„Der Rhythmus des Pinsels gliedert den Raum, Bewegung suggerierend.“ INTERVIEW mit Ines Hock

Es sind räumliche Zusammenhänge, ihr Erleben und ihre sinnliche Erfahrung, die Ines Hock beschäftigen. „Motivisches Arbeiten scheidet für mich aus“, sagt die Künstlerin. In ungegenständlichen Farbkompositionen erforscht sie, wie sich Malerei im Raum entfaltet und mit diesem in Wechselwirkung tritt. Wie beeinflussen sich Raum und Bild gegenseitig, wie transformiert Farbe Raum?

Moltkerei-Werkstatt Köln, 1996

Moltkerei-Werkstatt Köln, 1996

In einem fortlaufenden Prozess erkundet Hock die Räume, in denen ihre Arbeiten entstehen sollen, nähert sich ihnen an und nimmt sie in sich auf. Durch den Pinselstrich, die Farben entsteht eine veränderte Stimmung im Raum, die den Blick auf das „Dahinterliegende“ öffnen kann.

Hocks Arbeiten reichen von Papierarbeiten über Raum-Installationen bis hin zu Kunst am Bau. Eine frühe Arbeit im Raum ist 1996 in der Kölner Moltkerei entstanden: „Denn weder fand etwas statt, noch wurde etwas Objekthaftes hineingetragen oder aufgehängt, vielmehr ließ die Deckenmalerei von Ines Hock den seit 1981 kontinuierlich für experimentelle Performance und Ausstellungen genutzten Raum in ungeahnter Schönheit erstrahlen. Die in Streifen aufgetragene, mehrfarbige Malerei der Decke erschien als Spiegelung des Fußbodens, der die Spuren häufiger Aktivitäten allzu sichtbar trägt und wurde zu einem zugehörigen Bestandteil der vorhandenen Situation.“ (Dr. Stefan Kraus, in Architektur mit Leichtigkeit  füllen, 1998)

Eine ihrer jüngsten Kunst am Bau-Inszenierungen ist hingegen im Düsseldorfer Schloss Benrath zu sehen (2011).
Aktuell zeigt Ines Hock Papierarbeiten in der Klaus Braun Galerie, Stuttgart.

INES HOCK. 
AQUARELLE und ZEICHNUNGEN
22. März bis 20. April 2013
www.galerie-klaus-braun.de

Im Interview mit deconarch.com verrät Ines Hock, wie ihre Malerei im „Schutzraum“ Atelier keimen, welche Erfahrungen in ihre Arbeit einfließen und warum der White Cube für Sie nicht in Frage kommt.

 all illus. (c) Ines Hock 

INTERVIEW

Ihre Arbeiten zeigen abstrakte Kompositionen, Farbenspiele, die sich in einen räumlichen Zusammenhang einfügen, aus diesem heraus entstehen. Wie finden Sie Ihre „Motive“, Ihre Bilder im Raum?

Lyrismen des Lichts, Clemens-Sels-Museum Neuss, 2007

Lyrismen des Lichts, Clemens-Sels-Museum Neuss, 2007

Seit ich meine Malerei zeige, beschäftige ich mich mit räumlichen Zusammenhängen.

Chronologisch abzulesen ist diese Entwicklung in meinen ersten gelisteten Ausstellungen, vom Kölnischen Kunstverein, der Artothek und dem Diözesan-Museum (heute Kolumba Museum) bis hin zur Moltkerei, in der die erste sogenannte „Farbraum“-Ausstellung entstand. Der freie Ausstellungsraum Moltkerei zeigt nur raumspezifische Arbeiten. Für diesen Ort entwickelte ich ein Konzept, das nach von mir erarbeiteten Prämissen in eine malerische Raumarbeit umgesetzt wurde.

Motivisches Arbeiten scheidet für mich aus. Es gibt die innere Konzentration auf die Gegebenheiten des Raumes, sozusagen als Vorstufe zur eigentlichen Formulierung und Gestaltfindung. Die nonverbale Ausdrucksweise in Zeichnung und Malerei in Beziehung zum jeweils erfahrbaren Raum ist meine unmittelbare sinnliche Verdinglichung von Denken in Kontemplation, Rhythmus und Ordnung. Ich erkunde die Räume, in denen Arbeiten entstehen sollen, nähere mich ihnen an und nehme sie in mich auf. Das ist ein Prozess, den ich immer wieder neu erfinden muss. 

Der Atelierraum und die Auseinandersetzung mit diesem nimmt eine besondere Position in Ihrer Arbeit ein. Welche Rolle spielt dies in Ihrem Arbeitsprozess?

Zunächst widmete ich meine Aufmerksamkeit dem Bildraum im Raum. Wie ist das Bild in diesem Raum, wie ist das Bild mit anderen Bildern in diesem Raum? Gemeint ist damit sozusagen die schrittweise Annäherung an den Raumbezug, der sich bei der Bildbetrachtung schon mit einschloss.

