„Das Medium Raum hat für uns eine faszinierende Direktheit, weil das räumliche Erleben immer schon eine Bezogenheit voraussetzt.“ INTERVIEW mit Anna Borgman und Candy Lenk

Im Frühjahr 2012 war in Berlin-Hellersdorf ein Luftschloss zu Gast – im Rahmen der „Hellen Mitte„, in deren Rahmen temporäre künstlerische Projekte die noch unfertigen – aber auch die schon fertigen Straßen, Flächen und Plätze der heutigen City Hellersdorf – unter die Lupe nehmen und Anstöße für eine künftige vielschichtige Weiterentwicklung dieses Stadtraums und Impulse für seine Vitalität geben. Die Kunstprojekte sollen den Prozess des Stadtumbaus für eine Zeit begleiten.

Luftschloss Phase 3_1

PROJEKT LUFTSCHLOSS | berlin-hellersdorf | 2012

Das Luftschloss war ein Projekt von Candy Lenk und Anna Borgman, in dem sich die beiden Berliner Künstler und Architekten mit der besonderen urbanen Situation in Hellersdorf beschäftigt haben. Während Borgman nach dem Studium der Kunstgeschichte an der Universität in Aarhus Architektur an der Königlich Dänischen Kunstakademie und der Kunsthochschule Berlin Weißensee studierte, wo sie ihr Studium der Kunst und Architektur als Meisterschülerin der Bildhauerei abschloss, studierte Candy Lenk Architektur an der Hochschule Coburg sowie der Kunsthochschule Berlin Weißensee. Er wurde mit dem Studienpreis des Bund Deutscher Architekten ausgezeichnet und war Stipendiat der Ingvar Kamprad Stiftung.

Seit 2006 ist er freier Architekt und Künstler in Berlin. Er unterrichtete räumliches Gestalten und Entwerfen an der Technischen Universität Dresden sowie an der Hochschule Coburg und der Kunsthochschule Berlin Weißensee. Auch Anna Borgman unterrichtete an der Kunsthochschule Berlin Weißensee, wurde mit dem Egon-Eiermann Preis ausgezeichnet und erhielt mehrfach Stipendien des Staatlichen Kunstrates Dänemark. Seit rund drei Jahren arbeiten Lenk und Borgman in verschiedenen Projekten zusammen.

Im deconarch.com Interview erläutern Candy Lenk und Anna Borgman, was sie an der Arbeit mit Raum fasziniert, wie die Architektur in ihre künstlerische Arbeit einwirkt und wie sich Orte „lesen“ lassen.

Alle Fotorechte liegen bei Anna Borgman und Candy Lenk .


INTERVIEW

Im Frühjahr 2012 (April bis Mai 2012) war euer Projekt „Luftschloss“ in Berlin Marzahn/Hellersdorf zu sehen. Wie kam es dazu?

Luftschloss Phase 3_5

PROJEKT LUFTSCHLOSS | berlin-hellersdorf | 2012

Das PROJEKT LUFTSCHLOSS entstand im Frühjahr 2012 und ist Ergebnis einer Auseinandersetzung mit dem Unfertigen, Fragmentierten des Ortes und den enttäuschten Hoffnungen auf Permanenz und Ganzheit. Das LUFTSCHLOSS als inszenierte Baustelle stellt eine Verknüpfung zu den nicht zu Ende geführten Planungen der Großsiedlung Hellersdorf her, denn durch die politische Wende und die Insolvenz des Entwicklungsträgers prägen bis heute nicht fertig gestellte Maßnahmen das fragmentierte Bild des Ortes.

Das Projekt selbst gliedert sich in vier Phasen, die verschiedene Stadien eines Wandlungsprozesses zeigen. In Form einer Baustelle entstand ein temporäres Objekt mit dynamischer Gestalt, ein Werk des Übergangs, das in seiner Präsenz bereits die eigene Abwesenheit vorwegnimmt.

Die üblicherweise zum Verhüllen von Bauprozessen verwendeten Materialien haben wir dabei selbst zu Baustoffen gemacht und das Projekt mimetisch in den Stadtraum eingepasst. Erst seine strukturelle Widersprüchlichkeit offenbart es als künstlerische Intervention. Die sich zyklisch ablösenden räumlichen Figuren der Installation lassen keinen Baufortschritt erkennen, sondern schildern einen anhaltenden Zwischenzustand. Die Formen des Übergangs offenbaren sich als finale Gestalt.

