„Letztendlich ist das, was da aufgelöst wird, nur ein Abbild des Raums. Was mich viel mehr beschäftigt und fasziniert, ist, was ein Bild ausmacht und wie es entsteht. INTERVIEW mit Ralf Brueck

Ein Raum wie gemalt. Verschwommene Farbbahnen, wie mit einem derben Pinsel gezogen. Ein Innenraum, Stoffbahnen an der Wand, üppig drapiert. Vorhanglamellen? Stoffverkleidete Pilaster? Eine Wand, die sich in Farben fast aufzulösen scheint.

Home sweet home, 2014, 120 x 160cm, c-print, plexiglass, woodframe

Home sweet home, 2014, 120 x 160 cm, c-print, plexiglass, woodframe

Ralf Bruecks „Home sweet home“ ist kein Gemälde, zumindest nicht im herkömmlichen Sinne, mit Pinsel und Farbe auf Leinwand gebracht. Sondern eine Fotografie eines tatsächlichen Raums, wie auch die anderen Arbeiten seiner aktuellsten Serie „Dekonstruktion“. Und doch ist es eine Form des Malens, die der Düsseldorfer Künstler hier einsetzt: Die Fotografien werden zum Ausgangsmaterial, mit dem er digital weiterarbeitet. Nicht das – gegebenenfalls inszenierte – Abbild ist Ziel des Arbeitens, sondern aus dem fotografierten Motiv wird „Arbeitsmaterial“ gewonnen für die weitere, die eigentliche Gestaltung. Die Fotografie wird auf eine neue Ebene geführt.

In einem aufwendigen Prozess mit zahlreichen Arbeitsschritten – digital zwar, aber doch nicht mechanisiert, sondern aufwendig geplant, programmiert und umgesetzt, für jede Arbeit von Neuem – untersucht Brueck, was ein Bild ausmacht. Elemente der Fotografie werden herausgegriffen, verändert, neu zusammengefügt.

Im Juli zeigt Ralf Brueck neue Videoarbeiten in einer Einzelausstellung in Düsseldorf, während im Oktober eine Ausstellung im Deutschen Haus New York mit neuen Arbeiten ansteht.

Im Interview mit deconarch.com erläutert Ralf Brueck sein Interesse an Räumen und Architektur, erläutert seine Arbeit der Bildmanipulation in der neuesten Serie „Dekonstruktion“ und verrät die Ironie in ihren Titeln.

  all illus. (c) Ralf Brueck
www.ralfbrueck.com

INTERVIEW

Eine Ihrer aktuellen Arbeiten ist die „Dekonstruktion“-Serie. Stellen Sie uns diese kurz vor?

Die Serie heißt „Dekonstruktion“, weil ich eine Fotografie digital dekonstruiere und sie danach wieder zusammensetze. Das, was dann daraus entsteht, ist ein Bild und keine Fotografie mehr, also etwas Neues. Und ja, die Serie wird weitergeführt. Im Moment arbeite ich an einem Projekt für die Ausstellung im Oktober, in New York. Gerade habe ich in New York in der UNO und in einigen Foyers in Manhattan, z.B. bei CBS oder im Exxon Building, fotografiert. Die neue Ausstellung setzt sich mit amerikanischen architektonischen Ikonen, explizit in New York, auseinander.

Beschreiben Sie uns diesen Prozess etwas genauer – inwiefern wird das Ausgangsbild „destruiert“?

Wirtschaftswunder, 2014, 166 x 206cm, c-print, plexiglass, woodframe

Wirtschaftswunder, 2014, 166 x 206 cm, c-print, plexiglass, woodframe

Ich habe eine Fotografie des Foyer des Dreischeibenhauses in Düsseldorf in meiner „Dekonstruktion“-Serie benutzt. Allerdings zeigt die fertige Arbeit kein Abbild des Foyers. Viel spannender war es, die Fotografie des Foyers als Ausgangsmaterial für die Untersuchung zu benutzen, was ein Bild ausmacht. Das heißt, Elemente des Bildes abzugreifen, zu verändern und neu zusammenzusetzen. Das ist ein eher langwieriger Prozess des Eingriffs, mit Tools aus verschiedenen Bildbearbeitungsprogrammen. Es handelt sich dabei jedoch nicht um Filter oder Effekte, sondern um selbst programmierte Arbeitsschritte, die geplant sind und nicht auf Zufällen basieren.

