„Ich verstehe meine Arbeit auch als visuelle Geschichtsschreibung.“ INTERVIEW mit Ivan Bazak

Vitaliks Mutter arbeitet in Italien, um Geld für den Unterhalt der Familie zu verdienen. Vitaliks Mutter ist in Italien und hat ihre Familie nicht mehr gesehen, seit Jahren schon. Visabestimmungen verhindern ihre Heimkehr in die Ukraine. Vitalik macht sich auf den Weg zu ihr, ohne gültige Papiere, eine schwierige und gefährliche Reise. 

Vitaliks Haus 2007

Vitaliks Haus, 2007

Ivan Bazak, ein Freund Vitaliks, hat diese Reise in Teilen begleitet. Ein dokumentarisches Video – Vitalik besucht seine Mutter – erzählt davon. Die Plastik Vitaliks Haus ist ein Nachbau des Familienhauses in der Ukraine mit einfachen Mitteln. Das Haus wurde zum Anknüpfungspunkt für Erinnerung und zum Sinnbild für den Aufbruch eines Einzelnen ebenso wie für die Migrationsbewegungen der Gegenwart.

Häuser aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion tauchen im Werk des ukrainisch-stämmigen Künstlers Ivan Bazak immer wieder als Motiv auf. Auf welchen Plätzen, vor welchen Gebäuden, in welchen Zimmern wurden bestimmte Ereignisse geplant, beschlossen oder durchgeführt? Wo fand – im Verborgenen? – etwas statt, das am Ende nicht nur persönliche, sondern auch machtpolitische Konsequenzen hat?

Häuser prägen die Menschen, die in und mit ihnen leben, so Bazak, und ihre Architektur beeinflusst und motiviert Entscheidungen. Er stellt sie in den Mittelpunkt von Gemälden, baut sie in bemaltem Pappkarton nach, arrangiert sie in Installationen und erzählt mit ihnen Geschichten über die gefühlte oder tatsächliche Unausweichlichkeit von Veränderung.

Ivan Bazak arbeitet multimedial, er arbeitet mit Malerei ebenso wie mit Installation und im Theater. NAch einem Studium der Kunst und Architektur in Kiev und Düsseldorf, lebt er heute in Berlin.

Im Interview mit deconarch.com spricht Ivan Bazak über die Bedeutung des Hauses als Motiv seiner Arbeit. seinen Arbeitsprozess und die wechselseitige Beeinflussung von Kunst und Bühnenkunst.

all illus. (c) Ivan Bazak / Kewenig, Berlin | Palma
kewenig.com

 

INTERVIEW

Das Haus – insbesondere Häuser aus der Sowjetunion – ist ein zentrales Motiv Ihrer Arbeit, etwa in Vitaliks Haus oder den Gemälden. Wie kam es zu diesem Fokus?

Installationsansicht: Ivan Bazak, „Petrus Neue Häuser“, Kewenig Galerie zu Gast in der Berliner Repräsentanz des Kunsthauses Lempertz, 26.09 - 20.10.2006

Installationsansicht: Ivan Bazak, „Petrus Neue Häuser“, Kewenig Galerie zu Gast in der Berliner Repräsentanz des Kunsthauses Lempertz, 26.09 – 20.10.2006

Als kleiner Junge, mit sieben, acht Jahren, habe ich lauter Häusermodelle gebaut und diese miteinander, oft auch aufeinander, zusammengeklebt. Diese Modelle bestanden aus Verpackungsmaterialien, aus Pralinenschachteln, Schuhkartons etc. Dieses Aufeinanderkleben schuf schon damals, unbewusst, einer Art von „Sozialbauten“, in denen sich Leben abspielt. In einem derartigen „Betonplattenbau“ hatten auch meine Eltern eine Wohnung. Später kamen von mir ausgedachte Geschichten dazu sowie Zeichnungen und Malereien. Diese waren „Storyboards“ ähnlich und der erzählerische Inhalt oft mit den gebauten Modellen verknüpft.

Dieses Prinzip habe ich später auch in meinen Arbeiten verwendet. In Deutschland, also mit Abstand zu meiner Heimat in der Sowjetunion/Ukraine und der dortigen Städteplanung, suchte ich oft die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Die dadurch entstandenen Werke mit „erzählten Geschichten“ wie auch die Art und der Inhalt der Erzählung selbst wurden immer wichtiger für mich.

Sie arbeiten malerisch wie plastisch – wie überschneiden sich die Medien?

Den Gebrauch der unterschiedlichen Medien möchte ich mit der Theaterarbeit vergleichen. Dort entsteht eine Einheit, die durch das Zusammenwirken aller an der Vorstellung beteiligten Personen und Kunstformen, aber auch durch deren Betrachten, zum Theaterabend wird. Für mich ist es sehr wichtig, dass eine Ausstellung meiner Kunstwerke oder die künstlerischen Arbeitszyklen selbst zu einer Inszenierung werden – und wie bei einer Theaterinszenierung sind alle Medien willkommen: Licht, Raum, Bild, Ton, Video etc. Erst kommt jedoch der Inhalt, dann erst suche ich nach den passende Medien.

Wie ist Ihr Arbeitsprozess: Gehen Sie konzeptionell vor oder „finden“ Sie Ihre Themen während des Arbeitens?

