„Funktionalität, Abstraktion, Natürlichkeit, Rationalität oder andere Kriterien lassen Gebäude plötzlich ästhetisch oder gar schön erscheinen, sobald diese in ihrer Idee und ihrer Zeit betrachtet werden.“ INTERVIEW mit Tobias Weber

Was passiert, wenn ein studierter Architekt Kunst macht? Der Schweizer Tobias Weber (*1974) ist studierter Architekt. Seine Themen sind vor allem – natürlich?! – urbane Räume. Häuser, Straßen, Brücken, Tiefgaragen, Strommasten, Autos –kurz: vom Menschen eingenommene Gebiete und die Spuren, die dies hinterlässt.

(c) Tobias Weber

(c) Tobias Weber

Weber hat eine ungewöhnliche Darstellungsweise gefunden: Seine Bilder sind oft poppig-bunt in knalligen Farben, immer Ton in Ton gehalten: Leuchtgrün, Bonbonrosa, Barbie-Lila, aber auch dunkle gedeckte Töne. Darüber liegen glänzend schwarze Konturen, die wie Lakritze oder Gummi auf das Bild gelegt scheinen. Weber „zeichnet“ seine Motive mit schwarzer Acrylfarbe aus der Tube direkt auf die Baumwoll-Leinwind. Die Farbe verläuft, trocknet an und bekommt eine gummi-artige Konsistenz – zumindest wirken die Bilder so, dass man am liebsten vorsichtig mit dem Finge überprüfen möchte, ob die Farbe auch wirklich schon festgetrocknet ist.

Der Arbeitsprozess Webers erhält durch diese Methode eine handwerkliche Komponente. Denn eigentlich geht der Künstler sehr „industriell“ vor: Seine Motive stellt er am Rechner aus zuvor fotografierten Aufnahmen zusammen. Dabei werden oft Elemente aus verschiedenen Fotos zusammenkomponiert und Themen in Serien bearbeitet. Das fertige Motiv wird in die Breite gezogen – Webers Bilder sind immer im Querformat – und auf die Leinwand übertragen. Nur die Konturen werden schließlich manuell mit der Tube „gezeichnet“. Die Signatur wird mit einer Schablone aufgebracht.

Es entstehen Bilder, die durch die kräftigen Farben und vor allem die plastisch glänzenden Konturen auffallen und anziehen. Gleichzeitig machen die Motive stutzig – Brücken, Strommasten, Auto-Straßen, ja und? Das kennen wir doch, was soll daran so schön sein, dass man es malen müsste?

Webers Motive sind die ganz normalen, alltäglichen Bilder, denen man in der westlichen Welt überall begegnen kann und die man deswegen schon gar nicht mehr „sieht“. Seltsam eigentlich – gerade die Anblicke, denen man im dichtbesiedelten Gebiet jeden Tag begegnet, nimmt man nicht wirklich wahr, geschweige denn, dass man sie in irgendeiner Weise als „künstlerisch“ wertvoll empfindet.

deconarch.com freut sich sehr, dass Tobias Weber sich die Zeit genommen hat, ein paar weitere Fragen zu beantworten.

(For English translation, please scroll down)

INTERVIEW

Wie haben Sie zu Ihrer Arbeitsweise gefunden (mit „Tuben zeichnen“)?

Die „Outlines“ verfolge ich schon seit mindestens zehn Jahren. Ursprünglich haben mich die Umfassungslinien beim Comix fasziniert, da diese den Bildern eine unglaubliche Prägnanz und Klarheit verleihen. Die Outlines verhindern zudem, dass sich verschiedenen Farbflächen an deren Grenzen vermischen, was das Sujet noch klarer zum Vorschein bringt. Nun suchte ich immer nach den perfekten Outlines und wurde schließlich bei der fliessenden Tube fündig, mit welcher ähnlich wie ein Farbstift freie ununterbrochene Linien generiert werden können. (Und natürlich gefällt mir die unglaubliche Plastizität!)

