„Es geht darum, die bildliche Darstellung eines Raumes mit dem dreidimensionalen physischen Raum zusammenzubringen.“ INTERVIEW mit Ralf Werner

Im Frühjahr zeigte der junge Kunstraum Düsseldorf drei raumgreifende Installationen von Ralf Werner, die sich intensiv mit der russischen Architektur-Avantgarde auseinandersetzen – auf künstlerische Weise. Für Laterna Melnikov etwa wurde ein Fenster aus dem Moskauer Wohnhaus von Konstantin Melnikov (1927) zum zentralen Motiv. In einer doppelten Projektion entstand aus dem Wechselspiel der projizierten Gebäudeelemente eine Überlagerung von Licht und Schatten, von Bewegung und Statik, von Raumbild (Fenster) und Raumeindruck (sich übereinander schichtende Lichteindrücke der Projektion).

Laterna Melnikov, 2015

Laterna Melnikov, 2015

In den Zwischenraum zwischen den beiden Projektoren wiederum ist ein kleines architektonisches Modell des Fensterelements eingefügt, das für den Betrachter unsichtbar bleibt.

Es ist die Wechselbeziehung von Raum und Raumwahrnehmung, von gebauter Physis und Raumkörpern und der Vorstellung und den Eindruck, die man von Räumlichkeit hat – und sich von ihr macht –, die Ralf Werner immer zum Thema seiner Arbeiten macht. Von Haus aus Bildhauer arbeitet er dazu heute mit unterschiedlichen Medien und Ausdrucksformen, mit skulpturalen Rauminstallationen und ortsbezogenen Interventionen ebenso wie mit Fotografie, Objekt und Arbeiten im Öffentlichen Raum.

Im September sind Arbeiten von Ralf Werner in der Sebastianskappelle in Ulm (ab 6. September) und als Teil einer Gruppenausstellung in der Berliner Galerie Rasche Ripken (ab 11. September) zu sehen.

Im Interview mit deconarch.com erläutert Ralf Werner seine Faszination für die Arbeit mit Raum und Architekturmotiven, gibt Einblick in seine Arbeitsweise  und verrät die Inspiration – nicht nur – für die Laterna Melnikov.

all illus. (c) Ralf Werner
www.ralfwerner-online.de

INTERVIEW

Du arbeitest mit Raum und Architekturmotiven – was interessiert dich daran?

Es ist eigentlich gar nicht so sehr der Raum allein, der mich interessiert, sondern vielmehr die Wechselbeziehung zwischen Raum und Bild, zwischen dem materialisierten Raumkörper und einer immateriellen Raumvorstellung oder Bildvorstellung, die dazu in Beziehung tritt. Oft geht es auch darum, die bildliche Darstellung eines Raumes mit dem dreidimensionalen physischen Raum zusammenzubringen. Das ist vielleicht bei meinen Projektionsarbeiten am deutlichsten zu erkennen.

Etwa bei Phantom Monument

Phantom Monument, 2015

Phantom Monument, 2015

Bei Phantom Monument von 2015 beispielsweise arbeite ich mit drei historischen Aufnahmen des Märzgefallenen-Denkmals von Walter Gropius. Die drei Aufnahmen aus den 1920er Jahren zeigen das Denkmal aus drei unterschiedlichen Blickwinkeln vor seiner Zerstörung durch die Nationalsozialisten. Anhand dieser drei Aufnahmen habe ich die verlorene Gestalt des Denkmals im Modellmaßstab rekonstruiert. Zwar wurde das zerstörte Denkmal 1946 an derselben Stelle wieder errichtet, diese Replik jedoch ist in Form und Ausrichtung leicht verändert, so dass das Monument in seiner ursprünglichen Gestalt letztlich verloren bleibt. Mein Modell ist der Versuch, sich dieser verlorenen Gestalt möglichst exakt anzunähern.

Dieses Modell rotiert nun auf einem Drehsockel in der Mitte einer Rotunde, wo sich die Strahlengänge von drei Projektoren treffen.