A thousand splendid colours, Commerzbank Tower, Frankfurt, 2009/10

A thousand splendid colours, Commerzbank Tower, Frankfurt, 2009/10

Der Atelierraum diente als Ersterfahrung und Keimzelle der Entfaltung und Wechselwirkung von Malerei im Raum. Ich erprobte die Raumwirkung meiner Arbeiten zuerst im „Schutzraum“ Atelier und übertrug diese Erfahrungen auf andere Räume. Es ist die Erfahrung des gegenseitigen Beeinflussens – das Bild hängt in anderem Licht, der Raum erfährt eine Addition. Für mich gab es nie die Option des „white cube“ für Tafelbilder.

Der Mensch als Wesen im Raum nimmt das Hochformat anders wahr als das Querformat. Sich im Raum bewegen, birgt eine weitere Komponente in sich, die die Seherfahrung essenziell veränderte. Den Film drehe ich jedesmal selbst … Das waren und sind unmittelbare Ereignisse, die sich in der Reflexion thematisierten und zu Entscheidungen führten. Die genannten Komponenten der sinnlichen Wahrnehmung führten zur Weiterentwicklung in der Arbeit, in der Sichtweise.

Die Papierarbeiten verselbstständigen sich und werden Vorzeichen für Arbeiten als Setzungen im Raum. Die imaginäre Qualität beim Arbeiten auf Papier, verschiebt die Größenkomponenten, sie verlieren sich. Das Papier macht die Gestaltmerkmale sichtbar, die sich dann auf Wand und Raumdecke finden.

Sabine Elsa Müller[1] hat dies treffend umschrieben: „Die Wandmalerei wirkt so leicht und aus dem Handgelenk heraus entstanden wie ein überdimensioniertes Aquarell auf Papier. Wohlgemerkt, es geht nicht um eine Übertragung eines kleinen Aquarells auf die Wand, z.B. mit Hilfe einer Projektion oder mit Hilfe eines Rasters. Solche Übertragungspraktiken wurden in der Geschichte der Wandmalerei selbstverständlich eingesetzt, … Der Grad der Entfaltung der Farbe macht aber nicht an den Rändern des Tafelbildes halt. Gerade die Platzierung auf der Wand und darüber hinaus im Raum entscheiden darüber, inwiefern sich die Farbe im Raum Geltung verschaffen kann oder im Gegenteil von ihm zurückgedrängt wird. Von hier aus ist es ein kleiner Schritt zur Malerei im Raum. Auch dieser Wandarbeit waren intensive Studien auf Papier vorausgegangen. Die Erfahrungen aus der Aquarellmalerei auf Papier, auch in Bezug auf die bildkonstituierende Bedeutung des weißen Trägers, wurden in einem konzeptuellen, auf die Architektur bezogenen Rahmen auf die Wand übertragen.“

Dies können wir etwa in Ihrem Projekt im Schloss Benrath beobachten.

Die Schönheit der Sehnsucht, Schloss Benrath, Düsseldorf, 2011

Die Schönheit der Sehnsucht, Schloss Benrath, Düsseldorf, 2011

Die Idee war es hier, meinen Arbeitsprozess im weiteren Verlauf zu schildern – worin die Raumarbeiten ihren Nährboden haben: im Arbeiten auf Papier.

Benrath ist spielerisch barock. Daher war es klar, dass ich den Eingangsbereich des Museum der Europäischen Gartenkunst individualisieren und dabei das Vorhandene respektieren würde. Ich habe mich direkt in die wunderbare Schloss- und Park-Situation hineingedacht. In Fotos vom Eingangsbereich habe ich fallende „Blätter“ zunächst als Collage in den Raum gesetzt, diese dann vor Ort geprüft und modifiziert. Eigentlich sind es keine Blätter, sondern, lapidar ausgedrückt, ovale Farbflecken, die aus dem Pinselzug heraus entstanden sind. Die Farbe sucht sich ihren Ort.

Es ist etwas Poetisches entstanden, das mich mit dem Ort verbindet:

Ein Raum sein,
in ihm sein.
Singen, Farben träumen.
Die Schwingungen mitnehmen,
die gefärbten Töne hören.
Sich mit ihnen bewegen,
im Wandeln verweilen.
Eigene Gedanken gewahr werden,
schauen:
das Helle und Dunkle im veränderlichen Prozess des Seins bemerken.
Leises und lautes Rauschen –
ich rieche es,
vergesse es und entdecke es neu
ganz für mich
an diesem Ort.
Eine emotionale Quelle,
die uns berührt
in kopflos betörender Form durch Blumenhaare.
Stachelbeergelb,
Rokokorosa und
Barytgelb, erstrahlen im Rhythmus der Schritte.

Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihren Arbeiten im Raum?

