„Ich suche zeichnend nach dem, was für mich das Besondere des Ortes ist.“ INTERVIEW mit Nana Kreft

Sieben Berliner Künstler haben sich zusammengeschlossen, um in einer Reihe von Ausstellungen den Untergrund ihrer Stadt zu erschließen – den Untergrund, der buchstäblich „unter“ der Stadt liegt und im dennoch im alltäglichen Leben unsichtbar bleibt. Mit „Other Stories embrace mountains“ und „Cave Dwellers“ haben sie bisher die Maschinenräume des Stadtbad Steglitz sowie den Großen Wasserspeicher im Prenzlauer Berg bespielt und dabei jeweils die besonderen Strukturen in ihren Arbeiten reflektiert. 

"Reconstruction (Formine/Tessin)" | paper, pencil, wood, glass | 2013

„Reconstruction (Formine/Tessin)“ | paper, pencil, wood, glass | 2013

Eine der sieben Künstler ist Nana Kreft, in deren Arbeit die Auseinandersetzung mit Räumen und räumlichen Strukturen eine zentrale Rolle spielt. Für ihre Installation in „Cave Dwellers“ etwa, deren Konzept das Höhlengleichnis Platons aufgreift, hat sie Erfahrungen und Beobachtungen während einer Künstlerresidenz in Italien verarbeitet. Die Zeichnungen, die vor Ort entstanden und den Besonderheiten dieses Ortes nachspüren, formen sich in der Installation zu einem „Erinnerungsgerüst“, das die Charakteristik der italienischen Landschaft mit den in Zeichnungen festgehaltenen Raumeindrücken der Künstlerin vereint.

deconarch.com verrät Nana Kreft, wieso sie sich mit Raum, Architektur, Gebautem beschäftigt, wie sie sich zeichnerisch fremden Orten annähert und welche Rolle das persönliche Erleben von Raum dabei spielt .

all illus. (c) Nana Kreft,
www.nanakreft.com

INTERVIEW

Viele deiner Arbeiten beginnen mit einem bestehenden Ort, so etwa deine Arbeit „Reconstruction (Formine/Tessin)“, vor Kurzem in der Ausstellung „Cave Dwellers“ zu sehen, die du direkt vor Ort gebaut hast. Wie kam es dazu?

"Reconstruction (Formine/Tessin)" | paper, pencil, wood, glass | 2013

„Reconstruction (Formine/Tessin)“ | paper, pencil, wood, glass | 2013

Kurz vor der Ausstellung „Cave Dwellers“ war ich für anderthalb Monate bei einer Künstlerresidenz in Formine, einem kleinen Dorf in den Bergen am Lago Maggiore. Dort habe ich gezeichnet. Indem ich zeichne, eigne ich mir einen Ort an. Ich suche zeichnend nach dem, was für mich das Besondere des Ortes ist. Gleichzeitig suche ich nach einer Art des Zeichnens, die diesem Ort gerecht wird. In Formine und Umgebung fiel mir vor allem auf, wie sehr das Gebaute von der Landschaft dominiert wird. Die Häuser aus Natursteinen sind an die Hänge des Berges gebaut. Es gibt kaum gerade Linien, die organische Struktur der Mauern geht fließend über in Felsen und Vegetation, die sie umgeben. In den Zeichnungen, die ich dort gemacht habe, spielt daher auch die Struktur gegenüber der Linie eine zunehmend große Rolle.

Das Zeichnen ist von besonderer Bedeutung für dich …

Mit den Zeichnungen nähere ich mich dem Ort an. Sie geben jedoch nur Fragmente davon wieder. Das möchte ich durch die Art, wie ich sie präsentiere, sichtbar machen. Es geht in der Arbeit auch um das, was sich außerhalb des Kaders der Zeichnungen befindet.

In der Arbeit für „Cave Dwellers“ habe ich um vier dieser Zeichnungen aus Formine herum eine Installation gebaut, die als Träger der Zeichnungen dient und gleichzeitig die Linien der Zeichnungen in den Raum hinein fortsetzt. Es ist eine Form aus Holzlatten, die Assoziationen mit einer Landschaft erlaubt – dem Umriss eines Berges, Wegen oder Grenzen zwischen Feldern auf einer Landkarte. Die Installation steht als Platzhalter für den ursprünglichen Kontext der Zeichnungen, der nicht sichtbar, auf diese Weise aber doch anwesend ist.

In vielen Arbeiten beschäftigst du dich mit Raum, Architektur, Gebautem. Wie kam es zu der Beschäftigung damit?

