MYAL. My Aleppo. Stadtlesebuch

22 09 2011

Out now: The new publication of the “Stadtlesebücher” (urban story books) by Edition Esefeld & Traub! After New York and Moscow (for more about MYMO read here) the focus is now on Syria:

 
 
Mein Aleppo My Aleppo

Buchpräsentation

Samstag, 15.10.11, ab 19:00 Uhr,

Galerie Robert Mayer Zeigt, Frankfurt
 
 
Einige der Autoren (wie Suleman Taufiq und Abed Azrié, Paris) sind anwesend.

 
 

Über das Buch (Back Cover): Außerhalb der arabischen Welt wird Aleppo nicht als „Metropole“ wahrgenommen – gleichzeitig ist die Stadt mit ihrer ca. 5000 Jahre langen Geschichte aber eine der ältesten Metropolen der Welt. So läßt sich MYAL (Mein Aleppo) als Exkurs über den Wandel des Metropolenbegriffs verstehen und stellt die grundsätzliche Frage, wodurch sich eine „Metropole“ definiert.

Heute ist die Stadt mit fast drei Millionen Menschen die Industrie- und Handelsmetropole Syriens, in der auf faszinierende Weise, Tradition und Moderne, östliche und westliche Welt zusammen kommen.

MYAL (Mein Aleppo) versucht, nicht nur die „Sehenswürdigkeiten“ Aleppos, sondern „Innenansichten“ vom Leben der Aleppiner zu zeigen: Städtische Strukturen sowie Lebens- und Umgangsformen, die sich über Jahrhunderte herausgebildet haben und nun durch veränderte soziale, ökonomische und politische Bedingungen einem rapiden Wandlungsprozeß unterworfen sind.

Es sind eher alltägliche Momentaufnahmen von Einheimischen und Fremden, vom Sichtbaren und Unsichtbaren, aus den engen Altstadtquartieren und dem Suq mit seiner lärmenden Intimität, dem Blick von der Zitadelle über die Stadt, und vom Eintauchen in teilweise fremde und verborgene Lebenswelten Aleppos und seiner Bewohner.

Im Mittelpunkt des Buches stehen Photos aus der Zeit um 1900, u.a. aus dem Archiv Poche-Marrache und dem Archiv von Thierry Grandin, sowie Aufnahmen verschiedener Photographen aus den letzten Jahren. Ergänzt werden die Bilder durch Texte verschiedener Autoren über das alltägliche Leben in Aleppo.

Während der Fertigstellung dieses Buches manifestiert sich eine Aufbruchsstimmung in der syrischen Gesellschaft, deren Auswirkungen noch nicht absehbar sind. Somit dokumentieren die Beiträge im Buch vielleicht etwas, was bald ein Stück weit der Vergangenheit angehören wird (oder kann).

Die CD mit Liedern von Abed Azrié aus Aleppo schafft mit Texten und Photos einen Dreiklang der Stadt.

Die fehlenden deutschen, englischen bzw. arabischen Übersetzungen stehen ergänzend im Internet auf der Website www.editionet.de/myal.pdf.

Texts and translation in German, English and Arabic can be found online, www.editionet.de/myal.pdf.




Walter Niedermayr – Recollection. Fotografien aus dem Iran

9 09 2011

Die Anfang des Jahres 2011 im Hatje Cantz Verlag erschienene Publikation “Recollection”, die der Fotokünstler gemeinsam mit dem Verlag und den Grafikern selbst entwickelt hat, präsentiert eine neue Serie des Südtiroler Fotografen Walter Niedermayr (*1952). „Recollection“ versammelt Aufnahmen, die Niedermayr zwischen 2005 und 2008 in Teheran, Isfahan, Yazd, Schiraz sowie in kleineren Städte und historischen Stätten des Irans gemacht hat. Entstanden ist eine Werkgruppe, in der die architekturhistorischen Zusammenhänge der aktuellen iranischen Architektur vor ihrem kulturellen und geschichtlichen Kontext hinterfragt werden.

 

Walter Niedermayr
Recollection

Texts by Amir Hassan Cheheltan, Lars Mextorf, graphic design by Mevis & van Deursen, By Walter Niedermayr

German/English

2010. 170 pp., 90 color ills., 17 foldouts

26.10 x 30.20 cm, hardcover

ISBN 978-3-7757-2738-9

www.hatjecantz.de 

 

Die Fotografien zeigen Ansichten aus Persien in der für Niedermayr charakteristischen zurückgenommenen, hellen Farbgebung, die die Szenerien fast durchsichtig erscheinen lässt. Es gelingen ihm Aufnahmen, die die arabischen Siedlungen ohne die gängige „Wüstenfarben“ in Sandgelb und Rot zeigen. Die kräftigste Farbe, die begegnet, ist überraschenderweise ein sattes Grün von Pflanzen.

Präsentiert werden die Fotografien in der Publikation ebenso als Einzelansichten wie als Foldouts für die typischen ausladenden Sequenzen des Fotografen. Die Bilder laden ein, darin auf Entdeckungsreise zu gehen: Erscheinen die Aufnahmen zunächst unspektakulär und in sich ruhend entdeckt man bei genauerer Betrachtung die Spuren der Zivilisation. Feine Differenzen ergeben sich aus den verschiedenen Blickpunkten auf die Landschaften. Der Blick für eine nuancierte Wahrnehmung wird geschärft. Die Motivauswahl spannt sich von historischen Stätten bis hin zu neugebauten Arealen und zeigt eine überraschende Fülle. Und, am überraschendsten, auch hier gibt es Schneebilder.

Bekannt geworden ist Niedermayr durch seine fotografischen Erkundungen des alpinen Raumes – für seine erste Serie „Die Bleichen Berge“ erhielt er 1995 den European Photography Award – ebenso wie von Architekturen und Infrastrukturen. Sein Augenmerk gilt vornehmlich dem durch Infrastrukturen bestimmten Raum, die Spuren, die Zivilisation, Urbanisierung und Technisierung in Landschaften hinterlassen haben, wie sie auch in „Recollections“ fotografisch thematisiert werden.

