„Mich interessiert die Architektur als mein Gegenüber in Städten.“ INTERVIEW mit Katja von Puttkamer

In den Nachkriegsjahrzehnten entstanden in ganz Deutschland funktionale Zweckarchitekturen, Großbauten wie Kaufhäuser, Ämter, aber auch Wohnblocks in einer typischen „Plattenarchitektur“ – seriell, monoton, uniform. Was damals als modern galt, wird heute als unschön empfunden. Aber es ist gerade diese Monotonie, die Katja von Puttkamer reizt. Die Malerin sagt gar: „Serielle Fassadenstrukturen reizen mich besonders – je städtischer, desto serieller.“

Von Vorne, Fassadenbilder 2012, Ausstellungsansicht, Galerie Hafemann, Wiesbaden

Von Vorne, Fassadenbilder 2012, Ausstellungsansicht, Galerie Hafemann, Wiesbaden

In ihren Gemälden, die sie häufig auch in raumgreifenden Installationen inszeniert, setzt sie sich mit dieser Grundstruktur der vermeintlich immer gleichen Wiederholung auseinander und erforscht die Fehlstellen, die häufig erst im Detail erkennbar sind.

Aktuell sind Arbeiten von Katja von Puttkamer in Berlin zu sehen:

Lotto

15.06. – 08.08.2013

super bien!, Berlin-Mitte

Im Sommer folgt eine Ausstellung in Franken:

Ortung | Schwabacher Kunsttage im Zeichen des Goldes

10.08. – 01.09.2013

Stadtmuseum, Schwabach

Im deconarch.com-Interview spricht Katja von Puttkamer darüber, was sie an der seriellen Fassade reizt, wie sie zum Thema Architektur für ihre Malerei gefunden hat und gibt zudem Einblicke in ihre Arbeitsweise.

all illus.  (c) Katja von Puttkamer 

INTERVIEW

Eine aktuelle Serie von dir, „Raster & Desaster“, beschäftigt sich mit der so typisch gewordenen „Rasterung“ unseres urbanen Alltags. Mit der Nachkriegsmoderne hat sich die Plattenbauweise durchgesetzt, überall begegnen uns mittlerweile standardisierte, „serielle“ Fassaden. Warum die malerische Auseinandersetzung damit, warum nicht etwa fotografieren?

Von Vorne, Betonbausteine 2012, Ausstellungsansicht, Galerie Hafemann, Wiesbaden

Von Vorne, Betonbausteine 2012, Ausstellungsansicht, Galerie Hafemann, Wiesbaden

Mich beschäftigt die Frage nach dem gemalten Bild. Wie kann ein gemaltes Bild heute aussehen? Die Architektur dient mir dafür als Vorlage. Serielle Fassadenstrukturen reizen mich besonders – je städtischer, desto serieller. Die ornamentalen Fassadenrhythmen aus Betonformstein, Keramik oder Metall finde ich spannend. Sie sind in den 60ern in Ost und West gleichermaßen erdacht worden und galten als absolut modern. Die Kaufhäuser in beiden Teilen Deutschlands wurden damit verkleidet. Sie spiegeln den damaligen Geist der Moderne.

Heute ist es aufwendig, sie zu erhalten, sie haben Patina angesetzt und die Wiederholung des Gleichen ist durch Witterungsbedingungen und Zeit gestört worden. Die Fassadenrhythmen weisen Fehlstellen auf und durchbrechen die Monotonie.

Beim Rekonstruieren der Rasterstrukturen auf der Leinwand nähere ich mich der Vorlage schrittweise an. Die Fehlstellen und Störungen bieten mir einen malerischen Freiraum, hier zeigen sich konstruierende Linien auf der Leinwand, mit denen ich das Bild aufbaue.

Es gibt Gemälde, die diese Fassaden „als Ganzes“, also als ganze Gebäude zeigen, und andere, die die Fassadendetails zeigen. Wie kam es zum Schritt, die Fassadenelemente an sich zu bearbeiten?

