“Künstlerisches Arbeiten ist ein Prozess der ständigen Entwicklung und Neuformulierung.” INTERVIEW mit Mario Hergueta

Mario Herguetas Arbeit kreist um die Auseinandersetzung mit Raumthemen und Sprache. Was zunächst gegensätzlich scheint, fügt sich bei ihm zu komplexen skulpturalen Rauminstallationen, aber auch in Zeichnungen und Modellen zusammen. Hergueta verbindet Architektonisches mit Sprache. Sein Arbeitsprozess entnimmt viele Entwurfsprozesse und –verfahren aus dem typischen Architekturentwerfen. Aktuellere Arbeiten finden sich zudem verstärkt auch im öffentlichen Raum, besonders in Form von Kunst am Bau-Projekten, etwa Curatio (2008) im Universitätsklinikum Mainz (2008).

Dämmraum

Dämmraum, 1996

In Dämmraum, schon 1996 im Schloss Waldthausen, Mainz entstanden, kommen zentrale Themen, die Hergueta beschäftigen und sich durch sein Werk ziehen, zum Ausdruck. Dämmraum besteht aus einem kompakten Volumen aus Dämmplatten, die auf ein Holzgerüst genagelt wurden, die eine Hälfte begehbar, die andere geschlossen und nicht einsehbar – mitten im historischen Schlosssaal ein roher, provisorischer Innenraum? Eine Rauminstallation?

Die Arbeit changiert zwischen in sich geschlossener Skulptur und raumbezogener Insatallation: Der „Grundriss“ des Volumens basiert auf nicht unmittelbar sichtbaren Konturen, die vom kleinen „e“ des Alphabets hergleitet sind: „Hergueta hat in Dämmrau” den negativen Innenraum des Buchstabens ‘e’ isoliert und ihn durch die rechtwinklige Pixel-Auflösung des Computers in eine strikt orthogonale Form transponiert. Man kann dieses Transpositionsverfahren sehr gut in seinen Zeichnungen beobachten. Dort werden die Rundungen und Kurvenzüge einzelner Buchstaben durch rechtwinklige Sprünge interpoliert, die erst bei starker Vergrößerung sichtbar werden. Danach werden sie mit einem speziellen Computerprogamm in die Länge gezogen und verzerrt. Nachdem diese Verfremdung durchgeführt wurde, wird über der resultierenden Grundform ein isometrischer Körper aufgezogen.

Das Resultat dieses Konstruktionsverfahrens ist eine Tektonisierung oder Monumentalisierung des Buchstabens bzw. der Schrift. Der verzerrte Computerbuchstabe wird zu einem Gebäude, einer Skulptur, einer Rauminstallation, einer Hohlform, einem Gefäß oder Behälter für Inhalte. Er verändert, aus dem Kontext der Sprache gerissen und in seiner Lesbarkeit isoliert, seine Funktion und ist kaum mehr wiederzuerkennen. Dasselbe geschieht mit den Gipsmodellen. Sie gehen ebenfalls auf Großbuchstaben, sog. Versalien, zurück, die aus Pappe dreidimensional aufgebaut werden und mit einer Schicht aus Stuckgips abgespachtelt werden. Die Sprache wird durch diesen Prozess der Transposition und Transformation zu Architektur, Plastik, Installation oder einem Monument, das im Prinzip immer von der nahenden Unverständlichkeit bedroht ist.“ (Hans Dieter Huber)

Im Interview mit deconarch.com beschreibt Mario Hergueta seine Faszination am Konstruktiven und an der Sprache, erläutert seinen Arbeitsprozess und verrät, welche produktiven Möglichkeiten im Scheitern stecken.

all illus. (c) Mario Hergueta

INTERVIEW

Welche Rolle spielt die Auseinandersetzung mit dem Gebauten, dem Räumlichen für Ihre Arbeit?

London, 2005

London, 2005

In der Architektur wie in der Skulptur geht es um konkrete und grundsätzliche Probleme, wie das Schaffen von Raum und den Umgang damit. Die Dimensionen und die daraus resultierenden Raumproblematiken, das Verhältnis von tektonischen Rastern und Dekoration, von Innen und Außen, Licht und Schatten, von Funktion und Form sind Aspekte, die mich an Architektur interessieren. Aber auch die körperlichen Erfahrungen, die ich beim Begehen der Räume mache, finde ich spannend. Das sind auch Aspekte, die in einigen meiner Arbeiten auftauchen.

Auch die konstruktive Seite des Bauens spielt eine wichtige Rolle für Sie.

Das Konstruktive der Architektur gefällt mir. Ich habe schon früh die Techniken, die auch bei Architekten Verwendung finden, genutzt: das Modell und die isometrischen Zeichnung als Ausdruck eines Entwurfs, einer Möglichkeit, die in der Form aber auch immer virtuell bleibt. Es sind Anschauungsmodelle, bei denen das rationale und das abstrakte Denken irritiert werden.

