„Es geht mir darum, die Vielschichtigkeit der Wirklichkeit darstellen, ich misstraue den einfachen Botschaften. Wir leben in einer fragmentarischen und zerklüfteten Zeit, es sind nur noch Splitter, die wir in unser Bewusstsein eindringen lassen und wahrnehmen können.“ | INTERVIEW mit Mona Breede

DIE KUNSTWISSENSCHAFTLERIN KATHARINA BOSCH INTERVIEWT DIE KARLSRUHER FOTOKÜNSTLERIN MONA BREEDE EXKLUSIV FÜR DECONARCH.COM!

The Hidden Tree (Projections), 2011, 140 x 120 cm

The Hidden Tree (Projections), 2011, 140 x 120 cm

Ob in ihren großformatigen Mauerpanoramen (2010) oder in der im Jahr 2011 entstandenen Serie Projections: Architektur spielt im Werk der Fotografin Mona Breede immer eine bedeutende Rolle. Sie bildet nicht nur den Hintergrund, vor dem die Künstlerin ihre scheinbar alltäglichen Begegnungen inszeniert, sondern sie dient vielmehr als Spiegel der inneren Befindlichkeit ihrer Protagonisten und trägt damit einen wesentlichen Teil zur Bildaussage bei.

alle Abb. (c) Mona Breede, www.monabreede.de

INTERVIEW

KATHARINA BOSCH: Welche Bedeutung hat die Architektur der Orte für deine Bilder und inwiefern spielt die topografische Bestimmtheit eine Rolle bei der Auswahl? Also wie wichtig ist es dir, dass der Betrachter deiner Bilder die Orte bzw. die Architektur erkennt und zuordnen kann?

MONA BREEDE: Es ist nicht entscheidend, dass der Betrachter die Orte oder Architektur exakt zuordnen kann. Jedoch ist es ein Unterschied, ob die Arbeit in St. Petersburg, Shanghai oder Chicago aufgenommen wurde, da die existenziellen Grundvoraussetzungen auf jedem dieser Kontinente ganz unterschiedlich sind, und ich das auch in den Bildern thematisiere.

Mit Sicherheit keine Freiheit (Berlin - Sedimente einer Stadt)

Mit Sicherheit keine Freiheit (Berlin – Sedimente einer Stadt)

K.B.: Wie würdest du diese architektonischen Situationen und Orte charakterisieren?

M.B.: Ich suche nach bestimmten Orten und Hintergründen, die geeignet sind, die Interaktionen und Bewegungen der Personen sichtbar werden zu lassen. Die Architekturen, die ich auswähle, sind häufig klar, flächig und reduziert. Ich habe lange im Theater fotografiert, vielleicht stammt daher auch die Vorliebe für kulissenhafte Hintergründe.

Ganz konkret bevorzuge ich Großstädte, urbane Zentren, Plätze, Straßen, Fassaden und Mauern als Ausgangspunkt meiner Montagen.

Day in, Day out, 2007, 95 x 120 cm

Day in, Day out, 2007, 95 x 120 cm

K.B.: Inwiefern verstärkt die Montage die architektonische Aussage der Bilder?

M.B.: Die Inszenierung von Personen und ihren Tätigkeiten ist eng verflochten mit der Auswahl und dem Setting der Hintergründe. So thematisiere ich die Absurdität unseres gesellschaftlichen Verhaltens und Stillhaltens in der Fotoarbeit „Day in, Day out“. Die Arbeit habe ich kurz vor der Finanzkrise im Jahr 2007 fertig gestellt. Der Mann mit Aktentasche läuft ohne nach rechts und links zu schauen auf einem vorgezeichneten Pfad, der andere mit vielleicht zwei bis drei Jobs am Tag putzt eine Fassade, an der nichts zu putzen ist. Die Architektur hat nur noch die Rolle einer Fassade, ohne Fenster und Ausblick auf eine transparente Zukunft.

