Gego und Luisa Richter im Kunstmuseum Stuttgart | REVIEW

„Er lehrte mich zu sehen und zu entdecken, etwas, das man im Ingenieurswesen und der Architektur nicht lernt“, so äußert sich Gego (1912 – 1994) über ihren Lebensgefährten Gerd Leufert, einen bedeutenden Grafiker. Gego selbst ist Architektin, geprägt von ihrem Studium bei Paul Bonatz in Stuttgart, und wird erst ab 1953 künstlerisch tätig – in Venezuela, in Caracas, wohin sie, die jüdische Bankierstochter aus Hamburg, 1939 nach Abschluss ihres Architekturstudiums in Stuttgart emigrieren muss. Und die Architektin scheint immer wieder durch in ihrem künstlerischen Schaffen.

Gego Esfera Nº 5, 1977 Stahldraht mit Metallklammern, 90 x 80 x 80 cm Fundacion Gego Collection at the Museum of Fine Arts Houston Foto: Anne & Thierry Benedetti © Fundación Gego

Gego, Esfera Nº 5, 1977, Stahldraht mit Metallklammern, 90 x 80 x 80 cm, Fundacion Gego Collection at the Museum of Fine Arts Houston, Foto: Anne & Thierry Benedetti © Fundación Gego

Im Zentrum ihres Interesses steht die Linie, die sie in Zeichnungen und Objekten erforscht. Dabei spürt Gego – Getrud Goldschmidt – gewissermaßen dem „Eigenleben“ der Linie nach. Diese wird nicht narrativ oder figurativ, nicht symbolisch oder bedeutungsgebend gefasst, sondern als etwas Autonomes, für sich Stehendes. In gezeichneten – und später mit Stahldraht geformten – Raumlinien lotet Gego das raumgestaltende und raumschaffende Potenzial aus, das sich in linearen Strukturen eröffnet. Die Linie – hier wird sie buchstäblich zum für sich stehenden Objekt.

Wie sehr sich Raum im Grunde erst wahrnehmbar formiert als Zwischenraum, als Leere zwischen zwei Punkten, zwei Linien verdeutlichen vor allem Gegos Reticuláreas („Bereiche aus Netzen“), mit denen sie Ende der 1960er Jahre zu einer der bedeutendsten Bildhauerinnen Lateinamerikas wird – überhaupt sind viele der wichtigsten Künstler der Moderne Südamerikas europäische Emigranten, ein Umstand, der hierzulande meist gar nicht bewusst ist. Diese zierlichen Installationsobjekte aus Stahldraht scheinen wie in den Raum gezeichnet. Sie entspinnen sich – basierend auf der Grundform des Dreiecks – zu raumgreifenden Geweben. Transparenz und Dynamik, Räumlichkeit und Volumen, geometrische Strukturen und organisches Wachsen entfalten sich buchstäblich in diesen rhizomartigen Geflechten, in denen ohne Anfang und Ende alles miteinander verwoben scheint. Man kann sie ebenso ansehen wie durch sie hindurchsehen, diese Reticuláreas – körper- und masselose Volumen. So sehr war Gegos Bemühen um Transparenz und Flexibilität, dass sie es ablehnte, ihre räumlichen Objekte als „Skulptur“ zu bezeichnen.

Blick in die Ausstellung: Dibujos sin papel (c) SK

Blick in die Ausstellung | Gego, Dibujos sin papel (c) SK

Noch weiter getrieben wir das Spiel mit den Grenzen zwischen Zeichnung und Objekt, Raum und Volumen in den Dibujos sin papel – Zeichnungen ohne Papier –, die ab Mitte der 1970er Jahre entstehen. Diese filigranen Konstruktionen aus Draht und diversen anderen, oft Restmaterialien werden wie Zeichnungen an die Wand gehängt – jedoch in einem kleinen Abstand, der sie vor der Wandfläche schweben lässt. Auf faszinierende Weise findet in diesen Dibujos sin papel alles zusammen, das Gego beschäftigt: Raum und Linie, Schatten, Transparenz, Dynamik, Zeichnung und plastische

Eine umfangreich angelegte Wanderausstellung – Gego. Line as Object (29. März – 29. Juni 2014) – präsentiert derzeit Gegos Werk in Deutschland und macht ihren Namen damit in angemessener Weise einem breiten Publikum bekannt. Nach dem Start in der Kunsthalle ihrer Geburtsstadt Hamburg ist die Schau nun zu Gast in ihrer Studienstadt Stuttgart, bevor sie im Herbst ins Henry Moore Institute nach Leeds ziehen wird. Ein großes Projekt und eine besondere Herausforderung, die Ausstellung in immer wieder neuen Räumlichkeiten zu zeigen. Schön auch die Idee, die Künstlerin vor Ort zu „verwurzeln“ – durch die Kombination mit Werken einer anderen Künstlerin. In Hamburg war dies die schon weitaus bekanntere Eva Hesse, in Stuttgart ist es Luisa Richter, deren Leben und Werk einige Gemeinsamkeiten mit Gego teilen, weit über biografische Parallelen hinaus (Luisa Richter, 29. März – 29. Juni 2014).