Begleitet werden die Aufnahmen von Essays von Amir Hassan Cheheltan und Lars Mextorf, die auf Englisch, Persisch und Deutsch vorliegen. Cheheltan, einer der bekanntesten zeitgenössischen Schriftsteller des Irans, berichtet in „Das unvollendete Projekt: Die Entwicklung Teherans“ aus politischer ebenso wie sozialer Sicht über die Geschehnisse in der Stadt in der jüngeren Vergangenheit, über die Veränderungen, die mit dem Sturz des Schahs einhergingen und welche Folgen diese für das Stadt- und Siedlungsbild hatten.

Lars Mextorf hingegen geht in „Das Versprechen der Moderne“ näher auf die Arbeit von Niedermayr selbst ein und bietet an einigen exemplarischen Bildbesprechungen Hintergrundinformationen zu dem Fotografen. Mextorf erläutert auch den Titel „Recollection“ im Sinne des englischen Romantikers William Wordsworth: „Erinnerung ist beides, die Trauer um den Verlust des emotionalen Kontakts zur Vergangenheit und die Möglichkeit, sie imaginierend zu supplementieren.“

 




Zweimal „Mein Moskau“: Ein Stadt-Lese-und-Schau-Buch

17 03 2011

MORMO (Mein Moskau) ist ein Stadtlesebuch – genauer noch: ein Stadt-Lese-und-Schau-Buch –, das nicht zum schnellen Durchblättern geeignet ist. MORMO will in Ruhe gelesen werden, immer wieder zur Hand genommen und goutiert werden. Auf über 200 Seiten versammelt MORMO Fotografien und Kurztexte, die die russische Hauptstadt porträtieren, visualisieren, beschreiben, sie in alltäglichen Momentaufnahmen ebenso plastisch vor Augen treten lassen wie in architekturhistorisch interessanten Ansichten. „Mein Moskau“ ist der zweite Band der Stuttgarter Edition Esefeld & Traub, die mit „My New York“ eine Reihe von Stadtlesebüchern begonnen hat. Hervorgegangen ist das Projekt aus einer Ausstellung im Theaterhaus Stuttgart im Sommer 2008.

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Mein Moskau
Jörg Esefeld, Sascha Neroslavsky
Edition Esefeld & Traub, April 2010
Hardcover, 224 Seiten
Deutsch, Englisch, Russisch
53 Euro

ISBN 978-3980988759

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Foto Jörg Esefeld

Foto Jörg Esefeld

In zwei zeitlichen Blöcken – 1987/88 und in den Jahren von 2003 bis 2009 – haben sich die beiden Fotografen, der Stuttgarter Architekt und Stadtplaner Jörg Esefeld und der Moskauer Fotografen und Grafiker Sascha Neroslavsky, der russischen Metropole durch die Linse genähert. So verschieden die historischen, sozialen und kulturellen Umstände dieser zeitlichen Phasen waren, so unterschiedlich sind auch die fotografischen Perspektiven – der eine hat in Schwarzweiß und analog gearbeitet, der andere in Farbe und digital. Und so vielfältig sich die fotografische Annäherung präsentiert, so facettenreich ist damit auch das Moskau, das in diesen Aufnahmen sichtbar wird: Während Esefeld Szenen des Sowjet-Moskaus in der Umbruchsphase von Glasnost und Perestroika eingefangen hat mit einem besonderen Blick auch für avantgardistische „Merk-Würdigkeiten“ der Architektur, zeigt Neroslavsky das neue Gesicht der Stadt – ein Gesicht der Werbetafeln und Firmenlogos, des Konsums und der Statussymbole.

Foto Sascha Neroslavsky

Foto Sascha Neroslavsky

 

Inspiriert von diesen Fotografien haben rund 60 Autoren kurze Texte verfasst, die den Aufnahmen gegenübergestellt wurden. Unter den Verfassern finden sich Vertreter aus Politik und Journalistik ebenso wie aus Architektur, Kunst und Literatur, aus Deutschland ebenso wie aus Russland. So nennt die Autorenliste etwa Gabriele Krone-Schmalz und Rainer Graefe ebenso wie Wladimir Kaminer, Vittorio Magnago   Lampugnani, und Günther H. Oettinger. Präsentiert in den drei Sprachen Deutsch, Englisch und Russisch (zum Teil sind die Übersetzungen auch hier im Internet zu finden), denen zur besseren Unterscheidung und schnelleren Auffindbarkeit unterschiedliche Schriftfarbenzugeordnet sind, umreißen diese Texte ganz unterschiedliche Eindrücke, Gefühle, Beobachtungen und Erlebnisse in der Stadt Moskau. Es finden sich architekturgeschichtliche Ausführungen neben feuilletonistischen Texte, experimentelle Geschichten und alltägliche Erinnerungen neben rationalen Beobachtungen. Die Vielfalt der Texte spiegelt die Eindrücke der Fotografien wider und macht die Verschiedenartigkeit des Lebens in Moskau im historischen Wandel auch auf sprachlicher Ebene sichtbar – manches überraschend, manches humorvoll, manches sachlich-nüchtern.

