„Der Raum als Malereiträger verändert sich ständig.“ INTERVIEW mit Holger Endres

Schwarz neben weiß, schwarz neben weiß, auf Magenta. Schwarz neben weiß, schwarz neben weiß, auf Magenta. In einem oft tagelangen Arbeitsprozess zieht Holger Endres Linie um Linie freihändig auf Raumwände, die sich so Strich für Strich, Linie für Linie in pulsierende Farbflächen verwandeln. Oder vielmehr: aus Farbflächen werden pulsierende Räume.

03 / Magenta Schwarz Weiss (Studio), 2014  Exhibition View Krafft-Ebing-Strasse 6, Mannheim

03 / Magenta Schwarz Weiss (Studio), 2014 Exhibition View Krafft-Ebing-Strasse 6, Mannheim

Die Malerei des Mannheimer Künstlers ist raumgreifend, im Wortsinne. Extrem reduziert und repetitiv arbeitet er nach strengen Regeln. Die Wandflächen lösen sich auf, man nimmt nur noch Farben, Farbeffekte wahr. Mittlerweile hat Endres bereits drei Räume in „Magenta Schwarz Weiß“ verwandelt. Sein Arbeitsprozess ist fast schon meditativ, er tritt während des Schaffens in einen Dialog mit dem Raum ein, dessen Wirkung sich verändert.

„Zwischen schwarzer Linie und weißer Linie entsteht ein Zwischenraum. Die Linien berühren sich nicht und stehen in einer Spannung zueinander. Seinen Körper richtet er ganz auf das Malen der Linien aus. Ein Rhythmus entsteht, der Endres vorantreibt.“ (Die Strümpfe, Mannheim)

Holger Endres lebt und arbeitet in Mannheim. Er hat zunächst Butoh-Tanz und der Performance Art bei Minako Seki, Yumiko Yoshioka und Ishi Mitsutaka (1998 – 2004) studiert, ehe er, teils parallel, ein Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe bei Max Kaminski, Erwin Gross und Elke Krystufek (2000 – 2005) aufgenommen hat. Im September wird eine Ausstellung in der Innsbrucker Galerie Bernd Kugler seine neuesten Arbeiten präsentieren.

Im Interview spricht Holger Endres über die Hintergründe von „Magenta Schwarz Weiß“, seinen Arbeitsprozess und die Malerei als Lebensentwurf – ohne Plan B.

 all illus. (c) Holger Endres
holgerendres.de
courtesy Galerie Bernd Kugler

INTERVIEW

Deine Reihe „Magenta Schwarz Weiss“ verwandelt Räume in pulsierende Farbflächen – oder vielmehr: aus Farbflächen werden pulsierende Räume. Erzählst du uns etwas zu den Hintergründen dieser Serie?

01 / Magenta Schwarz Weiss (Hommage an Kazuo Ohno), 2012  Exhibition View Galerie Bernd Kugler

01 / Magenta Schwarz Weiss (Hommage an Kazuo Ohno), 2012 Exhibition View Galerie Bernd Kugler

Die erste „Magenta Schwarz Weiss“-Arbeit entstand 2012 in der Galerie Bernd Kugler in Innsbruck, einem rechteckigen Raum, der aus fünf unterschiedlich großen Wandflächen mit jeweils fünf „Durchgängen“ besteht. Ein sehr unruhiger, aber dennoch klar als Galerie-/Ausstellungsraum definierter Raum. Die Möglichkeit, und auch das Ungewisse, den Raum durch meine Malerei verändern zu können und seine festgelegte Definition aufzuheben, interessierte mich.

Du hast ein strenges Konzept entwickelt, um den Raum auszumalen …

Ausgehend von früheren Wandarbeiten entwickelte ich ein Konzept in mehren Stufen:

– Die Malerei muss auf der Wand ausgeführt werden.
– Magenta als dominierende Farbe, da sie keine Assoziationsmöglichkeiten beinhaltet.
– Abwechselnd schwarze und weiße senkrechte Linien parallel zu einander laufend.
– Die Linien werden mit einer bestimmten Pinselbreite frei Hand von mir gemalt
– Die Linien dürfen sich nicht berühren und laufen in das Magenta aus, so dass eine bestimmte Fläche von Magenta den ganzen Raum durchzieht.
– Die Malerei wird in einem bestimmten Zeitrahmen durchgeführt und der Architektur des Raumes aufgedrängt. Und:
– Sie bleibt eigenständig für sich.

Sie bleibt eigenständig, wie ist das zu verstehen?

