dann jegliches Schubladendenken unterlaufen wird. Geht man zu weit und baut 5 Brücken übereinander, dann ist es unrealistisch und fordert keine Auseinandersetzung, da man sich mit Träumen nicht auseinandersetzen muss. Aber wenn zu wenig Brücken und Ebenen da sind, dann wirkt es wie eine Vedute; dann startet der Beunruhigungsprozess nicht.

Wer und/oder was beeinflusst Ihre Arbeit? Gibt es Vorbilder?

 Stefan Hoenerloh im Atelier, Berlin 2003Stefan Hoenerloh im Atelier, Berlin 2003

Vorbilder ohne Ende, mein Kunstgeschichtestudium war recht lang. Das erste Vorbild war Max Ernst und ein wenig MC Escher, aber heute haben sich die Vorbilder verschoben. Monokausale Übereinstimmungen sind nicht mehr zu finden, sondern die Vorbilder liegen grundsätzlich  in einer Mehrschichtigkeit, welche immer auf einer primären (sichtbaren) und sekundären (konzeptuellen) Ebene ein Kunstwerk erfahrbar macht. Demnach Mark Tansey, Christoph Steinmeyer, Desiree Dolron, Rosson Crow, Dirk Skreber, Glenn Brown, Anselm Kiefer, Rebecca Horn und Mathias Weischer.

Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihren Arbeiten?

Das frühere Ziel war es, mit einem didaktischen Ansatz eine Herkulesarbeit zu versuchen, da man diese Welt aber nicht auch nur einen Millimeter verändern kann, ist es mein jetziges Ziel möglichst viele Bilder mit irritierenden Namen zu malen wie: Udo Kittelmanns Breakfast, Larry Gagosians Daughter oder Greetings to Saatchi.

Das ist in der Tat irritierend und eröffnet kritische „Seitenblicke“ auf den aktuellen Kunstbetrieb. Was ist Ihrer Meinung nach charakteristisch für Ihre Arbeiten?

Via Volterra 42/II 95 x 71 cm, 1999, Öl auf Polyvinyl/LeinwandStefan Hoenerloh, Via Volterra 42/II, 95 x 71 cm, 1999, Öl auf Polyvinyl/Leinwand

Mehrschichtigkeit ist ausschlaggebend, das heißt, dass eine primäre Ebene den Zugang zum Werk eröffnet und die im Kunstbetrieb übliche Hermetik, das elitäre Ausschlussdenken unterminiert. Der künstlerische Elfenbeinturm entspricht ja nicht mehr der ursprünglichen Aufgabe der Kunst „The true artist helps the world by revealing mystic truth” (Bruce Naumann), sondern ist inzwischen völlig zweckfreiem ökonomischen Denken untergeordnet; Kunst ist ja nur noch Geldanlage und hat  damit ihren kulturellen Anspruch völlig verloren. Kunstsammeln ist heute gesellschaftlich so wichtig wie Briefmarken sammeln. Es sollte aber nicht der Sinn der Kunstakademien sein, hochbegabte Ökonomen zu erzeugen, die zuerst ans Geld denken, bevor sie sich einen Pinsel kaufen und später mühsam erkennen müssen, dass es zu viele von ihnen gibt, so dass die Relevanz des einzelnen Kunstwerks gegen null geht (siehe: Kursbuch 122/1995 Daghild Bartels: „Kunstdämmerung”: Wenn es nicht Venedig gewesen wäre, dann wäre ja keiner mehr hingegangen… Siehe auch Wirtschaftswoche 30.9.2007 von Gary Hill: „Man sieht kaum mehr Kunst von Künstlern, sondern Strategie von Strategen”).

Zweiter Aspekt: Antagonistenpaare, welche Spannung aufbauen. Homogene und heterogene Flächen; Architekturplanung und Abbau durch die Natur;  Bewegung durch Perspektive und trotzdem in sich ruhende Architekturlinie; unschönes Geordnetes und schönes Ungeordnetes; logische, die Kraft aufzeigende Elemente gemischt mit manieristischen ornamentalen Verbrechen, so dass keine strukturierende Logik das Gesamtsystem zu schnell erfassbar macht, so dass ein Rest Irrationalität stets bleibt.

Und zum Abschluss eine allgemeine Frage: Welche Bedeutung hat Architektur und überhaupt die gebaute Umwelt für uns?

Hierzu empfehle ich den Film Why Beauty Matters von Roger Scruton, der zwar eine einseitig gefärbte Weltsicht des Verlustes bestimmter gesellschaftlicher Werte beschreibt, aber dennoch auch für eine Zeit, die ständig auf Wachstum aufgebaut sein will, einen warnenden Rufer darstellt. Wachstum, also Fortschritt hat eine Kehrseite der Medaille: Der Fortschritt schreitet fort von dem Ort der möglicherweise einmal als gut befunden wurde. Fort heißt, unumkehrbar, ohne Zurück, also mit Verlust behaftet. Dieser Verlust sollte vermieden werden, sonst ist unsere Zivilisation keine bessere, sondern nur eine andere.

Ein Wachstumsbeschleunigungsprogramm ist also genau das, was wir nicht brauchen, es beschleunigt den Zerfall der Welt. Architektur ist heute nur noch ökonomisch orientiert und verwandelt sich binnen sehr kurzer Zeit in hässlichen Schrott; hingegen würde eine Architektur, die den Alterungsprozess einberechnet, womöglich im Laufe der Jahrhunderte interessanter. Einfach ist diese Aufgabe nicht, was das Dorf Poundbury beweist, welches von Prince Charles erbaut wurde:

Zwar wurden nur traditionelle Materialien und Formen verwendet, aber er vergaß den Schmutz und so mutierte das Dorf zu einer angepassten Rentnerstadt mit extremer Freiheitseinschränkung. Dass die Architektur für den Menschen einen Großteil seines positiven Lebensgefühls ausmachen kann, beweisen die intakten Altbauquartiere deutscher Städte in denen der Zufriedenheitsindex höher liegt als in Trabantenstädten. Wir werden sehen, ob Beijing damit klarkommt, alle Hutong-Altbaubestände flächendeckend abgerissen zu haben. Diese extreme Entwurzelung wird unzufriedene Menschen hervorrufen. Die Krise durch überschnelles Wachstum ist vorprogrammiert.

Stefan Hoenerloh, herzlichen Dank für das ausführliche Interview!




„Qualität, Professionalität und Leidenschaft für die Sache“: Die Galerie Alex Schlesinger in Zürich _ Ein Interview mit Alex Schlesinger

8 02 2010

Die Zürcher Galerie Alex Schlesinger präsentiert Kunst, die sich mit den Themen Urbanes Leben, Architektur und Industrielandschaften auseinandersetzt. Gegründet im Jahr 2003 von Alex Schlesinger liegt der Fokus der Galerie auf zeitgenössischer Malerei im Spannungsfeld zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit.

Zurich-based gallery Galerie Alex Schlesinger presents art circling around the topics Urban life, architecture and industrial landscapes. Established in 2003 by Alex Schlesinger, the gallery’s focus is on contemporary painting between abstraction and figuration. In the interview Alex Schlesinger tells deconarch.com about his gallery work.

Die über 20 Künstler aus dem In- und Ausland, die die Galerie derzeit betreut, arbeiten vor allem mit den Medien Öl oder Acryl auf Leinwand, aber auch mit C-Prints oder – besonders auffällig – Autolack auf Aluminium (Konrad Winter). Die vertretenen künstlerischen Positionen bewegen sich zwischen abstrakt und figurativ/hyperrealistisch, zwischen Fotografie und Malerei, zwischen Comix und Kunst. Fotografie selbst ist jedoch nicht im Programm, die plastische Kunst mit nur einer Bildhauer-Position (Daniel Häsli) vertreten.

Besonders interessant sind – vom architektonischen Standpunkt aus – neben Tobias Weber, über den deconarch.com bereits berichtet hat (s. Interview 2008; ein ausführliches Porträt von Tobias Weber findet sich hier), vor allem die Arbeiten von Janika Fabrikant, Moritz Hasse, Remi Jaccard, Raphaël Renaud, Wolfram Scheffel, Maria Temnitschka, Thitz,  Patrick Tschudi und Konrad Winter.

Pro Jahr veranstaltet die Galerie Alex Schlesinger sieben Ausstellungen mit Künstlern der Galerie und beteiligt sich regelmäßig an Kunstmessen in der Schweiz und im Ausland. So wird sie in Kürze an der art KARLSRUHE 2010 teilnehmen. Die Galerie ist Mitglied des „Verbands Schweizer Galerien” (www.artgalleries.ch) und des Vereins „Die Zürcher Galerien” (www.dzg.ch).