Foto Jörg Esefeld

Foto Jörg Esefeld

Da ist, natürlich, der historistische Einkauftempel GUM, der bei keiner Stadtbesichtigung fehlen darf. Hatte er zu Sowjet-Zeiten auch oder gerade wegen Restriktion und Warenknappheit noch einem besonderen Charme, so beobachtet der Autor heute dort nur mehr als eine weitere seelenlose Shopping-Mall. Da sind auch die rosaroten Flamingos im Krasnaja Presnja Zoo vor der grau-tristen Fassade eines Hochhauses im stalinistischen Zuckerbäckerstil – im Unterschied zu ihren New Yorker Pendants wuchsen die Moskauer Wolkenkratzer jedoch weniger in die Höhe als vielmehr rücksichtslos in die Breite. Auch vom Roten Platz ist die Rede, der sich kaum verändert und den der Einzug des Kapitalismus wenig beeinflusst zu haben scheint – bis auf das italienische Café, das neuerdings Stühle nach draußen stellen darf.

Foto Sascha Neroslavsky

Foto Sascha Neroslavsky

Diese ganz unterschiedlichen Sichtweisen fügen sich in MORMO zu einem Panorama einer Metropole, die „uns“ in Deutschland, im Westen meist fremd ist und bleibt. Im Zusammenspiel von Fotografien und Texten entfaltet sich ein Porträt der russischen Hauptstadt im Umbruch, das man immer wieder zur Hand nehmen, durchblättern und hineinlesen kann, um sich auf visuelle und literarische Entdeckungsreise zu begeben durch ein Panoptikum der Perspektiven auf Moskau.

Beispielseiten aus dem Buch als PDF

 

 




Rezension: 3 Stadia 2010. Architektur für einen afrikanischen Traum

2 10 2010

Es liegt schon ein wenig länger neben meiner Couch und ich und Gäste blättern immer wieder gern durch seine Seiten: 3 Stadia 2010 ist nicht nur vom (Über-)Format ein eindrucksvolles „Coffee-Table-Book“. Es erzählt die Geschichten der drei Fußballstadien, die das Hamburger Architekturbüro gmp zur WM 2010 in Südafrika gebaut hat, in Texten und Bildern. Und es sind vor allem die eindrucksvollen Fotografien, die sowohl die Stadien illustrieren als auch die Städte “um die Stadien herum” einfangen und ein wenig WM-Flair nachwirken lassen.

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3 Stadia 2010
Architektur für einen afrikanischen Traum

Herausgeber: Falk Jaeger
DEUTSCH/ENGLISCH
176 Seiten
mit 157 farb. und 12 s/w Abbildungen
Hardcover
Format: 24 x 32 cm
Euro 34.00  sFr 60.00
ISBN 978-3-86859-063-0

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Herausgegeben von Falk Jaeger, der schon für mehrere Bücher mit dem Jovis Verlag zusammengearbeitet hat, versammelt die zweisprachige Publikation Beiträge von mehreren Autoren aus Architektur und Journalismus und teilt sich in zwei Kapitel: Während im ersten Teil die „Macher“, die Architekten von gmp und die Ingenieure Schlaich Bergermann und Partner zu Wort kommen, widmet sich der zweite Teil den Stadien selbst.

Die Architektur hatte einen sehr konkreten politischen Auftrag zu erfüllen – die Ausrichtung einer Fußballweltmeisterschaft war auch eine deutliche und bewusste Botschaft einer Nation an die Welt, dass hier ein neues, demokratisches Südafrika im Entstehen begriffen sei. Hellen Zille, einzige weiße Provinzgouverneurin Südafrikas, hat dafür eine eingängige Formulierung gefunden: „Yes Afri-can!“

So wurde etwa das Cape Town Stadium in Kapstadt nicht in einem schwarzen Township – Fußball ist in Südafrika vor allem ein „schwarzer“ Sport –, sondern mitten im weißen Viertel von Greenpoint errichtet (was freilich nicht ohne Widerstände auszuführen war).

Über die Entwicklungen des Landes Südafrika in den vergangenen Jahrzehnten, mit seinen Fortschritten, aber auch den Problemen, die nach wie vor herrschen, schreibt Afrika-Korrespondent Thomas Scheen. Hubert Nienhoff von gmp beschreibt die Erfahrungen der Architekten im Stadionsbau, welche Ziele sie konkret für die afrikanischen Bauten verfolgt haben und nicht zuletzt wie es dazu kam, dass gmp den „Hattrick“ in Südafrika geschafft hat. Er schildert aber auch, welche Probleme dem deutschen Architekturbüro begegnet sind, wie Zweifel und internationale Entwicklungen das Vorangehen der Projekte gebremst haben, wie die südafrikanische Art der Entscheidungsabläufe – „wait and see“ – gewöhnungsbedürftig und fremd waren.

Auch Knut Göppert vom Tragwerksplaner-Unternehmen gibt Einblicke in die Art und Weise des Arbeitsprozesse, die den Ingenieuren in Südafrika begegnet sind. Mit fremden und zunächst unbekannten Anforderungen war ebenso umzugehen wie mit spezifischen Erfordernissen der lokalen Wirtschaftsförderung – so wurden etwa die zu vergebenden Aufträge auf möglichst viele Büros aufgeteilt und ungelernte Bauarbeiter auf der Baustelle gezielt qualifiziert.

Der zweite umfangreiche Teil ist den drei Stadion-Bauten in Durban, Port Elizabeth und Kapstadt gewidmet: Moses Mabhida Stadium, Nelson Mandela Bay Stadium und Cape Town Stadium. Neben einem Porträt der Städte von Richard Klug und Wolfgang Drechsler – Klug ist seit 2006 ARD-Korrespondent für das südliche Afrika mit Sitz in Johannesburg, Drechsler seit 1995 Afrika-Korrespondent für das Handelsblatt mit Sitz in Kapstadt – mit einem Überblick über die jeweiligen historischen Entwicklungen und die soziale Situation vor Ort, folgt die Darstellung des jeweiligen Gebäudes von der Entwurfsphase bis hin zum fertigen Bau von Falk Jaeger. Kurzweilig geschrieben bieten die Texte eine ganze Reihe von Informationen und interessanten Einblicken, die nicht nur Fußball-Fans ein paar der architektonischen Facetten der WM, sondern auch Architekturinteressierten die Stadienbauten näher bringen.

