Review: Informal Arrangements by Peter Bialobrzeski

8 07 2010

Kliptown is not only the oldest, but also a historically very important part of Soweto: In 1955 the anti-Apartheid Congress of the People was held here, when the Freedom charter got published. This Charter became the basis of the new South Africa’s constitution. Kliptown however remained very poor black township. Peter Bialobrzeski photographed the interiors of the shanties, which the inhabitants are trying to turn into homes, against all odds. The calm, unagitated photographs reflect these efforts and present striking “portraits in absentio” (no humans are present in the photos) of Kliptown’s inhabitans.

Kliptown ist nicht nur der älteste, sondern auch ein historisch für die Geschichte Südafrikas sehr bedeutsamer Bezirk von Soweto. 1955 versammelten sich hier 3000 Apartheid-Gegner – unter ihnen auch Walter Sisulu und Nelson Mandela – zum Congress of the People und formulierten die Freiheitscharta, ein Gegenentwurf zu damaligen Apartheid-System. 1990 wurde diese Charta zur Basis der Verfassung des neuen Südafrikas. Seit fünf Jahren erinnert ein steinernes Monument auf einem neu angelegten Platz an die Charta.

© P. Bialobrzeski

Kliptown ist aber auch ein Stadtteil Sowetos, der das Scheitern – oder zumindest die Schwachstellen – der Charta allzu augenfällig aufzeigt. Noch lange nicht sind die darin formulierten Ideale realisiert und flächendeckend umgesetzt. Rund um den Gedenkplatz in Kliptown leben die schwarzen Armen in Hütten, die mehr an Verschläge erinnern. Im Viertel neben dem WM-Stadion, Soccer City ist knappe 10km Luftlinie entfernt, wohnen sie in provisorischen Unterkünften, deren Einrichtung oft nicht einmal dem Wert eines Eintrittsticket entsprechen würde.

© P. Bialobrzeski

Trotzdem versuchen diese Menschen, ihre Unterkünfte zu einem Heim werden zu lassen. Mit Blättern aus Werbezeitungen werden Wände tapeziert und Farbe hineingebracht, mit Postern, Seiten aus Unterwäschekatalogen, Stoff wird Wohnlichkeit erzeugt. Kalender, Vorhänge, auf Betten drapierte Kissen. Hier steht Beauty-Zubehör, dort liegen Kleider, hier ein Fernseher, dort Radio oder DVD-Player.

Der deutsche Fotograf Peter Bialobrzeski blickt in diese Hütten, die so eng sind, dass sie kaum auf das Bild zu passen scheinen. Er präsentiert Ansichten der Behausungen, sehr private Einsichten – ohne Menschen zwar, aber dadurch fast noch intimer: Hier nämlich wird die private Hülle, der persönliche Rückzugsort der Bewohner Kliptowns porträtiert. Gleichsam „schutzlos“ wird er dem Blick der Kamera offenbart und so zum „Porträt in absentio“ – die räumliche Hülle, das Zuhause verrät oft mehr über seinen Bewohner, als man denken mag.

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Peter Bialobrzeski: Informal Arrangements, Text von Peter Bialobrzeski, Indra Wussow, Gestaltung von Peter Bialobrzeski, Kathrin Hufen, Deutsch, Englisch, 2010. ISBN 978-3-7757-2660-3

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Bialobrzeski präsentiert diese fast intimen Einsichten in einer ruhigen, unaufgeregten Bildsprache, die sich auch in der Machart der Publikation, bereits dem 7. Projekt des Fotografen mit dem Hatje Cantz Verlag, widerspiegelt. Den fast seitengroßen Abbildungen wird sehr viel Platz eingeräumt, ohne Text oder Beschriftung wirken sie ganz für sich und lassen den Betrachter viel Raum, um sich in sie zu vertiefen.

Voraus geht ein kurzer einleitender Essay auf Englisch und Deutsch von Indra Wussow, deren Johannesburger Kulturstiftung jozi art:lab den Fotografen überhaupt erst zu seinem Projekt in Südafrika gebracht wird.

Abbildungen Hatje Cantz




Neue Bücher: Von Walter Niedermayr bis Peter Bialobrzeski. Hatje Cantz im Herbst 2010

10 06 2010

Out now: the autumn program of German art book publisher Hatje Cantz – including several interesting architecture+art publications. And because it’s Fifa World Cup, we’re starting with 2 photo books about South Africa, then turn to Italy and to – it can’t be missed – Berlin.

Please use the links for an English description of the books.

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Thomas Hoeffgen: African Arenas

Thomas Hoeffgen, eigentlich international erfolgreicher Mode- und Werbefotografen, hat sich von der Begeisterung, mit der in  Afrika Fußball gespielt wird, anstecken lassen und seit 1999 immer wieder Fußballspieler und Zuschauern in Nigeria, Namibia, Botswana, Sambia, Malawi und Südafrika fotografiert – auf den typischen improvisierten Sandbolzplätze des Kontinents mit zwei Holzpflöcken als Tor, aber auch in den Betonarenen der Städte mit ihren Flutlichtern und Tribünen. (Ausstellungen: Auswärtiges Amt, Berlin 30.4.–2.6.2010 | Deutsche Akademie für Fußball-Kultur, Künstlerhaus im KunstKulturQuartier, Nürnberg 5.6.–18.7.2010).

Thomas Hoeffgen: African Arenas, Hrsg. Nadine Barth, Text von Nadine Barth, Ian Hawkey, Thomas Hoeffgen, Gestaltung von Julia Wagner, Deutsch, Englisch, 2010. ISBN 978-3-7757-2668-9

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Peter Bialobrzeski: Informal Arrangements

Sehr viel ernster hingegen Peter Bialobrzeskis neuestes Projekt Informal Arrangements, das Innenansichten südafrikanischer Slumhütten zeigt. Die Fotos entstanden 2009 in Kliptown, einem Vorort von Soweto, in dem 1955 Mitglieder der Anti-Apartheid-Bewegung die »Freedom Charter«, ein Zehn-Punkte-Programm,verabschiedeten, das bis 1990 verboten blieb und heute einen wesentlichen Teil der südafrikanischen Verfassung darstellt. Trotz des historischen Auftrags hat sich die Lebenssituation der Bewohner informeller Siedlungen in den vergangenen 20 Jahren kaum verbessert.

Soccer City, Johannesburgs neues, extra für die WM 2010 gebautes Fußballstadion, ist weniger als zehn Kilometer Luftlinie entfernt. Eine Eintrittskarte auf dem internationalen Markt ist teurer als die gesamte Einrichtung einer Hütte auf den Fotos von Peter Bialobrzeski. Die Bilder erzählen von dem Wunsch, das Heim mit den wenigen zur Verfügung stehenden Mitteln wohnlich zu organisieren.

Peter Bialobrzeski: Informal Arrangements, Text von Peter Bialobrzeski, Indra Wussow, Gestaltung von Peter Bialobrzeski, Kathrin Hufen, Deutsch, Englisch, 2010. ISBN 978-3-7757-2660-3

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Auch aus bzw. über Italien gibt es gleich zwei schöne Bände: Gregory Crewdson: Sanctuary und Walter Niedermayr: Recollection, dessen beeindrucke Arbeiten mir schon lange aufgefallen sind.

Walter Niedermayr (*1952 in Bozen) ist einer der großen europäischen Fotokünstler unserer Zeit. Seine sensible Bildsprache, die in den letzten Jahren von zahllosen anderen Fotografen leider viel kopiert wurde, ist durch die zurückgenommene Farbdichte gekennzeichnet. Einem breiten Publikum bekannt wurde Niedermayr durch seine Bildserien zu alpinen Landschaften, Architekturen und Infrastrukturen.

Für dieses Projekt reiste er in den Jahren 2005 bis 2008 nach Teheran, Isfahan, Yazd, Schiraz sowie in kleinere Städte und zu historischen Stätten des Iran. Es entstand eine neue Werkgruppe, in der er die architekturhistorischen Zusammenhänge der aktuellen iranischen Architektur vor ihrem kulturellen und geschichtlichen Kontext hinterfragt. Das vom Künstler selbst in enger Zusammenarbeit mit den Grafikern und dem Verlag entwickelte Projekt wird, wie die vorangegangenen Bücher Niedermayrs, sicher wieder ein Höhepunkt der »Fotobuchkunst« werden.