Schneller Blick in die Ausstellung (c) SK

Schneller Blick in die Ausstellung | Gego (c) SK

Auch Luisa Richter (*1928) verschlägt das Schicksal – genauer die Ehe mit einem Ingenieur 1955 – nach Caracas. Dennoch verbringt sie in den Jahrzehnten danach regelmäßig Zeit in ihrem Heimatort Besigheim bei Stuttgart, ihr Schaffen zeigt sich wesenhaft geprägt vom Leben in zwei Welten, zwei Kulturen – und eröffnet ihr besondere künstlerische Freiheit, die sie nach figurativen Anfängen seit den 60er Jahren zu ihren abstrakten Flächenräumen führt.

Luisa Richter Araya, 1984 Öl und Gouache auf Leinwand, 159,5 x 130 cm Im Besitz der Künstlerin Foto: Frank Kleinbach © Luisa Richter

Luisa Richter Araya, 1984 Öl und Gouache auf Leinwand, 159,5 x 130 cm Im Besitz der Künstlerin Foto: Frank Kleinbach © Luisa Richter

Diese für Richter zentrale Werkgruppe bricht mit dem herkömmlichen Verständnis von Fläche und Raum, oben und unten. Kompliziert ineinander verschaltete Rauminszenierungen formen sich auf der Leinwand-Fläche, buchstäblich vom tropischen Licht beschienen, zu spannungsreichen Energiefeldern. Zwölf Flächenräume sind gar 1978 im venezolanischen Pavillon auf der Venedig-Biennale zu sehen.

Wie ein Palimpsest werden die Flächenräume immer wieder bearbeitet, sind permanent im Prozess, bleiben in ihrem Werk „Aktivpposten“. Spiel und Zufall bestimmen die Arbeit der Künstlerin maßgeblich, auch der Einfluss ihres Lehrers Willi Baumeister an der Akademie Stuttgart scheint durch: „Das Spiel, der scheinbare Zufall führt zu einer zwecklosen und unökonomischen Kraftentfaltung, welche aber Zweck, Möglichkeit und Sinn schafft“ – fast noch mehr in ihren zahlreichen assoziativen Collagen, in denen sie politische und soziale Fragen thematisiert.

In der Stuttgarter Sonderschau werden die Werke der beiden Künstlerinnen in drei Stockwerken des Kunstkubus gezeigt; gerade die ersten beiden Geschosse mit dem verbindenden Void, in denen Gego zu sehen ist, eignen sich besonders zur Präsentation ihrer filigranen Werke: Die „Durchsichten“ von oben nach unten zeigen einige Reticuláreas buchstäblich in 3-D, von allen Seiten sichtbar.

Zwei Kataloge begleiten die Ausstellung, die im Hatje Cantz erschienene zweisprachige Publikation „Gego. Line as Object“ mit vier Texten von allen beteiligten Kuratorinnen sowie einer umfangreichen Anhang zu Gego (Biografie, Literatur, Ausstellungsverzeichnis) sowie ein schmaleres Buch zu Luisa Richter, in dem das Kunstmuseum in ihr Werk einführt.

Und noch einen Grund gibt es für einen Architektur-Kunst-Interessierten Besucher der beiden Ausstellungen: Zu sehen ist auch eine filmische Biografie Gegos von Nathalie David, ein knapp einstündiger Essayfilm, der sich eigens für das Ausstellungsprojekt auf Spurensuche begeben hat und die Geschichte der Künstlerin und ihrer Werke einfühlsam nachzeichnet.

Für alle, die sich gerne selbst ein Bild machen wollen von Gegos und Luisa Richters Werk, hat deconarch.com etwas Besonderes vorbereitet: Passend zu Ostern gibt es 10x je 2 Eintrittskarten in die Sonderausstellungen „Gego“ und „Luisa Richter“ im Kunstmuseum Stuttgart zu gewinnen! Mehr zum Gewinnspiel hier.

Schneller Blick in die Ausstellung (c) SK

Schneller Blick in die Ausstellung | Luisa Richter (c) SK

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