Den Abschluss bildet ein weiterer Text von Richard Klug, in dem nachgezeichnet wird, welche besondere Bedeutung das Fußballspielen in Südafrika hat und wie die Fußball-WM auch „Balsam für die nationale Seele“ war: Dazu gehören amüsante Anekdoten wie die von der „Makarapa“, der ausgefallenen Kopfbedeckungen der südafrikanischen Fans, und natürlich der unüberhörbaren „Vuvuzela“, dazu gehören aber auch ernste Geschichten wie die von der „Makana“, der wohl seltsamsten Fußball-Liga weltweit: 1963 beantragten die Häftlinge auf der Gefängnisinsel Robben Island, Fußball spielen zu dürfen. Erst vier Jahre später wurde der Antrag gewährt und die Gefangenen konnten beim Fußball den harten Alltag im Gefängnis im wahrsten Sinne ein wenig „überspielen“. Fußball ist in Südafrika immer auch politisch.

„3 Stadia“ bildet einen schönen Nachklang zur WM 2010, bei dem auch die Schwierigkeiten rund um die Bauarbeiten sowie im südafrikanischen Alltag erwähnt werden. Allerdings herrscht der positive Blick auf die Realisierung der „Architektur für einen afrikanischen Traum“ vor. Schön wäre es noch gewesen, wenn auch Südafrikaner zu Wort gekommen wären. Aber das könnte ja in einem Nachfolgeband nachgeholt werden – in vier Jahren etwa: Dann wäre es interessant zu erfahren, was mit den Stadien nach der WM geschieht.




“Silent Nests” by photographer Vicki Topaz on The Style Saloniste

25 09 2010

A little while ago I presented the extraordinary photographs of old French pigeonries by San Fransisco-based photographer Vicki Topaz: For her series “Silent Nests”, Topaz has documented old noble pigeonries in North-Eastern France, Normandy and Brittany over the course of several years. Even though hardly noticed today, these buildings look back on an intriguing history as former icons of nobility, from the 13th century until the French Revolution.

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The Style Saloniste has publishedan interesting interview with Vicki Topaz,

accompanied by several wonderful photos (LINK).

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More about “Silent Nests”.

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The book about “Silent Nests”, presenting wonderful b/w photographs, has been published by Heidelberg publisher Kehrer Verlag, and I’ve been fortunate to do the copy-editing of the project.


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“Architektur muss brennen.” _ New TASCHEN book: Coop Himmelb(l)au’s complete works

22 09 2010

A new TASCHEN book is honouring the complete works of Austrian architects of Coop Himmelb(l)au:

(for Engl. information please click here)

Screenshot aus dem TASCHEN-Buch Coop Himmelb(l)au

ISBN: 978-3-8365-1788-1
Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch
Verfügbarkeit: September 2010

PR-Text: “Coop Himmelb(l)au ist keine Farbe, sondern die Idee, Architektur mit Phantasie leicht und veränderbar wie Wolken zu machen.” So beschreiben die Architekten selbst den Namen und das Konzept ihrer Gruppierung. In den 1960er-Jahren mit pneumatischen Kugeln und interaktiven Installationen beginnend, schuf die aus den Architekten Wolf D. Prix, Helmut Swiczinsky und Michael Holzer bestehende Gruppe nach der Leitlinie “Architektur muss brennen” schroffe Interventionen im urbanen Kontext. Ihre Gebäude ähneln überdimensionierten Schallkörpern mit tanzenden Silhouetten und kollabierenden Linien voller Dynamik und Echos. Als eine von nur wenigen Gruppen jener frühen Tage gehört Coop Himmelb(l)au heute dank seiner herausragenden Ausdruckskraft und Professionalität zu den international führenden Architekturbüros.

Herausgeber und Architekt erarbeiteten gemeinsam diese umfassende Werkschau, die mit ihren unzähligen, sorgfältig gewählten Skizzen, Modellfotos und technischen Zeichnungen neben visueller Opulenz auch einen Blick in die Planungswerkstatt von den Anfängen 1968 bis zu den aktuellen Großprojekten bietet.

Zu den bekanntesten Projekten von Coop Himmelb(l)au zählen: Dachausbau Falkestraße, Wien (1988); Groninger Museum: Ostpavillon, Groningen, Niederlande (1994); UFA Kinopalast (Kino), Dresden (1998); BMW Welt, München (2007); Akron Art Museum, Ohio, USA (2007) sowie Central Los Angeles Area High School #9 of Visual and Performing Arts in Los Angeles, USA (2008). Unter den jüngsten von Coop Himmelb(l)au auf der ganzen Welt verfolgten Projekten sind zu erwähnen: Musée des Confluences in Lyon, Frankreich; House of Music in Aalborg, Dänemark; Neubau der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main und Dalian International Conference Center in China.

Mehr Informationen




Review: Informal Arrangements by Peter Bialobrzeski

8 07 2010

Kliptown is not only the oldest, but also a historically very important part of Soweto: In 1955 the anti-Apartheid Congress of the People was held here, when the Freedom charter got published. This Charter became the basis of the new South Africa’s constitution. Kliptown however remained very poor black township. Peter Bialobrzeski photographed the interiors of the shanties, which the inhabitants are trying to turn into homes, against all odds. The calm, unagitated photographs reflect these efforts and present striking “portraits in absentio” (no humans are present in the photos) of Kliptown’s inhabitans.

Kliptown ist nicht nur der älteste, sondern auch ein historisch für die Geschichte Südafrikas sehr bedeutsamer Bezirk von Soweto. 1955 versammelten sich hier 3000 Apartheid-Gegner – unter ihnen auch Walter Sisulu und Nelson Mandela – zum Congress of the People und formulierten die Freiheitscharta, ein Gegenentwurf zu damaligen Apartheid-System. 1990 wurde diese Charta zur Basis der Verfassung des neuen Südafrikas. Seit fünf Jahren erinnert ein steinernes Monument auf einem neu angelegten Platz an die Charta.

