Food Design oder: Was haben Lebensmittel und Architektur gemeinsam?

Essen ist Kulturgut. Seit Jahrtausenden wird es zum Verzehr in bestimmte Formen gebracht. Dass bei der Zubereitung und Präsentation von Nahrungsmitteln auch ein ästhetisches Interesse zugrunde liegt, ist eigentlich nicht überraschend – Kuchen werden verziert, Teller dekoriert, Obstschalen angerichtet. Trotzdem ist es ungewohnt, Lebensmittel selbst als Designobjekte zu betrachten – aber eben dies sind sie: Oder warum gibt es so seltsam geformte Backwaren wie Brezeln und Hörnchen? Wieso gibt es Gummibärchen oder Toblerone-Stangen?

Foods are cultural assets. For thousands of years food has been shaped in order to make it consumable. Little surprising though, that preparation and presentation of edibles have aesthetic interests, too – cakes get decorated, plates garnished, fruit bowls arranged. But still it is uncommon to consider foods as design objects – but they are just that: Why else do we have weirdly shaped pastries such as pretzels or croissants? Why gummibears and toblerones?

In their book „Food Design“ the authors (both originally educated as architects) give a summary of how different aspects – haptics, colour, sound, … – influence the preparation of foods. And along the way, they answer the question what food design and architecture have in common (as the German title of this article asks).

 

 

Food Design

von der Funktion zum Genuss

Sonja Stummerer, Martin Hablesreiter

Springer Wien, New York, 2005

 

 

 

 

 

 

„In derselben Weise, wie wir Mode, Möbel oder Autos gestalten, um unser ästhetisches Wohlbefinden zu befriedigen, erwarten wir auch von Lebensmitteln, dass sie nicht nur unsere Bäche füllen, sondern auch unsere Sinne betören“ (9), sagen die Autoren von „Food Design“. Ihr Buch ist ein Plädoyer für eine bislang eher unbeachtete Designsparte.

Aber was hat Architektur mit Food Design zu tun? Nicht allzu viel, meint man im ersten Moment. Überraschend viel, stellt man fest, nachdem man einen Blick in das Buch geworfen hat. Denn Food Design bedeutet trotz des neudeutschen Begriffs letztlich nichts anderes, als das Formen und Gestalten von Lebensmitteln im Alltag. Und eben dies tut auch die Baukunst: „Ähnlich wie in der Baukunst, wo Funktion, Zeitgeist und Fertigungstechniken zusammenwirken, hinterließen die entscheidenden Etappen der Menschheitsgeschichte auch in der Küche ihre Spuren“ (13).

Diesen Spuren gehen die Autoren des Buches in acht Kapiteln nach. Woher kommt der ungewöhnliche Brezelknoten? Warum ist die Toblerone pyramidenförmig? Und wie kommt die Wurst ins Brot und der Sandwich auf den Tea-Time-Teller?

In thematischen Kapiteln wie „Knusperspaß und Farbenfreude“ oder „Spannung in Hülle und Fülle’“ wird deutlich, welche enorme Rolle Haptik, Geräusch und Farbe beim Essen spielt – warum g ibt es eigentlich keine violetten Gummibärchen? –, wieso es Knuspriges oder Streichfähiges gibt und wie die Sachertorte dank ihres „Schokopanzers“ ihren Siegeszug um die Welt antreten konnte.

Amüsant und kurzweilig geschrieben nehmen die Autoren ihre Leser mit auf einen Spaziergang durch die Küchen Europas. Leicht und interessant zu lesen garantiert „Food Design“ einige neue Sichtweisen aufs tägliche Brot und bietet dabei ebenso überraschende wie interessante Einblicke gerade auch auf Lebensmittel, die ganz alltäglich erscheinen – seien es die schon erwähnten Brezeln und Gummibärchen oder das Croissant und das Fischstäbchen. Gewürzt werden die Ausführungen mit historischen Anekdoten, die bis in die Antike zurückreichen, und mit Seitenblicken auf die Entstehung echter Küchenklassiker vom Würfelzucker bis zum Tomatenketchup

Garniert mit kreativen Fotografien (fotografiert von Ulrike Köb) von Lebensmitteln macht „Food Design“ auch optisch Spaß. So manche kreative Spielerei verblüfft den Leser, etwa die in Scheiben geschnittene Torte und der in Tortenstücken geteilte Brotlaib – beide rund, beide in Stücke zu zerteilen, um sie essen zu können, nur käme man nie auf die Idee, die Sahnetorte in Schnitten aufzutischen. Warum eigentlich?

Eine Zeitleiste am Ende des Buches listet die nachhaltigsten Erfindungen in der Küche auf – von der Mayonnaise im 18. Jahrundert über die erste Erwähnung der Pasta mit Tomatensauce und der Erfindung des Frankfurter Würstchens (beide 19. Jh.) bis hin zu den essbaren „Ikonen“ des 20. Jahrhunderts: das Eis am Stiel, Nutella, Kinderüberraschung, Coca Cola, …

Entwickelt und geschrieben haben „Food Design“ die Österreicher Martin Hablesreiter und Sonja Stummerer, beide von Haus aus Architekten und eher durch Zufall in die Richtung des Lebensmittel-Gestaltung gekommen. Wie ungewöhnlich und gelungen ihre Arbeit ist, zeigt die öffentliche Aufmerksamkeit für „Food Design“, das schon einiges gewonnen hat. Mittlerweile ist ihrem Erstling „Food Design XL“ (2010) gefolgt, das gerade beim Bewerb des „Le Cordon Bleu World Food Media Awards 2010″ in der Kategorie „Best Food Book“ in Adelaide, Australien ausgezeichnet wurde.

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