Bemerkenswert ist darüber hinaus, dass Alex Schlesinger, der französische und spanische Sprache und Literatur und Literaturwissenschaft an der Universität Zürich sowie in Paris und Madrid studiert hat, neben seiner Galerietätigkeit nach wie vor als Lehrer an einem Zürcher Gymnasium arbeitet.

Im Interview mit deconarch verrät Alex Schlesinger, wie es zur Gründung seiner Galerie kam, und gibt Einblicke in seine Galerie-Tätigkeit.

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© der Abbildungen: die Künstler, courtesy Galerie Alex Schlesinger

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INTERVIEW MIT ALEX SCHLESINGER

deconarch: Sie arbeiten neben Ihrer Galerietätigkeit nach wie vor auch als Gymnasiallehrer für romanische Sprachen, Sie haben also nicht „von Haus aus“ mit Kunst zu tun. Wie kam es zur Gründung Ihrer Galerie?

Maria Temnitschka, Auf der Fußgängerbrücke, Öl auf Leinwand, 80 x 110 cm, 2009

Maria Temnitschka, Auf der Fußgängerbrücke, Öl auf Leinwand, 80 x 110 cm, 2009

Alex Schlesinger: Die Vermittlung von Kunst und Kultur beschäftigt mich seit meinem Studium der Romanistik und Literaturkritik (1987). Im Jahr 2000 absolvierte ich noch eine Zusatzausbildung zum Kulturmanager. Nun erwachte in mir das Interesse, das Gelernte in Praxis umzusetzen und einen kommerziellen Kulturbetrieb aufzubauen und ihn zu führen.

Der Fokus der Galerie liegt auf zeitgenössischer Malerei im Spannungsfeld zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit, thematische Schwerpunkte sind dabei vor allem Urbanes Leben, Architektur und Industrielandschaften. Woher kommt dieses Interesse am Architektonischen? Hatten Sie die Idee zu diesem Schwerpunkt schon von Anfang an oder hat es sich nach und nach entwickelt?

Architektur hat mich immer schon fasziniert, nicht einmal als Thema in der bildenden Kunst, sondern als erlebte Architektur. Ich liebe Großstädte. Ich kann mir vorstellen, dass auch meine Vorliebe für Konkrete und Konstruktivisten, die ich vor allem in den Jahren 1980/1990 bewunderte, zu diesem Schwerpunkt in meinem Galerieprogramm beigetragen hat. Die klaren Strukturen, die rigide Bildaufteilung.

Diese Idee hat sich mit der Zeit entwickelt. Sie begann vor allem mit der Aufnahme des französischen Künstlers Raphaël Renaud in mein Programm. Dies war zwei Jahre nach der Gründung meiner Galerie, 2005. Kurz darauf lernte ich Tobias Weber kennen und weitere Künstler, die sich mit „meinem“ Thema beschäftigten.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Künstler aus, mit denen Sie zusammenarbeiten?

Es handelt sich ausschließlich um europäische Künstler, jüngere, noch nicht etablierte. Es reizt mich, solche zu entdecken, ihren Werdegang zu verfolgen und bekannt zu machen. Das Alter der Künstler spielt keine Rolle für mich. Entscheidend ist das Ergebnis.

Im Moment betreue ich etwas mehr als 20 Künstler und kann daher keine neuen Künstler aufnehmen, auch wenn es mich manchmal reut, wenn ich ganz spannende Positionen entdecke.

Wollen Sie ein paar Künstler näher vorstellen?

Dies fällt mir schwer. Falls Sie mir einen Namen nennen könnten?

Janika Fabrikant, Cern 1, Acryl auf Leinwand, 120x100cm, 2008

Janika Fabrikant, Cern 3, Acryl auf Leinwand, 140 x 100 cm, 2009

Interessant sind etwa die Arbeiten von Janika Fabrikant, einer über 70 Jahre alten Dame, die neu in Ihrem Programm ist und mit der Sie im Sommer Ihre erste Einzelausstellung machen werden. Aber auch Raphaël Renaud, mit dem Sie schon von Anfang an zusammenarbeiten, und Thitz, dem „Tütenkünstler“.

Mit Janika Fabrikants (*1934) Bilder assoziiert man zunächst den Fotorealismus, von dem sich die Künstlerin allerdings deutlich distanziert. Tatsächlich nimmt sie ihre Motive zuerst mit der Kamera auf, entwickelt sie aber anschließend weiter in Richtung nicht  fotorealistischer Präzision, sondern einer Genauigkeit anderer, keineswegs naturalistischer Art.

Die Darstellungen von Industrieanlagen und Architekturen erscheinen nicht nur als Zeitzeugen, sondern auch als traumhafte, bedrohliche Gebilde.

Fabrikants Arbeiten werden zum ersten Mal in Deutschland am Stand der Galerie Alex Schlesinger (H2/B20) auf der art KARLSRUHE 2010 zu sehen sein.

Raphael Renaud, Tokyo, Öl auf Leinwand, 135 x 190 cm, 2009

Raphaël Renaud, Tokyo, Öl auf Leinwand, 135 x 190 cm, 2009

Der französische Künstler Raphaël Renaud (*1974) zählt zu den wegweisenden und erfolgreichsten Künstlern der Galerie.  Seine bevorzugten Themen sind Städtebilder, die hauptsächlich aus der Vogelperspektive dargestellt werden, und Industrieanlagen jeglicher Art.

Sein Stil vereint häufig gleichzeitig drei Stil- bzw. Kunstrichtungen, die in einem ständigen Wechsel zueinander stehen:    Impressionismus, Hyperrealismus, Abstraktion. Kaum hat sich das Auge an die eine Richtung gewöhnt, wird es fast automatisch in eine andere gelenkt.

Thitz, Zürich, 2007

Thitz, Paris-La nuit, Tüten auf Leinwand, 120 x 140 cm, 2009

Der deutsche Künstler Thitz (*1962), genannt auch der „Tütenkünstler“, konstruiert in seinen Bildern Städte, wobei er von konkreten Modellen ausgeht und an diesen (malerisch und zeichnerisch) weiterbaut. Es entstehen Städte, die sich durch Toleranz auszeichnen und in denen Menschen verschiedener Couleur gleichzeitig leben können.

Thitz integriert in seine Arbeiten Tüten aus den jeweiligen Städten, die er thematisiert. Sie sind die Basis seiner Werke und verleihen ihnen Authentizität.

Welche Zielsetzungen verfolgt die Galerie?

Unbekannte Künstler, die dem Galerieprogramm entsprechen, auf ihrem Weg zu begleiten und sie einem breiten Publikum bekannt zu machen sowie die Teilnahme an renommierten Kunstmessen im In- und Ausland.

Was ist Ihrer Meinung nach charakteristisch für Ihre Galerie?

Qualität, Professionalität, Atmosphäre in der Galerie, Leidenschaft für die Sache. Ein klares Programm.

Welche Ausstellungen werden in den nächsten Monaten zu sehen sein?

Konrad Winter, Schaufenster Zell, Autolack auf Aluminium, 100 x 120 cm, 2008

Konrad Winter, Schaufenster Zell, Autolack auf Aluminium, 100 x 120 cm, 2008

März/April: Konrad Winter (A): Malerei, Autolack auf Aluminium, moderner Impressionismus, Thema: Stadt

Mai/Juni: Edith Schindler (CH), Malerei, manchmal fast fotorealistisch, Themen: Blumen, Schattenbilder

Juni/Juli: Janika Fabrikant (CH): neu im Programm, Malerei, Themen: Stadt, Industrielandschaften

August/Oktober: Moritz Hasse (D), Malerei, Thema: Stadt

Oktober/November: Raphaël Renaud (F), Malerei, Themen: Stadt, Industrielandschaft

November/Dezember: Peter Anderes (CH), Malerei, die einzig ganz abstrakte Position im meinem Programm

Und noch eine allgemeine Frage zum Abschluss: Welche Rolle spielt Kunst für Sie?

Sie umgibt mich ständig. Ob zu Hause, in der Galerie, in der Freizeit. Sie ermöglicht mir, mein Auge für Dinge zu schärfen, die mir bis anhin verborgen geblieben sind. Sie macht mich zu einem genauen und kritischen Beobachter meiner Umwelt. Natürlich erfreut sie meine Sinne und verhilft mir zu Glücksmomenten und regt mich zum Denken an.

