„Ich erarbeite meine Häuser nicht als Architekt, sondern als Künstler.“ INTERVIEW mit Hans Lankes

Hans Lankes „erschneidet“ fantastische Formen und Figuren, Biomorphes ebenso wie Gegenständliches. Die Messerschnitte des Regensburger Künstlers sind (oft) sehr groß und bedecken ganze Teile der Wände, auf denen sie partiell angebracht sind. So entstehen plastische Wirkungen, Schattenspiele, Räumlichkeit – schon in Lucio Fontanas Concetti spaziali wird durch den Schnitt in den Bildträger dieser selbst zum Objekt, gemeinsam mit Untergrund und Hintergrund zum raumgreifenden, plastischen Werk.

Ausstellungsansicht 2016

Ausstellungsansicht 2016

Auch Häuser und Innenräume sind Themen seiner Arbeit. Die Häuser sind aus verschiedenen Perspektiven kombiniert, die Interieurs zeigen fast schon geometrisch abstrakt anmutende Raumansichten.

Lankes arbeitet mit Skalpell und Cutter und – um im Bild der sonst üblichen Assoziationen mit dem Gerät zu bleiben – der Präzision eines Chirurgen. Seine Technik lässt ihn gewissermaßen zum Papier-Bildhauer in 2-D werden: wie dieser den Steinblock, bearbeitet Lankes den flachen Karton, schneidet, formt, höhlt aus. Was einmal weggeschnitten ist, ist weg. Am Ende entsteht aus positiv und negativ, aus Fläche, Linie und Lücke, hell und dunkel eine Form.

Ab Januar sind Arbeiten von Hans Lankes im Kunstverein Radolfszell (13. Januar – 12. März 2017, mit Véronique Verdet) und in der Galerie der Kunststiftung pro arte Ulm  (31. März – 27. Mai 2017)zu sehen; im Frühjahr dann im Kunstraum Nestroyhof, Wien/Österreich (06. April – 19. Mai 2017) und in der BBK-Galerie Würzburg.

Im Austausch mit deconarch.com beschreibt Hans Lankes seine Arbeitsweise, wie er mit dem Skalpell „zeichnet“ und wie seine „Bilder“ entstehen.

all illus. (c) Hans Lankes
www.hanslankes.de

INTERVIEW

Häuser und interior/exterior: Wie kam es zu diesen Serien? In welcher Weise beschäftigt Sie die Arbeit mit und am Raum?

Haus Zweiundzwanzig, 2016, Messerschnitt, Papier auf Leinwand, 100 x 80 cm

Haus Zweiundzwanzig, 2016, Messerschnitt, Papier auf Leinwand, 100 x 80 cm

Zuerst waren Räume/Innenräume da, etwa Sammlerräume, imaginierte Räume, die mit imaginierter Kunst gefüllt sind oder in denen reale Stühle (Eames) stehen. An Raumsituationen interessieren mich zum einen Objekte oder Menschen (auch wenn sie nicht zu sehen sind) im Raum und zum anderen die Zwischen-Räume zwischen imaginierten Wänden und / zwischen Bildobjekten. Jemand hat einmal über meine Arbeiten geschrieben: „Das Weiß ist genauso wichtig wie das Schwarz, das Weggeschnittene ist genauso wichtig wie das Stehengelassene.“

Die Häuser sind Architekturen. An Häusern interessiert mich zum einen alles, wofür Häuser stehen, zum anderen (er)arbeite ich meine Häuser nicht als Architekt, sondern als Künstler. Ich brauche also nicht an Funktionen, Nutzer, Auftraggeber zu denken – ich „baue“ mir auch keine Traumhäuser. Ich denke bei meinen Häusern an Häuser als Körper, Formen – als Zeichen, die allgemein verständlich sind. Zu den ersten allgemein verständlichen Kinderzeichnungen gehört doch auch die vereinfachte Hausform!

Wie ist Ihr Arbeitsprozess? Gehen Sie konzeptionell vor oder „finden“ Sie Ihre Themen zufällig?

Eigentlich entsteht jede Arbeit/Serie aus den vorhergehenden Arbeiten/Serien. Wobei die Motive die praktische Motivation für die Arbeiten sind. Es geht immer ums autonome Bild/Zeichen“und nie um eine Illustration von etwas oder gar um eine Anekdote. Bildideen sind in erster Linie der Ausgangspunkt für meine Formsuche. Es geht um die Frage, wie ich mit meiner Technik meine Bildidee realisieren kann.

Haus Dreiundzwanzig, 2016, Messerschnitt, Papier auf Leinwand, 100 x 80 cm

Haus Dreiundzwanzig, 2016, Messerschnitt, Papier auf Leinwand, 100 x 80 cm

Es geht wohl immer um „Formen“ und „Zeichen“. Wenn ich darüber nachdenke, war und ist bei meiner Arbeit generell der Ausgangspunkt der Mensch (oder das Ich) im (freien oder definierten) Raum und sein Bezug zur „Welt“. Die Wechselwirkungen, die entstehen, die sichtbaren und unsichtbaren „Verbindungslinien“. Damit geht es los. Und dann folgt ein Thema aus dem anderen.

