„Wenn Architektur zu hübsch und harmonisch wird, ist das oft keine Vision, sondern eine Lüge …“ INTERVIEW mit Jens Hausmann

Glas, kubische Formen, helle, meist weiße Farben, modernistische Bauten eingebettet in teils wild wuchernde, urtümlich anmutende Landschaften. Leere Liegen am Swimmingpool, elegante Autos in Einfahrten, die Spuren der Bewohner sind dennoch präsent in den menschenleeren Szenerien, in denen sich eine spannungsgeladene Atmosphäre entfaltet.

Psychologie im Dschungel - 180cm x 140cm - oil/canvas - 2011 -

Psychologie im Dschungel, 180 x 140 cm, oil/canvas, 2011

Jens Hausmanns Gemälde rücken moderne Bauten in den Blick – nicht die sozialutopischen Wohnblöcke, sondern die freistehende Villen, wie sie Le Corbusier, Neutra, die Case Study Houses zu Ikonen der Architekturgeschichte gemacht haben. Heute sind Wohnträume in diesem Stil zum Sinnbild für Erfolg und Luxus stilisiert worden. Nicht mehr die utopischen Ansprüche der modernen Baukünstler, sondern gewissermaßen ihre Mutation begegnet hier – die Bauten sind zu „Kulissen der Dramen der Schönen und Reichen“ geworden, wie der Berliner Künstler sagt: „Es ist dieser Widerspruch von moderner Utopie und ihrer gescheiterten Realisierung, der mich interessiert.“ Inspiration findet er vor allem in der südamerikanischen Moderne, die sich in ihrem totalitären Charakter von der europäischen deutlicher unterscheidet.

Arbeiten von Jens Hausmann sind in den nächsten Monaten in Ahrenshoop zu sehen. Außerdem eröffnet – nach Mixed Signals/Part I im Haus am Kleistpark in Berlin – der zweite Teil der von ihm kuratierte Gruppenshow Mixed Signals im Juni im Kunstverein Ulm. Part III wird in Kooperation mit Alexander Ochs Gallerys in Bamberg stattfinden. Außerdem organisiert Hausmann Kunsthaus Meiningen in Thüringen eine größere Schau von 20 Berliner Malern, die Ende Juni eröffnet wird.

Im interview mit deconarch.com erläutert Jens Hausmann, welchen Einfluss die südamerikanische Moderne, aber auch das Wechselspiel von Natur und Gebauten für ihn haben und beschreibt seinen Arbeitsprozess.

all illus. (c) Jens Hausmann, www.jenshausmann.eu

INTERVIEW

Deine Arbeiten zeigen Architekturen, Architekturmotive, urbane Szenen – was interessiert dich daran? Wie kam es zur Beschäftigung mit diesen Themen?

modern house 5 - 120cm x 220cm - oil/canvas - 2010 -

modern house 5, 120 x 220 cm, oil/canvas, 2010

Ich mag es, ganz im romantischen Sinne, mich in Landschaften zu bewegen, den Raum und die Stimmung aufzunehmen. Vom Prenzlauer Berg in Berlin, wo ich wohne, sind es mit der S-Bahn 15 Minuten von völlig urbaner Umgebung in einen ländlichen Raum mit architektonischen Vorstadt-Situationen. Diese S-Bahnfahrten erscheinen mir immer wie ein zugespitzter, irgendwie skurriler, aber auch dramatischer und realistischer Film.

Die Berliner Vorstadt, mit ihren dichtgedrängten, aneinandergereihten Giebelhäusern, in einer in Zwielicht getauchten Landschaft, waren die ersten Motive für Bildserien, in denen Architektur eine Rolle spielte. Später wollte ich modernere Gebäude, weil mir die Giebelhäuser auf Dauer zu kauzig waren.

Warum dieser Fokus auf modernistische Architektur?