Mona Breede, Passing by, 95 x 120 cm

Passing by, 95 x 120 cm

Die Inszenierung des Ortes und der Personen erzeugt eine absurde Realität, die auch auf unsere heutige Situation gut anwendbar ist. Alle Welt spricht vom Rettungsschirm und der Finanzkrise, es wird über Milliarden verhandelt, und viele begreifen nicht, dass es ihre Zukunft, ihr Leben ist, das da gerade im Moment auf eine dramatische Abwärtsspirale geführt wird. Die Architektur trägt also zur Bildaussage bei und kann sie verstärken. Deutlich wird das auch bei der Fotoarbeit „Passing by“ (2010). Die Schnitte im Jüdischen Museum von Libeskind in Berlin stehen für die Abgründe des Menschen. Dieser Verwundbarkeit entspreche ich durch die Auswahl und das Arrangement der Personen.

K.B.: Der künstlerische Arbeitsprozess hat sich durch die digitale Fotografie geändert. Welche Eigenschaften sind für deine Arbeit kennzeichnend?

M.B.: Vor den Möglichkeiten der digitalen Fotografie war das Negativ der Ausgangspunkt, von dem aus in der Dunkelkammer durch Abwedeln, Nachbelichten, Wahl des Papiers usw. Korrekturen, aber auch Änderungen vorgenommen werden konnten, um den Abzug nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten. Ich nutze die Bildbearbeitungssoftware auch in dieser klassischen Hinsicht, um den Kontrastumfang oder die Farbigkeit zu korrigieren. Darüber hinaus sind es die Möglichkeiten der Montage, der Arbeit mit verschiedenen Ebenen, die in meiner Arbeite eine große Rolle spielen.

K.B.: Wie würdest du deinen Arbeitsprozess charakterisieren?

M.B.: Mein Arbeitsprozess gliedert sich in mehrere Teile: Die inhaltlichen Überlegungen beginnen im Kopf und werden von Skizzen und Recherchen begleitet. Danach kommen die Aufnahmen vor Ort und schlussendlich die Selektion und Bearbeitung der Bilder am Computer.

K.B.: Wie erlebst du deinen Arbeitsprozess?

M.B.: Zunehmend sind es die konzeptionellen Überlegungen, die einen großen Teil meiner Arbeit ausmachen und welche ich im Verlauf der Realisierung ausbaue und verfeinere. Bestimmte Vorstellungen erweisen sich auch in der Umsetzung als untauglich oder führen zu keinem befriedigenden Ergebnis. Der konkrete Aufnahmeprozess ist mit hoher Konzentration und Spannung verbunden, es kommt darauf an, möglichst hochwertiges Ausgangsmaterial zu erstellen und auf den Moment genau zu arbeiten, sich in eine Situation hineinzubegeben und schnell zu sein. Dem zweiten Teil im Atelier am Computer ist wesentlich mehr Zeit geschuldet. Daher möchte ich den Aufnahmeprozess mit einem Sprint vergleichen, während der Bearbeitungsprozess eher einem Langstreckenlauf gleicht.

K.B.: Welche für deinen Arbeitsprozess wichtigen Arbeitsschritte lassen sich benennen?

M.B.: Konzeptionsphase, Recherche, Erstellung der Aufnahmen vor Ort, Digitalisierung der analogen Daten, Sichtung des digitalen Materials, Schichtungen von Architektur und Personen.

Shanghai II, 2008

Shanghai II, 2008

K.B.: Welche „Bildfindungen” sind erst durch das digitale Fotografieren bzw. durch die digitale Montage möglich?

