Kunst als Reaktion auf eine besondere urbane Situation: „Dies bietet für die Künstler ein ungeheuer großes Arbeitsfeld.“ Ein GESPRÄCH über die Galerie M in Berlin

Vor einiger Zeit hat deconarch die Galerie M in Berlin / Marzahn-Hellersdorf vorgestellt, die – seit 2009 die Kunstwissenschaftlerin Karin Scheel die Leitung übernahm – einen besonderen Themenschwerpunkt verfolgt: Präsentiert werden Arbeiten von zeitgenössischen Künstlern und Künstlerinnen, die sich mit dem städtischen Raum auseinandersetzen und auf die besondere urbane Situation vor Ort reagieren. In einem Gespräch hat Karin Scheel mehr über die Zielsetzungen der Galerie M erzählt.
A little while ago deconarch introduced Berlin contemporary art gallery „Galerie M“, pursuing a very special topic since art theorist Karin Scheel is heading the gallery (since 2009): The presentation focusses contemporary art dealing with urban space. As Galerie M is located in the Berlin district Marzahn-Hellersdorf, the artists meet a special and challenging working environment: The district is one of the biggest industrial housing areas constructed 30 years ago,  and commonly seen as a socially deprived area – a very stereotype image distributed by the media.
[[The title translates: Art as a reaction to a particular urban situation: „This offers an enormous working environment to the artists.“ A conversation about Galerie M in Berlin]]

Galerie M

Galerie M © Galerie M

Die Galerie – das „M“ im Namen steht für Marzahn, eigentlich für Marzahn-Hellersdorf, der Lage der Galerie – ist nicht nur die einzige Galerie für zeitgenössische Kunst in diesem Berliner Bezirk, sie ist auch in ihrer Ausrichtung und Zielsetzung so individuell, dass es dafür keine Vorbilder gibt. Der thematische Schwerpunkt entspringt der besonderen räumlichen Situation der Galerie: Marzahn-Hellersdorf ist wohl die größte zusammenhängende Siedlung industrieller Bauweise in Europa und war die größte Großwohnsiedlung im Gebiet der ehemaligen DDR. Sie wurde zwischen Mitte der 1970er und Ende der 1980er Jahre vorwiegend in Plattenbauweise als durchgrünte Stadtlandschaft um das alte Dorf Marzahn und das Gut Hellersdorf errichtet.

 

Ortsteilserie Marzahn - Blick auf Alt-Marzahn, Foto: Michael Brunner

Ortsteilserie Marzahn – Blick auf Alt-Marzahn, Foto: Michael Brunner

Heute wird der Berliner Bezirk weniger mit Kunst und Kultur, dafür umso mehr als sozialer Brennpunkt mit Gewalt, Ausländerfeindlichkeit, Hartz IV in Verbindung gebracht. Ein sehr vorurteilsbeladene Sichtweise, so Scheel: „Ich sehe die Lage der Galerie nicht als sozialen Brennpunkt. Natürlich wird dies immer vermutet, das ist aber vor allem dem klischeehaften Bild des Bezirkes in den Medien zuzuschreiben. Es ist aber so, dass zeitgenössische Kunst im hiesigen Umfeld kaum bis gar keine Rolle spielt. Dies bietet für die Künstler ein ungeheuer großes Arbeitsfeld.“

Marzahn

Blick auf die Großsiedlung Marzahn © www.stadtentwicklung.berlin.de

Tatsächlich gibt es in Marzahn-Hellersdorf  aber viele Kunstwerke, vorrangig im öffentlichen Raum, zu denen nach 1990 noch einige hinzu kamen. Eine Publikation des Bezirksamtes Marzahn-Hellersdorf versammelt diese umfassend gestalteten Stadträume aus 30 Jahren (Kunst in der Großsiedlung. Kunstwerke im öffentlichen Raum in Marzahn und Hellersdorf. Eine Dokumentation, ISBN 978-3-00-026730-7).

Galerie M _ innen

Galerie M innen © Galerie M

Für temporäre Kunstprojekte ist der öffentliche Raum hier jedoch noch kaum erschlossen. Dabei fordert gerade dieses Umfeld zu künstlerischer Auseinandersetzung heraus. Darauf will die Galerie M reagieren und lädt gezielt zeitgenössische Künstler ein, vor Ort zu arbeiten. Ausgewählt werden diese einzig und allein der Qualität ihrer künstlerischen Arbeit wegen.

Gemeinsam mit den Künstlern werden die Inhalte der Ausstellung entwickelt, immer im Hinblick auf den konkreten Ort, der in den Arbeiten reflektiert wird: „Die Einbeziehung des öffentlichen Raumes kann sich hier auf einer rein gedanklichen, aber auch auf einer konkreten Ebene entwickeln. Diese intensive künstlerische Auseinandersetzung mit einem fast (Gegenwarts-)kunstfreien Raum hat immer etwas Prozesshaftes und kann auch partizipatorische Elemente enthalten. Überschneidungen mit soziologischer, architektonischer oder auch philosophischer Arbeit sind bei diesem Konzept beabsichtigt.“

Zugrunde liegt die Vorstellung, dass Kunst nicht als universell verwendbares Atelierprodukt zu verstehen ist. Es geht jedoch auch nicht um simples Spiegeln von dem, was ist.  Die individuelle künstlerische Arbeitsweise bestimmt den Charakter und das Thema der jeweiligen Ausstellung.

Durch diese besondere Herangehensweisen haben die Ausstellungen oft einen sehr langen Vorlauf.  Eben dies ist es jedoch, das die spezielle Vorgehensweise der Galerie M auszeichnet. Dass dieser Ansatz der intensiven künstlerischen Auseinandersetzung mit dem architektonischen und sozialen Umfeld vielversprechend ist, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass die vergangenen Ausstellungen der Galerie M neben dem „klassischen“ Galeriepublikum auch viele Bewohner Marzahn-Hellersdorfs in die  Ausstellungsräume lockten.  Zeitgenössische Kunst in Marzahn? Auf jeden Fall, so Karin Scheel, denn „Kunst und Kultur gehören nun einmal zum Leben dazu, nicht nur als nette Accessoires.“

Karin Scheel, vielen Dank für das Gespräch!

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