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Alex Schlesinger, haben Sie herzlichen Dank für das aufschlussreiche Interview!

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“My visual poetic is based on urban landscape, cityscape, I am always intrigued by the architectural spaces and geometry.” Interview with Nina Todorović

14 01 2010

Serbian artist Nina Todorović’s work focuses on the visual exploration of architectural space: not only on the interior and exterior spaces of the surroundings, but also on the abstract metaphysical aspects of loneliness and alienation as a reality of life within the city. As Nina puts it: “I have always been intrigued by the tension created in the construction of certain geometric objects. Particularly when their illusory calmness is in direct opposition to an inherent and disturbing, but indirect presence/existence of human beings.”

Generally abstract, the artist’s work is based on existing spaces and objects found in architecture, which she magnifies and alters, breaking them down and altering them to be redefined with thick layers of color. Nina basically considers herself a painter, as she graduated with a Master’s degree on the Faculty of Fine Arts in Belgrade, on the Department of Painting. When painting, she usually works on large scale canvases (approximately 1,5x2m), or, as a total opposite, very small mixed media works on paper. Yet she is exploring other (new) media as well, expressing herself through digital works and ambiental installations, through photography and digitally manipulated image. Presently the artist is working on her PhD in Art (also called “the practical PhD) on the University of Arts in Belgrade), which will be related to my visual poetics, the urban landscape and architecture.

In a very honest and detailed email interview Nina Todorović told deconarch about her work and her interest in cityscape and architecture, her observations of communication and the lack of it in virtual realities, about her decision to become an artist and what it means to grow up and be an artist in the war-torn Serbia of the 1990s.

Nina, thank you so much for sharing!

INTERVIEW

Nina, why art? How and why did you become an artist?

I guess I can say that I would choose the same profession again, if I were able to make my choice once more…

Recognizing the Absent City, 2004-2006. digital print

Recognizing the Absent City, 2004-2006. digital print © N. Todorović

For me there were never any doubts about it, my family was always leaning towards different art disciplines, although only two of us took that professional path. I started with my first art lessons at the age of five, when my parents took me to a visual arts studio, in some sort of cultural center, with many different art programs, especially made for youngsters.

My serious preparations for the Academy started when I was in high school. It took three attempts for me, to finally get in, to enroll on the Faculty of Fine Arts in Belgrade, and that was approximately the average number of attempts for the majority of us, and a very valuable experience, especially back in the nineties, a period of war and political turmoil in which we were growing up, when nothing was certain, and when the whole society in Serbia was in deep crisis. I was studying Sociology and then Art History, while waiting and preparing for the Academy, and was ready to try as long as necessary, until I succeed.

So your family played and plays an important role in your decision-making process?

geometry of insomnia, 2004-2006. digital prints

Geometry of insomnia, 2004-2006. digital prints © N. Todorović

What meant, and still means a lot to me, is the unconditional support that I get from my family, which, to tell the truth, is a rare thing around here, because practicing art professionally, particularly as a free-lancer as I am, is not what one would call a dream job here, it doesn’t pay off, and it requires a great enthusiasm and a lot of patience and strength, and of course a lot of investments, with awareness that it can’t provide living from it.

You mentioned the unstable political situation in Serbia in the 1990s. How has the situation improved since then? And (where) can the impact of this turmoil still be seen today?

Well, things definitely changed since then, we went through many predicaments, but I can say things are going for better now, here, still not fast enough though, but I don’t want to complain too much… Impact of this turmoil was really obvious until less than a month ago, when the visas for the EU countries were abolished, for the citizens of Serbia…

geometry of insomnia, 2004-2006. digital prints

Geometry of insomnia, 2004-2006. digital prints © N. Todorović

Actually, I have to admit, I thought a lot about this question, and how to articulate my answer, and still I am not sure….

We weren’t able to travel normally and freely, without having to go through ridiculous procedures, in order to get visas for the countries of European Union. Among many other professions, it especially affected the free-lance artists…

When I say it like this, it doesn’t really explain the situation, or sound so serious. I tried to write it down, all the steps that we had to make, and even to me now it sounds like some kind of crazy fiction… The moment of visa abolishment was an emotional moment for me, and a moment to contemplate all the wasted years, and all the efforts we have made, in a simple and natural urge to live our lives normally, like the rest of the world. No other explanation is needed… Let’s just say it is good at least THAT trouble is behind us, and we can really open to the world now…

Back to arts. You have a very deeply felt connection to arts and your work. What does art mean to you?

watermark(ed), 2006-2007. installation - mixed media

watermark(ed), 2006-2007. installation - mixed media © N. Todorović

I can’t really define it, in some concrete terms… I can only say that I feel alive as long as this motor is running for me, or better yet: IN me. Of course it means everything to me, as long as I feel that need, that urge to create, despite all the difficulties, I think in THAT case, life itself is good for me. I can only hope that I’ll have that unconditional urge for the rest of my life.

Which possibilities does art offer?

We can discuss about the possibilities from different aspects. If we talk about material aspects, then I can’t say I have a material satisfaction. But, if I was contemplating about material satisfaction in the first place, I guess I would have ended up being something completely different, I would have been doing the total opposite of what I am doing now, and frankly, I can’t imagine that situation.

So, the OTHER possibilities are big, and significant for me. First of all, the contacts that I am making, with other artists, curators, and all other art-related people, especially in this age of mass communication. Internet  above all, is something making this profession worth living for. Contacts, exchanging ideas, collaborative projects, workshops, meeting online friends and colleagues in the real life, and making real time/real space exhibitions, possibilities of traveling, well, all that is more than enriching experience which only helps personal improvement and growth, and opens so many doors…

In life I am trying to achieve the opposite of what I am trying to point out in my art…. But, one can’t go without another, actually one stipulates another. In other words, in life I am trying to communicate and to improve the communication with everybody around me, and to bring it to another, higher level, whenever it is possible (addicted to communication, in some way), and in my art I am emphasizing the lack of communication and really serious alienation and solitude we all are facing in these times…

How do you choose your topics in your works?

watermark(ed), 2006-2007. installation - mixed media

watermark(ed), 2006-2007. installation - mixed media © N. Todorović

My visual poetic is based on urban landscape, cityscape, I am always intrigued by the architectural spaces and geometry. What interests me is the atmosphere that we face in the city, besides the geometrical structures that are visually appealing, or brutally imposing to us – either way I am attracted to it, I am also dealing with the questions of alienation in the city, the questions of communication or lack of communication, the questions of our needs for the real human touch or the lack of that need, the questions of solitude…
Primarily I am asking myself those questions, and then the observers of my works… Are we building unnecessary walls between us, are we self-sufficient between those walls, in our contemporary fortresses… Are we existing now more in virtual than in real space?
The digital era, that we are deep in, already, is adding to that feeling of altered communication and altered human touch….

And why the focus on architecture?

I am deeply impressed by the phenomenon of contemporary architecture, and all its aspects, but most of all the visual one, that is also creating some specific tension, and ambiguous feelings in us…
In the past few years my work is developing in two different directions… Besides this basic and main focus on architecture, I’ve started developing a series of works dedicated to the water, the water as a theme, respecting it as an universal power in nature, and I guess I took this direction also as an escape or an alternative to what I am deeply in, the cityscape. One of my shows was dedicated to that personal research, and probably just proved how deeply entwined those two subjects are becoming, in my case…

Could you introduce one or two works to us?

 Digital spaces (in, betweeen and out), 2006. digital print

Digital spaces (in, betweeen and out), 2006. digital print © N. Todorović

Sometimes it is difficult to choose the works to present…   Maybe few of the latest cycles that are interconnected. I’ve exhibited the series of Alpha Nests digital prints twice in 2009, in two different set ups, first on the solo show IPERTÒPIA that I’ve had in the Museum of Experimental Contemporary Art, in L’Aquila, Italy, curated by Dr. Arch. Paola Ardizzola (her texts were published in both exhibition catalogs), and for the second time as an ambiental installation, here in Belgrade. The works were printed on transparent plexiglass, and I set them in gallery space, so they can form an ambience trough which people can go, observing each one of them separately, but also perceiving them all together, allowing the viewers  to see them as a composition, formed out of transparent layers, in combination with lights and shadows that were also essential part of the installation. The whole idea was to create an ambience saturated with architectural structures and endless walls, variety of materials (concrete, steel, glass…) in endless repetition, but always different in their similarity, monstrous contemporary fortresses built for the “alpha people”, focused on the consumerism and material values, and the “promised” land of shopping malls, where “fun” never stops… It was my reaction to the new architecture, and everything it represents, here, in Serbia, now…

 Digital spaces (in, betweeen and out), 2006. digital print

Digital spaces (in, betweeen and out), 2006. digital print © N. Todorović

The series of Defensive Structures and the Defensive Structures Underground followed the Alpha Nests, and are still developing…

Who are your role models and what influences your work in particular?