In vielen Arbeiten verbindet sich das Bauen mit einer intensive Auseinandersetzung mit Sprache. Was interessiert Sie daran?

PlastiCity (Tokio), 2004/5

PlastiCity (Tokio), 2004/5

Durch mein Arbeiten mit Sprache entdeckte ich enge und vielfältige Beziehungen zwischen Architektur und Sprache. Architektur und Sprache sind elementare menschliche Ausdrucksformen. Die Erkenntnis, dass sich in Architektur und Sprache menschliche Kultur – also auch der Zustand Gesellschaft – manifestiert, macht beides für mich als Bezugspunkt und Material für die Kunst interessant.

In einigen meiner Arbeiten findet sich das wieder. Zum Beispiel in der Reihe von “PlastiCity”, in der Städtenamen als Ausgangspunkt für digitale Transformationen genommen werden, entstehen an Architektur erinnernde Formen, wobei das grundlegende Wort sich auflöst bzw. in der Form aufgeht.

Wie finden Sie Ihre Motive und Themen? Welche Themen beschäftigen Sie?

PlastiCity (Tokio), 2004/5

PlastiCity (Tokio), 2004/5

Das ist sehr unterschiedlich. Impulsgeber kommen oft aus der Arbeit heraus. Da spielt dann das Material und die Technik eine Rolle. Anlass für künstlerische Arbeiten können aber auch Beobachtungen und Dinge sein, die man in den Medien, bei einem Gespräch, in einem Buch, beim Spaziergang aufgegriffen hat. Manchmal fotografiere ich das, schreibe es mir auf oder mache eine kleine Skizze. Oft schreibe ich mir ein Wort oder einen Satz auf, weil mir der Klang oder das Aussehen und die Vieldeutigkeit gefällt. Dann untersuche ich, wann und wie Wörter zu Bildern werden und wie sie mich dazu bringen zu empfinden. Es passiert auch, dass ich beim Aufräumen eine alte Arbeit entdecke, die mich auffordert, da weiterzumachen bzw. da anzuknüpfen. Künstlerisches Arbeiten ist ein Prozess der ständigen Entwicklung und Neuformulierung. Die einmal gewonnenen Erkenntnisse und Themen werden aufgehoben und kontinuierlich aufgearbeitet. Dabei lernt man auch mit Widersprüchen umzugehen.

Und dann hat man ja auch noch die jahrhundertealte Tradition der Skulptur und Malerei. Ich glaube, dass die Themen, mit der sich Kunst heute beschäftigt, sich im Kern nicht von denen von vor Jahrhunderten unterscheiden und auch immer in einer Beziehung dazu stehen. Neben den formalen Problemen sind die existenziellen Fragen nach dem Sein und die Suche nach dem Sinn Themen, an denen man sich abarbeitet.

Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihren Arbeiten?

Berlin, 2004/5

Berlin, 2004/5

Ich verfolge keine vordergründigen Ziele. Vielmehr bin ich am Prozess interessiert und wie sich das Werk daraus entwickelt. Das einfache Umsetzen von vorher ausgedachten Zielen ist da nicht so spannend. Ich denke, dass Kunst keine bestimmte Erwartungen formalisieren muss. Eher im Gegenteil zeichnet sich Kunst durch Nichterfüllung oder Nichtanerkennung solcher Erwartungen aus.

Zugegeben, eine etwas allgemeine Frage, aber dennoch: Warum Kunst?

Das habe ich mich auch schon oft gefragt. Aber eigentlich ist das ja nichts Außergewöhnliches. Die Artefakte aus allen Zeiten bezeugen, dass Kunst, genauso wie die Sprache, ein menschliches Wesensmerkmal ist. Als Kinder drücken wir uns bildnerisch aus, noch bevor wir die Schrift zu nutzen lernen. Leider wird dieses Potenzial schon früh reglementiert und den Konventionen angepasst und es verkümmert. Anscheinend habe ich mir diesen Drang, mich bildnerisch auszudrücken, erhalten. Kunst ist für mich Freiheit und Lust. Klar ist es oft eine ziemliche Quälerei. Es ist ja nicht so, als würde mir alles so zufliegen. Dennoch: Das Unmittelbare und Belebende im künstlerischen Prozess gibt mir eine tiefe Befriedigung.

Welche Möglichkeiten bietet Ihnen die künstlerische Arbeit? 

Allgemein lässt sich sagen, dass künstlerische Prozesse innere Vorgänge initiieren, die zu einem Erkenntniszuwachs führen und einen neuen Blick auf die Dinge, auf sich selbst und die Welt eröffnen. Künstlerisches Arbeiten gibt mir die Möglichkeit, in einen Dialog mit elementaren Problemen zu kommen und mich an den damit verknüpften Fragestellungen abzuarbeiten.