Walter Niedermayr: Recollection, Gestaltung von Mevis & van Deursen, Deutsch, Englisch, 2010. ISBN 978-3-7757-2738-9

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Gregory Crewdson, der Großmeister rätselhaft verdichteter Fotoinszenierungen hat ein neues Sujet gefunden: die römische Cinecittà.

Bislang waren Crewdsons Serien enorm aufwendig und erforderten große Produktionsteams, eigens gebaute Filmateliers und professionelle Schauspieler. Nun aber kehrte er nur mit einem kleinen Team zurück und arbeitete für seine eindringlichen schwarz-weiß Aufnahmen zerbröckelnder Fassaden und verlassener Straßen vorwiegend mit natürlichem Licht. All dies bedeutet jedoch nicht wirklich einen Bruch zu Crewdsons früheren Serien, denn der dramatische Subtext seiner Bilder, das unheimliche Gefühl, dass in ihnen die Vergangenheit wieder zum Leben erweckt wird, findet sich auch hier.

Gregory Crewdson: Sanctuary, Einleitung von A. O. Scott, Gestaltung von Sarah Gifford, Deutsch, 2010. ISBN 978-3-7757-2734-1

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Und natürlich darf auch Berlin nicht fehlen: Agentur OSTKREUZ: Die Stadt und Christian von Steffelin: Palast der Republik

Mittlerweile leben weltweit mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Welche Hoffnungen und Wünsche verbinden sie mit der Stadt? Auf welche Weise prägt die Stadt ihren Alltag und ihre Beziehungen zu Umwelt und Mitmenschen? Die Fotografen der Berliner Agentur OSTKREUZ sind diesen Fragen nachgegangen. OSTKREUZ steht dabei für eine bestimmte Vorgehensweise, nämlich den Kern der Dinge zu erkennen, ihn abzubilden und in diesem Abbilden ehrlich zu bleiben. Die 18 Fotografen porträtieren die Bewohner der Stadtutopie Auroville in Indien, der Slums von Manila und des von der Mitte aus zerfallenden Detroit, sie dokumentieren das am Reißbrett entstandene chinesische Ordos, die Künstlichkeit der Straßenzüge Dubais und die zerbombten Häuser von Gaza. Was am Ende aufscheint, ist das Porträt einer Stadt, die alle Städte ist.

Die beteiligten Fotografen:

Sibylle Bergemann, Jörg Brüggemann, Espen Eichhöfer, Annette Hauschild, Harald Hauswald, Pepa Hristová, Andrej Krementschouk, Ute & Werner Mahler, Thomas Meyer, Dawin Meckel, Julian Röder, Frank Schinski, Jordis Antonia Schlösser, Anne Schönharting, Linn Schröder, Heinrich Völkel, Maurice Weiss

Ausstellung: C/O Berlin, Postfuhramt 8.5.–4.7.2010

Die Stadt: Vom Werden und Vergehen, Hrsg. Ostkreuz – Agentur der Fotografen, Vorwort von Marcus Jauer, Protokolle von Marcus Jauer, Anne-Dore Krohn, Nachwort von Felix Hoffmann, Gestaltung von Naroska Design, Deutsch, Englisch, 2010. ISBN 978-3-7757-2659-7

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Seit 1993 fotografiert Christian von Steffelin (*1963 in Karlsruhe) die drastischen Veränderungen im Osten Berlins seit der Wende. Sein Interesse gilt hier insbesondere den kurzlebigen Stadien einzelner Bauten und Stadträume und deren Vergänglichkeit. Eine Langzeitstudie widmete er dem Palast der Republik in einem Zeitraum von 1994 bis 2009.

Von Steffelin dokumentiert die einzelnen Phasen des Verfalls des einstigen Zentrums der Macht: von den Resten der entfernten Inneneinrichtung über den Baukörper im Rohbauzustand bis zur übrig gebliebenen freien Rasenfläche. Diese Bilder des langsamen Verschwindens offenbaren den gewaltigen Widerspruch zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Christian von Steffelin: Palast der Republik, Gestaltung von Kai-Olaf Hesse, Text von Christian von Steffelin, Ulrike Westphal, Gerwin Zohlen, Deutsch, Englisch, 2010. ISBN 978-3-7757-2721-1

Presseinfos und Abb. Hatje Cantz




Review: Zwischen den Attentaten: Geschichten aus einer Stadt von Aravind Adiga

25 05 2010

Auf das neue Buch “Zwischen den Attentaten” von Aravind Adiga wurde ich wegen des Untertitels aufmerksam. “Geschichten aus einer Stadt” heißt es da, und der Klappentext verspricht, man würde an einer siebentägigen Erkundung der indischen Stadt Kittur und ihrer Besonderheiten teilnehmen. Anders als erwartet spielen die Architektur und die architektonischen Besonderheiten dieser Stadt jedoch nur eine Statistenrolle. Das Gesicht der indischen Stadt fügt sich vor allem aus den zahlreichen Personenporträts zusammen, die zwar grandios erzählt sind, Indien aber desillusionierend von seiner unschönen Seite zeigen. Insgesamt fehlt ein wenig ein Spannungsbogen, der die Geschichten zusammenhält.

Aravind Adiga’s latest book “Between the assasinations” caught my attention because of its subtitle “Stories from a city”. The short text on the book’s cover promised a 7-day journey through the fictive Indian city Kittur. Yet contrary to (my) expectation, the city’s architecture and its particularities weren’t more than props. The city’s “face” was built from numerous short stories – it’s not a novel, but a collection of independent stories – portraying different inhabitants of Kittur. Admittedly, Adiga is a terrific narrator and superb observer, but he presents India from its very ugly side, thus the book is not an easy read, less so as it lacks a connection between all the sad fates suffering from greed, injustice, wilyness.

Sieben Tage in der Stadt Kittur: Sieben Tage auf Entdeckungsreise durch eine typisch indische Stadt verspricht der neue Roman von Aravind Adiga, der für seinen Weltbestseller „Der weiße Tiger“ mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurde. Er nimmt seine Leser mit auf die Reise ins gegenwärtige Indien abseits der bunten Touristen-Welt. Kittur ist eine fiktive Stadt, die aber deutlich erkennbare Züge Bangalores tragen soll. Die darin versammelten, in sich geschlossenen Geschichten lassen das Leben im heutigen Indien plastisch werden. Aber es ist kein schönes Bild, das der Autor vor den Augen der Leser entstehen lässt. Weit entfernt von knallig bunten Bollywood-Farben wirkt Adigas Indien umso realistischer, denn er lässt nichts aus: Porträtiert werden Schicksale von „oben“ und von „unten”, von Hindus, Christen und Moslems, von Jungen und Alten, von Armen, Reichen und den Menschen irgendwo dazwischen.

Jeder Tag wird eingeleitet mit knappen Darstellung eines besonders sehenswürdigen Stadtteils von Kittur. Architektonische Elemente von diesen Stadtteilen werden dann verwoben mit den folgenden Geschichten, allerdings mehr als flüchtiger Rahmen, der die in sich geschlossenen Schicksale übergreifend verbindet und gleichsam geografisch in der imaginären Stadt lokalisiert, ohne jedoch einen besonderen Bezug zum Geschehen selbst aufzubauen. Das erinnert ein wenig an einen Film, in dem man die verschiedenen Charaktere an den gleichen Bauwerken vorbeihetzen sieht, ohne dass sie sich kennen oder miteinander in Kontakt treten. So gelingt es Adiga, verschiedene Perspektiven, verschiedene Lebensweisen und Seiten der Stadt und ihrer Bewohner zusammenzufassen. Das Element der Architektur bleibt bei diesen Stadttouren jedoch abstrakt, abstrakter als man es erwarten würde von einer Entdeckungsreise durch eine fremde Stadt.