There is a variety of different influences on my work, but not in such a direct way, I can’t say I have some concrete role models…
I call it “following traces/signs”. I just stumble upon certain things, in some random research (research of the themes that are interesting to me, of course), and it gives me directions, and opens up the doors that I never expected to find, but the doors that are leading to something really, tightly related to my work… I am sure most of the artists are having the same or very similar paths and methods.
I can write a number of names that somehow influenced my way of thinking, which don’t necessarily show up in my artworks, always, but in some indirect way defined certain points…
To begin with classical media: The paintings of Richard Diebenkorn (especially the Ocean Park series, and some of his works from the The Bay Area Figurative Movement phase) , Edward Hopper, Charles Sheeler… Some segments in the theoretical definition of La Pittura Metafisica were also directing the start of it all…
I was very inspired by the films of Michelangelo Antonioni, and especially his visual language, and I based my Master’s exhibition and thesis on the comparison between film and painting, with special accent on Antonioni’s visual expression.
Some segments of Cyberpunk movement, books by William Gibson, then also other contemporary writers like Paul Auster, Don DeLillo…
I can name a number of artists, besides the ones I’ve already mentioned, that are interesting and inspiring to me in different ways… Some of them are: Stefan Hoenerloh, Tilmann Zahn, Agnes Martin, Olafur Eliasson, Tatsuo Miyajima, Sarah Morris, Georg Kuettinger, Vera Lutter…

What – in your opinion – is characteristic of your work and your working method?

 Digital spaces (in, betweeen and out), 2006. digital print

Digital spaces (in, betweeen and out), 2006. digital print © N. Todorović

My working method includes taking a lot of photographs, making a lot of sketches, real and digital ones. I never go anywhere without my camera… I make notes, of everything that intrigues me, and different kinds of quick, small drawings, …
What is characteristic of my work is that the ending of each cycle is somehow announcing the next one, the next series of works, usually some of the last pieces in one series is a preview to a new series, so they are all connected… Like making a sequel… I never plan it, but it happens regularly, now… So these last works in a series always belong to the next one too, they represent a link between two cycles… The trigger doesn’t have to be visual, it can be a word, a sentence, any kind of sensation, really…

Where can we see your works? Exhibitions coming up?

I’ve just finished a very busy period, the whole 2009 was dedicated to several solo exhibitions (one in L’Aquila, Italy, and three of them here in Serbia), and numerous group ones (Italy, Serbia, UK, Australia, …). Most of them, as I already wrote, were projects in different ways related to Italy, and with Italian artists and curators, some of them still ongoing, so, for the ending of 2009, my works were exhibited on the Art Fair Immagina 2009 in Reggio Emilia, Italy. The gallery FM6366ART from Naples presented my digital prints there.
Since I am working on my PHD thesis in art now, 2010 will be dedicated to writing, and making a solo show. I am also preparing a group exhibition, with several colleagues, in the Museum of Modern Art, in Eskilstuna, Sweden, as well as a workshop and an exhibition in the artist-run space Formverk ArtZone (run by the artist couple, my colleagues and friends – Niclas Hallberg and Stina Pehrsdotter), in the same city.

Nina, thank you so much for sharing!




„Und das ist Beton?“ Interview mit Mirko Stefan Elfert

26 06 2009

Vor Kurzem habe ich den Künstler Mirko Stefan Elfert vorgestellt, der mit Beton arbeitet. Ich freue mich sehr, dass er sich die Zeit genommen hat, sehr ausführlich und informativ Fragen zu seiner Arbeit zu beantworten. Im Interview gibt er Einblick in Arbeitsweise mit dem “unkünstlerischen” Material Beton und welche Möglichkeiten es bietet, erläutert die konzeptuelle Idee hinter seinen “Erdhäusern”  und beantwortet die Frage: Warum gerade Beton?

Elfert ist derzeit Stipendiat der Otmar-Alt-Stiftung Hamm; dort werden im Herbst in der Abschlussausstellung “Landnahme” seine jüngsten Arbeiten zu sehen sein.

Recently I introduced German artist Mirko Stefan Elfert who is working with the “unartistic” material of concrete. I am very glad he found the time to answer questions about his work at length. In the interview, he gives insight into his working method, what artistic possibilities of expression concrete offers, as well as about the conceptual ideas of his “Earth(en) Houses” and above all he explains: Why concrete?

The interview is written in German, yet should you want to know more about its precise contents and the artist, please feel free to contact me.

© Abbildungen Mirko Stefan Elfert

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Deconarch: Die erste Frage lässt sich ganz knapp in zwei Wörter fassen: Warum Kunst? Etwas ausführlicher gefragt: Wie haben Sie zur Kunst gefunden? Welche Möglichkeiten eröffnet sie Ihnen?

Mirko Stefan Elfert: Eine sehr schwierige Frage, die ich mir schon gar nicht mehr zu stellen wage.

schalung und inhalt  /  2008  /  holz, beton und pigmente  /  17 x 18 x 3 cm  und 14 x 14 x 4 cm

schalung und inhalt, 2008, holz, beton und pigmente, 17 x 18 x 3 cm und 14 x 14 x 4 cm

Ich gehöre nicht zu den Künstlern, in deren Biografie steht „…hat schon als Kind und Jugendlicher jeden Tag gemalt und gezeichnet, war von klein auf dazu bestimmt, Künstler zu werden…“.

Als Autodidakt habe ich mich erst spät dazu entschlossen, mein normales Leben zu beenden und das zu machen, was man als „Kunst“ bezeichnet. Ich weiß nur, dass ich Zeit meines Lebens sehr kreativ und erfinderisch war, vielleicht ist das ja auch schon Kunst.

Wahrscheinlich gibt es auch viel schönere Wörter als Kunst und Künstler, die meine Person viel treffender bezeichnen. Aber wir leben nun mal in Deutschland, und da braucht man ja bekanntlich eine Berufsbezeichnung.

Warum Kunst?

Warum Kunst? Irgendwann habe ich den Entschluss gefasst, nur noch das zu machen, was ich will.

Im Nachhinein habe ich das Gefühl, dass es kein Prozess war, sondern ein Geistesblitz, eine Erleuchtung, der Bruchteil einer Sekunde, in dem mir eine innere Stimme sagte „Mach, was du willst,   aber mach es.“ Als ich meiner Frau abends von meinem neuen Beruf erzählte, sagte sie nur: „Wenn du meinst, dann mach das…“

stahlbeton  V  /  2009  /  beton und draht  / 12 x 12 x 5 cm
stahlbeton V (ferroconcrete V), 2009, beton und draht, 12 x 12 x 5 cm

Seitdem kommen Menschen in meine Ausstellung, um zu schauen, was ich denn so den ganzen Tag über in meinem Atelier mache, welche Gedanken mich umtreiben, und was ich seither Neues geschaffen habe.

Vielleicht lebt der Kunstbetrieb ja auch gar nicht von der schillernden Figur des Künstlers, sondern vom Voyeurismus der Besucher.

Sie arbeiten mit Beton, ein Material, das zwar allgegenwärtig ist, das man aber mit Kunst nicht so recht verbinden kann. Warum Beton?

Am Anfang war es ein Ausprobieren, ein Experimentieren mit einem neuen Material – ein Versuch,  meine Gedanken mit dieser grauen Masse in Form zu bringen. Dann merkte ich aber sehr schnell, dass ich mit „mal eben versuchen“ nicht weiter kommen würde, da das Material und seine Verarbeitung von Hause aus eine gewisse Komplexität mit sich bringt. Gleichzeitig erkannte ich aber auch das Potenzial, das in der Beherrschung des Materials liegt. Ich nahm die Herausforderung an und wurde nicht enttäuscht. Im Gegenteil – genau diese phänotypischen Eigenschaften in Bezug auf Oberfläche, Struktur, Farbe und Dichte sind es, die diesen „Kunststein“ für mich so interessant und schier unerschöpflich machen.