Seit wann gibt es euch als Kooperation?

Luftschloss Phase 4_2

PROJEKT LUFTSCHLOSS | berlin-hellersdorf | 2012

Zum ersten Mal haben wir vor 3 Jahren bei einem Projekt für eine Ausstellung im Haus der Kunst in München zusammen gearbeitet. Wir kennen uns aber schon aus unser Studienzeit an der Kunsthochschule Berlin Weißensee und sind seit dieser Zeit in engem Kontakt. In den letzten Jahren haben wir unsere Projekte oft gegenseitig kritisch begleitet und uns unterstützt. So ist der Einfluss des jeweils anderen auf eigene Arbeiten immer stärker geworden und die Idee gereift, Projekte auch gemeinsam anzugehen.

Ihr habt beide einen Background (auch) in der Architektur. Warum Kunst? Welche Möglichkeiten bietet die künstlerische Arbeit?

Künstlerische Arbeit gibt uns die Möglichkeit, unser räumliches Erleben zu verarbeiten und zu verstehen. Sie gibt uns die Möglichkeit, mit anderen zu kommunizieren. Das Medium Raum hat für uns eine faszinierende Direktheit, weil das räumliche Erleben immer schon eine Bezogenheit voraussetzt. Wir können uns als wahrnehmende Wesen zu keinem Zeitpunkt einer Räumlichkeit entziehen. Hier sehen wir das große Potential, uns als Künstler wirksam einzumischen.

Wie findet ihr eure Motive und Themen?

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ZUFLUSS | berlin-pankow | 2011

Der überwiegende Teil unserer Arbeiten sind verbunden mit Orten und Räumen oder gehen im Entwicklungsprozess Verbindungen mit diesen ein. Oft ist das Thema schon, wenn auch indirekt, anwesend. Die eigentliche künstlerische Arbeit besteht darin, den Ort zu lesen und zu erkennen – ihn über unsere Konzepte zu entfalten. Ein Projekt, das dies gut verdeutlicht, ist die Installation „Zufluss“. Sie entstand in einer seit 10 Jahren stillgelegten Schwimmhalle in Berlin Pankow. Zusammen mit Miriam Halwani haben wir damals Künstler eingeladen, sich gemeinsam mit uns, innerhalb der Ausstellung „as deep as you can“, mit diesem komplexen Ort zu beschäftigen.

Warum die Beschäftigung mit Architektur, mit Architekturformen und -motiven? Was interessiert euch daran?

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ZUFLUSS | berlin-pankow | 2011

Architektur als Form war nie Ausgangspunkt unserer Arbeit. Wir glauben auch nicht, das der Begriff ArchitekturFORM oder eine formale Betrachtung von Architektur eine ausreichende Basis bietet, um über die Problematik zu sprechen. Spannend ist für uns, das was hinter, unter, in der Form liegt: der Raum. Uns interessiert, was es bedeutet Raum zu leben und Raum auszuhalten, uns interessiert die Atmosphäre von Räumen, die Erinnerung an Räume. Uns interessiert auch der Ort der Erfahrung – der menschliche Leib und das diesen räumlichen Erfahrungen folgende NACH-Denken von Räumen. Wenn wir bei unseren Projekten gegenständliche Objekte oder Strukturen schaffen, so sind diese Mittel zur Raumproduktion.

Wie beeinflusst das Architekturstudium eure Arbeit?

Waiting Room (Anna Borgman)

WAITING ROOM | sønderborg | 2010

Das Architekturstudium, im speziellen das Studium an der Kunsthochschule in Berlin, ist eine wesentliche Basis für unsere Arbeit. Wichtig war dabei Raum als Ausdrucksform, in seiner ganzen Widersprüchlichkeit und Vielschichtigkeit zu begreifen. Das heißt, zu erkennen was es bedeutet mit sozialen und psychologischen Dimensionen des Raumes umzugehen und Raum als Ausdrucksform handwerklich zu kontrollieren.

Darüber hinaus haben wir durch unser Architekturstudium ein klares Bewusstsein über den Unterschied zwischen Prozessen der Planung und Prozessen künstlerischer Ideenarbeit erlangt, was bei große Projekten besonders wichtig ist.