Die Bewohner Kitturs, das ist der „Moskitomann“, der sich im Dienst einer reichen Dame zum Gärtner und Chauffeur hocharbeitet und schließlich alles verliert, als er die strengen Kastengrenzen überschreitet. Da ist der reiche Schuljunge, der in seiner Schule eine Bombe zündet, aus Protest gegen das Kastenwesen. Da sind die Armen, wie der Fahrradkurier, der sich tagtäglich abrackert und unter freien Himmel schläft, da sind die Reichen, die jederzeit täglich zweimal baden und mehrere Dienstleute beschäftigen können. Da sind die „Vertrauten“, die bei einem kinderlosen Paar zu Gast sind und die üppige Bewirtung genießen, die jedoch, kaum haben sie das Haus verlassen, über die modernen westlichen Ideen der Gastgeberin herziehen. Da ist der alternde brahmanische Kommunist, der seinen Lebensidealen abfällt und die traditionellen Vorrechte einfordern will, als seine körperlichen Bedürfnisse die Oberhand gewinnen, ihn die begehrte junge Frau jedoch nicht heiraten will.

Adiga stellt unterschiedlichste Charaktere vor, beschreibt ihre Gedankengänge, die nicht so sehr von hehren Idealen geprägt sind, sondern fast immer vom Streben nach Geld und noch mehr Geld oder auch schlicht vom Willen zu überleben. Die Geschichten sind Geschichten von Menschen, wie sie im heutigen Indien – und nicht nur da – tagtäglich geschehen. Es geht um das Kastenwesen, um soziale Schranken und religiöse Grenzen, aber auch um Zwischenmenschliches, um Missverständnisse, „Coming-of-Age“, um Männer und Frauen. Adiga erzählt all dies schonungslos und zeichnet ein (wohl) sehr akkurates Bild von Indien abseits vom Glimmer, Glitter, Glamour. Er spart Unschönes nicht aus, verfällt jedoch auch nicht in eine „Slumdog Millionaire“-Weichzeichner mit edlen Charakteren, die aus der Gosse kommen. Adigas Figuren sind nobel, hilfreich, warmherzig, sie sind aber auch verschlagen, hinterhältig, egoistisch – kurz: echte Menschen.

Aravind Adiga: „Zwischen den Attentaten“. Geschichten aus einer Stadt. Aus dem Englischen von Klaus Modick. Verlag C. H. Beck, München 2009. 376 S., geb., 19,90 €.




Food Design oder: Was haben Lebens- mittel und Architektur gemeinsam?

18 05 2010

Essen ist Kulturgut. Seit Jahrtausenden wird es zum Verzehr in bestimmte Formen gebracht. Dass bei der Zubereitung und Präsentation von Nahrungsmitteln auch ein ästhetisches Interesse zugrunde liegt, ist eigentlich nicht überraschend – Kuchen werden verziert, Teller dekoriert, Obstschalen angerichtet. Trotzdem ist es ungewohnt, Lebensmittel selbst als Designobjekte zu betrachten – aber eben dies sind sie: Oder warum gibt es so seltsam geformte Backwaren wie Brezeln und Hörnchen? Wieso gibt es Gummibärchen oder Toblerone-Stangen?

Foods are cultural assets. For thousands of years food has been shaped in order to make it consumable. Little surprising though, that preparation and presentation of edibles have aesthetic interests, too – cakes get decorated, plates garnished, fruit bowls arranged. But still it is uncommon to consider foods as design objects – but they are just that: Why else do we have weirdly shaped pastries such as pretzels or croissants? Why gummibears and toblerones?

In their book “Food Design” the authors (both originally educated as architects) give a summary of how different aspects – haptics, colour, sound, … – influence the preparation of foods. And along the way, they answer the question what food design and architecture have in common (as the German title of this article asks).

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Food Design

von der Funktion zum Genuss

Sonja Stummerer, Martin Hablesreiter

Springer Wien, New York, 2005

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.„In derselben Weise, wie wir Mode, Möbel oder Autos gestalten, um unser ästhetisches Wohlbefinden zu befriedigen, erwarten wir auch von Lebensmitteln, dass sie nicht nur unsere Bäche füllen, sondern auch unsere Sinne betören“ (9), sagen die Autoren von „Food Design“. Ihr Buch ist ein Plädoyer für eine bislang eher unbeachtete Designsparte.

Aber was hat Architektur mit Food Design zu tun? Nicht allzu viel, meint man im ersten Moment. Überraschend viel, stellt man fest, nachdem man einen Blick in das Buch geworfen hat. Denn Food Design bedeutet trotz des neudeutschen Begriffs letztlich nichts anderes, als das Formen und Gestalten von Lebensmitteln im Alltag. Und eben dies tut auch die Baukunst: „Ähnlich wie in der Baukunst, wo Funktion, Zeitgeist und Fertigungstechniken zusammenwirken, hinterließen die entscheidenden Etappen der Menschheitsgeschichte auch in der Küche ihre Spuren“ (13).

Diesen Spuren gehen die Autoren des Buches in acht Kapiteln nach. Woher kommt der ungewöhnliche Brezelknoten? Warum ist die Toblerone pyramidenförmig? Und wie kommt die Wurst ins Brot und der Sandwich auf den Tea-Time-Teller?

In thematischen Kapiteln wie „Knusperspaß und Farbenfreude“ oder „Spannung in Hülle und Fülle’“ wird deutlich, welche enorme Rolle Haptik, Geräusch und Farbe beim Essen spielt – warum g ibt es eigentlich keine violetten Gummibärchen? –, wieso es Knuspriges oder Streichfähiges gibt und wie die Sachertorte dank ihres „Schokopanzers“ ihren Siegeszug um die Welt antreten konnte.

Amüsant und kurzweilig geschrieben nehmen die Autoren ihre Leser mit auf einen Spaziergang durch die Küchen Europas. Leicht und interessant zu lesen garantiert „Food Design“ einige neue Sichtweisen aufs tägliche Brot und bietet dabei ebenso überraschende wie interessante Einblicke gerade auch auf Lebensmittel, die ganz alltäglich erscheinen – seien es die schon erwähnten Brezeln und Gummibärchen oder das Croissant und das Fischstäbchen. Gewürzt werden die Ausführungen mit historischen Anekdoten, die bis in die Antike zurückreichen, und mit Seitenblicken auf die Entstehung echter Küchenklassiker vom Würfelzucker bis zum Tomatenketchup

Garniert mit kreativen Fotografien (fotografiert von Ulrike Köb) von Lebensmitteln macht „Food Design“ auch optisch Spaß. So manche kreative Spielerei verblüfft den Leser, etwa die in Scheiben geschnittene Torte und der in Tortenstücken geteilte Brotlaib – beide rund, beide in Stücke zu zerteilen, um sie essen zu können, nur käme man nie auf die Idee, die Sahnetorte in Schnitten aufzutischen. Warum eigentlich?

Eine Zeitleiste am Ende des Buches listet die nachhaltigsten Erfindungen in der Küche auf – von der Mayonnaise im 18. Jahrundert über die erste Erwähnung der Pasta mit Tomatensauce und der Erfindung des Frankfurter Würstchens (beide 19. Jh.) bis hin zu den essbaren „Ikonen“ des 20. Jahrhunderts: das Eis am Stiel, Nutella, Kinderüberraschung, Coca Cola, …

Entwickelt und geschrieben haben „Food Design“ die Österreicher Martin Hablesreiter und Sonja Stummerer, beide von Haus aus Architekten und eher durch Zufall in die Richtung des Lebensmittel-Gestaltung gekommen. Wie ungewöhnlich und gelungen ihre Arbeit ist, zeigt die öffentliche Aufmerksamkeit für „Food Design“, das schon einiges gewonnen hat. Mittlerweile ist ihrem Erstling „Food Design XL“ (2010) gefolgt, das gerade beim Bewerb des „Le Cordon Bleu World Food Media Awards 2010″ in der Kategorie “Best Food Book” in Adelaide, Australien ausgezeichnet wurde.




Ganz besondere Ansichten „Von Menschen und Häusern“ im neuen Jahrbuch des HDA Graz

12 03 2010

Als eines der schönsten Bücher 2009 in der Kategorie „Kunstbücher und Fotobände” ist es vom Hauptverband des Österreichischen Buchhandels gerade ausgezeichnet worden, für den Staatspreis 2009 ist es nominiert: Mit „Von Menschen und Häusern. Architektur aus der Steiermark. Architektur Graz Steiermark 2008/2009″ ist dem Haus der Architektur HDA Graz ein ungewöhnliches, ein besonders schönes Architekturbuch gelungen. Herausgegeben von Ilka und Andreas Ruby ist der Band – zugleich auch das Jahrbuch 2009 des HDA – anders aufgemacht, als die bisherigen Jahrbücher, die alle 2 Jahre erscheinen, und entspricht so gar nicht der Vorstellung, die man gemeinhin von Jahrbüchern hat: etwas trocken, etwas behäbig mit vielen Texten und Berichten über Aktivitäten der Herausgeberinstitution.