Was mich an der gebauten Umgebung gegenüber der unberührten Natur interessiert, ist, dass sich darin menschliche Handlungen und Interessen abbilden. Die Stadt ist von Menschen errichtet und schafft in der Folge die Bedingungen für die Menschen, die sie bewohnen. Dies ist aber ein Prozess, der nie abgeschlossen ist. Obwohl die Stadt ein kulturelles Produkt ist, folgt sie doch auch den Gesetzen des Organischen: sie wächst, sie ändert ständig ihre Gestalt – durch Verfall, Abriss, Neubauten, Umbauten … Mich interessieren vor allem die Brüche, die dabei entstehen. Wenn zum Beispiel eine Schneise in ein Wohnviertel gerissen wird, um eine neue Autobahn zu bauen.

Ich interessiere mich aber auch für den Raum und die Wahrnehmung des Raumes.

"Multiplex" | plywood, acrylic resin, print on cardboard/ coloured paper | 2012

„Multiplex“ | plywood, acrylic resin, print on cardboard/ coloured paper | 2012

Als Kinder hat uns der Vater einer Freundin einmal abends mit in sein Büro genommen. Es war ein großer Bürokomplex, der jetzt dunkel und menschenleer war. Ich erinnere mich an lange Flure mit Teppichen, an eine Treppe mitten in einer großen Halle und an das dämmrige Licht. Die Räume hatten etwas Unwirkliches, die Stille und das Dämmerlicht und die endlosen Flure und unzähligen Türen, und dass nur wir dort waren und niemand sonst der Menschen, die tagsüber dort beschäftigt waren. Das Gefühl, das mit diesem Erlebnis verbunden war, ist mir immer in Erinnerung geblieben.

Das persönliche Erleben von Raum, von Räumen spielt also eine besondere Rolle für deine Arbeiten?

Ja, das persönliche Erlebnis ist immer der Ausgangspunkt. Der wahrgenommene Raum ist weder in einer einzigen Ansicht zu erfassen, noch beschränkt die Wahrnehmung sich auf das Gesehene. Man erfasst einen Raum mit allen Sinnen – dem Sehen, dem Hören, dem Riechen – es ist auch eine körperliche Erfahrung. Man durchläuft den Raum, ist von ihm umgeben, das Wahrgenommene ändert sich mit jeder Bewegung. Das möchte ich mit meinen Installationen darstellen. Ich sehe sie als eine Ansammlung von Fragmenten, die ein Angebot an den Betrachter bedeuten, sie zu einem Ort oder Raum zusammenzusetzten, so wie man fortwährend seine Umgebung in einzelne Ansichten zerlegt und neu zusammensetzt.

multiplex | | laserprint on paper, plywood, wood | 2012

multiplex | | laserprint on paper, plywood, wood | 2012

Ich untersuche die Bedingungen und Besonderheiten der Wahrnehmung. In diesem Zusammenhang fasziniert mich auch das Spannungsverhältnis zwischen Ort und Raum. Meine Umgebung nehme ich zunächst als Ort wahr, der mir vertraut oder fremd ist, der ein bestimmtes Aussehen, einen bestimmten Geruch hat. Die Straßen, Häuser, Bäume, kleine Details wie die Weise, in der eine Türklinke oder Treppenstufe abgewetzt ist, das Licht, … – alles das macht einen Ort aus.

Der Raum dagegen ist das, was alle Gegenstände durchdringt. Die Wahrnehmung, die auf den Raum gerichtet ist, lässt daher alle Gegenstände durchlässig werden. Zum Beispiel sehe ich den Mond normalerweise als leuchtende Scheibe oder Sichel. Manchmal aber sehe ich ihn auf einmal als Kugel, von der ein Teil beleuchtet ist, der andere dunkel. Meine Vorstellung wird an ihm vorbei in den Raum gezogen, ich sehe um ihn herum in die Weite des Weltalls, die ihn umschließt und sich hinter ihm fortsetzt.

Oder ein anderes Beispiel: Ich schwimme im Meer. Auf einmal ist es nicht mehr das grünliche Wasser mit weichem Schaum, an einem Strand auf Mallorca, sondern es wird Materie, die meinen Körper umschließt. Ich spüre es zwischen meinen Fingern, wenn ich meine Hände bewege, ich spüre den Körper, der meinen Körper in sich aufgenommen hat, und der sich fortsetzt bis zum nächsten Kontinent.

Wie entsteht aus diesen Beobachtungen und Erlebnissen eine Arbeit?

Zunächst sammle ich Material. Im Vorübergehen oder Vorbeifahren, vom Bus oder Zug aus, sehe ich etwas, was ich spannend finde. Eine bestimmte Art, wie Gebäude zueinander angeordnet sind, ein Detail in einer Fassade, ein verfallenes Haus…

Ich fotografiere oder zeichne, was mir auffällt. Aus diesem Material ergibt sich eine Richtung – eine Fragestellung oder ein Thema, um das herum das Material sich ordnen lässt. Das geschieht immer im Blick auf einen konkreten Raum, für den ich die Arbeit herstelle.