Auf die Architektur der Moderne, mit dem Ansatz aus der klassischen Moderne, bin ich bei regelmäßigen Aufenthalten in Brasilien gestoßen, wo ich aus familiären Gründen häufiger und manchmal auch für längere Zeit bin. Dort erlebe ich die gegenwärtige wie die historische Moderne in einem anderen gesellschaftlichen und geografischen Kontext. In Südamerika wurde und wird viel offensiver, auch chaotischer, geplant und gebaut.

modern house 4 - 120cm x 210cm - oil/canvas - 2010

modern house 4, 120 x 210 cm, oil/canvas, 2010

Brasilien ist eines der dominanten Schwellenländer, in denen man eine Beschleunigung der gesellschaftlichen Entwicklungen erlebt. Vorstädte einer neuen Mittelschicht dehnen sich netzartig, in unglaublicher Geschwindigkeit, über riesige Territorien aus. Sie sind soweit von den historischen Stadtzentren entfernt, dass Shoppingcenter die neuen Zentren bilden – als die neuen Kathedralen. In dieser Atmosphäre habe ich einen anderen Blick auf die Dynamiken der westlichen Kultur unserer Gegenwart gewonnen. Ein Blick, der mit einem gewissen Pathos auf unsere Zeit und unsere Geschichte angereichert ist.

Modernistische Architektenhäuser waren Statement für eine komplexe, utopische Lebenshaltung, die den neuen Menschen, die neue Gesellschaft formalisieren wollte. Nun sind diese Häuser mutiert, zu Traumgebilden von Erfolg und Luxus der Aufsteiger aus der Mittelschicht. Tausendfach reproduziert bilden sie, in Film und Fernsehen, die Kulissen der Dramen der Schönen und Reichen.

Bilder dieser Häuser zu malen, hat für mich auch damit zu tun, das „schöne“ Bild zu erarbeiten, die in der Kunst substanziellen Frage nach dem „Was ist Schönheit?“ zu erforschen. Wichtig ist mir, dass in den Bildern etwas Geheimnisvolles, eine bestimmte Spannung entsteht.

Zum Beispiel in „modern house, 14 / vive o´clock in the morning“, in dem ein „schwebender“ Gebäudebalken zu sehen ist, unter dem sich sechs leere Sonnenliegen am Pool reihen. Im Hintergrund drängt fast nahtlos Dschungel in die Anlage.

modern house, 14 - 125 x 240cm - 2012  Kopie 3

modern house, 14 / vive o’clock in the morning, 125 x 240 cm, 2012

In diesem Bild konzentrieren sich viele der Komponenten, die ich in meiner Arbeit aufzeigen und bearbeiten möchte. Es gibt das Wechselspiel von Natur und Architektur. Das Gebäude schiebt sich keilförmig in den wuchernden Dschungel. Es droht diesen zu verdrängen. Andererseits ist auch klar, wenn man dieses Terrain nicht ständig von den Einflüssen der Natur reinigt, wird diese in kürzester Zeit alles überwuchern und zurückerobern. Dieses Phänomen ist eines der Dinge, die mich in Brasilien so begeistern, im Bezug auf die Moderne. Hier in Mitteleuropa scheint alles geklärt und geregelt. Die Moderne, von der klassischen Avantgarde bis zu ihren gegenwärtigen Mutationen, ist hier sehr theoretisch und scheint neben den traditionellen, kleinbürgerlichen Lebensweisen gut geordnet ihren Platz zu haben. Dort, und wahrscheinlich an vielen Orten der Welt, ist sie einfach sichtbar als ausgeprägter Versuch die Gesellschaft voranzutreiben. Ihr totalitäres Wesen ist für mich dort sehr spürbar. Dem stehen weitere Landschaften und eine intensivere, vehementere Natur gegenüber. Das hat ingesamt ein Pathos für mich, mit dem ich die klassische Moderne in ihrer europäischen Herkunft nicht in Zusammenhang bringe.

Zurück zum Bild: Dieses ist so angelegt, dass die Abbildung des Gebäudes und seine Bewertung auch vom Titel abhängig ist. Würde ich das Bild etwa „Gaddafi” nennen, wäre die Bedeutung der Abbildung in einer bestimmten Blickrichtung, die ich meine, sehr deutlich.

Die meisten der Architektur-Bilder haben den formalen Titel „modern house“ verbunden mit einer Nummer, die zeigt, dass es sich um eine Serie handelt. Bei einigen Bilder kommt noch ein meist stimmungsbezogenen Nebentitel hinzu, etwa wie hier „vive o´clock in the morning“. Zu sehen ist also tropische Natur und ein dem Stil des Brutalismus nahestehendes Gebäude, dessen Planung einst einer demokratische Grundidee entstammt und nun der Zurschaustellung von reiner Macht und Luxus gewichen ist. Über all dem eine geheimnisvolle stille Uhrzeit, die alles in ein nicht näher zu definierendes Geheimnis hüllt.