Welche Möglichkeiten und Vorteile bietet Beton?

einschluss II  /  2009  /  beton, pigmente und echinoidia  /  12 x 12 x 5 cm

einschluss II (inclusion II), 2009, beton, pigmente und echinoidia, 12 x 12 x 5 cm

Mit Beton habe ich fast unendliche Möglichkeiten nicht nur die Form, sondern auch die endgültige Oberfläche meiner Vorstellung anzupassen. Von ganz glatten Oberflächen, mit denen ich feinste Details wiedergeben kann, bis hin zu den stark strukturierten Oberflächen mit punktuellen Einschlüssen von Fremdkörpern, wie sie bei den „Erdhäusern“ entstehen. Zwischen diesen beiden Extremen wird Beton zu einer haptischen Erlebnisreise. Immer wieder stehen Besucher in einer Ausstellung vor den kleinen Plastiken und Fragen „Und das ist Beton?“.

Der experimentelle Reiz beim Umgang mit dem Material ist auch weiterhin geblieben. Ich kann die unterschiedlichen Rezepturen variieren und dem Material bei der Formfindung gewisse Freiheiten zugestehen, so dass das Ergebnis von einem bedingt gesteuerten Zufall bestimmt wird.

Auch in Bezug auf seine Größe lässt mir das Material jede Freiheit. So kann ich mit Beton modellhafte Objekte von nur wenigen Zentimetern Kantenlänge anfertigen und diese anschließend nahezu unbegrenzt vergrößern – ohne das Material zu wechseln. Die Größe wird nur durch die zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten begrenzt.

Neben den fast unbegrenzten Vorteilen, die mir das Material als Künstler beim Gestalten und der Formgebung bietet, ergeben sich natürlich auch sehr praktische Vorteile. Das fängt bei der einfachen  Verfügbarkeit des Materials an und endet nicht zuletzt auch beim ökonomischen Vorteil des Materials.

Wie läuft die Arbeit mit Beton ab?

stahlbeton XII  /  2009  /   beton, pigmente und draht  /  12 x 12 x 5 cm
stahlbeton XII (ferroconcrete XII), 2009, beton, pigmente und draht, 12 x 12 x 5 cm

Am Anfang steht natürlich die Idee, der Gedanke, den man in eine plastische Form bringen möchte, das geistige Bild, das ich vor Augen habe. Dann dauert es ein paar Tage, bis das Werk in meinem Kopf gereift ist. Das kann auch schon einmal ein paar Wochen dauern, ist aber die Ausnahme.

Gelegentlich fertige ich kleine Muster an, um zu schauen, ob sich die verschiedene Materialien miteinander vertragen, optisch harmonieren, oder ob bestimmte Vorhaben überhaupt technisch umsetzbar sind und am Ende auch die Aussage widerspiegeln, um die es mir bei dem Werk geht.

Wenn alles im grünen Bereich ist, folgt im Grunde ein handwerklicher Prozess, bei dem es darum geht, der Idee die entsprechende Form zu bauen.

Die abschließende Beurteilung kann dann erst erfolgen, wenn der Beton ausgehärtet ist, und die Schalung vorsichtig entfernt wurde.

Fertigen Sie Entwürfe an?

Skizzen oder Zeichnungen entstehen so gut wie gar nicht, höchstens ein paar Maßangaben oder Berechnungen, dann meistens auf irgendeinem Stück Holz, das in der Werkstatt oder im Atelier herumliegt, nur um später selbst mit verbaut zu werden.

Bei den zweiteiligen Arbeiten „Schalung und Inhalt“ kommt dann noch ein nächster Schritt dazu.

Das verwendete Schalungsmaterial wird gesäubert, getrocknet und neu zusammengefügt. Am Ende steht dann eine zweiteilige Arbeit, bei der die einzelnen Elemente aufeinander verweisen – „Ursache und Wirkung“ stehen im Dialog.

elfert erdhaus 2

Teil der Fotodokumentation zu "Erdhäuser" (Earth(en) Houses), Beton, je 10 x 10 x 20 cm

Bei den „Erdhäusern“ und einigen anderen „Erdarbeiten“ ist das ein wenig anders. Da geht es mehr um das Konzept, um die Aussage, die das Werk mit sich trägt. Der handwerkliche Teil ist nur das Mittel zum Zweck, nicht aber das Maß, an dem die Arbeit später zu messen oder zu beurteilen ist. Hier steht mehr der Prozess, den ich mit Fotos dokumentiere, im Vordergrund.

Wie wird dieses Konzept vermittelt?

Durch die konzeptionelle Arbeit bei den „Erdhäusern“, bei der die einzelnen „Bauabschnitte“ dokumentiert werden, habe ich die Möglichkeiten der Fotodokumentation für meine Arbeiten entdeckt und bereits bei weiteren Arbeiten („Feldkreuze“) eingesetzt. Auch hier ergänzen sich die beiden Medien Foto und Objekt, damit das Werk erst begreifbar wird. Das ist sicherlich eine Spur, die ich in Zukunft weiter verfolgen werde.

Wie finden Sie Ihre Motive und Themen?

elfert erdhaus 1

Teil der Fotodokumentation zu "Erdhäuser" (Earth(en) Houses), Beton, je 10 x 10 x 20 cm

Oftmals bauen die einzelnen Motive und Themen aufeinander auf, ergänzen sich oder sind eine logische Schlussfolgerung des Anderen. Ein schönes Beispiel hierfür sind die „Erdhäuser“.

Was hat es mit den „Erdhäusern“ auf sich?

Entstanden aus dem Wunsch, eine Verbindung zwischen Haus und Heimat herzustellen, begann ich, die Form des Hauses als Negativ in die Erde zu graben und mit Beton auszufüllen. Dadurch erhielt ich ein Betonhaus mit Abdruck des umgebenden Erdreichs. Das Haus wurde von der Erde im wahrsten Sinne des Wortes geprägt. Erde ist nichts anderes als greifbare Vergangenheit, Reste vom Gestern. Es entstand also eine Einheit aus Heimat, Ort und Vergangenheit in einem Objekt.

schalung und inhalt  /  2008  /  holz, beton und pigmente  /  56 x 13 x 5 cm und 7 x 7 x 5 cm

schalung und inhalt (casing and content), 2008, holz, beton und pigmente, 56 x 13 x 5 cm und 7 x 7 x 5 cm

Neben den Arbeiten aus Beton steht das „christliche“ Kreuz als Symbol im Mittelpunkt meines Schaffens. Bevor jetzt die Frage kommt ob ich „streng gläubig bin?“ – nein, ich mag diesen Begriff auch nicht, man kann ja auch nicht „streng lieben“.

Über diese „Erdhäuser“ und andere „Erdarbeiten“ stieß ich dann auf eine für mich sehr spannungsreiche Aussage:

„cuius regio, eius religio“ – wessen Land,
dessen Glaube

Wörter, die auf den ersten Blick archaisch und altmodisch erscheinen, erinnern sie uns doch an die dunkle Vergangenheit, als der Mensch und sein Leben mit der „Scholle“ eins war, in denen eine staatliche oder individuelle Gewalt den Boden besitzt und daraus die Herrschaft über seine Bewohner herleitet. Daraus abgeleitet erarbeitete ich mir auch die Werke und den Titel zu meiner Abschlussausstellung in der Otmar Alt Stiftung: „Landnahme“.

Ansonsten liegt es in meiner Natur, dass ich mit interessiertem Blick meine Umwelt wahrnehme und auch dort dann immer wieder Anregungen und Impulse bekomme. Das kann ein zufällig gefundenes  Objekt, eine Form oder aber auch nur ein Wort sein.

Warum die (reduzierte) Form des Hauses, in den „Erdhäusern“ aber auch in anderen Arbeiten?

Zunächst einmal zum Haus selbst: Bei meiner Darstellung reduziere ich das Haus immer auf zwei geometrische Körper, den Wohnkubus und das gleichschenkelige Dreieck als Dachform. Diese Formgebung ist zwar sehr reduziert, fast kindlich, hat aber einen, wie ich finde, hohen Wiedererkennungswert, und man kann sich daher auch leichter mit der Arbeit auseinandersetzen oder mit ihr identifizieren.

Das Haus spiegelt in meinen Arbeiten nicht nur die Wohnstätte wieder, sondern weist für mich auch immer wieder Parallelen zum Menschen selbst auf.