"so sieht es aus" | | Untitled | table-installation (paper, cardboard, print on paper, wood) | 2013

„so sieht es aus“ | | Untitled | table-installation (paper, cardboard, print on paper, wood) | 2013

Ich kombiniere Zeichnungen oder Fotos mit räumlichen Objekten zu einer Installation, die ein Bindeglied darstellt zwischen dem abgebildeten Raum und dem Ausstellungsraum. Eigentlich übersetze ich einen Raum in eine Fläche und übersetze die Fläche dann wieder zurück in eine räumliche Situation. Die Brüche, die dabei entstehen, sind ein wichtiger Bestandteil der Arbeit.

Für die Installation „Multiplex“ zum Beispiel habe ich Fotos von Gebäuden sowie Fotos von gestapelten Baumaterialien auf verschiedene Untergründe gedruckt, diese an die Wand gelehnt oder zerschnitten, gefaltet und mit Konstruktionen aus Holzlatten verbunden. Diese Fotoskulpturen wirken kulissenhaft, sie haben eine deutliche Vorder- und Rückseite. Gerade indem ich die Fotografien als Skulpturen im Raum platziere, betone ich ihre Flachheit, die im Gegensatz zur Tiefe des abgebildeten Raumes steht.

Platons „Staat“ ist der Referenzpunkt deiner Installation, die du im Großen Wasserspeicher inszenierst. Was hat dich daran inspiriert? Welche Elemente interessieren dich und wie setzt du sie formal um?

"Other Shadows Embrace Mountains",  Großer Wasserspeicher Prenzlauer Berg, Berlin 2013

„Other Shadows Embrace Mountains“ |
Großer Wasserspeicher Prenzlauer Berg | Berlin 2013

Es gab verschiedene Bedingungen für die Arbeit. Der einzigartige Ausstellungsraum – ein ehemaliger Wasserspeicher, der in einem Hügel verborgen liegt. Die Wände sind aus rotem Backstein und in konzentrischen Kreisen gebaut. Der Raum ist sehr feucht, so dass die Materialien, mit denen ich sonst überwiegend arbeite – Zeichnung, Fotografie, Papier, Karton – dort nicht geeignet sind. Außerdem gab es ein Thema für die Ausstellung – das Höhlengleichnis von Platon.

Platon ist ja an allem Konkreten, Sichtbaren und Materiellen uninteressiert. Ihn interessiert nur das Allgemeine. Ihn interessieren die Gesetze, die in der Welt wirken, die Logik hinter den Erscheinungen. In der materiellen Welt bilden sich diese vollkommenen Prinzipien nur unvollkommen ab. Die Wahrheit zeigt sich Platon zufolge daher niemals in der Anschauung der Wirklichkeit, sondern nur im Denken, das sich von der konkreten Welt löst.

"Other Shadows Embrace Mountains",  Großer Wasserspeicher Prenzlauer Berg, Berlin 2013

„Other Shadows Embrace Mountains“, Großer Wasserspeicher Prenzlauer Berg, Berlin 2013

Ich gehe dagegen in meinen Arbeiten gerade vom Konkreten aus. Ich untersuche das Sichtbare, um darüber zu den Gesetzmäßigkeiten zu gelangen, die zu seinem Entstehen geführt haben. Auch interessieren mich gerade die Unvollkommenheiten und Fehler, die einen reibungslosen Ablauf durchbrechen.

In seinem Text „Der Staat“ entwirft Platon eine Stadt, indem er alle Elemente aufzählt, die für ihr Funktionieren notwendig sind, angefangen beim Landwirt, Bäcker, Schneider und Maurer. Ich fand es interessant, dass er sich der Stadt annähert, indem er sie aus dem Nichts heraus in Gedanken aufbaut.

Du hast den Text zum Anlass genommen, deine Herangehensweise umzudrehen…

In Anlehnung an Platon ist für diese Arbeit kein konkreter Ort der Ausgangspunkt. Ich beziehe mich mit der Arbeit aber auf den Ausstellungsraum, der mit seiner kreisförmigen Grundform dem geometrischen Ideal sehr nahe kommt.

Die Objekte, die ich für die Installation im Wasserspeicher gebaut habe, sind beinahe ohne konkrete Eigenschaften, eine Art Projektionsflächen. Ein Umriss, leere Fächer, leere Flächen – es geht vielleicht weniger um die Objekte als um den Raum selbst, der von den Objekten eingenommen und aufgeteilt wird. Ich sehe sie auch als Bausteine, geometrische Grundformen wie der Kreis, das Rechteck, der Quader, das Dreieck, die zu Gebäuden oder Möbeln zusammengesetzt werden könnten.

Aufgrund der Feuchtigkeit des Raumes habe ich ausschließlich mit Holz gearbeitet. Dabei habe ich aber nach Wegen gesucht, den Objekten die Leichtigkeit der papierenen Objekte zu geben. Vielleicht kann man sagen, dass die konkrete Materialität in den Hintergrund tritt zugunsten des Vorgestellten, die Form sich vom Material löst.

Nana, herzlichen Dank für die Einblicke in deine Arbeit!

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