Das Befürworten der Situation mit meinen Ausdrucksmöglichkeiten, ohne sie radikal zu verändern. Die Wahrnehmbarkeit modifiziert sich durch die Eingriffe, verschiebt die Sichtbarkeit der Dinge in eine andere Dimension. Möglich wird ein Blick auf/in das Dahinterliegende. Die Öffnung des erfahrbaren Raumes entsteht durch die veränderte Stimmung. Die künstlerische Ebene verankert sich subtil im Raum. Die Grundeinheit ist der Pinselstrich, er füllt den Raum wie ein Text das Schriftstück. Der Rhythmus des Pinsels gliedert den Raum, Bewegung suggerierend. Die Tönungen der Farbe verbinden sich mit der Wandfläche, erwecken Spannungsfelder und evozieren Leichtigkeit. Ein bisschen wie fliegen im Kopf…

Ines Hock A 2012-13 Zerkall Bütten 51 x 65 cm

A 2012-13 Zerkall Bütten 51 x 65 cm

Mit welchen Medien arbeiten Sie, warum?

Ich arbeite mit Zeichnungen, Skizzen und Farbe, mittlerweile auch mit digitalen Hilfsmitteln, der Fotografie. Meine Arbeit ist dabei prozessual. Unmittelbare Erfahrungen liegen einerseits im Bereich des Visuellen, andererseits im physisch konkreten, aber durchaus sinnlichen Erleben.

Farbe als immer wieder neu gelebte und neu definierte Erfahrung ist eben nicht in Wörtern zu fassen und auch nicht abrufbar wie der einzelne Ton in der Musik reproduzierbar ist – vorausgesetzt, dass der Vergleich nicht hinkt –, denn der gleiche Ton, ein C, kann doch in sehr unterschiedlicher Färbung erklingen und dadurch anders wahrgenommen werden.

Ist das noch ein Gelb, oder schon ein Grün? Das ist sehr kurz gesagt. Das Augenmerk liegt auf der Vorstellung der Farbe im Gedankenraum, nicht in der reinen Begrifflichkeit, um an der Schnittstelle, in der tatsächlichen Wahrnehmung, die Übereinstimmung zu prüfen. Das ist ein jeweils subjektiver Vorgang. 

Welche Möglichkeiten bietet Ihnen die künstlerische Arbeit?

Warum Kunst? – Nun, das ist mein Selbstverständnis. Ich hätte auch künstlerisch gearbeitet, wenn ich nicht die Möglichkeit eines Kunststudiums gehabt hätte. Gedankenprozesse in die reale Welt zu transformieren, ohne das Konstrukt der Sprache zu benutzen, ist köstlich.

Wann ist Kunst am Bau für Sie zum Thema geworden?

Am Ende meiner frühen Entwicklungsphase habe ich bei Kasper König an der Akademie in Düsseldorf das Seminar Kunst im Öffentlichen Raum belegt, das sehr inspirierend für mich gewesen ist. Kunst wird ohne schützendes Umfeld in den öffentlichen Lebensraum hineingetragen. Die Wahrnehmung schärfen, was um uns herum passiert, ohne ein Etikett daran zu finden. Man hat Teil an dem Kristallisationsprozess bis man die ästhetische Erkenntnis fassen kann.

2007/2, Öl auf Leinwand, 106 x 132 cm

2007/2, Öl auf Leinwand, 106 x 132 cm

Es hat sozusagen Jahre in mir geschlummert, bevor ich mich auf den Dialog zwischen Kunst und den Anforderungen einer projektbezogenen Arbeit mit funktionalem Bereich, einlassen konnte. Es brauchte die vorrangegangenen, vorab beschriebenen Schritte. Der Dialog mit „etwas“ entspricht meinem prozessualen Vorgehen im Arbeitsprozess und ist unabdingbar mit den Anforderungen bei Kunst am Bau verbunden.

„Eine Amöbe, die Wasser aufnimmt, es durch ihren Körper schleust und verändert wieder abgibt.“ (Wikipedia: Amöben sind eine Lebensform) 

Wo können wir in der nächsten Zeit Arbeiten von Ihnen sehen?

In diesem Jahr (2013) sind Ausstellungen mit Papierarbeiten in Galerien geplant. Außerdem läuft zurzeit ein spannender Prozess ab im Kunst am Bau-Bereich. Die Arbeit generiert sich aus der Linie im Raum. Es sollen farbige Lineamente im öffentlichen Außenraum entstehen.

Derix Glasstudios baut aktuell ein Aquarell von mir in lichtem tranzluzierendem Glas, wobei ich die Auswahl der farbigen Antikgläser selber getroffen habe. Wandelndes Licht im Raum bildet den Kontext.

Ines Hock, herzlichen Dank für das Interview!

 


[1] Die Schöne Seite. Lyrismen des Lichts, Clemens-Sels-Museum Neuss, 2007
Texte von Gisela Götte und Sabine Müller, ISBN 3-936542-34-1.

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