Ich suche keine Themen. Ich grüble nicht, was könnte, sollte ich als nächstes machen. Die Bildthemen ergeben sich aus der Arbeit, ich kann’s nicht anders sagen. Ich „konstruiere“ nicht den nächsten Arbeitsschwerpunkt, sondern er ergibt sich aus der aktuellen Arbeit oder ergibt sich – für mich ganz eindeutig und automatisch – aus einem gerade stattfindenden Arbeitsprozess.

Wie entsteht dann, ganz praktisch, eine Arbeit?

Bildidee … Formsuche … Formfindung … Durchdenken der technisch möglichen Realisierung … Bevor ich mit dem Schneiden beginne, „denke ich das Bild durch“. In der Regel wird jedes Bild, egal ob 200 cm x 140 cm oder 30 x 20 cm, aus einem einzigen Blatt Papier/Karton „heraus“ geschnitten – nichts wird angestückelt, gepuzzelt, angeklebt, nichts wird mit Computer gemacht oder „geplottet“.

Die Entscheidung für Leerstellen und Kanten entsteht also im Durchdenken vorher – oder intuitiv beim Schneiden?

Halle, 2016, Messerschnitt, Papier auf Leinwand, 80 x 100 cm

Halle, 2016, Messerschnitt, Papier auf Leinwand, 80 x 100 cm

Vor dem Schneiden muss das Bild verstanden und durchdacht sein, denn es sind ja keine Korrekturen möglich (Stichworte: was geschnitten ist, ist weg). Der Denkprozess ist manchmal genauso lang wie der Schneideprozess. Es müssen „Verbindungen“ erhalten bleiben, es wird im Prozess immer mehr weggeschnitten, aber ein Gerüst muss bleiben, damit das Bild nicht auseinanderfällt. Im Schneideprozess entsteht, aber oft auch ein „Flow“ und in diesem „Flow“ bleibt eine Klarheit, so dass der „Flow“ ein freies, intuitives Schneiden ermöglichst, aber ich nicht „im Rausch weggetreten bin“, sondern, eben, mit einer bewussten Klarheit das von mir vorgegebene Bildkonzept realisiere.

Ihre Technik, grafische Bilder zu „schneiden“, ist eher weniger verbreitet. Wie sind Sie zur Arbeit mit dem Skalpell gekommen?

Zeichnung war für mich immer wichtig, und mit dem Skalpell zu schneiden ist wie mit dem Skalpell zeichnen. Bei der Technik geht es um Reduzierung, Verdichtung. Es geht ums Wegschneiden, Freilegen, Klarstellen. Die harte Kante ist ein Ideal.

Wie läuft das ab, schneiden sie „frei Hand“ oder mit Hilfsmitteln?

Als ich mit Messerschnitt angefangen habe, habe ich sehr viel vorgezeichnet. Mit zunehmender Erfahrung verzichte ich auf Vorzeichnungen, weil die vorgezeichnete Linie das „Frei-Schneiden“ (freilegen) behindert und eingrenzt. Eine vorgezeichnete Linie „zwingt“ das Messer in die vorgezeichnete Richtung – das schränkt einen freien Schnitt ein und verzögert oder verlangsamt den Arbeitsablauf. Heute strukturiere ich das Blatt, ich lege etwa, wo es nötig ist, manche Außenkanten fest oder markiere kritische/schwierige Stellen. Generell versuche ich so wenig wie nötig vorzuzeichnen, damit ich den „schnellen Flow“ nicht behindere bzw. damit ich den „schnellen Schnitt“ nicht bremse.

Meine Werkzeuge sind Cutter oder Skalpelle. Wobei z.B. ein Sammler Chirurg ist und mir immer wieder Kartons mit Skalpellen mitbringt.

Wie kommt die Farbigkeit ins Bild?

CLOUD, Detail, Messerschnitt, Karton, ca. 38 x 35 cm

CLOUD, Detail, Messerschnitt, Karton, ca. 38 x 35 cm

Die Farbigkeit im Bild entsteht durch Übermalungen und durch die Verwendung von Lösungsmitteln, die ich verwende um Farben zu Verdünnen oder aufgemalte Farben wieder abzunehmen.

Durch das zerschnittene Papier kommt ja auch eine gewisse Räumlichkeit (Fontana!) in die Arbeit. Ist das ein mit gedachter Effekt oder mehr „byproduct“?

Teil des Bildkonzeptes ist immer auch der „Schatten hinter dem Schattenriss“, der die Bildobjekte verdoppelt oder verdreifacht. Die dreidimensionale Wirkung ist immer mitgedacht bzw. intendiert. Sehr wichtig ist: Das Weiß ist genauso wichtig wie das Schwarz. Das Weggeschnittene ist genauso wichtig wie das Stehengelassene. Der Raum, die Wirkung entsteht durch das, was nicht mehr da ist. Das, was fehlt, ist wesentlich.

Wo finden Sie Inspiration?

Inspiration ist alles, was ich sehe, denke, was mich bewegt. Daraus entstehen neue Herausforderungen, Anregungen.

Jede Arbeit erfolgt aus der vorherigen, jede Arbeit inspiriert die nächste oder ergibt Brechungen, oder es erfolgen Positionsbestimmungen durch Über-Arbeitungen, auf eine Über-Arbeitung folgt eine Über-Arbeitung. Die Arbeit mit Serien, oder besser mit „Folgen“, ist ein Prinzip, das eine intensive Auseinandersetzung mit einem Gegenstand/Thema fördert.

Hans Lankes, herzlichen Dank für die Einblicke in Ihre Arbeit!

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