Im Gegenteil, das zweisprachig auf Deutsch und Englisch veröffentlichte „Von Menschen und Häusern“ ist in einem größeren Format gehalten, das die bessere Lesbarkeit vor allem der Abbildungen ermöglicht, und konzentriert sich ganz auf die Architektur: Gezeigt werden Aufnahmen von den zwölf besten aktuellen Bauprojekten der Steiermark, die für den Architekturpreis Landes 2009 nominiert waren. In dem entsprechend zwölf Kapitel umfassenden Hauptteil des Jahrbuches werden die Bauwerke in den Fotografien von Livia Corona vorgestellt, einer in New York lebenden mexikanischen Fotokünstlerin, die eigens für dieses Projekt eingeladen wurde.

Präsentiert werden so unterschiedliche Bauprojekte wie ein „In-Side-Out“-Haus (Arquitectos), ein ökosozialer Wohnbau (Hubert Riess) in Graz, Wohn-, Büro- und Geschäftsbauten (Innocad, Markus Perntahler, Splitterwerk, X Architekten), der Umbau des klassizistischen Palais Thinnfeld, in dem sich seit 2007 das HDA befindet (Ifau und Jesko Fezer), aber auch eine Messe-Halle (Riegler Riewe), vier regionale Markstplätze (Hog) und das neue Stadtzentrum Troifach (Yes-Architecture), ein Veranstaltungszentrum (Gangoly + Kristiner) sowie ein Natur- und Alpincamp (Holzbox).

© Livia Corona

In-Side-Out, Pischelsdorf, Arquitectos, Photograph by Livia Corona © 2009

In Coronas Fotografien werden die Bauwerke anders porträtiert, als man es von der herkömmlichen Architekturfotografie gewohnt ist: Keine Standard-Aufnahmen von isolierten Gebäuden in idealisierter Perspektive, Innenansicht, Außenansicht, Aufsicht, sondern Ansichten von Häusern mit Menschen, belebt, bewohnt, genutzt. Oft sind die Bauten selbst gar in den Hintergrund gerückt, vor dem sich alltägliche Szenerien abspielen – nicht umsonst heißt der Band „Von Menschen und Häusern“. Die enge Verbundenheit von Gebäuden und ihren Bewohnern ist ein Aspekt, der in der typischen „Hochglanz-Architekturfotografie“ mit ihren stilisierten und ästhetisierten Gebäudeaufnahmen meist ausgeklammert wird. Coronas Ansichten hingegen stellen ein Gegenmodell dazu dar. Sie zeigen eine Reportage über die Möglichkeiten von sozialräumlichen Handeln.

Corona, die den Rubys wegen ihrer besonderen Herangehensweise an Architektur und deren Abbildung aufgefallen war, überlegt sich für jedes Projekt eine Geschichte, die mit Personen nachgestellt, inszeniert und in analoger Technik fotografiert wird. Für das  Jahrbuch hat ein dreiköpfiges Assistententeam  aus Graz die Fotografin ständig vor Ort begleitet, hat Darsteller/Schauspieler gesucht, die Inszenierungen mitgestaltet und in jeglicher Form assistiert. Ein äußerst aufwendiges Projekt – doch die Mühen haben sich gelohnt.

© Livia Corona

Frog Queen Graz, Splitterwerk, Photographs by Livia Corona © 2009

Der Ansatz, die für den Architekturpreis nominierten Bauprojekte von einer Fotokünstlerin porträtieren zu lassen, ist nicht die einzige Besonderheit und Neuerung. Auch die Auszeichnung selbst hat eine grundlegende Umgestaltung erfahren: Statt von einer Jury wurde  2009 erstmals ein ausgewählter Fachexperte mit der Durchführung betreut, der die eingereichten Projekte begutachtete und das Siegerprojekt auswählte. Der erste Kurator war der renommierte Berliner Architekturkritiker Andreas Ruby.

Eine spannende Neuerung, denn schließlich hat man einen Ruf zu verteidigen in der Grazer Architektur. In den 1980er und 1990er Jahren hat sich hier eine lebhafte Architekturszene mit Architekten wie Manfred Kovatsch, Karla Kowalski und Klaus Kada entwickelt, die als „Grazer Schule” international bekannt ist. Die historische Grazer Altstadt, die mit ihrer charakteristischen Dachlandschaft und Höfestruktur 1999 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde, zeichnet sich aus durch ein harmonisches Nebeneinander unterschiedlicher Stile von der Gotik über die italienische Renaissance, den Barock und den Historismus bis ins 20. Jahrhundert. Die stetige architektonische Weiterentwicklung des Stadtbildes prägt den besonderen Charakter Graz’ und wirkt bis heute fort. Aus dem letzten Jahrzehnt finden sich zahlreiche architektonische Besonderheiten, etwa die die Murinsel von Vito Acconci (2003) und das Kunsthaus von Peter Cook und Colin Fournier (2003).

© Livia Corona

Veranstaltungszentrum Bad Radkersburg, Gangoly + Kristiner, Photograph by Livia Corona © 2009

Zurück zum Jahrbuch selbst. Dass das Buch ganz den Bildern gewidmet ist, zeigt sich auch daran, dass für die üblichen Texte, die zu einer Publikation dieses Formats gehören, kein Platz verschwendet wird – drei Vorworte und das Nachwort der Herausgeber sind platzsparend im Einband untergebracht. Ganz ohne schriftliche Informationen kommen aber auch die zwölf Architekturporträts nicht aus. Sie werden von Texten begleitet, die jedoch keine simplen Beschreibungen liefern, sondern – eine weitere gelungene Idee – Statements der „Betroffenen“ darstellen: In Interviews, die von Studenten der TU Graz geführt und ausgewertet wurden, kommentieren Nachbarn, Anwohner, Bauherren und Architekten die Bauprojekte – was ist gelungen, was weniger, was gefällt, was gefällt nicht, was ist praktisch, was müsste verbessert werden. So erhält der Leser die grundlegenden Informationen zu den Gebäuden zwar nicht ganz so schnell und offensichtlich, wie er dies aus einem nur beschreibenden Text ziehen würde, er erhält jedoch einen breiten und vielfältigen Einblick in die „Geschichte“ der porträtierten Gebäude, die facettenreich vor Augen treten. Die Kommentare lesen sich spannend und unterhaltsam und bieten zugleich eine aufschlussreiche Momentaufnahme zeitgenössischer Bauprojekte mit ihren Vor- und Nachteilen. Hinzu kommen Planzeichnungen, die das jeweilige Porträt abrunden. Das Jahrbuch schließt mit einem ausführlichen Statement des Kurators Ruby.

„Von Menschen und Häusern“ ist kein typisches Architektur-Buch, das nur Fachleute anspricht, sondern – ein gewisses Interesse  an Architektur vorausgesetzt – ein sehr viel breiteres Publikum und möglicherweise auch Leute gewinnt, die sich nicht ohne Weiteres mit Bauwerken auseinandersetzen würden – ganz so, wie es denn auch das Ziel des Jahrbuchs war, nicht nur zu dokumentieren, sondern über eine (zu) enge Definition von Architektur hinauszugehen. Durch die unkonventionelle Gestaltung mit den Texten im Einband, den Grundrissen auf transparentem Einleger, dem für Jahrbücher ungewohnten Cover, das sich ein wenig an den Publikationen das NAI orientiert, und nicht zuletzt durch den anderen Zugang zur fotografischen Architekturdarstellung und dem Textteil ist ein Buch gelungen, das ein etwas anderes, ein besonderes Lese- und Schauerlebnis bietet.