M.B.: Durch die digitale Montage kann ich Personen vor bestimmten Hintergründen inszenieren, die durch ihr Zusammentreffen Aspekte unserer Zeit sichtbar machen. Bei den Mauerpanoramen sind es zusätzlich architektonische Versatzstücke, die ich zusammen- und dann wiederum den Personen gegenüberstelle. Bei meiner letzen Serie, den Projektionen, sind die digitalen Eingriffe deutlicher ablesbar. Die Projektionen wirken dabei nicht wie Fremdkörper, sondern wie eine zweite Schicht aus einer anderen, traumhaften Welt. Beide Ebenen fügen sich wieder zu einem Ganzen zusammen. Grundsätzlich ist die digitale Bearbeitung für mich ein Werkzeug: Ich möchte dem Betrachter einen Einstieg in die Szene geben, damit er über das, was dargestellt ist, nachdenkt – und nicht darüber, wie es entstanden ist.

K.B.: Welche Aspekte (z.B. formale, inhaltliche) tragen zur Bildfindung bei?

M.B.: Wie schon gesagt, suche ich nach bestimmten Orten und Hintergründen, die geeignet sind die Interaktionen und Bewegungen der Personen besonders gut sichtbar werden zu lassen. Das sind flächige, klare und reduzierte Architekturen, die sich als Kulissen für meine Inszenierungen anbieten. Das Verhältnis von Raum und Person spielt darüber hinaus eine große Rolle. Die Personen sind im Verhältnis zu der sie umgebenden Architektur eher klein abgebildet. Für mich repräsentieren die Menschen in ihrem alltäglichen Tun Sisyphos, wie er im Mythos von Camus beschrieben wird. Immer wieder rollt er den Stein zum Berggipfel. Mich fasziniert besonders das Stück Weg, wo er den Berg hinab steigen muss und ALLES denken kann. Alles ist möglich, bis er wieder am Fuße des Berges angekommen ist. Diesem Stück Weg möchte ich Erhabenheit und Würde geben, wo der Einzelne sich für etwas entscheiden könnte.

K.B.: Inwiefern sind ästhetische Kriterien bei der Bildfindung von Bedeutung?

Distance I, 2005

Distance I, 2005

M.B.: Ich möchte den Betrachter nicht abstoßen, sondern eine Welt zeigen, die trotz Schwermut, Einsamkeit und Leere die Schönheit der Welt und das Aufgehobensein der Menschen in ihr zeigt. Da z.B. die Personenkonstellationen inszeniert sind, interessieren mich neben Fragen der Dramaturgie auch kompositorische Aspekte. Der Bildraum ist bei mir nicht gebrochen, mich interessiert vorrangig die Einheit des Bildes, nicht seine Brechung.

K.B.: Versuchst du die Schnittstellen der Montage generell zu verbergen oder machst du die Montage auch an besonderen Stellen sichtbar? Wenn ja, an welchen Stellen?

M.B.: Genauso wie es wenig Sinn macht, eine Meditation durch lautes Türschlagen mit der Wirklichkeit zu konterkarieren, möchte ich keine offenen Brüche im Bild haben.

K.B.: Wann ist ein Bild für dich fertig?

Look-Out, 2007

Look-Out, 2007

M.B.: Wenn ich an einem Bild arbeite, ist es ein Prozess in Schichten, eine Untersuchung von Möglichkeiten, die sich immer weiter reduzieren und einengen. Da ich immer dem Ideal eines perfekten Bildes anhänge, muss ich mich manchmal dazu zwingen, ein Bild abzuschließen.

K.B.: Mit welchen Kameras arbeitest du und welche verwendest du für welches Sujet – etwa Architekturen mit Großbild, Menschen mit Kleinbildkamera?

M.B.: Nach wie vor arbeite ich sehr gerne mit meiner Mittelformat- bzw. Großformat-Kamera und das nicht nur, weil sie in der Auflösung unerreicht ist, sondern weil das teurere Material zu einer überlegten und sparsamen Wahl von Motiven führt. Für Skizzen unterwegs schätze ich natürlich die Flexibilität einer Digitalkamera.

K.B.: Ist die analoge Fotografie für dein Arbeiten wichtig, und wenn ja inwiefern?