Haus und Mensch besitzen eine Fassade, eine äußere Erscheinungsform, mit der sie auf ihre Umwelt einwirken, mit der sie mit ihr in Kontakt treten, und mit deren Hilfe wir Rückschlüsse auf das „Innenleben“, die Bewohner des Hauses oder das Seelenleben des Menschen ziehen können, oder uns zumindest dazu verleiten lassen.

arbeitersiedlung beton, je 10 x 10 x 20 cm bodeninstallation, gesamtgröße variabel

arbeitersiedlung (industrial housing), beton, je 10 x 10 x 20 cm bodeninstallation, gesamtgröße variabel

Klein sind die Häuser, weil ich noch ein wenig Respekt vor ihrer Komplexität habe. Je mehr ich mich mit ihnen beschäftige und sie kenne, desto größer werden sie aber werden. Ich nähere mich den einzelnen Themen immer sehr vorsichtig und behutsam, sonst macht man schnell etwas kaputt.

Durch ihre „Größe“ haben die Häuser aber auch etwas Modellhaftes, sind beweglich, leicht zu versetzen und aus dem Weg zu räumen. Man schaut von oben auf sie herab – als Beobachter.

So auch bei der Serie „Erdreich“. Auch hier habe ich  kleine Häuser direkt als Negativform in das Erdreich gegraben, zusammen mit einem kleinen Stückchen „Land“/„Umland“ und mit Beton ausgegossen. Dadurch werden Haus und Land eine größere Einheit. Die Häuser stehen dort dann einzeln, zu zweit oder in kleinen Gruppen. Sie stehen getrennt oder laufen ineinander über und verweisen somit auf eventuelle Beziehungen untereinander.

Neben dem frei stehenden Haus sind dort dann auch Reihenhäuser, gefallene Häuser oder Langhäuser zu finden.

Das „Umland“ erinnert durch seine künstliche Struktur dann zuweilen an Ackerflächen, Gärten, Wege oder geebneten Flächen.

Die Betonobjekte besitzen alle die gleiche Grundfläche, ca. 15 x 15 cm und lassen sich dadurch miteinander kombinieren. Gleichzeitig verweisen sie damit auf ihre Gleichwertigkeit untereinander.

Aus den einzelnen Objekten können so ganze Landschaften entstehen. (Hier habe ich den genormten Charakter von Betonerzeugnissen aufgenommen, endlose Wiederholung und Aneinanderreihung von einzelnen Objekten.)

Eine andere Serie von Arbeiten, „Erdboden“, erzeugt durch das serielle Herstellen eines Betonabgusses der Erdoberfläche eine zweite künstliche und seitenverkehrte Oberfläche.

Auch diese einzelnen Arbeiten besitzen eine einheitliche Größe von ca. 39 x 39 x 3,5 cm und lassen sich innerhalb ihrer Modularität beliebig als Bodeninstallation auslegen.

Der Betrachter wird mit einer zweiten künstlichen Erdoberfläche konfrontiert. Diese ist auch nicht wie „normale“ Erdoberfläche weich und formbar, sondern kalt, hart und zerbrechlich. (Durch den Eingriff des Menschen in die natürliche Landschaft wird diese nicht nur in ihrer Wahrnehmung verändert, sondern gleichzeitig wird uns ihre Instabilität und Verletzlichkeit vor Augen geführt.)

Welche Rolle spielen die Titel für Ihre Arbeiten? (Wortspiele, Ironisieren,…?)

fertigbeton II beton und metall, 10 x 6 x 3 cm

fertigbeton II (ready-mixed concrete II), beton und metall, 10 x 6 x 3 cm

Werktitel sind für mich sehr wichtig, sie runden das Geschaffene ab, geben ihm den letzten Schliff und verweisen möglichst kurz und präzise auf den Kern.

Das müssen nicht unbedingt immer tiefgründige, heilsbringende Titel sein, sondern, wie z. B. bei „Fertigbeton“, ist es mehr der Wortwitz, der dem Objekt erst das Leben einhaucht.

Daneben gibt es nur eine kleine Anzahl von Werken, die keinen Titel haben. Das sind dann solche, bei denen selbst mir die Worte gefehlt haben.

Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihren Arbeiten?

Ich sehe meine Kunst, meine Kunstwerke in erster Linie als ein Kommunikationsmittel.

Durch meine Werke nehme ich mit meiner Umwelt Kontakt auf, sende Signale aus. Erzähle etwas, frage und hinterfrage, suche nach Gründen und Möglichkeiten, Dinge einmal anders zu betrachten, als wir es gewohnt sind. Ich versuche, auf Besonderheiten aufmerksam zu machen.

schalung und inhalt  /  2008  /   holz, beton und pigmente  /  14 x 18 x 6 cm und 8,5 x 8,5 x 4 cm

schalung und inhalt (casing and content), 2008, holz, beton und pigmente, 14 x 18 x 6 cm und 8,5 x 8,5 x 4 cm

Kommunikation in diesem Zusammenhang heißt nicht, dass es zwischen mir und dem Betrachter eines meiner Werke einen (persönlichen) Dialog geben muss. Es reicht, wenn es zu einer Kommunikation zwischen Kunstwerk und Betrachter kommt.

Und seit Watzlawick wissen wir ja, dass wir nicht nicht kommunizieren können, und dass alles menschliche Handeln kommunikativ ist.

Gerade durch die visuelle Verbreitung der Werke im Internet kommunizieren wir ja mit einer Unzahl an unbekannten Menschen, die wir nie persönlich kennenlernen werden. Trotzdem haben wir kommuniziert – zeitversetzt und an einem Unort. Aber ab und an ergibt sich dann (wie in unserem Fall, wenn Sender und Empfänger die gleiche Sprache sprechen, auf einer Ebene kommunizieren) doch ein persönlicher Dialog.

Ich sehe da auch Parallelen zur Architektur. Bauwerke, egal ob private oder öffentliche, und quer durch die Jahrhunderte, erzählen uns etwas, teilen uns etwas mit. Teilweise war es ja auch ihre Pflicht, von Etwas kund zu tun oder für eine bestimmte Aussage zu stehen.

Kunst und Architektur sind sehr verwandte Sprachen.

Eine allgemeine Frage: Welche Bedeutung hat Architektur / gebaute Umwelt für uns?

Architektur und gebaute Umwelt haben meiner Meinung nach einen großen Einfluss auf das menschliche Sozialwesen und können sich sowohl positiv als auch negativ auf unser Miteinander auswirken. Der Mensch ist – anthropologisch gesehen – ja erst seit einer kurzen Zeit „häuslich“. Davor war er Nomade, Jäger und Sammler. Das Jagen und Sammeln hat der moderne Mensch mit „Shoppen“ kompensieren können, er wurde zum „Schnäppchenjäger“. Das Nomadentum findet sich zwischen Lenkrad und Auspuff wieder.

schalung und inhalt  /  2008  /  holz, beton und pigmente  / 20 x 9 x 2,5 cm und 3 x 2,5 cm

schalung und inhalt (casing and content), 2008, holz, beton und pigmente, 20 x 9 x 2,5 cm und 3 x 2,5 cm

Und irgendwo dazwischen brauchen wir Platz für unsere eigene kleine Höhle, die wir von Zeit zu Zeit aufsuchen, um unsere Seele zu entstauben.

Durchdachte Architektur, Stadtplanung und Landschaftsgestaltung kann uns helfen, mit diesen Erscheinungsformen der Zivilisationsgesellschaft besser umgehen zu können. Sie sollte uns Freiräume und Oasen schaffen.

Wer und/oder was beeinflusst Ihre Arbeit? Gibt es Vorbilder?

Vorbilder gibt es nicht, mag ich auch nicht.

Wenn man Vorbilder hat, ist es nicht mehr weit bis zum Abbild, zur Kopie.

Was ist Ihrer Meinung nach charakteristisch für Ihre Arbeiten?

Kreativität?

Mirko Stefan Elfert, herzlichen Dank für das ausführliche und informative Interview!!




Rediscovered: Interview with Rem Koolhaas in 2006 – or: what does an architect have to do with R. Meyer?

6 06 2009

An older interview with Dutch architect Rem Koolhaas, conducted in 2007 by German magazine Spiegel editors Matthias Matussek and Joachim Kronsbein, rediscovered by a friend of mine and still interesting to read, with some valuable insights, thus I don’t want to keep it from you.

Koolhaas tells about the CCTV project and working in autocratic Peking, the differences between himself and fellow architects like F. O. Gehry or I. M. Pei, the social possibilities of buildings, the Berlin Stadtschloss/Palace of the Republic situation – to reconstruct or not to reconstruct? – and how ugliness happens to be more interesting than beauty. And, well, about he used to write screenplays for Russ Meyer who’s rather well-known, too, for a certain kind of movie genre… (this is actually mentioned in Chuck Palahniuk‘s  “Snuff”, though a little contorted – Koolhaas wrote, but didn’t act).