Von Menschen und Häusern. Architektur aus der Steiermark. Architektur Graz Steiermark Jahrbuch 2008/2009. Mit Fotografien von Livia Corona

Verlag Haus der Architektur Graz
Herausgeber: Ilka und Andreas Ruby
Text: deutsch/englisch
332 Seiten mit 111 farbigen, ganzseitigen Abbildungen und 45 Grundrissen, Schnitten und Ansichten
Format: 24×31 cm, Broschur
Projektleitung: Markus Bogensberger, Heinz Rosmann, Fabian Wallmüller
Projektkoordination: Tanja Gurke
ISBN 978-3-901174-71-1




Buchpräsentation: HDA Graz in der Berliner Fachbuchhandlung Pro qm

8 11 2009

Für alle Berliner und Berlin-Besucher: Am 13.11.2009 wird das HDA Graz sein neues Jahrbuch “Von Menschen und Häusern. Architektur aus der Steiermark” in der thematischen Buchhandlung Pro qm, Berlin vorstellen.

Über das Jahrbuch werde ich noch genauer berichten.

For all Berlin residents and travellers: On 13.11.2009 the HDA Graz (House of Architecture) will present its new yearbook in Berlin, at the specialized bookshop Pro qm.

More info in English are provided on the website of HDA Graz.

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“Von Menschen und Häusern. Architektur aus der Steiermark. Architektur Graz Steiermark Jahrbuch 2008/2009″
Mit Fotografien von Livia Corona.

Preis: 39,90 €

Verlag Haus der Architektur Graz
Herausgeber: Ilka und Andreas Ruby
Text: deutsch/englisch
332 Seiten mit 111 farbigen, ganzseitigen Abbildungen und 45 Grundrissen, Schnitten und Ansichten
Format: 24×31 cm, Broschur
Projektleitung: Markus Bogensberger, Heinz Rosmann, Fabian Wallmüller
Projektkoordination: Tanja Gurke
Erscheinungstermin: Oktober 2009
ISBN 978-3-901174-71-1

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Buchpräsentation am 13.11.2009 um 20:30h in der Buchhandlung Pro qm Berlin.

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In der vierten Ausgabe des Jahrbuches des Haus der Architektur Graz zeichnet der Berliner Architekturkritiker Andreas Ruby für die Auswahl der veröffentlichten Bauten verantwortlich. Die fotografische Dokumentation der Gebäude und ihrer Bewohner durch die New Yorker Fotokünstlerin Livia Corona sowie Interviews mit Nutzern, Architekten und Auftraggebern garantieren einen subjektiven und pointierten Blick auf das aktuelle Baugeschehen in der Steiermark. Die Darstellung zeitgenössischer Bauten auf den Ebenen Architekturkritik und Fotokunst verleiht dem Buch Komplexität und Vielschichtigkeit.

Gemeinsam mit dem Mitherausgeber des Architecture in the Netherlands Yearbook Roemer van Toorn, werden Markus Bogensberger und Heinz Rosmann (Haus der Architektur Graz) mit Ilka und Andreas Ruby (Herausgeber) über Publikationsstrategien zeitgenössischer Architektur sprechen.

Mehr Infos

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Pro qm ist eine thematische Buchhandlung zu Stadt, Politik, Pop, Ökonomiekritik, Architektur, Design, Kunst & Theorie in Berlin. 1999 gegründet befindet sich Pro qm seit 2007 in Räumlcihkeiten in der Almstadtstraße nahe des Rosa-Luxemburg-Platzes. Die Buchhandlung hat sich international etabliert als Fachbuchhandlung und Veranstaltungsort für interdisziplinäre Debatten um Stadt, Architekturtheorie und künstlerische Praxis.

Die Gestlatung den neuen Räumlichkeiten organisiert den Raum weniger als optimierte Verkaufsfläche, sondern als offenes räumliches Potential für Diskussionen und Bewegungen und wurde konzipiert vom Architekturbüro ifau und Jesko Fezer.

Infos + Bilder Pro qm




Ein Roman über die „Stadt der Engel“ und den unkaputtbaren American Dream James Frey: Strahlend schöner Morgen

1 11 2009

Wie soll man sich einen Roman vorstellen, dessen heimliche Hauptrolle eine Stadt besetzt? Beschreibungen von Stadtvierteln, Gebäuden, Verkehrsnetzen? Was macht eine Stadt aus?

deconarch startet eine Themenfeld, in dem in unregelmäßigen Abständen über Literatur berichtet wird, die Architektur und Urbanismus zum Thema hat. Den Auftakt macht James Freys Roman “Strahlend schöner Morgen” (Bright shiny morning) über die Megacity Los Angeles.

What is a novel like whose protagonist is a city? A collection of descriptions of quarters, buildings, transport systems? What is the core of a city?

deconarch is starting a new topic line about literature dealing with architecture and urbanism at irregular intervals. It kicks off with James Frey’s “Bright shiny morning” staging the megapolis Los Angeles.

(A short Engl. summary to follow.)


Cover James Frey

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James Frey: Strahlend schöner Morgen. Ullstein. 592 Seiten.

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»Er hat ein großes Buch geschrieben. Über eine Stadt. Über Los Angeles.« (New York Times) Und: »Leidenschaftliche Hommage an Los Angeles … James Frey erzählt nicht die Geschichte einer Stadt, er erzählt ihren Mythos.« (Der Tagesspiegel, 09.08.09, Wiebke Porombka)

Was Joyce für Dublin, Dos Passos für New York oder Durrell für Alexandria gelungen sei, das habe Frey für die „Stadt der Engel“, (schreibt jedenfalls die The Washington Post), denn L.A. spiele die eigentliche Hauptrolle von James Freys „Strahlend schöner Morgen“.

So und ähnlich lauten Beschreibungen des fast 600 Seiten starken Buches. Kritikerstimmen überschlagen sich von beeindruckt bis begeistert und das Buch wurde bereits vor offiziellem Erscheinen in Deutschland hochgelobt. Der Einband verspricht einen – ja eigentlich den – amerikanischen Gegenwartsroman über die Megacity L.A. Was ist dran an diesen Kommentaren? Kann eine Stadt die Hauptrolle eines Buches, dazu eines Romans besetzen?

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„Strahlend schöner Morgen“ ist mit Sicherheit kein gewöhnlicher Roman. Schon optisch fällt auf, was denn auch für Stil Freys und den Handlungsverlauf des Buches charakteristisch ist: Der Text ist nicht im Blocksatz gedruckt, sondern in „ausgefransten“ Sätzen, die Seiten wirken dadurch sehr bewegt und unruhig. Unruhig und bewegt ist auch der Inhalt von „Strahlend schöner Morgen“. Frey nimmt in seiner Schreibweise und in der Art, seine Kapitel anzuordnen, ein Charakteristikum von L.A. auf: Die Stadt ist ein Konglomerat aus zahlreichen Vierteln und Orten, die sich ohne Zentrum aneinanderfügen (erst in den letzten Jahren gibt es entsprechende urbanistische Bestrebungen, dieses Fehlen zu beheben).

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Frey gibt Los Angeles Gesichter. In zahlreichen Episoden erzählt er die Lebenswege von Menschen, die die Hoffnung auf ein besseres Leben in die Stadt der Engel geführt hat. Er reiht – mehr oder weniger ausführlich – Abrisse unterschiedlichster menschlicher Schicksale aneinander von Menschen ganz oben oder ganz unten oder irgendwo in der Mitte der gesellschaftlichen Hierarchie, deren Wünsche und Träume meist nicht oder anders als erwartet erfüllt werden – sei es die Hoffnung auf eine Karriere als Sportler, auf ein erfolgreiches Studium, auf ein Haus am Strand, auf ein Leben in Wohlstand oder immer wieder auf den Aufstieg im Film- und Musikbusiness. Manche dieser Lebensläufe werden nur kurz angerissen, andere kehren häufiger wieder.

Es wird schnell klar, dass der Morgen in L.A. nicht so strahlend schön ist, wie es den Anschein haben mag, und dass häufig kaum mehr diese Qualität erfüllt, als das Wetter selbst (L.A. hat rund 300 Sonnentage im Jahr).

L.A. begegnet als Moloch mit unendlich vielen Facetten. Die fiktiven Geschichten zeichnen ein fesselndes, ein grelles, trauriges, auch düsteres Bild der Megacity. Sie zeigen nicht die glamouröse Stadt, die die Filmfabrik Hollywood zu sein scheint, sondern den Blick hinter die Kulissen des Molochs L.A., in dem (meist) gescheiterte Existenzen um das Überleben ihres American Dream kämpfen.