© P. Bialobrzeski

Kliptown ist aber auch ein Stadtteil Sowetos, der das Scheitern – oder zumindest die Schwachstellen – der Charta allzu augenfällig aufzeigt. Noch lange nicht sind die darin formulierten Ideale realisiert und flächendeckend umgesetzt. Rund um den Gedenkplatz in Kliptown leben die schwarzen Armen in Hütten, die mehr an Verschläge erinnern. Im Viertel neben dem WM-Stadion, Soccer City ist knappe 10km Luftlinie entfernt, wohnen sie in provisorischen Unterkünften, deren Einrichtung oft nicht einmal dem Wert eines Eintrittsticket entsprechen würde.

© P. Bialobrzeski

Trotzdem versuchen diese Menschen, ihre Unterkünfte zu einem Heim werden zu lassen. Mit Blättern aus Werbezeitungen werden Wände tapeziert und Farbe hineingebracht, mit Postern, Seiten aus Unterwäschekatalogen, Stoff wird Wohnlichkeit erzeugt. Kalender, Vorhänge, auf Betten drapierte Kissen. Hier steht Beauty-Zubehör, dort liegen Kleider, hier ein Fernseher, dort Radio oder DVD-Player.

Der deutsche Fotograf Peter Bialobrzeski blickt in diese Hütten, die so eng sind, dass sie kaum auf das Bild zu passen scheinen. Er präsentiert Ansichten der Behausungen, sehr private Einsichten – ohne Menschen zwar, aber dadurch fast noch intimer: Hier nämlich wird die private Hülle, der persönliche Rückzugsort der Bewohner Kliptowns porträtiert. Gleichsam „schutzlos“ wird er dem Blick der Kamera offenbart und so zum „Porträt in absentio“ – die räumliche Hülle, das Zuhause verrät oft mehr über seinen Bewohner, als man denken mag.

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Peter Bialobrzeski: Informal Arrangements, Text von Peter Bialobrzeski, Indra Wussow, Gestaltung von Peter Bialobrzeski, Kathrin Hufen, Deutsch, Englisch, 2010. ISBN 978-3-7757-2660-3

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Bialobrzeski präsentiert diese fast intimen Einsichten in einer ruhigen, unaufgeregten Bildsprache, die sich auch in der Machart der Publikation, bereits dem 7. Projekt des Fotografen mit dem Hatje Cantz Verlag, widerspiegelt. Den fast seitengroßen Abbildungen wird sehr viel Platz eingeräumt, ohne Text oder Beschriftung wirken sie ganz für sich und lassen den Betrachter viel Raum, um sich in sie zu vertiefen.

Voraus geht ein kurzer einleitender Essay auf Englisch und Deutsch von Indra Wussow, deren Johannesburger Kulturstiftung jozi art:lab den Fotografen überhaupt erst zu seinem Projekt in Südafrika gebracht wird.

Abbildungen Hatje Cantz




Neue Bücher: Von Walter Niedermayr bis Peter Bialobrzeski. Hatje Cantz im Herbst 2010

10 06 2010

Out now: the autumn program of German art book publisher Hatje Cantz – including several interesting architecture+art publications. And because it’s Fifa World Cup, we’re starting with 2 photo books about South Africa, then turn to Italy and to – it can’t be missed – Berlin.

Please use the links for an English description of the books.

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Thomas Hoeffgen: African Arenas

Thomas Hoeffgen, eigentlich international erfolgreicher Mode- und Werbefotografen, hat sich von der Begeisterung, mit der in  Afrika Fußball gespielt wird, anstecken lassen und seit 1999 immer wieder Fußballspieler und Zuschauern in Nigeria, Namibia, Botswana, Sambia, Malawi und Südafrika fotografiert – auf den typischen improvisierten Sandbolzplätze des Kontinents mit zwei Holzpflöcken als Tor, aber auch in den Betonarenen der Städte mit ihren Flutlichtern und Tribünen. (Ausstellungen: Auswärtiges Amt, Berlin 30.4.–2.6.2010 | Deutsche Akademie für Fußball-Kultur, Künstlerhaus im KunstKulturQuartier, Nürnberg 5.6.–18.7.2010).

Thomas Hoeffgen: African Arenas, Hrsg. Nadine Barth, Text von Nadine Barth, Ian Hawkey, Thomas Hoeffgen, Gestaltung von Julia Wagner, Deutsch, Englisch, 2010. ISBN 978-3-7757-2668-9

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Peter Bialobrzeski: Informal Arrangements

Sehr viel ernster hingegen Peter Bialobrzeskis neuestes Projekt Informal Arrangements, das Innenansichten südafrikanischer Slumhütten zeigt. Die Fotos entstanden 2009 in Kliptown, einem Vorort von Soweto, in dem 1955 Mitglieder der Anti-Apartheid-Bewegung die »Freedom Charter«, ein Zehn-Punkte-Programm,verabschiedeten, das bis 1990 verboten blieb und heute einen wesentlichen Teil der südafrikanischen Verfassung darstellt. Trotz des historischen Auftrags hat sich die Lebenssituation der Bewohner informeller Siedlungen in den vergangenen 20 Jahren kaum verbessert.

Soccer City, Johannesburgs neues, extra für die WM 2010 gebautes Fußballstadion, ist weniger als zehn Kilometer Luftlinie entfernt. Eine Eintrittskarte auf dem internationalen Markt ist teurer als die gesamte Einrichtung einer Hütte auf den Fotos von Peter Bialobrzeski. Die Bilder erzählen von dem Wunsch, das Heim mit den wenigen zur Verfügung stehenden Mitteln wohnlich zu organisieren.