Stichwort „Dekonstruktion“ – hat Derridas Denken bewussten Einfluss auf die Serie?

Sofern sich das darauf bezieht, die eigene Bildsprache ständig zu hinterfragen, schon.

Sie arbeiten hier mit Architekturmotiven und -formen, was interessiert Sie daran?

Unser Leben wird neben sozialen Faktoren so stark wie nie von urbaner Architektur bestimmt. Die Umgebung, in der ich lebe, war mir schon immer wichtig, und von daher war es ein natürlicher Schritt, die Architektur in meine Arbeit einzubeziehen.

o.T., 1997, 160 x 120cm, c-print

o.T., 1997, 160 x 120 cm, c-print

Im Moment interessieren ich mich wieder mehr für Innenräume. Vielleicht hat das etwas mit meiner Biografie als Künstler zu tun. Ich habe mal eine Serie über Interieurs von deutschen Nachkriegskirchen, die ich „Timecapsules“ nannte, gemacht. Vor nicht allzu langer Zeit wurde ich dann eingeladen, bei einem Buchprojekt über Nachkriegskirchen in Frankfurt mit zu arbeiten. Es hat mir viel Spaß gemacht und mein Interesse an Innenräumen neu geweckt. Immerhin betrachtete ich die „Timescapsules“-Serie seit 12 Jahren als abgeschlossen. Letztendlich ist das, was da aufgelöst wird, nur ein Abbild des Raums. Was mich viel mehr beschäftigt und fasziniert, ist, was ein Bild ausmacht und wie es entsteht.

Ein Vorläufer der „Dekonstruktion“ ist die „Distortion“-Serie … 

„Distortion“ ist für mich jetzt komplett abgeschlossen. Ich bewege mich gerade in eine ganz neue Richtung, die nur teilweise auf „Distortion“ aufbaut. Vorläufer der „Distortion“-Serie wiederum war „Transformer“. Daraus hat sich überhaupt entwickelt, dass ich manipulativ so stark in die Bilder eingreife.

Würden Sie verraten, wo einige der Motive der „Dekonstruktion“-Serie zu finden sind?

Eigentlich auf der ganzen Welt. „Chain of Command“ oder „Going Out With Grandma Elisabeth“ zum Beispiel wurden in einer Galeria Kaufhof-Filiale in Düsseldorf fotografiert, die kürzlich erst geschlossen wurde, während andere in China, USA, Finnland, Israel, Frankreich und Italien entstanden.

04_Going Out With Grandma Elisabeth

Shopping with grandma Elisabeth, 2015, 98 x 160 cm, c-print, plexiglass, woodframe

„Wirtschaftswunder“, „Home sweet home“, „Résistance“ – wie kommt es zu den Titeln? Und welche Rolle spielt Ironie dabei?

Die Titel speisen sich aus einem popkulturellen Background. Aus Literatur, Filmen und Musik. Meistens fällt mir der Titel während der Arbeit ein und ich entscheide mich dann intuitiv.

Ironie? Ich würde eher sagen, da fließt alles mit ein. Ich wähle die Titel meiner Bilder nicht spontan, die Titel haben immer auch etwas mit dem Motiv zu tun.

Wie ist Ihr Arbeitsprozess: Gehen Sie konzeptionell vor oder „finden“ Sie Ihre Themen – und dann die Motive – spontan?

Am Anfang war das Experimentieren ein großer Bestandteil meiner Arbeit. Im Laufe der Zeit wurde das Konzeptionelle aber immer wichtiger. Deshalb liegt den Orten, an denen ich fotografiere, auch immer eine spezifische Bildidee zugrunde.

