„Die Abstraktion bietet mir die ideale Möglichkeit, mich über das reale Aussehen des fotografierten Objekts oder einer Landschaft hinaus ihrem für mich „wahren“ Wesen anzunähern.“ INTERVIEW mit Sabine Wild

Sabine Wilds Fotografien zeigen Städte aus aller Welt in einem Moment voller Dynamik, aber auch Flüchtigkeit. Durch Unschärfen und verschwimmenden Konturen, die fast malerische Qualität entfalten, bleiben die Bauten zwar erkennbar, entwinden sich jedoch zugleich auch dem suchenden Blick. Eine Situation, wie sie in der Begegnung mit Stadt allzu normal geworden: Meist sieht man die gebaute Umgebung nur noch flüchtig, aus den Augenwinkeln, auf dem Weg von A nach B, ohne sie wirklich zu wahrzunehmen.

Chicago_0240, 75 x 160 cm, 2010

Chicago_0240, 75 x 160 cm, 2010

Schon während ihres Studiums der Germanistik, Romanistik und Linguistik in Bielefeld, Münster, Köln und Berlin kam Wild über verschiedene Jobs in Architekturbüros in intensiven Kontakt mit der Architektur. Mittlerweile gilt ihre Aufmerksamkeit nur noch der fotografischen Auseinandersetzung mit Gebautem und der urbanen Umgebung.

Im Interview mit deconarch.com erläutert Sabine Wild die charakteristische Optik ihrer Arbeiten, beschreibt, welche die Faszination Megacities auf sie ausüben und verrät, wie sie zur Architekturfotografie gefunden hat.

 all illus. (c) Sabine Wild

INTERVIEW

Deine Fotografien zeichnet eine charakteristische Optik aus – wie kam es zu dieser „Unschärfe“?

Das Thema Unschärfe spielte für mich von Anfang an eine große Rolle. Gleichzeitig faszinieren mich Muster und Rasterstrukturen und das visuelle Wechselspiel von Ordnung und Chaos. Einmal habe ich Zookäfige, die sehr strukturiert und klar aussehen, fotografiert, ein anderes Mal habe ich selbstgebaute Rattenkäfige, die im Inneren ein wahres Chaos an Erlebniswelten darstellen, fotografiert. Beide werden durch ein strenges Gitterraster umfasst.

New York_8305, 75 x 160 cm, 2010

New York_8305, 75 x 160 cm, 2010

Die Abstraktion bietet mir die ideale Möglichkeit, mich über das reale Aussehen des fotografierten Objekts oder einer Landschaft hinaus ihrem für mich „wahren“ Wesen anzunähern.

Was interessiert dich an der Auseinandersetzung mit Architektur? Wie kam es zu der Beschäftigung damit?

Während meines Studium hatte ich viele Jobs in Architekturbüros und im Anschluss daran habe ich fünf Jahre für die Bundesarchitektenkammer gearbeitet – dadurch entstand natürlich ein intensiver Kontakt mit dem Gebauten. Nachhaltiges und ökologisches Bauen, die humane Gestaltung von Stadträumen, Rückbau, Leerstand, Verkehrsströme, parasitäre Architektur, temporäre Architektur – all dies waren immer Themen, die mich bei meiner Arbeit begleitet haben.

Shanghai_2063, 2011, 120 x 200 cm, 2011

Shanghai_2063, 2011, 120 x 200 cm, 2011

Du kommst eigentlich aus dem Bereich der Sprachwissenschaften, hast Germanistik und Romanistik studiert. Wie bist du zur Fotografie gekommen? Welche Möglichkeiten bietet dir die künstlerische Arbeit?

Kunst bietet die ideale Möglichkeit, den eigenen individuellen Ausdruck zu suchen und sich darin zu verwirklichen.

Die Fotografie habe ich während meiner Arbeit für die Bundesarchitektenkammer für mich „entdeckt“, da ich viel beruflich auf Veranstaltungen fotografiert habe. Wenn ich allerdings privat fotografiert habe, hat mich von Anfang nicht so sehr die „dokumentarische“ Fotografie interessiert, sondern ich habe schon immer versucht, mit Unschärfen zu arbeiten. Durch ein Faible für Software und das Aufkommen der digitalen Fotografie hat sich für mich die ideale Verbindung beider Interessen und Ausdrucksformen ergeben.

Wie findest du Motive und Themen?

In den Megacities der Welt wie New York, Hong Kong, Chicago, Shanghai, Peking, …

Hongkong_0324, 90 x 180 cm, 2012

Hongkong_0324, 90 x 180 cm, 2012

Was reizt dich daran? Welche Ziele verfolgst du dabei?

Bei der Abbildung von Megacities bietet mir das Aufbrechen, Fragmentieren und Verunschärfen der Gebäude- und Stadtraumstrukturen die Möglichkeit, gleichzeitig zweierlei Empfindungen zum Ausdruck zu bringen: Die von mir ausgesuchten Motive erschrecken und faszinieren mich zugleich aufgrund ihrer Schönheit und ihrer gigantischen Ausmaße. Ich versuche, diesen Eindruck an den Betrachter weiterzugeben, so dass er das Flirren der Megacities förmlich spürt, ihre Bewegung, Dynamik, aber auch ihre Brüchigkeit und Unbeständigkeit.

Hongkong_collage_1, 90 x 180 cm, 2012

Hongkong_collage_1, 90 x 180 cm, 2012

Wie ist dein Arbeitsprozess?

Ich suche immer wieder nach neuen, für mich spannenden städtebaulichen Beispielen, in der Regel in Megacities. In Hongkong war ich fast nur auf Parkhäusern unterwegs, um Blickwinkel aus erhöhter Position zu bekommen. In New York bin ich mit dem Helikopter über die Stadt geflogen!

Dabei habe ich die Unschärfen schon beim Fotografieren im Kopf, sie entstehen jeoch am Computer. Ich arbeite immer mit nur einem Motiv.

Was ist deiner Meinung nach charakteristisch für deine Arbeit?

Die Unschärfe verbunden mit klar konturierten Details – und der Kontrast, der daraus entsteht.

Woran arbeitest du zur Zeit?

In diesem Jahr war ich in Vietnam, Shanghai und Peking, diese Fotografien sind aber noch in Arbeit … Im Herbst möchte ich eventuell nach Tokio.

Außerdem arbeite ich zur Zeit mit einer neuen Technik, der Collage. In diesem Kontext widme ich mich der Idee, wie Städte eines Tages aussehen könnten, wenn sie von der Natur zurückerobert würden. Dazu gibt es aber erst drei Motive, ich arbeite aber seit Langem an weiteren. Die städtischen Fragmente stammen aus Hongkong, der Wald zum Teil von Hongkong Island und Lantau, aber auch deutscher Wald ist mit eingeflossen.

Sabine Wild, herzlichen Dank für diese Einblicke in die Arbeit!

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