Peter Bialobrzeski: Informal Arrangements, Text von Peter Bialobrzeski, Indra Wussow, Gestaltung von Peter Bialobrzeski, Kathrin Hufen, Deutsch, Englisch, 2010. ISBN 978-3-7757-2660-3

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Auch aus bzw. über Italien gibt es gleich zwei schöne Bände: Gregory Crewdson: Sanctuary und Walter Niedermayr: Recollection, dessen beeindrucke Arbeiten mir schon lange aufgefallen sind.

Walter Niedermayr (*1952 in Bozen) ist einer der großen europäischen Fotokünstler unserer Zeit. Seine sensible Bildsprache, die in den letzten Jahren von zahllosen anderen Fotografen leider viel kopiert wurde, ist durch die zurückgenommene Farbdichte gekennzeichnet. Einem breiten Publikum bekannt wurde Niedermayr durch seine Bildserien zu alpinen Landschaften, Architekturen und Infrastrukturen.

Für dieses Projekt reiste er in den Jahren 2005 bis 2008 nach Teheran, Isfahan, Yazd, Schiraz sowie in kleinere Städte und zu historischen Stätten des Iran. Es entstand eine neue Werkgruppe, in der er die architekturhistorischen Zusammenhänge der aktuellen iranischen Architektur vor ihrem kulturellen und geschichtlichen Kontext hinterfragt. Das vom Künstler selbst in enger Zusammenarbeit mit den Grafikern und dem Verlag entwickelte Projekt wird, wie die vorangegangenen Bücher Niedermayrs, sicher wieder ein Höhepunkt der »Fotobuchkunst« werden.

Walter Niedermayr: Recollection, Gestaltung von Mevis & van Deursen, Deutsch, Englisch, 2010. ISBN 978-3-7757-2738-9

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Gregory Crewdson, der Großmeister rätselhaft verdichteter Fotoinszenierungen hat ein neues Sujet gefunden: die römische Cinecittà.

Bislang waren Crewdsons Serien enorm aufwendig und erforderten große Produktionsteams, eigens gebaute Filmateliers und professionelle Schauspieler. Nun aber kehrte er nur mit einem kleinen Team zurück und arbeitete für seine eindringlichen schwarz-weiß Aufnahmen zerbröckelnder Fassaden und verlassener Straßen vorwiegend mit natürlichem Licht. All dies bedeutet jedoch nicht wirklich einen Bruch zu Crewdsons früheren Serien, denn der dramatische Subtext seiner Bilder, das unheimliche Gefühl, dass in ihnen die Vergangenheit wieder zum Leben erweckt wird, findet sich auch hier.

Gregory Crewdson: Sanctuary, Einleitung von A. O. Scott, Gestaltung von Sarah Gifford, Deutsch, 2010. ISBN 978-3-7757-2734-1

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Und natürlich darf auch Berlin nicht fehlen: Agentur OSTKREUZ: Die Stadt und Christian von Steffelin: Palast der Republik

Mittlerweile leben weltweit mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Welche Hoffnungen und Wünsche verbinden sie mit der Stadt? Auf welche Weise prägt die Stadt ihren Alltag und ihre Beziehungen zu Umwelt und Mitmenschen? Die Fotografen der Berliner Agentur OSTKREUZ sind diesen Fragen nachgegangen. OSTKREUZ steht dabei für eine bestimmte Vorgehensweise, nämlich den Kern der Dinge zu erkennen, ihn abzubilden und in diesem Abbilden ehrlich zu bleiben. Die 18 Fotografen porträtieren die Bewohner der Stadtutopie Auroville in Indien, der Slums von Manila und des von der Mitte aus zerfallenden Detroit, sie dokumentieren das am Reißbrett entstandene chinesische Ordos, die Künstlichkeit der Straßenzüge Dubais und die zerbombten Häuser von Gaza. Was am Ende aufscheint, ist das Porträt einer Stadt, die alle Städte ist.

Die beteiligten Fotografen:

Sibylle Bergemann, Jörg Brüggemann, Espen Eichhöfer, Annette Hauschild, Harald Hauswald, Pepa Hristová, Andrej Krementschouk, Ute & Werner Mahler, Thomas Meyer, Dawin Meckel, Julian Röder, Frank Schinski, Jordis Antonia Schlösser, Anne Schönharting, Linn Schröder, Heinrich Völkel, Maurice Weiss

Ausstellung: C/O Berlin, Postfuhramt 8.5.–4.7.2010

Die Stadt: Vom Werden und Vergehen, Hrsg. Ostkreuz – Agentur der Fotografen, Vorwort von Marcus Jauer, Protokolle von Marcus Jauer, Anne-Dore Krohn, Nachwort von Felix Hoffmann, Gestaltung von Naroska Design, Deutsch, Englisch, 2010. ISBN 978-3-7757-2659-7

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Seit 1993 fotografiert Christian von Steffelin (*1963 in Karlsruhe) die drastischen Veränderungen im Osten Berlins seit der Wende. Sein Interesse gilt hier insbesondere den kurzlebigen Stadien einzelner Bauten und Stadträume und deren Vergänglichkeit. Eine Langzeitstudie widmete er dem Palast der Republik in einem Zeitraum von 1994 bis 2009.

