„Mich interessieren historische, politische oder gesellschaftliche Umbrüche und wie sie sich in urbane Räume einschreiben.“ INTERVIEW mit Anton Roland Laub

Der Stadtraum Bukarest veränderte sich in den 1980er Jahren drastisch. Die Neugestaltungspläne unter Ceaușescu zerstörten mehr Stadt als die Bomben im Zweiten Weltkrieg: Ganze Straßenzüge wurden abgerissen, ein Drittel der Altbausubstanz musste der ‚Systematisierung’ durch das repressive Regime weichen. Erst auf Drängen der intellektuellen Elite in Bukarest und in der Diaspora schaltete sich die UNESCO ein, wodurch einige historisch wertvolle Gebäude, darunter orthodoxe Kirchen, verschont blieben. Allerdings nahmen die Rettungspläne ein bislang ungekanntes Maß der Absurdität an. Während die Bevölkerung am Existenzminimum lebte, wurden weder Aufwand noch Kosten gescheut, um die Kirchen aus dem Boden zu lösen, sie auf Schienen zu heben und sie manchmal nur wenige Meter von ihrem ursprünglichen Ort entfernt wieder abzusetzen. So ließ man sie hinter einem Vorhang aus sozialistischen Neubauten verschwinden, die Kirchen waren von der Straße aus nicht mehr sichtbar. Sie wurden aus dem Stadtbild gelöscht, nicht aber aus dem Gedächtnis der Zeitzeugen.

Anton Roland Laub, Serie "Mobile Churches", 2013-2017

Anton Roland Laub, Serie „Mobile Churches“, 2013-2017

Wie lässt sich die Bewegung eines Gebäudes einfangen, das seit dreißig Jahren stillsteht? Noch immer sind die versetzten Kirchen in Hinterhöfen eingeklemmt. Paradoxerweise wurden dadurch aber Wohnraum und Sakralraum einander angenähert. Heute spiegeln die sorgfältig restaurierten Kirchen den neo-orthodoxen Trend wider, während die ehemals sozialistischen Neubauten bereits zerfallen.

Der Fotograf Anton Roland Laub, der in Bukarest geboren und aufgewachsen ist und heute in Berlin lebt und arbeitet, hat die versetzten „mobilen Kirchen“ in einer Fotoserie über mehrere Jahre hinweg begleitet. Im Jahr 2017 wurde er mit der Arbeit „Mobile Churches“ für den Dummy Book Award beim Internationalen Fotografie Festival Les Rencontres d’Arles und beim Unseen Photography Festival in Amsterdam nominiert. Das folgende Fotobuch erschien als dreisprachige Ausgabe (De / Fr / En) im Kehrer Verlag, Heidelberg. Im Jahr 2018 wurde er mit der Fotoserie „Mobile Churches“ für den New Discovery Award in Les Rencontres de la Photographie in Arles nominiert. Seit 2017 ist er in der Kehrer Galerie, Berlin, vertreten.

Derzeit ist die Fotoserie Mobile Churches in der Gruppenausstellung transformare, kuratiert von Frizzi Krella, in der Galerie der Guardini Stiftung in Berlin bis zum 14. Dezember zu sehen.

Im Interview mit deconarch.com erzählt Anton Roland Laub, wie es zur Arbeit zu den „mobilen Kirchen“ kam, erläutert die Geschichte(n) dahinter und gibt Einblick in seine Arbeitsweise.

Infotext in Auszügen aus www.antonlaub.de

all illus. (c) Anton Roland Laub
www.antonlaub.de

INTERVIEW

Wie ist die Serie Mobile Churches entstanden? Sie ist eng verknüpft mit der jüngeren Geschichte Rumäniens.

Anton Roland Laub, Serie "Mobile Churches", 2013-2017

Anton Roland Laub, Serie „Mobile Churches“, 2013-2017

Als ich mit meiner Partnerin im Sommer 2012 in Bukarest war, fiel ihr auf, dass sich Menschen, jung wie alt, bekreuzigen, sobald sie an einer orthodoxen Kirchen vorbeikommen, selbst dann, wenn sie nicht sichtbar waren. Wir standen vor einem sozialistischen Häuserblock und sie fragte mich, wo die Kirche sei. So habe ich mich an die versetzten Kirchen erinnert, von denen ich seit meiner Kindheit weiß. Meine Mutter hat mich nach der Schule oft zu den riesigen Baustellen geführt.