(c) Tobias Weber

(c) Tobias Weber

Wieso wird ein studierter Architekt Künstler?

Weiß ich bis heute nicht! Ich glaube dennoch, dass die beiden Metiers nicht grundverschieden sind. Sowohl Architekt wie auch Künstler (Kunstmaler) benötigen eine hohe Affinität zur Zeichnung. Die meisten Architekten und Kunstmaler finden mit Skizzen zur gesuchten Lösung.

Arbeiten Sie auch als Architekt?

Ja, ich arbeite weiterhin ca. 50 % als Architekt. Ich tue dies allerdings aus Liebe zu beiden Metiers und das eine inspiriert jeweils das andere.

(c) Tobias Weber

(c) Tobias Weber

Wie beeinflusst das Architekturstudium bzw. die Architektur Ihre Kunst? Bei der Arbeitsweise, bei der Themenwahl?

Ja, das Architekturstudium hinterließ tiefe Spuren. Es schärfte mein Verständnis für die gebaute Umwelt, in welcher die meisten von uns sich täglich aufhalten. Funktionalität, Abstraktion, Natürlichkeit, Rationalität oder andere Kriterien lassen Gebäude plötzlich ästhetisch oder gar schön erscheinen, sobald diese in ihrer Idee und ihrer Zeit betrachtet werden. Alltägliche Zweckarchitektur wie beispielsweise Tiefgaragen, Autobahntunnels oder S-Bahn-Brücken empfinde ich als schön, weil sie eine logische Folge aus Bedürfnissen darstellen und sie dem Nutzen entsprechend konzipiert und gestaltet wurden.
In meinen Bildern probiere ich mittels Ausschnittwahl, Farbgebung und Abstraktion aufzuzeigen, dass solche Räume durchaus unsere Beachtung verdienen und geschätzt werden können.
Meine Arbeitsweise ist nicht spezifisch von der Architektur beeinflusst.

Tobias Weber, vielen Dank für Ihre Antworten!

 

ENGLISH:

How did you develop your method „drawing with tubes“?

I’ve been working on the „outlines“ for at least 10 years. First I was fascinated by the contours of comix because they give an unbelievable conciseness and clarity to the pictures. Moreover, the outlines prevent the different colour fields from mixing; thus the subject is brought out even clearer. Well, I was looking for the perfect outlines and finally I found it with the fluid tube as you can generate free, continuous lines with it, similar to coloured pencils. (And of course, I like the incredible plasticity!)

Why does an architect by profession become an artist?

I still don’t know that! Though I believe both metiers are not entirely different. Both architect and artist (painter) need a high affinity with drawing. Most architects and painters find their results by using sketches.

Are you working as an architect, too?

Yes, I am still working as architect, ca. 50%. But I’m doing it out of love for both metiers and either one is inspiring the other one.

How does your architectural studies, architecture influence your art, your method, your choice of subjects?

Yes, the architectural study left profund marks. It sharpened my understanding of the built environment wherein most of us are staying every day. Functionality, abstraktion, unsophistication, rationality, or other critieria make a building suddenly seem aesthetic or even beautiful, as soon as you are considering it in its ideas and time context.

I find topical utilitarian architecture, like underground parkings, highway tunnels or tram bridges to be beautiful, because they represent a logical consequence of necessities and were designed and constructed according to use. In my pictures, I try to show, by choice of details, colouring and abstraction, that such spaces do indeed deserveout attention. 

My working style is not particularly influenced by architecture.

Tobias Weber, thank you for sharing!


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  2. art Karlsruhe 2010 | deconarch.com | Literature - 13. Februar 2014

    […] mit ihrem Fokus auf Urbanem Leben, Architektur und Industrielandschaften, die u. a. Werke von Tobias Weber, Janika Fabrikant und Patrick Tschudi […]

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