Für einen kurzen Moment während jeder Umdrehung legen sich die drei historischen Aufnahmen nahezu deckungsgleich auf das Modell. Bild und Raum sind in diesem Augenblick zur Deckung gebracht. Einen Augenblick später verzerren und überlagern sich die Projektionen erneut und scheinen die Gestalt des Monuments wie in einem Kaleidoskop aufzulösen. Es entsteht so ein kontinuierlicher Zyklus des Erscheinens und Verschwindens.

Wie ist dein Arbeitsprozess: Gehst du konzeptionell vor oder „findest“ du deine Themen während des Arbeitens?

Am Beginn einer Arbeit steht eigentlich immer ein konkreter Anlass. Das ist bei meinen raumspezifischen architektonischen Interventionen natürlich der konkrete Raum, für den ich eingeladen bin, eine Arbeit zu entwickeln.

JANAK INTERFERENZ, 2008 - 2011

Janak Interferenz, 2008 – 2011

Bei Arbeiten, die nicht an einen konkreten Ort gebunden sind, gibt es solche Anlässe aber auch: Das sind dann oft historische Architekturfotos oder -zeichnungen, von denen ausgehend ich meine Arbeiten entwickle.

Janak Interferenz beispielsweise, ein Ensemble aus Tisch, Teppich und Paravent, entwickelte ich ausgehend von einer kleinen Skizze des kubistischen Architekten und Gestalters Pavel Janak. Nach seinem Entwurf für einen Schreibtisch (der nie gebaut wurde und von dem auch nur diese eine Zeichnung existiert) konstruierte ich eine Tischskulptur, die die „unsichtbare“ Rückseite des Möbels (also die Ansicht, die Janak nicht gezeichnet hat) als Relief auf ihrer Oberseite trägt. Steht man mittig vor diesem Schreibtisch, so zeigt seine gefaltete Oberfläche die abgewandte Rückseite des Möbels. Die Arbeit changiert so zwischen illusionistischer Raumdarstellung und dem tatsächlichen räumlichen Sachverhalt des Möbels.

Wie entsteht eine Arbeit, wie gehst du vor – etwa für die Arbeiten, die gerade im Kunstraum Düsseldorf zu sehen waren?

Das lässt sich vielleicht am Beispiel dieser beiden jüngeren Arbeiten ganz gut beschreiben: Laterna Melnikov, 2014 und Oskolok, 2015 . Beide Arbeiten nehmen Bezug auf den russischen Architekten Konstantin Melnikov, und ganz konkret auf den sechseckigen Fenstertypus, den dieser für sein 1927 in Moskau erbautes Wohn- und Atelierhaus entwickelt hat. Laterna Melnikov geht zurück auf ein historisches Foto aus den 1930er Jahren, das eines dieser Fenster im Detail zeigt. Ich habe diese Fotografie gewissermaßen nachgebaut. Aber nicht im Sinne einer modellhaften Rekonstruktion des realen Fensters, sondern räumlich verzerrt, so dass das kleine Objekt die Ansicht des Fensters wiedergibt, ohne wirklich die räumliche Tiefe des Dargestellten zu haben.

Diese architektonische Miniatur selbst bleibt aber unsichtbar: Sie ist in den Zwischenraum zweier kopfüber aufeinander stehender Episkope eingepasst. Sie wird nur indirekt sichtbar, über die Optik der beiden Episkope, die zwei Ansichten des Fensters an die Wand projizieren. Nur das untere der beiden Episkope ist eingeschaltet, so dass von unten Licht durch das Fenster in das obere Episkop fällt, und dieses ohne eigene Lichtquelle ein Bild projiziert. Die obere Projektion zeigt das Fenster im Gegenlicht (von Innen), wohingegen die untere Projektion die von Licht beschienene (Außen-)Seite des Fensters zeigt. Beide Ansichten des Fensters überlagern sich in der Projektion. Eine rotierende Scheibe deckt das untere Objektiv in regelmäßigen Abständen ab und gibt es langsam wieder frei. Auf diese Weise entsteht eine kontinuierliche Überblendung zwischen den beiden Ansichten. Laterna Melnikov beschäftigt sich also mit dem Fenster als Bildphänomen.