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Nach und nach kristallisiert sich heraus, dass es vor allem vier Geschichten sind, die dem Leser immer wieder begegnen. Da sind das Teenagerpaar Maddie und Dylan, die ihr tristes Leben in Ohio verlassen haben und sich an der Westküste eine Zukunft aufbauen wollen, und der Filmstar Amberton, der alles hat, Geld, Aussehen, Familie, der aber seine Homosexualität geheim hält. Da sind der obdachlose Old Man Joe, der aus seinem vom Alkohol bestimmten Leben heraustritt, als er beginnt, einem drogensüchtiges Mädchen zu helfen, und die junge Mexikanerin Esperanza, die als Haushaltshilfe einer tyrannischen Lady arbeitet, um sich das College zu finanzieren, und sich in den Sohn der Arbeitgeberin verliebt.

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Am Ende ist alles offen. Die Geschichten und Handlungsstränge werden – überraschenderweise – nicht inhaltlich zusammengeführt, kein auktorialer Eingriff löst die aufgebaute Spannung oder gibt Informationen auf den Ausgang der Geschichten. Einzig dass die vier zentralen Schicksal in einem letzten Kapitel nacheinander aufgeführt werden und, ist alles, was an Zusammenführung möglich ist.

Die Grundstimmung ist eher wenig einladend und sehr kritisch gegenüber dem American Dream, der sich mit der kalifornischen Westküste verknüpft ist, wie mit kaum einem anderen Staat der USA. Die Geschichten haben immer etwas Düsteres, Bedrohliches, als ob das Glück nur von kurzer Dauer sein darf.

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Fakten, Fakten, Fakten…

Den romanhaften Kapiteln stehen kurze Erläuterungen zur Stadtentwicklung Los Angeles von der Siedlungsgründung im späten 18. Jahrhundert bis zur Metropole der Gegenwart gegenüber. Sie vermitteln sehr knapp die wichtigsten Fakten in der Stadtentwicklung und geben ein Bild über zentrale Ereignisse in der Entstehung L.A.s. Dabei werden nicht nur urbanistische, sondern auch (sozial-)politische Punkte aufgeführt, sondern auch Aspekte wie die Eingemeindung verschiedener Gebiete, die Entwicklung der Wasserversorgung und die Entstehung öffentlicher Einrichtungen in wenigen Worten umrissen sowie immer wieder kritische Aspekte wie die (für Europäer befremdliche) Waffen-Gesetzgebung und die Dominanz der Öl-Lobbies, die etwa den Ausbau des ÖPNV-Netzes verhindert, gestreift.

Dazu werden auch im Text selbst vermehrt Kapitel eingeschoben, die ebenfalls faktische Informationen geben zu zentralen Themen von L.A. und die in ihrer umfangreichen Auflistung etwas von einer Fleißarbeit haben. Dies ist sehr informativ, allerdings streckenweise auch anstrengend zu lesen. Aufgeführt werden etwa immer wieder die Gewalt der Stadt, Banden und Gangs sowie die unterschiedlichen Rassen und der überall präsente Rassismus. Daneben sind die Beschreibungen der unterschiedlichen Stadtviertel und ihrer Geschichte(n) von Chinatown über Beverly Hills bis Hollywood interessant. Auch das Straßennetz und die Bedeutung des Automobils wird ausführlich kommentiert (L.A. als die „horizontale“ Autostadt) – einprägsam ist etwa das Schicksal einer New Yorker Galeristin, die in L.A. von einem Bus überfahren wird:

Da dort kein Mensch zu Fuß geht, hat der Busfahrer schlicht nicht damit gerechnet, dass jemand die Straße zu Fuß überqueren würde. ((Die Geschichte ist wohl vor allem für die mit Gehwegen verwöhnten Europäer bemerkenswert und erfüllt sicherlich auch einige klischeehafte – allerdings eben gerade nicht unbegründete – Vorurteile.))

Eingestreut werden auch „lustige Fakten“, die bei Frey jedoch sehr zynisch anmuten (aber durchaus unterhaltsam zu lesen sind).

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„Strahlend schöner Morgen“ ist kein typischer Roman, aber ein starkes Buch über das zeitgenössische Amerika. Es ist kein schönes, einladendes Bild, das Frey zeichnet. Er stellt die Stadt L.A. vor und verleiht ihr eindrucksvoll Profil, indem er ihr nicht ein, sondern gleich 100te Gesichter gibt. Das ist interessant und streckenweise auch spannend zu lesen, kann aber auch ermüden – Frey neigt zu Aufzählungen und gehäuftem Einsatz von Trikola. Da ich das Buch aber auf Deutsch gelesen habe, bewerte ich die Sprache weniger. Die Übersetzung zumindest ist gelungen!

Freys sehr kritische, skeptische Grundhaltung macht den Roman zudem zu einer nicht ganz einfachen Lektüre. Wer sich davon nicht abschrecken lässt, wird von James Freys Roman über die Metropolis L.A. beeindruckt sein.


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Noch ein paar abschließende Worte zum Autor: Frey stammt aus dem Nordosten der USA (Ohio und Michigan) und hat ab 1996 als Drehbuchschreiber und Filmschaffender in Los Angeles gelebt. Heute lebt er mit seiner Familie in New York City. Mit dem vorgeblich autobiografischen Roman A Million Little Pieces (dt: Tausend kleine Scherben), der 2003 erschien, gelang ihm der Durchbruch als Schriftsteller. Um die angeblichen autobiografischen Details, die sich weitgehend als erfunden herausstellten, entwickelte sich eine große Kontroverse, mehr dazu umreißt etwa das allzeit informierte Wikipedia.




Book REVIEW: position alltag. architecture in the context of everyday life || HDA Dokumente zur Architektur 21/22

18 07 2009

Eine der aktuellsten Publikationen des Grazer Haus der Architektur HDA widmet sich der “Architektur im Kontext des Alltagslebens”:

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position alltag. architecture in the context of everyday life.

Preis: 19,90 €

HerausgeberInnen/Editors:
Markus Bogensberger, Gabu Heindl

AutorInnen/Authors:
Ellen Bareis, Gabu Heindl, Ernst Hubeli, Otto Kapfinger, Nils Norman, Marc Ries, Riklef Rambow

ISBN 978 3 901174 68 1

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One of the latest publications of HDA Graz (House of Architecture, Graz/Austria) is position alltag architecture in the context of everyday life. The book summarizes the results of a two-year-programme of the HAD about architecture and everyday life. It thus focuses a question which is usually absent from architectural discourse. While signature buildings – let’s call it “Bilbao-ism” – enjoy great attention, architecture in general is neglected.

The publication, written in both German and English, presents 6 essays of high academic standard dealing with different aspects – living, working, preserving, consuming, building – from several perspectives (architectural, media theoretical, artistic, ethnological, psychological) and offer thoughtful insights. It is written in both German and English.

Of particular interest might be artist Nils Norman’s “Urbanomic Archive“, documenting the outgrowth of “defensive devices” in public spaces, as well as Riklef Rambow’s general considerations about what “everyday” actually means in an architectural context (maybe it isn’t so much the extravagant shapes of  “Bilbao-istic” buildings vs. the “common” buildings, that needs to be considered, but their suitability for everyday use (- and thus a new structure in architectural discourse is needed)?

Darin wird ein Themenschwerpunkt zusammengefasst, der zwei Jahre lang das Programm des HDA, das baukulturelle Themen vermittelt und den Diskurs über architektonische Fragestellungen fördert, bestimmt hat. Das Leitthema ist ambitioniert – und richtig:

„Angesichts der Dominanz von ikonischen Bauten und deren als Stars bezeichneten Architekten in der medial vermittelten Architekturwelt erschien es uns sinnvoll, den Fokus auf eine Sensibilisierung für Alltägliches zu richten und das Außergewöhnliche gerade im Gewöhnlichen zu suchen.“ (7)

Tatsächlich begegnet derzeit eine seltsam widersprüchliche Situation – spätestens seit Bilbao und Gehrys Guggenheim herrscht ein reges Interesse an spektakulären Gebäuden, und so manches Unternehmen versucht, das visuelle – und werbeträchtige – Potenzial eines extravaganten Baus auszuschöpfen. (Womit sie freilich keineswegs allein auf weiter historischer Flur stehen, man denke nur an die repräsentativen Schlossbauten, an barocke Kirchen und Stadtanlagen, die noch heute Touristen wie Fachleute gleichermaßen faszinieren.)