Gelb, 2013  Exhibition View Galerie Bernd Kugler

Gelb, 2013,  Exhibition View Galerie Bernd Kugler

Dieses „Eigenständig bleiben“ ist für diese Art von Raummalerei sehr wichtig. Es gab die Möglichkeit, die Raumarchitektur mit Hilfe der Malerei zu verändern, oder auch die Möglichkeit, die Durchführung der Arbeit öffentlich zu machen, sprich als Performance, denn ich malte fünf Tage lang jeweils bis zu 12 Stunden.

Beide Varianten schloss ich aus.

Wie ist dein Arbeitsprozess praktisch? Er mutet performativ, fast meditativ an …

Meine Arbeit ist geplant. Farbe, Pinselstärke, Fläche, Linien … alles wird von mir vorab bestimmt. Die Durchführung unterliegt diesen Vorgaben. Dennoch ist bis zum Schluss alles offen. Malerei ist speziell. Sie hat eine ganz eigene Daseinsberechtigung. Ich unterwerfe den Raum meiner Malerei. Wie sie in ihm wirkt und wie der Raum auf sie reagiert, ist bis zum Ende ungewiss. Dies kann man nicht planen, nur sich vorstellen.

Der Malprozess ist körperlich und geistig anstrengend. Ich male bis zu zehn Stunden. Die immer wiederkehrende Handlung, den Pinsel in die Farbe zu tauchen, auf die Leiter zu steigen und die Linie senkrecht in Beziehung stehend zur vorigen Linie zu malen, unterliegt einem Rhythmus und hat etwas Rituelles, Meditatives – und der Raum als Malereiträger verändert sich ständig. Je nachdem, wie du dich als Betrachter zu der Arbeit positionierst und dich im Raum bewegst, verändert sich deine Wahrnehmung und dein Sehen.

Letztendlich stehst du als Konsument flirrenden Linien gegenüber, die gedanklich ins Unendliche fortgeführt werden könnten. Raum, energetischer Raum entsteht, in dem man die Möglichkeit hat zu sein, seinen Gedanken und seinem Sehen zu vertrauen und zu folgen.

Du kommst zunächst aus der Performance-Kunst, hast auch Butoh-Tanz studiert, ehe du zur Malerei kamst. Welche Ziele verfolgst du in deiner Arbeit?

Gelb Magenta Blau Schwarz Weiss I, 2014, 145 x 180 cm, Acryl auf Leinwand

Gelb Magenta Blau Schwarz Weiss I, 2014, 145 x 180 cm, Acryl auf Leinwand

Als ich an der Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe anfing, Malerei zu studieren, malte ich sehr figurativ und expressiv. Viel Form und Farbe, Öl auf Leinwand. Im Laufe der Semester verlor ich mich in dieser ganzen Fülle von kompositorischen Möglichkeiten und Kunstgeschichte. Ich kam an den Punkt, an dem ich mich fragte, was ich da eigentlich tue.

Künstlerisch zu arbeiten beinhaltet, dass man dem folgt, was einen wirklich interessiert. Mein damaliger Professor hat dies von mir gefordert. Im fünften Semester brach ich mit meiner Malerei und reduzierte radikal auf Schwarz und Weiß. Keine Ölfarben mehr, nur schnelltrocknende Farben. Ich setzte mich mit Stoff- und Tapetenmustern auseinander und malte/zeichnete sie ab. Ebenfalls interessierte ich mich für Graffiti. So kam ich einerseits zu meiner Arbeitsweise, andererseits zu dem, was mich an Malerei interessiert.

Welche Möglichkeiten eröffnet dir die Malerei? Oder ganz einfach gefragt: Warum Malerei?

Meine Malerei ist an mich gebunden, alles was ich mache ist einzigartig. Dieser direkte Zugriff und diese Unmittelbarkeit beim Entstehen faszinieren mich. Egal wie lange ich brauche, um zu verstehen, was ich da mache …

Kunst zu machen ist für mich auch ein Lebensentwurf. Es gibt da keinen Plan B. Malerei ist für mich genau richtig. Aber auch Theater/Tanz oder Performance sind wichtig für meine künstlerische Arbeit.

Mit Patrycja German arbeitest du schon länger zusammen …

Mit der Performancekünstlerin Patrycja German habe ich seit 2010 eine Kollaboration. Wir setzten uns Termine, zu denen wir uns treffen. Die entstehenden Arbeiten beschreiben Momente von Konzentration und Präsenz, in denen wir uns annähern, um zu einer gemeinsamen Bildsprache zu finden. Die Ergebnisse gleichen „Zeitkapseln“, in denen das sensible Suchen und intime Austarieren in Fotografie, Video und Performance eingefangen werden.

Mit ihr habe ich die Performanceserie Die Kamera ist an. Holger sitzt. Patrycja steht. am 26.7.2015 im Einraumhaus in in Mannheim fortgeführt.

Holger, herzlichen Dank für die Einblicke in deine Arbeit!

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