Das heißt, zuerst entsteht ein Konzept, daraus entwickelt sich eine Bildidee, zu der dann ein Ort gesucht wird?

Genau.

Gorleben, 2011, 120 x 160cm, c-print, plexiglass, woodframe

Gorleben, 2011, 120 x 160 cm, c-print, plexiglass, woodframe

Was liegt einer solchen Bildidee zugrunde, eher formale Fragen, das Spiel mit der Wahrnehmung oder inhaltliche Themen?

Meine Arbeit ist eine künstlerische Arbeit, die ähnlich wie bei einem Maler aus emotionalen, intellektuell inspirierten Situationen entsteht. Weder Warhol noch Picasso, um die Populären zu nennen, haben Werke geschaffen, die eine nicht-künstlerische Aussage haben. Sieht man einmal von „Guernica“ ab.

Was man hin und wieder in der Kunst findet, sind politische Aussagen. Deshalb finden sich in meinen Arbeiten auch nur wenige politisch motivierte Arbeiten, wie zum Beispiel „Gorleben“.

Zurück zu Ihrem Arbeitsprozess …

Ich benutze eine Großformatkamera mit 4 x 5“ Negativen neben einer digitalen Hasselblad Kamera. Ich gehe mehr und mehr dazu über digital zu fotografieren. Für manche Situationen benutze ich aber nach wie vor analoges Filmmaterial. Das wird nach der Entwicklung gescannt und im Computer weiterverarbeitet.

Die Bilder werden dann auf meinem Computer mit Tools wie Lightroom, Aperture und Photoshop bearbeitet. Allerdings nutze ich nicht die Filter dieser Programme, sondern jeder Bildeingriff ist einzigartig. Einige Bilder brauchen, bis sie fertig sind, vier Wochen oder sechs Monate. Manchmal liegen sie auch noch länger auf der Festplatte, bis ich mich erneut mit ihnen beschäftige. Dann kann es aber auch ganz schnell gehen, da alles plötzlich „da“ ist, was ein gutes Bild ausmacht.

Résistance, 2014, 138 x 160 cm, c-print, plexiglass, woodframe

Résistance, 2014, 138 x 160 cm, c-print, plexiglass, woodframe

Die Assoziation mit einem „malerischen“ Arbeiten hatte nicht nur ich bei Ihrer Arbeitsweise. Die Fotografie wird zum Arbeitsmaterial für ein Bild: Welche Möglichkeiten eröffnen sich dadurch für Sie? Warum nicht beim einmal geschossenen Abbild aufhören?

Meine Arbeit beschäftigt sich momentan gerade mit dieser Art von Eingriffen, sie muss sich aber nicht zwangsläufig in der Zukunft nur in diese Richtung weiterentwickeln. Als Künstler sehe ich es als meine Freiheit an, mich immer weiterzuentwickeln, was nicht ausschließt, ein Foto einfach nur zu schießen, ohne Eingriffe vorzunehmen.

Am wichtigsten ist, ob das Ganze für mich in der Quintessenz aussagekräftig ist.

Gibt es Vorbilder, Inspirationen für Ihre Arbeit?

Anfangs fühlte ich mich sehr von William Egglestone, Stephen Shore und anderen beeinflusst. Heute kommt meine Inspiration von Malern und Zeichnern wie Raymond Pettibon, Jonathan Meese und Lucian Freud, obwohl meine Arbeit sich von deren stark unterscheidet.

Sie haben bei den Bechers und Thomas Ruff studiert. Welche Einflüsse gibt es?

Von Thomas Ruff lernte ich, wie wichtig die künstlerische Haltung in der Arbeit ist. Für mich ist es sehr wichtig, meine Arbeit immer wieder zu hinterfragen, mich auf unsicheres Gebiet zu begeben und von Neuem zu beginnen. Und dabei ist es sehr wichtig, sich selbst treu zu bleiben.

Ralf Brueck, herzlichen Dank für die Einblicke in Ihre Arbeit!

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