Thanks for the good research, M.! :-)

Read the Spiegel interview here.




"It is beautiful to say that the camera is an extension of the eye but I see the camera more as a scratch book." Interview with Tuca Vieira

8 05 2009

I am glad to present you another impressive photo artist whose work is focusing on architecture, cityscapes, urban sceneries,… Brazilian photographer Tuca Vieira gives us insight into his work and tells us why chose photography, what literature means to him and how it influences his work with the camera, and how he met Oscar Niemeyer.

Tuca, thanks so much for sharing your thoughts!

© photos Tuca Vieira

Centro

Tuca Vieira: Centro

Why photography? How and why did you become a photographer?

I always wanted to have an instrument of expression. I have tried music and drawing before and now I realize that I was trying to say the same things. It is important to see the camera just as an instrument.
I have made an important travel in Europe when I was 16. I have visited many countries, alone with a backpack. At that time it was more difficult than today, I was the first in my family to visit Europe since the Italian immigrants and I wanted to share this experience with them. I had just a fake Yashica camera and a few rolls of film. I had to think before shooting. I became photographer at this moment.

Vale do Anhangabaú

Tuca Vieira: Vale do Anhangabaú

You studied languages and literature first. Why did you decide to become a photographer?

I have decided to be a photographer before the university. And when I had to choose a course, I thought language and literature would give me a good aesthetic, social and historical background. Many photographers I admire didn’t study photography. I love literature; writers are the best image creators I know. Kafka, Jorge Luis Borges and José Saramago are always on my mind when I think about photography.

What does photography mean to you, what possibilities does it offer?

Photography is like a passport. It puts you in some interesting situations that wouldn’t be possible otherwise. Sometimes I feel that what I have experienced, the people I meet, are more important than the photographs I take. In the future I am not sure if I will leave a good photographic work, but I will have many stories to tell.

How do you choose your motives?

Photography is a passion. I guide myself by the pleasure of being on the streets. And sometimes I feel that the subject chooses the photographer. I live in the centre of São Paulo. The city is not as beautiful as Rio but it is a fascinating city, full of creativity and energy. Unlike Rio, where the beauty is everywhere, São Paulo is a place where you are forced to find the beauty in order to support the urban chaos. It makes a wonderful photographic subject.

Tuca Vieria: Centro

Tuca Vieira: Centro

Who / What are your role models? Who / What influenced your work?

I try to bring to the photography what I learned with literature, cinema, and music. It is more influent to me than photography. A good poem is full of beautiful images. I try to say to young photographers (at least younger then me) that there is not much to learn with other photographers. To read a good book is the best photo lesson I know.

Why architecture photos? What are your ambitions with your photographs?

I don’t know if I am exactly an architecture photographer. Sometimes I feel myself closer to the landscape photographers. But instead of nature, I look to the cities. I don’t know if it is the same in English or German, but In Portuguese we call a big city “stone jungle” (selva de pedra).

[[yes, in German there's quite the same expression - Großstadtdschungel / jungle of the city - an idea, that became predominant in the 1910s and 1920s in Berlin and can often be found in Expressionist texts and poems. In English I heard say "urban jungle", though I don't know about the literature historical connotations.]]

VVTs, MoscouTuca Vieira: VVTs, Moscou

You mostly photographed São Paulo so far – but I take it that you are now exploring new cities, S. Petersburg, Berlin,…

Exactly. I have been photographing São Paulo during the last years I now I feel that it is time to explore different places. I am going to Berlin this year for a six months period. I am curious to see what will happen. São Paulo is my city and I love to see the work of a foreign photographer about São Paulo. Now I will be a foreigner in Berlin.

Did you shoot the major part of your o Paulo portrays from “above”, i.e. from an airplane?

Some are from the top of buildings, others from helicopter. But I also have a black and white work, more intimate and personal, where I try to make some “street photography”. It is important to me to be on the street level, closer to the people, even to understand the city from above.

Most of your photos are without humans. Is that intentional?

Tuca Vieria:  São Paulo, 2008

Tuca Vieira: São Paulo, 2008

ot intentional. I don’t think much about this. But even without people, I try to show the human presence behind the buildings. A city is perhaps the most complex human work ever made. I see a great human drama in the city shape.

What does architecture mean to you?

I lived in Belo Horizonte, in state of Minas Gerais when I was teenager, and I will never forget the impact of visiting the works of Niemeyer in the Pampulha complex or the colonial cities like Ouro Preto and Sabará. The richness of baroque and modernist architecture in Brazil (and its relations) is a wonderful example of what this country can offer to the world.

You portrayed Oscar Niemeyer – any experiences you want to share about meeting him?

escritório, Rio de Janeiro

Tuca Vieira: escritório, Rio de Janeiro

Oscar Niemeyer is one the artists I most admire. Not only because of his architecture, but also his example as human being. The first time I went to his office to portrait him was not easy. I have introduced myself, saying I am a great admirer of him. After two or three pictures he sad to me: ok enough. I was disappointed until I put the camera back in the bag. Than we started to chat and we had a wonderful conversation about Brazil, about life. He made me think what I was I was doing there. It was not just about the pictures. He always repeats that architecture is not important. That day I realized that also photography is not important. To meet someone like Niemeyer is much more important.

What – in your opinion – is characteristical of your work and your working method?

Composition is important to me. I try to find a balance in the frame. I always have in my mind that every photograph is just an interpretation of the subject. The nature of the photography, its two dimensions, the frame format, request a different way of approaching a subject. It is beautiful to say that the camera is an extension of the eye but I see the camera more as a scratch book.

Where can we see your works? Exhibitions coming up?

I have a website, www.fototucavieira.com.br. Now I am planning this trip to Berlin and it would be wonderful to show my work in Germany.

Tuca Vieira, thank you very much for the interview!!




Creating a moment through the lens. Interview with Inês d'Orey

1 05 2009

As I already announced, here is the interview with young Portuguese photographer Inês d’Orey. I am happy that Inês found the time to answer some questions about her work – thanks Inês!!

Her faszinating photo series Porto Interior can still be seen at Galleri Image, Aarhus (Denmark) until May, 10, 2009. So if you happen to hang around in Denmark – don’t miss the chance!

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Fenianos 2 (from: Porto Interior), 80 x 80 cm, 2007 © Inês d'Orey

Inês, what can we see at Aarhus?

The exhibition Porto Interior in Galleri Image, presents a selection of 14 large format photographs, part of my ongoing project of  representing empty interiors of public and semi-public spaces in Porto, Portugal. The photographs are exhibited in conjunction with a video projection that incorporates sound recordings of people using the spaces in the photographs.

What is your intention with Porto Interior?

Porto Interior functions as a collection of spaces that I search and find throughout the city. These interiors are photographed absent of any human presence. Familiar places like theatres, swimming pools or staircases, used by people on a daily basis, become stages for a story that is never clear, but that doesn’t need to be clear.  Through digital manipulation, I alter  the photographs subtly until I create  the atmosphere I find appropriate.

Why photography? Why did you become a photographer?

Photography, because it provides the possibility of communicating from a physical and objective reality at the same time, with a subjective subtext underneath. And those two elements put together create a really interesting provocation.

What does art mean to you, which possibilities does it offer?

What is art?

Piscina de Campanhã (from: Porto Interior), 80 x 80 cm, 2007 © Inês d'Orey

How do you choose your motifs?

There isn’t a rule. I’m inspired everyday by different sources that, at a certain point, come together and result in an idea.

Who / What are your role models? Who / What influenced your work?

I never had any role models, specially in photography. My main influences come from cinema , painting and illustration.

In many projects, you focus on architecture, resp. rooms/interiors as well as “space” in general. Why? What does architecture / space mean to you?

Until I finished my degree in photography, I had never been particularly interested in architecture. But then, I started to work with an architecture photographer and was, in a way, „forced” to photograph space! That much delivery and exposure to architecture and being always surrounded by architects made me, slowly, start to acquire a special interest in it. And it reached the point of being, at the moment, my main interest.

What is it that you are interested in when portraying architecture/buildings and people?

The beauty of the form and light, the curiosity of the functionality, the misterious possibility of an unclear narrative.

The everyday usage of spaces tends to make them invisible, indiferent. The more you use the space, the more you ignore it. What photography does is, it selects, focuses your attention and tells you where to look.