M.B.: Die analoge Fotografie hatte viele Vorzüge, gerade was den Kontrastumfang angeht, ich fotografiere nach wie vor Teile meiner Bilder analog und digitalisiere später.

K.B.: Wie viel Bilder stecken in einem Bild?

M.B.: Das ist unterschiedlich. In den Mauerbildern aus Berlin sind es bis zu 100 Einzelaufnahmen, bei anderen, z.B. den Projektionen, können es auch nur 5 Bilder sein.

K.B.: Welche Rolle spielt die Realität bzw. das Dokumentieren von Realität in deinen Bildern?

Upstairs, 2002

Upstairs, 2002

M.B.: Das Faktische spielt in meinen Bildern insofern eine Rolle, als dass bei dem Großteil meiner Bilder impliziert wird, es könne sich um eine authentische Fotografie handeln. Das hat mit unserer tief verwurzelten Auffassung von Fotografie als Wirklichkeitsversprechen zu tun. Wenn jemand meine Bilder anschaut, sind es die inhaltlichen Fragestellungen, die ihn beschäftigen sollen, und nicht wie etwas hergestellt wurde. Die Fragestellung, wie eine Bildwirklichkeit hergestellt wird, interessiert mich weniger, als was diese Wirklichkeit mir erzählt und mit mir zu tun hat.

K.B.: Mit welchen Schlagworten würdest du deine Bilder charakterisieren?

M.B.: Vielschichtig, narrativ, den Menschen in seiner Existenz betreffend, unsere Zeit reflektierend, dramatisch, detailliert malerisch.

K.B.: Welche Aussage möchtest du mit deinen Bildern treffen?

M.B.: Ich möchte mit meiner Arbeit gegen die Bilderflut und gegen die Beliebigkeit von Bildern kämpfen. Der Betrachter soll von meinen Fotoarbeiten existenziell berührt werden und in einen Reflexionsprozess über sein Leben und seine Beziehungen zu seinen Mitmenschen eintreten. Politisch und gesellschaftlich habe ich oft das Gefühl, dass da etwas nicht stimmt, dass Dinge aus dem Lot geraten sind. Es geht mir darum, die Vielschichtigkeit der Wirklichkeit darzustellen, ich misstraue den einfachen Botschaften. Wir leben in einer fragmentarischen und zerklüfteten Zeit, es sind nur noch Splitter, die wir in unser Bewusstsein eindringen lassen und wahrnehmen können.

No Standing (Projections), 2011

No Standing (Projections), 2011

K.B.: Inwiefern würdest du deine künstlerische Aussage als zeitgemäßen Ansatz betrachten?

M.B.: In der zeitgenössischen Fotografie gibt es seit vielen Jahren eine große Akzeptanz und Wertschätzung der dokumentarischen Fotografie. Dieser Ansatz ist berechtigt und beruht auf einer langen Tradition, gerade in Deutschland. Auch die Reflexion der Künstler über die verschiedenen Facetten des dokumentierenden Abbildungsprozess ist umfassend dargestellt worden. Mich interessieren die Räume dazwischen mehr, das was sich unter der Oberfläche des Darstellbaren abspielt, das Innenleben der Menschen, Momente, die nicht richtig fassbar sind, Traumhaftes und nicht Erklärbares. Ich fühle manchmal eine größere Affinität zum Film und erzählerischen Strukturen, als zu der sachlichen, dokumentierenden Fotografie.

Mona und Katharina, herzlichen Dank für das ausführliche Interview!

 

Katharina Bosch studierte Kunstwissenschaft, Philosophie und Architekturgeschichte an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Lehrtätigkeit an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich im Department Design und Assistenz an der ETH Zürich im Department Architektur. Gegenwärtig arbeitet sie an ihrer Dissertation zum Thema „Verwahrloste Moderne – Die Architektur-Fotografie im Werk von Günther Förg“ (AT). Sie lebt und arbeitet in Karlsruhe.

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