Von Steffelin dokumentiert die einzelnen Phasen des Verfalls des einstigen Zentrums der Macht: von den Resten der entfernten Inneneinrichtung über den Baukörper im Rohbauzustand bis zur übrig gebliebenen freien Rasenfläche. Diese Bilder des langsamen Verschwindens offenbaren den gewaltigen Widerspruch zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Christian von Steffelin: Palast der Republik, Gestaltung von Kai-Olaf Hesse, Text von Christian von Steffelin, Ulrike Westphal, Gerwin Zohlen, Deutsch, Englisch, 2010. ISBN 978-3-7757-2721-1

Presseinfos und Abb. Hatje Cantz




Review: Zwischen den Attentaten: Geschichten aus einer Stadt von Aravind Adiga

25 05 2010

Auf das neue Buch “Zwischen den Attentaten” von Aravind Adiga wurde ich wegen des Untertitels aufmerksam. “Geschichten aus einer Stadt” heißt es da, und der Klappentext verspricht, man würde an einer siebentägigen Erkundung der indischen Stadt Kittur und ihrer Besonderheiten teilnehmen. Anders als erwartet spielen die Architektur und die architektonischen Besonderheiten dieser Stadt jedoch nur eine Statistenrolle. Das Gesicht der indischen Stadt fügt sich vor allem aus den zahlreichen Personenporträts zusammen, die zwar grandios erzählt sind, Indien aber desillusionierend von seiner unschönen Seite zeigen. Insgesamt fehlt ein wenig ein Spannungsbogen, der die Geschichten zusammenhält.

Aravind Adiga’s latest book “Between the assasinations” caught my attention because of its subtitle “Stories from a city”. The short text on the book’s cover promised a 7-day journey through the fictive Indian city Kittur. Yet contrary to (my) expectation, the city’s architecture and its particularities weren’t more than props. The city’s “face” was built from numerous short stories – it’s not a novel, but a collection of independent stories – portraying different inhabitants of Kittur. Admittedly, Adiga is a terrific narrator and superb observer, but he presents India from its very ugly side, thus the book is not an easy read, less so as it lacks a connection between all the sad fates suffering from greed, injustice, wilyness.

Sieben Tage in der Stadt Kittur: Sieben Tage auf Entdeckungsreise durch eine typisch indische Stadt verspricht der neue Roman von Aravind Adiga, der für seinen Weltbestseller „Der weiße Tiger“ mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurde. Er nimmt seine Leser mit auf die Reise ins gegenwärtige Indien abseits der bunten Touristen-Welt. Kittur ist eine fiktive Stadt, die aber deutlich erkennbare Züge Bangalores tragen soll. Die darin versammelten, in sich geschlossenen Geschichten lassen das Leben im heutigen Indien plastisch werden. Aber es ist kein schönes Bild, das der Autor vor den Augen der Leser entstehen lässt. Weit entfernt von knallig bunten Bollywood-Farben wirkt Adigas Indien umso realistischer, denn er lässt nichts aus: Porträtiert werden Schicksale von „oben“ und von „unten”, von Hindus, Christen und Moslems, von Jungen und Alten, von Armen, Reichen und den Menschen irgendwo dazwischen.

Jeder Tag wird eingeleitet mit knappen Darstellung eines besonders sehenswürdigen Stadtteils von Kittur. Architektonische Elemente von diesen Stadtteilen werden dann verwoben mit den folgenden Geschichten, allerdings mehr als flüchtiger Rahmen, der die in sich geschlossenen Schicksale übergreifend verbindet und gleichsam geografisch in der imaginären Stadt lokalisiert, ohne jedoch einen besonderen Bezug zum Geschehen selbst aufzubauen. Das erinnert ein wenig an einen Film, in dem man die verschiedenen Charaktere an den gleichen Bauwerken vorbeihetzen sieht, ohne dass sie sich kennen oder miteinander in Kontakt treten. So gelingt es Adiga, verschiedene Perspektiven, verschiedene Lebensweisen und Seiten der Stadt und ihrer Bewohner zusammenzufassen. Das Element der Architektur bleibt bei diesen Stadttouren jedoch abstrakt, abstrakter als man es erwarten würde von einer Entdeckungsreise durch eine fremde Stadt.

Die Bewohner Kitturs, das ist der „Moskitomann“, der sich im Dienst einer reichen Dame zum Gärtner und Chauffeur hocharbeitet und schließlich alles verliert, als er die strengen Kastengrenzen überschreitet. Da ist der reiche Schuljunge, der in seiner Schule eine Bombe zündet, aus Protest gegen das Kastenwesen. Da sind die Armen, wie der Fahrradkurier, der sich tagtäglich abrackert und unter freien Himmel schläft, da sind die Reichen, die jederzeit täglich zweimal baden und mehrere Dienstleute beschäftigen können. Da sind die „Vertrauten“, die bei einem kinderlosen Paar zu Gast sind und die üppige Bewirtung genießen, die jedoch, kaum haben sie das Haus verlassen, über die modernen westlichen Ideen der Gastgeberin herziehen. Da ist der alternde brahmanische Kommunist, der seinen Lebensidealen abfällt und die traditionellen Vorrechte einfordern will, als seine körperlichen Bedürfnisse die Oberhand gewinnen, ihn die begehrte junge Frau jedoch nicht heiraten will.

Adiga stellt unterschiedlichste Charaktere vor, beschreibt ihre Gedankengänge, die nicht so sehr von hehren Idealen geprägt sind, sondern fast immer vom Streben nach Geld und noch mehr Geld oder auch schlicht vom Willen zu überleben. Die Geschichten sind Geschichten von Menschen, wie sie im heutigen Indien – und nicht nur da – tagtäglich geschehen. Es geht um das Kastenwesen, um soziale Schranken und religiöse Grenzen, aber auch um Zwischenmenschliches, um Missverständnisse, „Coming-of-Age“, um Männer und Frauen. Adiga erzählt all dies schonungslos und zeichnet ein (wohl) sehr akkurates Bild von Indien abseits vom Glimmer, Glitter, Glamour. Er spart Unschönes nicht aus, verfällt jedoch auch nicht in eine „Slumdog Millionaire“-Weichzeichner mit edlen Charakteren, die aus der Gosse kommen. Adigas Figuren sind nobel, hilfreich, warmherzig, sie sind aber auch verschlagen, hinterhältig, egoistisch – kurz: echte Menschen.