Du erwähnst das Wechselspiel von Architektur und Natur. Die Natur spielt in deinen Bildern eine große Rolle, die modernen Gebäude werden umgeben von oft überbordenden Pflanzen. Dazu kommen auch Gemälde, die nur Waldszenen zeigen. Warum dieser Gegenüberstellung?

Die kleinformatigen Waldbilder waren als Kontrapunkt zu den Architekturbildern gedacht. Die Motive entstammen Pressefotos von zerstörten Wäldern, durch Naturkatastrophen oder technische Unfällen, oder sie sind Orte von Kriegsverbrechen und anderer menschlicher Dramen. Also in irgendeiner Form kontaminierte Idyllen. Das passt zu meinem Grundthema des subtilen Wechselspiels von Romantik und klassischer Moderne als gewissermaßen postmoderne Erzählung.

24 fragments : contaminated idylls - gesamt 210 x 400cm - 2010 : 11

24 fragments: contaminated idylls, gesamt 210 x 400cm, 2010/11

Allerdings habe ich beschlossen, dass diese Bilder als Einzelbilder malerisch und künstlerisch nicht gut genug sind. So habe ich nun einen Teil von ihnen zu einem Block von 24 Bildfragmenten zusammengefügt. Es sind also 3 mal 8 Bilder, mit 5 eher minimalistischen Architekturfragmenten dazwischen. Dieser Bildrhythmus soll eine Monitorwand darstellen, die 24 diffuse Eindrücke von bedrohten, aber auch bedrohlichen Natureinblicken gewährt, die in einem aktiven Bezug zur menschlichen Zivilisation stehen und damit Spuren ihres Wesens hinterlässt.

Welche Bedeutung hat Architektur, der gestaltete Raum für uns? Warum ist die Beschäftigung damit wichtig?

Die Bedeutung, die Architektur für unsere Gesellschaft hat, ist wegen ihres praktischen Nutzens sehr brisant, während Kunst, Musik und die Geisteswissenschaften nicht direkt abzugleichen sind in ihrer Nützlichkeit. All die Gedanken und Visionen, die aus künstlerischer Arbeit und methodischem Denken erwachsen, sind auch in Architektur verwandelbar.

Ausstellungsansicht "Mixed Signals"

Ausstellungsansicht „Mixed Signals I“

Also ist Architektur im Grunde die Kunstform, die das Wesen dessen, was wir denken und spielend untersuchen, auch als Programm und Ideologie für wichtig halten, in einer komplexen Weise um uns her aufrichtet und zu der Umgebung macht, in der wir leben.

Wir verwandeln die Welt in einen Spiegel unseres Wesens.

Das bedeutet, wenn Architektur zu hübsch und harmonisch wird, ist das oft keine Vision, sondern eine Lüge …

Wie findest du deine Motive? Sind reale Bauten Vorbild oder „konstruierst“ du diese auf der Leinwand?

In der Regel sind reale Bauten Vorbild. Diese werden fotografiert und am Computer so bearbeitet, dass sie als gemaltes Motiv die nötigen Proportionen und Effekte bekommen, um den Bildern die Spannung zu geben, die mir notwendig erscheint. Gerne zeichne und aquarelliere ich die fotografierten Motive, bevor ich sie male, weil ich mich damit besser von der Ästhetik des Fotos lösen kann. Ich zitiere die Fotografie nicht in meiner Malerei. Ich konstruiere die Bauten auf meinen Bildern also nicht, sondern verzerre sie – zugunsten eines dramatischeren und cineastischeren Ausdrucks.

modern house 3 - 120cm x 210cm - oil/canvas - 2010

modern house 3, 120 x 210 cm, oil/canvas, 2010

Natürlich sind auch viele der Bauten nicht selbst fotografiert, sondern einfach aus dem Internet gefischt.

Wie ist dein Arbeitsprozess?