Das Thema kam also nicht überraschend, vielmehr hatte ich seit langer Zeit über die Geschichte Bukarests und die drastischen städtischen Veränderungen in den 1980er Jahren und über ihre Bedeutung heute nachgedacht. Meine Familie war selbst betroffen von der traumatischen Umgestaltung der sogenannten „Systematisierung“ der Stadt Bukarest unter der Ceaușescu-Diktatur. Eines der Elternhäuser wurde früh enteignet, das Elternhaus meiner Mutter wurde zwangsabgerissen, das andere blieb nur verschont, weil zuvor die Wende im Dezember 1989 kam.

Wie wurde mit den Kirchen verfahren?

In den 1980er Jahren ließ Ceaușescu  ein Drittel des historischen Zentrums abreißen, um aus Bukarest eine Stadt nach sozialistischem Modell zu machen, mit imposanten Gebäuden und breiten Alleen zu Ehren des Regimes. Mehr als zwanzig Kirchen fielen der Zerstörungswut des Regimes zum Opfer. Trotz besonderer Verbissenheit im Umgang mit den Kirchen bleiben sieben von ihnen verschont, wobei ihnen eine ebenso außergewöhnliche wie absurde Behandlung widerfuhr: Sie wurden angehoben und auf Schienen an einen anderen Ort versetzt – manchmal wurden sie nur wenige Meter von ihrem ursprünglichen Ort wieder abgesetzt. Hierfür entwickelte der Ingenieur Eugeniu Ion Iordăchescu ein aufwendiges Verfahren.

Nach ihrer Versetzung wurden die Kirchen von Wohnblöcken im sozialistischen Stil umbaut. So ließ man diese Landmarken hinter einem Vorhang aus sozialistischen Neubauten verschwinden.

Mobile Churches, 2013-2017 © Courtesy Ing. Eugeniu Iordachescu

Mobile Churches, 2013-2017 © Courtesy Ing. Eugeniu Iordachescu

Andere Gebäude, darunter die polnische Synagoge, werden zwar nicht versetzt, jedoch von sozialistischen Plattenbauten verdeckt, so dass sie, wie die versetzten Kirchen ,von der Straße aus nicht mehr sichtbar sind. So wurden sie aus dem Stadtbild gelöscht, nicht jedoch aus dem Gedächtnis der Zeitzeugen.

Es war schwierig, manche Kirche ausfindig zu machen, denn die gesamte Topografie hatte sich verändert mit neuen Straßennamen etc. Auch die Namen einiger Kirchen veränderten sich. Über einen Zeitraum von mehreren Jahren habe ich in Bukarest die sieben versetzten Kirchen fotografiert.

Ist diese Art des Arbeitens typisch für dich? Gehst du eher konzeptionell vor oder „findest“ du deine Themen während des Arbeitens?

Meistens es gibt einen Impuls, auch wenn mich ein bestimmtes Thema schon über einen langen Zeitraum beschäftigt hat. Es kann von etwas Sichtbaren ausgehen, aber auch von einer abstrakten Idee. Zuvor gibt es den Wunsch, etwas zu tun, vielleicht eine Intuition. Ich wollte mich schon lange mit Bukarest und dem Ceaușescu-Regime beschäftigen. Von Beginn an hat mich die Absurdität und die Widersprüchlichkeit an dem Thema der versetzen Kirchen interessiert, deswegen habe ich mich mit den Kirchen beschäftigt. Es gab weitere profane Gebäude, die ebenfalls in den 1980er Jahren von demselben Ingenieur versetzt wurden, zum Beispiel um eine Straße zu erweitern.

Für die Mobile Churches-Fotoserie habe ich zunächst sehr traditionell begonnen mit Großformatkamera. Je länger ich vor Ort fotografierte, desto mehr war ich mit einer Reihe von Fragen konfrontiert, so dass ich begann, digital zu fotografieren und mit Verfahren des Stichtings zu arbeiten. In den ersten Jahren habe ich die Kirchen ausschließlich in ihrer städtischen Umgebung von außen fotografiert. Erst später ging ich in die Kirchen hinein. Ein Bild, welches auch in dem Fotobuch Mobile Churches zu sehen ist, zeigt ein Fresko in der Mihai Vodă-Kirche, der ältesten der versetzten Kirchen, neben dem Kirchengründer Mihai Viteazul den Marschall Rumäniens im Zweiten Weltkrieg, Ion Antonescu. Antonescu hat sein Land an der Seite der Achsenmächte in den Zweiten Weltkrieg geführt. Unter seiner Regierung fielen hunderttausende Juden dem Holocaust zum Opfer. Im krassen Gegensatz zur Existenz des Freskos in der Mihai Vodă-Kirche führt eine Informationstafel in der Synagoge Mare Poloneza Antonescu als Naziverbrecher auf. Das Bild ist ebenfalls im Fotobuch enthalten.