Oskolok, 2015 (Installation im Kunstraum Düsseldorf, 2015)

Oskolok, 2015 (Installation im Kunstraum Düsseldorf, 2015)

Bei Oskolok ist das anders …

… dort interessiert mich das Fenster vielmehr als skulpturaler Körper und als „Blickmaschine“: Die sechseckigen Fenster, die Konstantin Melnikov entwarf, habe ich rekonstruiert und aus diesen Repliken Skulpturen aus Holz und Glas entwickelt, die in ihrer komplexen Geometrie wie ein artifizieller Scherbenhaufen erscheinen, die den architektonischen Umraum vielfach gebrochen wiederspiegeln und in diesen Reflexionen fragmentarisch auflösen.

Wie kam es zum Schritt vom Arbeiten „am Raum“ – die frühen Raumskulpturen, die Kunst-am-Bau-Arbeiten – zum Arbeiten im Raum? 

Natürlich unterscheide ich auch selbst zwischen meinen Raumskulpturen, also den architektonischen Interventionen, die für einen spezifischen Ort entwickelt werden, und solchen Arbeiten im Raum, die nicht an eine vorhandene, gegebene architektonische Situation gebunden sind. Aber es ist nicht so, dass die eine Werkgruppe eine andere abgelöst hätte, vielmehr verfolge ich beide Ansätze nebeneinander. Ich begreife sie auch nicht als grundverschieden, sie kreisen beide eigentlich um ganz ähnliche Fragestellungen nach der Darstellung und Wahrnehmung von Raum, sie starten nur von unterschiedlichen Ausgangspunkten.

Warum Bildhauerei? Welche Vorteile ermöglicht sie?

Als Bildhauer formuliere ich meine künstlerische Position im Raum und mit dem Raum. Das beschränkt sich jedoch nicht nur auf die klassischen bildhauerischen Materialien und Techniken. Meine Arbeit bewegt sich zwischen dem konkreten, gebauten Raum und einer imaginierten Raumgestalt (einer Bildvorstellung), die mit dem physischen Raum in Beziehung tritt. Dieser „Vorstellungsraum“ materialisiert sich in den unterschiedlichsten bildnerischen Techniken: Das reicht von Objekt und architektonischer Skulptur bis zu Zeichnung, Fotografie und Projektion.

Arbeitest du auch mit anderen Techniken – und warum?

Brise-Soleil, 2013

Brise-Soleil, 2013

Gerade meine Projektionen betrachte ich letztlich ebenfalls als bildhauerische Arbeiten, weil in ihnen Fragen nach dem Raum und seiner Repräsentation im Bild verhandelt werden. Auch meine fotografischen Arbeiten entstehen aus dieser bildhauerischen Auffassung heraus, und ich denke, dass in ihnen immer auch eine Reflexion über Raum spürbar wird.

Brise-Soleil beispielsweise ist eine Serie von Fotomontagen die um das architektonische Motiv der Sonnenblende kreist. Dafür habe ich Abbildungen aus Architekturbüchern der 50er und 60er Jahre als Ausgangsmaterial benutzt. Diese Bilder interessieren mich auch deshalb, weil sie am Anfang einer Abbildungsgeschichte der Architektur der Moderne stehen: Viele dieser Bauten, die heute ikonisch die Moderne repräsentieren wurden hier erstmals fotografisch publiziert, und diese Bilder entwickelten (losgelöst von den gezeigten Bauten) ihre eigenständige Wirkungsgeschichte.

Meine Montagen zerlegen und fragmentarisieren diese Bilder, um sie zu einem neuen Bildkontext zusammenzufügen, der räumlich äußerst komplex und vieldeutig erscheint. Sie sind dabei gleichermaßen Rekonstruktion wie Dekonstruktion von Raum.

Gibt es Vorbilder, Inspirationen?

Gordon Matta-Clark ist jemand, dessen Arbeit mich schon während meines Studiums sehr beschäftigt hat, und er ist eigentlich auch noch heute ein wichtiger Referenzpunkt.

Seine splittings und intersections greifen direkt auf Architektur zu und transformieren sie unmittelbar in bildhauerisches Material. Diesem künstlerischen Ansatz fühle ich mich nahe. Auch seine fotografischen Arbeiten, die begleitend zu den architektonischen Interventionen entstanden sind, schätze ich sehr.

Ralf, herzlichen Dank für die Einblicke in deine Arbeit!

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