Wie gesagt zeichne und aquarelliere ich. Es gibt auch Phasen, in denen ich Kollagen mache. Also alles ganz klassische Medien, die der Malerei als Vorbereitung vorangehen.

Zum Arbeitsprozess kann ich nicht viel sagen. Ich mache meist ohne Projektor eine Vorzeichnung mit Lineal und Bleistift, dann wird alles ausgemalt. Ohne Projektor entstehen häufig kleine Fehler in der Perspektive, die ich schätze, weil das Bild dann irgendwie besser aussieht. Oft muss ich mehrere Farbschichten übereinander setzen, bis das Bild in seiner Stofflichkeit und in seinem Farbklang mir gefällt.

Die Szenen sind meist menschenleer, das war aber nicht immer so …

In den schon erwähnten frühen deutschen Vorstadtbildern, aber auch in den ersten Bildern modernerer architektonischer Situationen waren Darstellungen von Personen in Beziehung zu der von ihnen erdachten und geschaffenen Umgebung abgebildet. Diese Bilder hatten oft eine psychologisierende, als Allegorie zu verstehende Erzählung inne. Das zu gestalten war mir auf Dauer zu mühsam. Dem einzelnen Bild wurde zuviel zugemutet, zuviel aufgeladen. Irgendwie erschien mir das nicht zeitgemäß. Seit Anfang 2011 sind nur noch Orte ohne ihre Bewohner zu sehen.

Das Ergebnis ist, dass ich genauer werde – in der Darstellung der Motive ebenso wie in der Erarbeitung der Atmosphäre, die einem Bild innewohnt. Die Szenen sind weniger illustrativ und ein Geheimnis, eine Spannung kann an der Stelle einer offensichtlichen Erzählung mit Figurenpersonal in den Bildern Raum nehmen.

Welche Ziele verfolgst du mit deinen Arbeiten?

Verfolgt man Ziele mit seinen Bildern – oder überhaupt in der Kunst? Wenn, dann habe ich nur „Kurzzeitziele“. Aber ich könnte darüber reden, welche Ziele ich in meinen Arbeiten verfolge …

Es ist dieser Widerspruch von moderner Utopie und ihrer gescheiterten Realisierung, der mich interessiert. Etwas völlig Sichtbares darzustellen und dieses in ein unsichtbares Geheimnis zu tauchen. Die architektonische Moderne in einen romantischen, metaphysischen Raum-Zeit-Kontext zu tauchen, in einer subtilen Darstellung des Vergehens und Verschwindens und der Verwandlung der Dinge (auch der Ideen), dies ist wohl das Ziel in jedem einzelnen Bild.

Gibt es Vorbilder, die deine Arbeit beeinflusst haben?

Ausstellungsansicht "Mixed Signals"

Ausstellungsansicht „Mixed Signals I“

Nicht direkt, aber ganz pauschal natürlich Edward Hopper und der David Hockney der Siebziger Jahre. Daneben mag ich sehr Felix Valloton und Henry Rousseau und aus der Gegenwart Peter Doig und Luc Tuymanns.

Zunehmend begeistert mich vieles was mit konkreter Malerei und hard edge painting zu tun hat, obwohl das bisher in keinem Zusammenhang mit meiner Bildsprache steht.

Die „Gretchenfrage“ zum Abschluss: Warum Kunst? Welche Möglichkeiten bietet dir die künstlerische Arbeit?

Ach, diese leidige Frage. Kunst zu machen, mit Kunst, von Kunst zu leben, bietet die Möglichkeit wie ein Kind die Dinge, Gedanken und Gefühle, auf ihr Wesen hin, zu untersuchen. Kunst zu machen ist ja eine erwachsene Art des Spielens. Als Künstler lebe ich ein bisschen am Rand der Gesellschaft, nicht außerhalb, aber doch so, dass ich immer sehr privat alles andere betrachten kann.

Ein Leben ohne einen direkten und praktischen Zweck, für die Gesellschaft, mehr wie ein Modell-Leben, wo man alles nachahmt, untersucht, durchspielt, was interessant ist und als relevant angesehen werden kann. Ein bisschen autistisch. Dafür muss man gemacht sein.

Jens, herzlichen Dank, dass du deine Gedanken mit uns teilst!

 

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