Dämmraum, 1996

Dämmraum, 1996

Ein elementares Problem ist z. B. das Scheitern. Künstlerische Praxis ist nicht denkbar ohne das Arbeiten mit und gegen seine eigenen Unzulänglichkeiten, mit den sich nicht erfüllenden Erwartungen. Beckett hat das treffend auf den Punkt gebracht: “Try again. Fail again. Fail better.” Ich staune immer wieder über die produktiven Möglichkeiten des Scheiterns.

In Ihren Arbeiten reizen Sie besonders auch die Entwicklungen während des Arbeitens. Wie ist ihr Arbeitsprozess?

Nun, auch der ist vielfältig. Ich mag es zu reagieren. Deshalb muss ich als erstes gleich eine Tatsache schaffen. Dann schreibe ich ein Wort auf, wische die Restfarbe eines Pinsels auf dem Papier ab oder beklebe etwa die Arbeitsfläche mit Klebeband. Das ist oft recht intuitiv und rein spekulativ. Damit kann ich dann spielen. Dabei werden die Regeln beim Verlauf des Spiels aufgestellt.

Das ist auch bei den sehr konstruktiv und konzeptuell wirkenden Arbeiten so. Wenn ich mit vorher festgelegtem Regelsystem, wie z. B. Sprache, einer Software oder einem Formenrepertoire arbeite, dann um zu schauen, was es taugt und wo die Lücken sind, die zu Neuem führen. In der künstlerischen Arbeit wird ständig geprüft, verworfen und es werden Entscheidungen getroffen. Oft führt das dazu, dass ich in Serien arbeite, um zu erkunden, was alles damit geht. In der Auseinandersetzung mit einem Medium kann es auch sein, dass sich die dabei aufdrängende Idee nicht in diesem verwirklichen lässt. Dann muss man das Medium wechseln und steht vor neuen Problemen. Wunderbar!

Sie arbeiten mit ganz unterschiedlichen Medien. Warum?

Mural, Painting on a Prison Wall, 2010/11

Mural, Painting on a Prison Wall, 2010/11

Mich interessieren Übergänge, Schnittstellen und Grenzfälle. Deshalb arbeite ich auch mit vielfältigen Medien. Dabei finde ich den Übergang von einer technisch “maschinellen”, konstruktiven zu einer betont “handgemachten” Anmutung und umgekehrt spannend. Als Beispiel gibt es Arbeiten, die auf ein mit dem Computer erarbeitetes Formenrepertoire als Grundlage zurückgreifen, um Handzeichnungen und Skulpturen oder Rauminstallationen zu entwickeln.

Bei diesen Transformationen von einem Medium zum anderen entstehen spannende Konstellationen. Auch Übertragungsfehler und die unterschiedlichen Bedingungen und Anforderungen der Medien spielen da eine entscheidende Rolle. Schon als Kind liebte ich das Spiel “Stille Post”: Man fängt mit etwas an und am Ende nach dem Durchlauf verschiedener Stationen kommt etwas ganz Neues heraus.

Einige Ihrer neueren Arbeiten sind auch für den öffentlichen Raum, als Kunst am Bau-Projekte Entstanden. Welche Herausforderungen stellen sich dabei für Sie?

Curatio, 2008

Curatio, 2008

Wenn ich im Kontext von Architektur arbeite, muss ich mich mit kunstfremden Bedingungen auseinandersetzen. Ich begebe mich in einen angewandten Zusammenhang. Da gibt es Vorgaben, einen Ort und Adressaten. Aus dem Kontext wird ein Thema entwickelt. Das muss alles genauestens analysiert werden, um dann ein überzeugendes und spannendes Werk zu schaffen. Dabei unterliegt dieser Arbeitsprozess meiner Beurteilung und meinen Erfahrungen, die sich in meiner künstlerischen Arbeit begründen. Wobei man die in der freien Arbeit gewonnen Formen und Erkenntnisse nicht eins zu eins in einem angewandten Kontext wie Architektur übertragen kann. Die Kunst muss sich in diesen komplexen Zusammenhängen behaupten und ihre Souveränität bewahren.

Und zum Abschluss: Was ist Ihrer Meinung nach charakteristisch für Ihre Arbeit?

Meine Interessen an Regelsystemen, Architektur und Sprache, Raum und Wand, Konstruktion und Ausdruck tauchen hier und da auf. Für mich stellt das Kunstwerk ein Haus dar mit vielen Türen. Hinter jeder Tür verbirgt sich etwas anderes und nicht für alle Türen haben wir einen Schlüssel. Die Werke haben einen ausgeprägten Eigensinn.

 Mario Hergueta, herzlichen Dank für den Gedankenaustausch!

 

 

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