Untitled (2007), Acryl auf Nessel, 130 x 92 cm

Untitled (2007), Acryl auf Nessel, 130 x 92 cm

Meistens „finden“ die Themen mich. Es sind „Geschichten“, teilweise Formen und formale Aspekte, aber auch bestimmte Bücher. Ein besonderer Bücherschatz aus der Vergangenheit, zumeist theoretische Werke und politische Publikationen, wie etwa Lenins Schriften, linke Magazine aus den 60er und 70er Jahren in Deutschland, etc., haben mich zur Ausstellung „Still-Leben“ in der Charim Galerie in Wien inspiriert. Die Inhalte eines politischen Aufbruchs in einer Zeit – den 60ern, 70ern –, in der man sich noch zugestand, die Gesellschaft im Sinne eines Gemeinwohls verändern zu wollen und zu können, die, so dachte ich, müssen wieder erzählt werden und so in einen Dialog mit dem „Jetzt“ treten.

Pointiert gesagt, verstehe ich meine Arbeit auch als visuelle Geschichtsschreibung, dies ist ein sehr wichtiger Teil meiner Arbeit.

Sind es konkrete Vorbilder, die wir in den Gemälden sehen? Wo finden Sie diese und wie, gibt es z.B. konkrete Auswahlkriterien?

Oft entsteht Malerei nicht nach realen Vor-Bildern aus der Natur. Ich baue viele Details nach und male sie dann ab. Diese „Modelle“ dienen mir, wenn man so will, als Vorbilder für Malerei. Details sind dabei oft vorgefundenes Material aus Literatur oder alten Bildbänden, gemischt mit dem Dokumentarischen von heute.

Die Gemälde der Häuser sind, soweit ich sehe, immer menschenleer – warum?

Häuser, Bäume oder auch nur ein Pinselstrich auf der Leinwand oder farbige Flächen werden zu Akteuren. Ich möchte die Gefahr des erzählerisch Illustrativen vermeiden.

Zudem kommen oft auch Personen in meinen Malereien, Videos und Fotografien vor. Ihre Geschichten sind allgemeiner, abstrakter zu verstehen, Personen und Szenen sind eher stellvertretend gemeint und Elemente der Inszenierung einer Ausstellung.

Sie arbeiten auch immer wieder am Theater. Wie fließen die Erfahrungen im räumlichen Bühnenbild-Gestalten in die freie künstlerische Arbeit ein?

Installationsansicht: Ivan Bazak, „Häuser“, Kewenig, Köln, 08.02 - 30.03.2008

Installationsansicht: Ivan Bazak, „Häuser“, Kewenig, Köln, 08.02 – 30.03.2008

Ich möchte es eher so beschreiben: Wenn ich Menschen um mich brauche, um gemeinsam etwas zu erarbeiten, gehe ich zum Theater. Ich brauche aber auch die Stille, in der sich etwas öffnen kann und aus mir selbst ereignet. Wenn ich also alleine sein möchte, um wieder einen Schritt weiter zu machen, bleibe ich im Atelier und verwende die Mittel meiner Kunst, um explizit künstlerische Werke zu schaffen. Ich möchte damit sagen –  Kunst fließt in meine Theaterarbeit ein, nicht umgekehrt.

Welche Themen interessieren Sie in Ihrer Arbeit – und welche Chancen eröffnet hier gerade die künstlerische Arbeit?

Meine künstlerische Arbeit verstehe ich in weitem Sinn als politische Arbeit, wobei sich das Politische mehr vermittelt und zeigt, als dass ich explizit „politische Kunst“ machen möchte (in der zumeist die Künstler*innen von vornherein die moralisch Guten sind). Kunst ist für mich gemeinschaftsstiftend und hat immer auch mit konkreten Inhalten und Menschen zu tun.

Die Gründung des Karpatentheaters (ein interdisziplinäres multinationales Künstlernetzwerk mit Basis hat es in Javoriv in den ukrainischen Karpaten; weitere Spielorte in Köln und Berlin. Künstler verschiedener Sparten und Medien arbeiten jeweils gemeinsam an temporären Projekten: vertreten sind neben Schauspiel und Tanz, Fotografie, Videokunst, Musik und Bildende Kunst) beispielsweise ist eine derartige FORM, und meine Behausungen/Zelte sind Orte, die Kollektive schaffen können. Vielleicht ist es die Erfahrung von Geschichte – schon rein persönlich, durch meine eigene Vergangenheit, verstehe ich Kunst auch als Gesellschaftsarbeit. Gesellschaftliche Verhältnisse sind das Produkt von Geschichte, und die ist das Handeln von Menschen. Die Kunst bietet die Chance, eine „Bühne“ zu schaffen, um verschiedene Inhalte erfahren und „verhandeln“ zu können. Auch solche, die spezifisch aus der Kunst mit ihren formalen, materiellen und kunstgeschichtlichen Bezügen kommen. Die Kunst ist für mich ein Medium, das uns Transzendenz ermöglicht, ein Medium in dem wir uns selbst, unsere Zeitgenossenschaft, den Anspruch anderer und das beglückend Unerwartete erfahren können,

Gibt es Vorbilder, die Sie inspirieren?

Es gibt meine Heldinnen und Helden, es gibt inspirierende Menschen und es gibt großartige Kunstwerke. Es gibt Künstler*innen, Theatermacher*innen und viele Menschen, die für mich wichtig waren und sind. Es gibt auch zufällige Ereignisse, Menschen, die interessante Geschichten erzählen oder von Schicksalen berichten. Ich denke, meine Vorbilder finde ich meistens in und mit jenen Menschen, die mir in meinem Leben begegnet sind.

Ivan Bazak, besten Dank für die Einblicke in Ihre Arbeit!

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