Diesem gesteigerten Interesse an „Spektakel-Bauten“ steht ein, wenn man so will, erschreckendes Desinteresse, ein Nicht-Bewusstsein für Architektur an sich entgegen. Für die Architektur nämlich, die ständig begegnet, für die Alltagsbauten und Anlagen, die nicht spektakulär daherkommen, weil sie älter sind, einfacher und „hässlich“, unauffällig und funktional. Alltäglich eben. Sie werden in Publikationen oder Ausstellungen nur im seltensten Fall thematisiert. Dabei sind es jedoch gerade diese alltäglichen Bauten und architektonische Strukturen, die ihre Bewohner sowohl im Alltagsleben als auch in der „ideellen“ sozialen, politischen und kulturellen Lebensführung prägen, stärker als man sich oft bewusst ist.

„[W]elche dialektischen Beziehungen zwischen innen und außen sowohl auf der Ebene der Architekturen selbst als auch in einem städtebaulichen Zusammenhang gebildet werden und welchen Einfluss diese auf das soziale Leben und wiederum die Architekturproduktion habe“ (7), rückt „position alltag“ in den Mittelpunkt.

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Die Publikation

In den fünf thematischen Schwerpunkten wohnen, arbeiten, schützen, konsumieren, bauen nähern sich fünf Essays der Themenstellung aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven. Sie verfolgen meist eine sehr theoretische Herangehensweise, die über grundlegende Fragen des Räumlichen im Alltag nachdenkt und über die gebaute Realität hinausführt. Da die Texte interessante Fragen und Blickwinkel auf die Thematik „Architektur und Raum im Alltag“ aufwerfen, schließen sich im Folgenden kurze Abrisse der einzelnen Beiträge an.

Die Texte stellen eine Auswahl der Stellungnahmen dar, die im Rahmen des zweijährigen Veranstaltungsprogramms des HDA – zentrales Element waren Roundtables mit Experten aus verschiedenen Disziplinen – vorgetragen wurden

Angeordnet in sechs Kapiteln (1 Einleitung + 5 Essays) sind die Essays in zwei Sprachen, deutsch und englisch verfügbar. Die Texte sind nur wenig (oder gar nicht) illustriert; dies ist insofern anzumerken, da man von Publikationen eines Ausstellungshauses in der Regel Katalogcharakter erwartet. Diesen hat lediglich der zweite Teil des Bandes, der etwas weniger als ein Drittel des Gesamtumfangs ausmacht und der Abschlussausstellung des Projekts „position alltag“ gewidmet ist, einer Fotografieschau: Architektur 24/7 – eine alltägliche Beziehung (2007).

Gezeigt wurden jedoch keine der üblichen Fotografien von Gebäuden, die „oft den Eindruck machen, deren BenutzerInnen wären auf Urlaub geschickt worden, um die Architektur nicht zu stören“, sondern Aufnahmen von Architektur im Alltag, „die uns 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche“ (109) lang umgibt.

Entstanden sind die Fotografien in Postkartengröße auf Einladung des HDA an Architekturbüros, zu eigenen Gebäuden und Bauprojekten zurückzukehren und diese zu fotografieren, wie sie in Gebrauch sind. Begleitet werden die Aufnahmen von kommentierenden Statements der Bewohner/Benutzer.

So ist eine Sammlung verschiedener Perspektiven auf alltägliche Architektur im Spannungsfeld zwischen fotografierenden Architekten und fotografierten Benutzern der Bauten entstanden.

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REVIEW: Julius Shulman. Modernism Rediscovered, by TASCHEN

1 07 2009

Zum 25jährigen Jubiläum des TASCHEN Verlags ist die über 1000 Seiten starke dreibändige Publikation „Julius Shulman. Modernism Rediscovered“ (2000) in einer „Light Version“ erschienen. Dennoch keine „leichte“ Lektüre, denn auch die gekürzte Sonderausgabe zum spektakulären Preis von knapp 20€ – das Original kostet 250€ – ist immer noch über 400 Seiten stark und im XXL-Format (24,8 x 31,5 cm) und bietet wundervolle Bilder von Julius Shulman.

For a short English summary please scroll down.

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Julius Shulman, Modernism Rediscovered

Gössel, Peter (Ed.)

Serraino, Pierluigi / Shulman, Julius / Shulman, Julius

Hardcover, 24.8 x 31.5 cm, 416 Seiten

€ 19.99

ISBN: 978-3-8365-0326-6
Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch

Wie es der Titel verspricht, bietet der Band so etwas wie eine „Wiederentdeckung“ der Moderne: Erstmals versammelt werden beinahe 250 Fotografien des weltbekannten Architekturfotografen Julius Shulman von Bauwerken der US-amerikanischen Moderne, die zwischen 1939 und 1980 entstanden sind. Die Abbildungen wurden bislang kaum oder nur ein paar Mal publiziert und sind daher aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Shulman, mit dem der TASCHEN Verlag bereits Ende der 1990er Jahre für „Architecture and Its Photography” eng zusammengearbeitet hat, hat sein Archiv geöffnet und es so möglich gemacht, zahlreiche architektonische Kostbarkeiten, nicht nur an der kalifornischen Westküste, sondern auch in den gesamten Vereinigten Staaten sowie in Mexiko, Israel oder Hongkong neu zu entdecken (letztere allerdings in der umfangreichen Ausgabe).

Julius Shulman

Shulmans Fotografien der kalifornischen Moderne, seine Aufnahmen des Kaufman House etwa oder die Porträts der Case Study Houses, haben unser Bild von der Architektur der 1950er und 1960er Jahre geprägt wie kaum ein anderer. Nach wie vor begegnen die Aufnahmen immer wieder in Magazine und Bücher. Shulman hat jedoch – natürlich – wesentlich mehr Bauten fotografiert und es gibt bedeutend mehr moderne Bauten als „nur“ die Case Studies oder die Arbeiten von Frank Lloyd Wright. Aus verschiedenen Gründen sind viele dieser Gebäude, die den bekannten Bauwerken in Qualität kaum nachstehen, jedoch wenig(er) publiziert worden und so in Vergessenheit geraten. Ihnen ist die TASCHEN Publikation gewidmet, die eine Auswahl dieser Bauten wieder ins Bewusstsein holen und so den kalifornischen Modernismus in seiner Vielfalt würdigen will.

Übrigens: Leben und Werk Shulmans widmet sich die filmische Dokumentation “Visual Acoustics”.


Modernism Rediscovered

Modernism Rediscovered ist, wie die meisten TASCHEN-Bücher, in erster Linie ein Bilderbuch, das von den Abbildungen der Shulman-Fotos lebt. Die ausgewählten Gebäude werden in mehreren Abbildungen, sowohl in s/w wie in Farbe, präsentiert und von kurzen Erläuterungstexten in 3 Sprachen begleitet, in denen Angaben zur Veröffentlichungsgeschichte und dem gegenwärtigen Zustand sowie, soweit möglich, auch Literaturangaben gegeben werden. Stellenweise wird auch ganz auf Informationen verzichtet.

Ausgewählt wurden die Aufnahmen nach dem Beitrag, den die porträtierten Gebäude jeweils für die Architekturszene ihrer Zeit leisteten. Ihre Anordnung in der Publikation orientiert sich an Shulmans Archivierungsverfahren, d.h. sie werden chronologisch nach der Auftragsnummer, die der Fotograf vergeben hat, aufgeführt, gefolgt vom Namen des Architekten, dem Standort des Gebäudes sowie dem Datum der Aufnahmen.

Am Ende führt die Publikation Kurzbiografien ausgewählter Architekten auf, ebenfalls in drei Sprachen, sowie einen Index aller präsentierter Architekten mit ihren jeweiligen Gebäuden. Eine Bibliografie bietet eine Einsteiger-Übersicht mit wichtigen Publikationen zur kalifornischen und amerikanischen Moderne, zu Theorie und Technik der Architekturfotografie – hier sind vor allem auch Shulmans Texte interessant – sowie zur Thematik des Bildes/Fotografie in den Medien.