Arbeitet ihr noch/auch als Architekten?

Ja! Candy hat gerade seine Küche neu gestrichen.

Wie kam es zum „Übergang“ von der typischen Architektur zur „ARTitecture“? Kann man überhaupt von einem „Übergang“ sprechen oder handelt es sich mehr um ein „sowohl – als auch“ von Anfang an?

In unserer künstlerischen Arbeit gab es einen solchen Übergang nicht. Die Frage mag für Kunstwissenschaftler interessant sein, für unsere Arbeit war diese Frage nie wichtig. Natürlich gibt es in unserer Arbeit auch Entwicklungen, wir sehen diese aber nicht seitwärts von Topf A in Topf B, sondern in der Tiefe. Wir versuchen, mit jedem Projekt unsere Strategien zu verfeinern, uns neu und anders auf Raum einzulassen – das Sich-Einlassen oder Hineinfallen-Lassen in ein Projekt ist ja am Ende auch das, was Freude bringt und woraus wir Energie schöpfen.

Waiting Room (Anna Borgman)

WAITING ROOM | sønderborg | 2010

Wie ist euer Arbeitsprozess? Mit welchen Medien arbeitet ihr, warum?

Das ist im Detail sehr unterschiedlich. Vielleicht könnte man das mit einer Jonglage vergleichen. Unser Ziel ist ja, Raum zu produzieren. Raum ist aber keine homogene, formbare Masse, sondern bestimmt durch verschiedenste Kontexte und Bedingungen. Wir haben es also immer mit einer Vielzahl von „Bällen“ zu tun, die wir gleichzeitig in die Luft bringen müssen. Es handelt sich selten um einen linearen Prozess, oft kommen Elemente und Ideen hinzu oder werden verworfen. Inzwischen wechseln wir innerhalb eines Projekts auch mehrmals das Medium der Repräsentation von Raum. Diese inszenierten Brüche haben sich oft als erfolgreich herausgestellt und die Projekte vorangebracht.

Waiting Room (John M Dancke)

WAITING ROOM | sønderborg | 2010

Würdet ihr uns noch weitere Arbeiten näher vorstellen?

„Waiting Room“ war eine Installation in der Innenstadt des süddänischen Sonderburg. Dort existiert unterhalb eines öffentlichen Parks ein ehemaliger Atomschutzbunker. In dem, über eine schmale Treppe erschlossene Gewölberaum, haben wir 3 mit Wollplüsch überzogene Körper unterschiedlicher Größe installiert. Bei diesem Projekt hat uns die Ambivalenz des unterirdischen Raumes fasziniert. Dieser Topos ist verbunden mit dem Unheimlichen, mit Vorstellungen von Schrecken, Kerker und Hades. Andererseits aber auch gekoppelt an Bilder des Mutterschoßes und der Schutzhöhle, an Räume pränataler und postmortaler Geborgenheit.

Oder „Gelbes Objekt“, dabei handelt es sich um ein etwas rätselhaftes, fast schüchternes, schwebendes Objekt, das in seinem Inneren eine Art architektonische Miniaturisierung trägt. Das Objekt reagiert auf den menschlichen Körper und schließt sich bei Annäherung. Wird es eine Weile in Ruhe gelassen öffnet es sich wieder.

Gelbes Objekt

GELBES OBJEKT | münchen | 2010

Interessant für uns dabei, war es über ein skulpturales Objekt eine Verbindung zwischen dem realen Raum um das Objekt – einem Raum der Aktion und Bewegung und dem Raum der Miniaturisierung – einer Art Projektionsraum, in dem man sich hinein denkt zu schaffen.

Was ist eurer Meinung nach charakteristisch für eure Arbeit?

Unsere Arbeiten sind in ihrer Dauer begrenzte, räumliche Schichten eines Ortes, die die Leichtigkeit eines dahingesagten Kommentars behalten sollen. Uns gefällt der verdichtende und konzentrierende Aspekt, den Räume als Ereignis hervorbringen. Unsere Arbeiten verstehen wir als Eingriffe in das räumliche Geflecht aus Mensch, Geschichte und Ort. Es sind die Versuche, aus dem Kontext und gegenständlicher Intervention, Raum als Element zu entfalten.

Candy und Anna, herzlichen Dank für eure Informationen!

 

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