„Die geradlinige Auseinandersetzung mit dem Thema Architektur.“ INTERVIEW mit Sven Hamann

Was passiert, wenn ein Architekt Kunst macht?

Ein weiterer Architekt und Künstler, der sich mit dem Verbindung von Architektur und Kunst beschäftigt, ist Sven Hamann, den ich vor Kurzem vorgestellt habe. Ich freue mich sehr, ihn und seine Arbeit im folgenden Email-Interview näher präsentieren zu können.

(Abbildungen © Sven Hamann)

o.T. – #095_16080_08, Mischtechnik auf Leinwand 2008, 160/80 cm

INTERVIEW

Wieso wird ein studierter Architekt Künstler?

Um das zu beantworten muss man noch einen Schritt zurückgehen und sagen, warum ich Architektur studiert habe. Mein Wunsch, kreativ zu arbeiten, stand von Anfang an im Vordergrund – in welcher Ausprägung das sein sollte, war mir zu Studienbeginn selbst nicht ganz klar. Entsprechend war ich mir unsicher bei der Wahl des Studiengangs. Doch schnell merkte ich, dass mich das Thema Architektur fesselte – daran hat sich bis heute nichts geändert. Ich habe also mein Diplom gemacht und begann nach einer Phase mit Wettbewerben (auch im Bereich der Kunst) als angestellter Architekt zu arbeiten. Dabei merkte ich aber sehr schnell, dass der Berufsalltag wenig Spielraum für Kreativität in meinem Sinne zuließ und meinem Wunsch, eigene Ideen zu verwirklichen, durch gesetzliche Vorschriften und Bauherren starke Schranken gesetzt wurden. Da mein damaliger Arbeitgeber selbst auch erfolgreicher Künstler war, hatte ich einen guten Einblick in die Praxis eines Künstlers. Das war der Anfang.

Wer war dieser Arbeitgeber?

Das war der mittlerweile verstorbene Prof.Klaus Neuper, ein bekannter Maler.

Wie ging es nach dieser ersten Begegnung mit der Praxis eines Künstlers weiter? Hast du eine Zeit lang als Architekt und Künstler parallel gearbeitet oder schnell den Sprung ins kalte Wasser gewagt und nur als Künstler gearbeitet?

Was die Architektur angeht, gab es dann einen harten Schnitt. Als Architekt zu arbeiten und das gleiche Thema künstlerisch umzusetzen war für mich ein Widerspruch. Natürlich konnte ich nicht von meiner Kunst leben, sodass es noch andere Einkommensquellen gab.

Seit 2002 bist du freischaffender Künstler, nachdem du davor ein paar Jahre als Architekt gearbeitet hast. Wie beeinflusst das Architekturstudium bzw. die Architektur deine Kunst, etwa bei der Arbeitsweise und/oder bei der Themenwahl?

o.T. - #092_6080_08, Mischtechnik auf Leinwand 2008, 60/80 cm

Sven Hamann: o.T. – #092_6080_08, Mischtechnik auf Leinwand 2008, 60/80 cm

Als ich den Beruf des Architekten ausgeübt habe, wurde mir bei vielen Projekten bewusst, wie wenig sich Bauherrn mit dem Thema und der Theorie der Architektur auseinandersetzen. Entsprechend schwierig waren für mich die Bauvorhaben, da ich es mit den mir vorhandenen Mitteln nicht schaffte, für das Thema Architektur zu sensibilisieren. Ganz anders in der Kunst – hier kann ich mich unabhängig von äußeren Anforderungen auf einen Aspekt konzentrieren und diesen ausarbeiten.

Du möchtest für das Thema Architektur zu sensibilisieren: Welche Ziele verfolgst du mit deinen Arbeiten?

Ich möchte die Menschen für das Thema der Architektur begeistern und sensibilisieren und den Blick des Betrachters für Architektur schärfen.

Warum ist es nötig und wichtig, den Blick für Architektur zu schärfen? Welche Bedeutung hat Architektur für uns?

F08_060R - Fotografie 2008, 75/50 cm, Auflage 3+1

Sven Hamann: F08_060R – Fotografie 2008, 75/50 cm, Auflage 3+1

Wir sind in unserer Zivilisation permanent mit Architektur umgeben, verbringen einen Großteil unseres Lebens darin – allein dadurch ergibt sich schon der zwingende Bedarf, sich der Thematik zu stellen. So wie wir uns beispielweise mit dem Thema Mode beschäftigen, das uns unmittelbar auf der Haut betrifft, wünsche ich mir eine Auseinandersetzung mit der räumlichen Hülle, die uns als Menschen umgibt. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass das Thema Architektur bereits in der Schule stärker eingebracht werden müsste. Vielleicht könnte man so auch eine intensivere Auseinandersetzung erreichen, was mein Anliegen wäre – ich möchte keine Meinung vorgeben nach dem Motto: Das ist gut und dies ist schlecht – sondern animieren, sich auseinanderzusetzen und ein eigenes Urteil zu bilden.