Aravind Adiga: „Zwischen den Attentaten“. Geschichten aus einer Stadt. Aus dem Englischen von Klaus Modick. Verlag C. H. Beck, München 2009. 376 S., geb., 19,90 €.




Food Design oder: Was haben Lebens- mittel und Architektur gemeinsam?

18 05 2010

Essen ist Kulturgut. Seit Jahrtausenden wird es zum Verzehr in bestimmte Formen gebracht. Dass bei der Zubereitung und Präsentation von Nahrungsmitteln auch ein ästhetisches Interesse zugrunde liegt, ist eigentlich nicht überraschend – Kuchen werden verziert, Teller dekoriert, Obstschalen angerichtet. Trotzdem ist es ungewohnt, Lebensmittel selbst als Designobjekte zu betrachten – aber eben dies sind sie: Oder warum gibt es so seltsam geformte Backwaren wie Brezeln und Hörnchen? Wieso gibt es Gummibärchen oder Toblerone-Stangen?

Foods are cultural assets. For thousands of years food has been shaped in order to make it consumable. Little surprising though, that preparation and presentation of edibles have aesthetic interests, too – cakes get decorated, plates garnished, fruit bowls arranged. But still it is uncommon to consider foods as design objects – but they are just that: Why else do we have weirdly shaped pastries such as pretzels or croissants? Why gummibears and toblerones?

In their book “Food Design” the authors (both originally educated as architects) give a summary of how different aspects – haptics, colour, sound, … – influence the preparation of foods. And along the way, they answer the question what food design and architecture have in common (as the German title of this article asks).

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Food Design

von der Funktion zum Genuss

Sonja Stummerer, Martin Hablesreiter

Springer Wien, New York, 2005

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.„In derselben Weise, wie wir Mode, Möbel oder Autos gestalten, um unser ästhetisches Wohlbefinden zu befriedigen, erwarten wir auch von Lebensmitteln, dass sie nicht nur unsere Bäche füllen, sondern auch unsere Sinne betören“ (9), sagen die Autoren von „Food Design“. Ihr Buch ist ein Plädoyer für eine bislang eher unbeachtete Designsparte.

Aber was hat Architektur mit Food Design zu tun? Nicht allzu viel, meint man im ersten Moment. Überraschend viel, stellt man fest, nachdem man einen Blick in das Buch geworfen hat. Denn Food Design bedeutet trotz des neudeutschen Begriffs letztlich nichts anderes, als das Formen und Gestalten von Lebensmitteln im Alltag. Und eben dies tut auch die Baukunst: „Ähnlich wie in der Baukunst, wo Funktion, Zeitgeist und Fertigungstechniken zusammenwirken, hinterließen die entscheidenden Etappen der Menschheitsgeschichte auch in der Küche ihre Spuren“ (13).

Diesen Spuren gehen die Autoren des Buches in acht Kapiteln nach. Woher kommt der ungewöhnliche Brezelknoten? Warum ist die Toblerone pyramidenförmig? Und wie kommt die Wurst ins Brot und der Sandwich auf den Tea-Time-Teller?

In thematischen Kapiteln wie „Knusperspaß und Farbenfreude“ oder „Spannung in Hülle und Fülle’“ wird deutlich, welche enorme Rolle Haptik, Geräusch und Farbe beim Essen spielt – warum g ibt es eigentlich keine violetten Gummibärchen? –, wieso es Knuspriges oder Streichfähiges gibt und wie die Sachertorte dank ihres „Schokopanzers“ ihren Siegeszug um die Welt antreten konnte.

Amüsant und kurzweilig geschrieben nehmen die Autoren ihre Leser mit auf einen Spaziergang durch die Küchen Europas. Leicht und interessant zu lesen garantiert „Food Design“ einige neue Sichtweisen aufs tägliche Brot und bietet dabei ebenso überraschende wie interessante Einblicke gerade auch auf Lebensmittel, die ganz alltäglich erscheinen – seien es die schon erwähnten Brezeln und Gummibärchen oder das Croissant und das Fischstäbchen. Gewürzt werden die Ausführungen mit historischen Anekdoten, die bis in die Antike zurückreichen, und mit Seitenblicken auf die Entstehung echter Küchenklassiker vom Würfelzucker bis zum Tomatenketchup

Garniert mit kreativen Fotografien (fotografiert von Ulrike Köb) von Lebensmitteln macht „Food Design“ auch optisch Spaß. So manche kreative Spielerei verblüfft den Leser, etwa die in Scheiben geschnittene Torte und der in Tortenstücken geteilte Brotlaib – beide rund, beide in Stücke zu zerteilen, um sie essen zu können, nur käme man nie auf die Idee, die Sahnetorte in Schnitten aufzutischen. Warum eigentlich?

Eine Zeitleiste am Ende des Buches listet die nachhaltigsten Erfindungen in der Küche auf – von der Mayonnaise im 18. Jahrundert über die erste Erwähnung der Pasta mit Tomatensauce und der Erfindung des Frankfurter Würstchens (beide 19. Jh.) bis hin zu den essbaren „Ikonen“ des 20. Jahrhunderts: das Eis am Stiel, Nutella, Kinderüberraschung, Coca Cola, …

Entwickelt und geschrieben haben „Food Design“ die Österreicher Martin Hablesreiter und Sonja Stummerer, beide von Haus aus Architekten und eher durch Zufall in die Richtung des Lebensmittel-Gestaltung gekommen. Wie ungewöhnlich und gelungen ihre Arbeit ist, zeigt die öffentliche Aufmerksamkeit für „Food Design“, das schon einiges gewonnen hat. Mittlerweile ist ihrem Erstling „Food Design XL“ (2010) gefolgt, das gerade beim Bewerb des „Le Cordon Bleu World Food Media Awards 2010″ in der Kategorie “Best Food Book” in Adelaide, Australien ausgezeichnet wurde.