Diese Zusammenhänge wurden mir erst bewusst, als ich mit den Innenaufnahmen begann. Während des Arbeitsprozesses bin ich also auf verschiedene Widersprüche und ungelöste Überbleibsel der Vergangenheit gestoßen. Hier erhebt sich die Frage, wie die rumänisch-orthodoxe Kirche heute mit ihrer Vergangenheit, ihrer engen Symbiose mit dem Staat umgeht.

Anton Roland Laub, Serie "Mobile Churches", 2013-2017

Anton Roland Laub, Serie „Mobile Churches“, 2013-2017

Neben der fotografischen Arbeit steht auch die theoretische Recherche …

Parallel zum Fotografieren begann ich zunächst mit Recherchen in unserem Familienarchiv. Es folgte eine historischen Recherche, ich beschäftigte mich mit den Details, suchte nach Archivmaterial, habe Gespräche mit Stadtplanern und Architekten geführt, bis ich schließlich auch den damaligen Ingenieur Ion Iordachescu traf, dies nach Ermutigung durch die Kuratorin Sonia Voss, die auch Herausgeberin des Fotobuchs Mobile Churches ist, welches dreisprachig beim Kehrer Verlag in Heidelberg erschienen ist.

Anton Roland Laub, Serie "Mobile Churches", 2013-2017

Anton Roland Laub, Serie „Mobile Churches“, 2013-2017

Da der städteplanerische Entwurf zur Systematisierung von Bukarest unter Ausschluss der Öffentlichkeit konzipiert wurde, ist die Quellenlage heute spärlich. In Archiven finden sich keine Zeichnungen, Skizzen und Pläne von damals. Eine Erklärung hierfür lautet, dass es Ceaușescu Schwierigkeiten bereitet habe, zweidimensionale Pläne zu verstehen, so dass ihm die verschiedenen Entwürfe ohne Skizzen und Zeichnungen direkt am Modell vorgestellt worden seien. Und auch in Zukunft scheint sich der Zustand der Archive nicht zu verbessern, wenn heute Angeklagte wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit aus der Wendezeit als Direktoren von Archiven eingesetzt werden …

Welche Themen beschäftigen dich generell?

Mich interessieren besonders historische, politische oder gesellschaftliche Umbrüche und wie sie sich in urbane Räume einschreiben und was sie bedeuten für das eigene Lebensumfeld. In Bukarest kam es zu massiven Veränderungen im städtischen Raum unter der Ceaușescu-Diktatur. Wie sind sie heute zu bewerten, welche Rolle spielt hierbei die Wende? Mit Mobile Churches habe ich mich mit Erinnerungsdiskursen beschäftigt, auch konkret mit Techniken des Erinnerns, wie die Methode der loci, wie sie in Ciceros Geschichte über Simonides von Keos beschrieben ist. Dieser entdeckte eine neue Methode der Gedächtniskunst, nachdem ein Bankett, zu dem er als Dichter geladen war, auf tragische Weise geendet hatte. Gerade als Simonides heraus gerufen worden war, stürzte das Dach des Festsaals ein, wodurch alle Gäste bis auf Simonides umkamen. Nur über die Tischordnung gelang es ihm, die Toten zu identifizieren. Über einen spezifischen Ort werden also Erinnerungen aktualisiert. ‚Mnemophobia’ ist auch ein Begriff, der mich beschäftigt. Bis heute hat in Rumänien keine Erinnerungsaufarbeitung der jüngeren Vergangenheit von offizieller Seite stattgefunden, wie die aktuellen Umwälzungen in Politik und Gesellschaft in Rumänien zeigen.

Woran arbeitest du aktuell?

Es gibt mehrere Fotoserien, an denen ich z.Z. arbeite und recherchiere. Für eines greife ich auf mein Familienarchiv zurück.

Anton Roland Laub, herzlichen Dank für die intensiven Einblicke in ein vielen wenig bekanntes Kapitel der jüngeren Geschichte!

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