Ein interessanter Gedanke, Architektur schon in der Schule stärker einzubringen. Ich möchte gern später darauf zurückkommen.

Zunächst aber zurück zu deinen Arbeiten. Mittlerweile bist du seit 6 Jahren freischaffender Künstler und arbeitest sowohl mit Fotografie als auch mit Malerei. Warum diese beiden Medien Fotografie und Malerei?

F07_021 - Fotografie 2007, 40/30 cm, Auflage 5+1

Sven Hamann: F07_021 – Fotografie 2007, 40/30 cm, Auflage 5+1

Es gibt Aspekte, die kann ich besser mit der Fotografie transportieren, andere mit der Malerei. Mein Anfang in der Fotografie war auch in meiner Studienzeit – ich glaube, es gibt kaum einen Architekturstudenten ohne Kamera. Hier stand der dokumentarische Aspekt im Vordergrund. Schnell merkte ich aber, dass natürlich die Art der Perspektive entscheidend ist, wie und was der Betrachter wahrnimmt. In der klassischen Architekturfotografie wird meist mit Perspektive gearbeitet, um die räumliche Situation festzuhalten. Mir geht es aber in meiner Fotografieserie, die mittlerweile auf fast 70 Arbeiten angewachsen ist, um die Fassade. Die von mir gewählte Perspektive, die eigentlich gar keine Perspektive ist, sondern ein frontales zweidimensionales Abbild der Fassade, erzwingt eine Beschäftigung mit der Fassade, da der Blick nicht der Perspektive zum Fluchtpunkt folgen kann, da es keinen Fluchtpunkt gibt. Also ein Spiel mit der Wahrnehmung des Betrachters, um gewohnte Seh-Muster aufzubrechen.

Ein Verfremden der gewohnten Seh- und Sichtweisen?

Ich glaube, Verfremden ist nicht der richtige Begriff – es ist eher ein Zwingen zu einer anderen, direkten Sichtweise. Auch der Sichtweise des Architekten beim Prozess der klassischen Fassadengestaltung.

Auf die Fassaden komme ich gleich zurück. Die Fotografien haben keine Titel, nur einen Nummerncode. Warum?

Die Fotografien sind eine umfangreiche Serie, die in den letzten Jahren seit 2006 entstanden sind. So wichtig mir jede einzelne Fotografie, jede einzelne Fassade ist, so wichtig ist mir letztendlich die Gesamtheit, die Serie. Dabei ist ein ganz wichtiger Aspekt das Lösen der Architektur aus ihrem baulichen Kontext – sprich, das Extrahieren aus der Umgebung der gezeigten Architektur. Nur dadurch ist ein ortsunabhängiger Blick und ein Vergleichen möglich. Es gibt zum Beispiel die typischen Plattenbaufassaden in Ostdeutschland. Genau den gleichen Typus findet man aber auch in fast jeder westdeutschen Stadt, nur nicht so gehäuft.

Deswegen lässt auch der Code, der den Titel ersetzt, einen Schluss auf den Ort nicht zu.

Wie und warum kam dann die Malerei dazu? Wie entsteht ein Gemälde? Wird es inspiriert von den Fotografien?

o.T. - #091_8060_08, Mischtechnik auf Leinwand 2008, 80/60 cm

Sven Hamann: o.T. – #091_8060_08, Mischtechnik auf Leinwand 2008, 80/60 cm

Die Malerei war von Anfang an ein Medium, das ich nutzen wollte, da es mir andere Möglichkeiten bietet als die Fotografie. Die erste Phase war geprägt durch viel Probieren, mit welcher Technik ich meine Ideen am besten transportieren konnte.

Ich werde oft gefragt, ob ich meine Fotografien in der Malerei „umsetze“. Es ist jedoch kein Kopieren in das Medium der Malerei, sondern eine abstrahierte Inspiration, die auch formale Gründe hat.

Nämlich welche?

Proportionen, Material, Farbe, Geometrie.

Kommen wir zurück zu den Fassaden, die in deiner Arbeit eine wichtige Rolle spielen. In gewisser Weise werden deine Gemälde „gebaut“, nämlich geschichtet und durch typische „Baumaterialien“ geformt (Lehm, Sand, Zement). Hat dieser Gedanke eine Rolle gespielt bei der Entscheidung, mit diesen Materialien zu arbeiten?

Andeutungen - #041_LW_2430_1006, Mischtechnik auf Leinwand 2006. 24/30 cm

Sven Hamann: „Andeutungen“ – #041_LW_2430_1006, Mischtechnik auf Leinwand 2006. 24/30 cm

Ich habe schon im Studium viel gezeichnet und auch skulptural gearbeitet – es kam dann die Phase, in der ich viel probiert habe. Es fing an mit Wandobjekten aus Stahl, wobei mich hier der Prozess des Rostens (Thema ästhetischer Reiz des Vergänglichen) interessierte. Es folgte eine Phase mit Objekten aus Beton, bis ich schließlich bei meiner momentanen Technik gelandet bin, mit der ich sehr gut das Thema der Fassade und dem „Dahinter“ transportieren kann. Dabei war es für mich immer sehr wichtig tatsächlich auch mit Materialien zu arbeiten, die einen starken Bezug zur realen Architektur haben.