Modernism Rediscovered: Die Fotografie und die Amerikanische Moderne. Vom frühen International Style bis zu den 70er-Jahren
Pierluigi Serrainos Einleitungsessay

Eingeleitet wird die Publikation von dem Essay Die Fotografie und die Amerikanische Moderne. Vom frühen International Style bis zu den 70er-Jahren von Pierluigi Serraino, einem Architekten aus der San Francisco Bay Area, der mehrere Artikel und Bücher über Architektur verfasst hat, darunter auch das TASCHEN-Buch „Saarinen“. Auch dieser Text ist in englisch, deutsch und französisch auf jeweils 2 Doppelseiten verfügbar.

Serraino stellt die drei Ziele der Publikation vor, die neben der Absicht, unbekannte Arbeiten von Shulman einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen, auch die „Diskussion über die kalifornische Moderne und die moderne Architektur im Mittelwesten neu [...] beleben“ sowie zeigen will, „dass in den aktuellen architektonischen Datensammlungen [der USA... entscheidende] Dokumente [...] fehlen“ (10) – eben jene Bauten, die aus diversen Gründen trotz baulicher Qualitäten selten publiziert wurden.

Der Text bietet damit also keine Einführung ins Werk des Fotografen, auch keine fachliche Annäherung an seine fotografische Arbeit, wie man dies von auf eine Künstlerpersönlichkeit ausgerichteten Monografien gewöhnt ist. Der Fokus liegt auf dem „Modernism rediscovered“: Serrainos Darstellung von Zusammenhängen zwischen publikatorischen Mechanismen und der Bekanntheit von Architektur gibt einen aufschlussreichen Einblick indie Funktionsweise unseres Bildgedächtnisses. Wie in der Werbung gilt auch für die Architektur die simple Gleichung: Je mehr Publicity, desto mehr Aufmerksamkeit und desto länger im öffentlichen Gedächtnis:

„Für die professionelle Anerkennung von Bauwerken in der Gesellschaft kann es eine entscheidende Rolle spielen, dass ihre Arbeiten in den Medien Beachtung finden. Eine langfristige [...] Öffentlichkeitsarbeit [...] hilft [...].“ (13)

Um dies zu erreichen nennt Serraino drei „Strategien für ein architektonisches Gedächtnis“. Diese publizistischen Strategien und die Verbreitung der Architekturbilder entscheiden maßgeblich über die Bedeutung eines Gebäudes bzw. eine architektonischen Idee sowie der Ideen ihres Schöpfers über einen größeren Zeitraum und lokalen Rahmen hinaus. Provokant gesagt: Ein Gebäude ist nur so gut, wie seine Fotografie und ihre Verbreitung/ die Berichterstattung darüber.

Dank der stark visuellen Ausprägung unserer Wahrnehmung spielen die Fotografen damit eine nicht unerhebliche Rolle als Mittler zwischen Architekten und Redaktionen, entscheiden doch seine Aufnahmen letztlich über das „Gesicht“ des Baus.

Darüber hinaus gibt Serraino auch einen kurzen Abriss über die publizistische Szene in USA und insbesondere Kalifornien in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg, zur Blüte des International Styles. Er präsentiert die wichtigsten Zeitschriften und nennt ihre Funktion bei der Darstellung von Architektur. Neben den professionellen Fachmagazinen sind dies v. a. auch populäre Zeitschriften wie „LIFE“ oder die Sonntagsbeilage der „Los Angeles Times“, die „zu einem pädagogischen Instrument [wurde], das eine fachlich nicht vorgebildete Leserschaft systematisch dazu erzog, Konzepte modernen Wohnens zu akzeptieren und das Verständnis für seine gesellschaftliche Bedeutung zu erhöhen“ (11f.).

Zudem bespricht der Autor auch, wie die drei wichtigsten Kunst. und Architekturindices der USA – Avery Index, Architectural Index und Art Index – funktionieren.

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Modernism Rediscovered provides a selection of little known photographs by Julius Shulman, all taken from Shulman’s huge archive. Thus the publication actually offers the chance to rediscover a part of American and esp. Californian modernism.

The introductory essay by Pierluigi Serraino – indeed not a typical introduction to Shulman’s work, as you would expect to find in a monographic publication of this kind – offers an insight about how our “visual memory” works. Concentrated on a provoking sentence you might state: The more publicity, the more attention a building receives and the longer does it remain in public perception.

All texts are provide in English, German and French.




Legendäre Architekturmagazine im Reprint: domus und A&A im TaschenVerlag

20 05 2009

Der Taschen-Verlag hat zwei große Architektur-Magazine als Reprints neu verfügbar gemacht:

domus,1928 bis 1999 (Reprint)

12 Bände, originalgetreu reproduzierte Seiten der Zeitschrift mit zahllose Artikel über die Design- und Architekturgeschichte der Moderne.

Die 12 Bände sind separat erhältlich.

Hrsg. von Charlotte und Peter Fiell

Seit mehr als acht Jahrzehnten gilt domus als das einflussreichste Architektur- und Design-Magazin der Welt. Die Zeitschrift, die 1928 vom berühmten Mailänder Architekten Gio Ponti gegründet wurde, gewährt dem Leser einen Einblick in das Wesen eines bestimmten Stils und Zeitalters, von Art Deco, Modernismus und Funktionalismus über Pop und Postmoderne bis hin zur Spätmoderne. In wunderschöner Aufmachung und mit umfassendem Begleitmaterial präsentiert domus die aufregendsten Design- und Architekturprojekte der Welt.  (PR-Text Taschen)

Band I —1928 – 1939
Band II —1940 –1949
Band III —1950 – 1954
Band IV —1955 –1959
Band V —1960 – 1964
Band VI —1965 –1969
Band VII —1970 – 1974
Band VIII —1975 –1979
Band IX —1980 –1984
Band X —1985 – 1989
Band XI —1990 – 1994
Band XII —1995 – 1999


A&A Arts & Architecture 1945 – 1954

Alle Ausgaben als vollständiges Faksimile des legendären Magazins, das ein Stück Zeitgeschichte der modernen amerikanischne Architektur ist – 40 Jahre nach seinem Erscheinen.

hrsg. von David Travers, Redakteur, Herausgeber und Leiter von A&A

Der vorliegende erste Teil der Edition umfasst zehn Schuber, die je einen kompletten Jahrgang von A&A aus den Jahren 1945–54 enthalten, angefangen mit Entenzas Ausschreibung des Case Study House Program im Jahr 1945.

Während andere noch am Dienstboteneingang der Moderne warteten, stieß John Entenza vorne die Haustür weit auf. Der charismatische Herausgeber von Arts & Architecture und Initiator des Case Study House Program war maßgeblich daran beteiligt, die amerikanische Architektur und das moderne amerikanische Design weltweit bekannt zu machen. Doch A&A berichtete in den Jahrzehnten nach dem 2.Weltkrieg nicht nur geistreich, frisch und spannend über Architektur, sondern auch über Kunst, Musik und Politik. Dank John Entenza, der das Magazin über zwei Jahrzehnte leitete, wurde aus diesem ehrgeizigen Projekt ein Magazin, das völlig neue Maßstäbe setzte. A&A präsentierte die größten Architekten seiner Zeit, darunter Neutra, Schindler, Saarinen, Ellwood, Lautner, Eames und Koenig. Hier wurden zwei der heute international erfolgreichsten Architekten, Frank Gehry und Richard Meier, zum ersten Mal vorgestellt. Mitwirkende am Magazin waren u. a. die Fotografen Julius Shulman und Ezra Stoller, die Autoren Esther McCoy und Peter Yates und die Cover-Designer Herbert Matter und Alvin Lustig. (PR-Text Taschen)

118 vollständig nachgedruckte Ausgaben, 6.076 Seiten

Zusätzlich Begleitheft mit einem Essay des früheren A&A-Herausgebers David Travers , Gesamtindex und alle Inhaltsverzeichnissen der Jahre 1945–54.

Nach Arts & Architecture 1945–54 wird bei TASCHEN bald auch ein zweites Set mit den vollständigen Ausgaben der Jahre 1955–67 erscheinen.

Mehr: Arts & Architecture Magazine