Porto Interior, 80 x 80 cm, 2007 © Inês d'Orey

What are your ambitions with your photographs (esp. your “urban” works, but also in a broader point of view)?

I want to trigger the viewer’s imagination: what strange story is happening here? I like to think that the viewer will feel, more than rationalize the photograph.

What – in your opinion – is characteristical of your work and your working method?

I always plan and think through before I photograph. I never go out with my camera waiting for something to happen.

I think I could say that my work conceptually stages reality.  I’m more interested in “creating a moment”, more than “catching the moment”.




Interview with Michael á Grømma

23 03 2009

I am very happy to present another interview with a young Danish artist who is working with architecture in his paintings: Michael á Grømma, whom I  mentioned a little while ago.

Actually a graphic designer,  he has found his way to painting only last year when he came back from a trip to California. His experiences there flew into his works. The impressive paintings are collages of prints of skyline photos taken in California, mostly San Francisco.

Currently he is just presenting his first solo exhibition  at Gallerie Rasmus, one of Denmark’s major galleries, in Copenhagen.

In the interview Michael tells us more about how this experiences in California inspired him to paint,  about his work in general and how he finally found his way to art – even though both his parents are artists as well :-) – and shares his ideas about two of his paintings with us.

Thanx very much, Michael!!

Interview

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Michael á Grømma, Chocolate Jesus, 2008

To start with, no I have no architectural background, but I have always had great interest in architectural design.

What is the objective of your paintings?

The “objective with my paintings,” or what I want tell with them, is a wide variety of things…

It all started when I visited California last year (2007). I loved the cities and I loved the whole vibe and feel of the place, and also the people living there.

It inspired me a lot, and when I got home I wanted to tell people about my experience! Painting was a very natural choice of expression, and all of my motives are in someway connected to my experience in CA. I also include things like my huge fear of flying, and therefore the dilemma of me wanting to go back to visit again. There’s also a lot of my general view on things such as religion, and the big city versus the country. I grew up in a small boring town in the country side of Denmark, and I have always wanted to move to Copenhagen. There is a lot about that “struggle” in my motives as well. Last but not least I have played music most of my life, and music has a big part in some of my paitings as well. For example I often use songtitles as titles for my paintings, and even some times do interpretations of songs.
I guess you can compile it all down to that my paintings are about me, and what I think.

The highrise buildings in your paintings, are they painted or is it collage?

The buildings are prints of pictures I took during my trip to California. Most of them are from San Fransisco, but a few are fom L.A.

I’m really looking forward to going back and getting new photographs to work with.

Since your work also deals with urban situations: What do you think about the recent urban developments? What about San Francisco in particular?

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Michael á Grømma, Coast of California, 2008

Well I must admit that I don’t know much about the urban developments in San Fransisco, but I can tell you about my impression of the place when I visited.

My very first impression was that it was a very dirty town and that it had just a bit too many poor people begging for money… it seemed so sad.

But after a while I came to like the city more and more. It has some of the most amazing bars and some fantastic architecture, and then of course the landscape which the city is built upon makes it incredible! When you get to higher grounds and can look down on how the houses are built on these massively steep hillsides, it looks great with the small roads running between the houses down these steep hills.

With that being said the tourism has taken over a bit too much in some places like for example the pier.

But all in all I love the city, and especially the nightlife with the most amazing bars I have ever visited. :)

Most of the photographs I use in my paintings were taken in San Fransisco.

Could you tell us something about particular paintings?

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Michael á Grømma, God is in the House, 100 x 100 cm, 2008

God is in the house
This painting has a specific “concept”. It is an interpretation of a Nick Cave and The Bad Seeds song called “God is in the house”.

I was working on this painting, and couldn’t really see where I wanted to go with it. I started playing songs on my iTunes playlist, and the Nick Cave song came up. The lyrics just captured me, and I sat down and started to read through them trying to “understand” them and get my own view on them. Then I started painting ideas from the lyrics, with this manlike face in the top right corner looking down on the world, hanging right above this small town, where all the houses look alike and the church is the “main attraction”. Then I added the contrast to that small town via the big city print, and thereby added a bit of where I originally came from and where I wanted to go. I have always hated the boring life of the country, and have always wanted to leave for the big city.

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Michael á Grømma, The holidays are here and we're still at war, 120 x 100 cm, 2008

The Holidays are here and we’re still at war
Again this is an interpretation of a song by the American sing-a-song writer Brett Dennen. The title really says it all, and I have tried to capture that obscure reality in the painting.
But with this painting, and in almost every painting I do, this is not the only thing it’s about. It’s just the “main theme.” The painting also portrays what I like about the city, and what most people dislike about the big cities (like dirt, graffiti tags & crowded roads) is what makes it interesting to me.
If you look closely and use your imagination, you can find many other small “stories” hidden in the painting, and that is really something I try to do a lot – not just to have one thing, but multiple small stories in my paintings, and lots of things that calls for the viewers imagination.

A general question: Why art?

Because it doesn’t set up perimeters that I have to stay within, it offers total creative freedom!

And why painting in particular? How did you find your medium?

The thing is that my mom is a pretty well known painter here in Denmark, and my dad paints as well, so I have grown up with it. I guess that’s why it came so natural to me. Then I am an educated visual designer, so looking at colours and compositions are not new to me. They just used to be on a computer screen… :)

So who is your mother?

My mom is called Majken á Grømma, and she is probably most known for her landscape paintings of the Faroe Islands. She also does ceramics, where she uses her paintings directly on the ceramic. Her website is www.majkenagroemma.dk

How you want to go on? Any particular interest want to follow?

Well I have planned to go back to USA within a year to visit new places like New York. I really want to try to use some of the massive buildings from New York in my paintings.

Also just going there with the works in mind, contrary to last time where it was pure holiday. I only got the pictures of the buildings by chance, while taking “tourist” pictures. Next time I can go look at the place and the buildings with the knowledge, that they are going to be used in my paintings. I’m really looking forward to what that is gonna bring to my work.

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Michael á Grømma

My ambitions are to get recognized as a serious professional artist, and hopefully continue being able to earn a living off of it.

Who / What are your role models? Who / What influenced your work?

Well I don’t know if I have any particular “role model”, but a lot of different artists have influenced my work, starting of course with my mom and dad. But the first artist who really got to me was Robert Rauschenberg. I was stunned by the massive paintings and great use of colour the first time I saw them at an exhibition at AroS (Aarhus art museum).

Also the fact that he used photographs and foreign objects really caught my interest.

I am also a big fan of Andreas Golders work and lately I’ve discovered an American artist called Rosson Crow.

What – in your opinion – is characteristical of your work and your working method?

The thing that I love the most about my work is when it is exhibited and families bring their children to the exhibition. It often happens that the children are dragged around by their parents and just moan about wanting to go home. But very often it happens that when the children see my paintings and see the small funny men jumping in parachutes or flying with balloons, they light up and start searching through the paintings for more funny stuff that they can relate to. That I think is amazing and I can really relate to the children as well. I have been that child who didn’t have any interest in art whatsoever and was dragged along by the parents. :) Of course, now I’m glad they did, but back then I hated it, and thought it was boring! :)

Children are so impulsive. They don’t like or dislike a painting because of the artists’ name and are not that controlled by rules and regulations! I think it’s amazing that children like my paintings! :)

Where can we see your works?
Well, every exhibition I have is related to Gallerie Rasmus. I just recently finished my first solo show in Copenhagen, and the next thing I have coming up is in Skagen (Denmark) with Gallerie Rasmus also.
You can follow me on facebook or check www.gallerie-rasmus.dk (danish language) for updates on upcoming exhibitions.

How did this cooperation with Gallerie Rasmus happen?

My paintings were standing at my mom and dad’s place, because I live in a small apartment, so I don’t have room for many paintings at the time… and then Rasmus came by my mom to pick up some of her paintings and he saw mine… and I guess he was hooked instantly :)

And some personal questions at the end:

Who is / are your favourite artist / s ?

I kind of mentioned it earlier, but I would have to say Robert Rauschenberg and Andreas Golder.

Where is your favourite museum / gallery /….? Or: Which exhibition / exhibition space impressed you most lately?

The MoMA in San Fransisco is the best museum that I have visited but in close combat with a museum that I visited in Los Angeles for a Dali exhibition, I just don’t remember its name… But the museum that has always been my dream to visit is the MoMA in New York and also Guggenheim.

(© of all illustrations: Michael á Gromma)