Das „Dahinter“ der Fassade – wie meinst du das? Den Raum hinter der Fassade oder das Material, aus dem die Fassade aufgebaut ist?

Das rein Bautechnische – wie ist tatsächlich eine Fassade aufgebaut – spielt eine untergeordnete Rolle. Allerdings kann ich hier durch die Materialität und durch das haptische Moment meiner Arbeiten auch dafür sensibilisieren.

Mein Fokus liegt in der Malerei jedoch auf dem Individuellen, was hinter der gebauten Fassade liegt: Das, was sich uns in Ausschnitten durch die Fassadenöffnungen zeigt. Es sind zwar „nur“ Ausschnitte und kleine Einblicke, die uns aber sehr viel sagen über das, was sich dahinter befindet – und damit meine ich nicht (nur) das Materielle, sondern den Menschen und letztendlich unsere Gesellschaft, denn Architektur ist die Hülle unserer Gesellschaft.

Arbeitest du – neben Fotografie und Malerei auch mit anderen Medien?

Ich werde im Februar am Kunstpreis Langwasser in Nürnberg teilnehmen – das Thema: „Urbane Welten“. Dabei werde ich die gesamte Serie der Fotografien als Projektion zeigen. Die Projektion hat für mich zwei Vorteile: Zum einen natürlich die Größe und damit die Präsenz im Raum, zum anderen ergibt sich hier ein ganz neuer Aspekt – nämlich die Interaktion zwischen Betrachter und Projektion in dem Sinne, dass sich je nach Standpunkt des Betrachters sein Schatten auf der Fassade zeigt. Dadurch stellt sich der Rezipient auch eher die Frage: Was hat die Architektur eigentlich mit mir zu tun? Wie beeinflusse ich Architektur?

Das ist der Anfang von raumbezogenen Arbeiten, an denen ich momentan arbeite. Es gibt noch andere Ansätze und Ideen, es wäre aber verfrüht, über diese im aktuellen Stadium zu sprechen.

Wer und/oder was beeinflusst deine Arbeit? Gibt es bestimmte wichtige Vorbilder?

Meine Technik in der Malerei habe ich zum ersten Mal bei Prof. Klaus Neuper gesehen, bei dem ich ja nach meinem Studium als Architekt und Assistent gearbeitet habe. Auch andere bekannte Künstler haben einen sehr „materialistischen“ Malstil wie zum Beispiel der Italiener Giorgio Celiberti oder Antoni Tàpies. Das sind aber reine Vorbilder zur Technik. Beim Thema und der Formensprache habe ich keine konkreten Vorbilder. Wichtig für mich sind meine europaweiten architektonischen Fotografiereisen, die Grundlage meiner künstlerischen Arbeit sind. Durch das Fotografieren und den darauf folgenden Prozess habe ich eine extrem intensive Auseinandersetzung mit der jeweiligen Architektur. Das fängt an bei der Motivwahl, dem Ausschnitt, der passenden Tages- und Jahreszeit, geht weiter über die Belichtungsmessung, die Auswahl der Dias, das Scannen und die ganz wichtige Bearbeitung der digitalen Daten am Computer.

Eine letzte Frage: Was ist deiner Meinung nach charakteristisch für deine Arbeiten?

Die geradlinige Auseinandersetzung mit dem Thema Architektur.

3 Responses to “„Die geradlinige Auseinandersetzung mit dem Thema Architektur.“ INTERVIEW mit Sven Hamann”

  1. genova68

    Feb 04. 2009

    Hallo,
    die Fotografien gefallen mir gut. Arbeitest du denn mit einer Mittelformatkamera oder einem speziellen Objektiv? Oder ziehst du die Fluchtlinien einfach per Photoshop gerade?

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  2. Simone

    Feb 05. 2009

    Danke für den Kommentar! Ich habe nachgefragt und Sven Hamann antwortet Folgendes:

    Ich habe den größten Teil der Fotografien mit einer Standard-Kleinbild-Spiegelreflex gemacht und die Daten digital bearbeitet. Die neuesten Arbeiten sind mit einer Mittelformatkamera entstanden. Spezielle Shiftobjektive für KB und Mittelformat gibt es zwar, sind aber für meine Fotografien kaum ausreichend, sodass eine digitale Bearbeitung auf jeden Fall notwendig ist, die auch über die reine Perspektivkorrektur hinausgeht.

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  1. Art and Events: Design, Fotografie und Kunst » Blog Archive » Architektur in der Kunst: Interview mit Sven Hamann - 13. Februar 2009

    […] seine Arbeit und seine Zielsetzungen. Die vollständige Version des Interviews findet sich auf http://www.deconarch.wordpress.com. […]

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