Von Vorne, Fassadenbilder 2012, Ausstellungsansicht, Galerie Hafemann, Wiesbaden

Von Vorne, Fassadenbilder 2012, Ausstellungsansicht, Galerie Hafemann, Wiesbaden

Das passiert im Wechsel und ich verstehe es als eine Frage nach dem „Bild“. Das Bild ist in der Kunst auf so unterschiedliche Weise erprobt worden, abstrakt, gegenständlich oder konkret. Im städtischen Raum finde ich diese unterschiedlichen Positionen der jüngsten Kunstgeschichte und kann dann mit den Bildbegriffen spielerisch umgehen.

Warum die Beschäftigung mit Architekturformen? Was interessiert dich daran?

Mich interessiert die Architektur als mein Gegenüber in Städten. Ich betrachte sie nicht als Architekt, sondern als Künstler und sehe gestaltete Flächen. Speziell die Nachkriegsmoderne finde ich spannend, sie ist nicht mehr so, wie sie mal vom Architekten gedacht wurde, sondern hat sich inzwischen gewandelt.

Vor Beginn meines Studiums habe ich auch schon mal über ein Architekturstudium nachgedacht, aber wie sich die Wege ergeben, hat es mich zur Kunst geführt. Das Malen ist meine Leidenschaft und nun verbinde ich beides.

„Raster & Desaster“ – unter diesem Titel hat Helmut Bien einen Text zu meinen Arbeiten verfasst; er bezieht sich auf die Ausstellung „Von Vorne“, die 2012 in der Galerie Hafemann in Wiesbaden zu sehen war. Darin beschreibt er sehr schön, was es heißt, sich einer immer wiederkehrenden Bildstruktur mit seinem malerischen Duktus unterzuordnen.

Du inszenierst deine Arbeiten häufig in einer raumgreifenden Installation, etwa 2009 im Kunstverein Gießen …

Von allen Seiten, 2011, Ausstellungsansicht, Pavillon Haus Burgund, Mainz 2011

Von allen Seiten, 2011, Ausstellungsansicht, Pavillon Haus Burgund, Mainz 2011

In Gießen, dem kleinsten Kunstverein Deutschlands, habe ich einen Papierraum im Innern des Ausstellungsraumes gebaut. Der Neue Gießener Kunstverein ist ein ehemaliger Kiosk und ist an einer viel befahrenen Kreuzung gelegen. Über zwei Seiten läuft ein Fensterband. Für eine Woche habe ich dort vor Ort gemalt, man konnte mich besuchen. Um auf diesem kleinen Raum von weniger als 10 Quadratmetern vor Ort arbeiten zu können und mit der zu großen Besuchernähe umgehen zu können, habe ich den Raum komplett mit Zeichenpapier ausgeschlagen. Lediglich kleine Sehschlitze und eine Türöffnung zum Hineinsteigen blieb offen. Im Innern entstand meine gemalte „Welt“, die Sicht auf Gießen. Vormittags habe ich mit dem Fotoapparat Motive gesammelt und sie am Nachmittag umgesetzt.

Dies war ein sehr konzentriertes Arbeiten, das ich auch als Experiment verstanden habe. Die Ausstellungsbesucher, die mich in dieser Situation aufsuchten, waren unglaublich interessiert an der Architektur ihrer Stadt und an der Art meiner malerischen Umsetzung. Das hat zu einem spannenden Austausch geführt.

Wie – und wo – findest du die Motive und Themen, mit denen du arbeitest?

Am liebsten in mittelgroßen deutschen Städten, die meist nicht recht wissen, was tun mit ihrem architektonischen Nachkriegserbe, jetzt, da diese Fassaden in die Jahre gekommen sind und saniert werden müssten. Für mich sind das Schätze, die ich finde. Vieles ist leider bereits sehr ignorant renoviert worden, das finde ich tragisch.

Von allen Seiten, 2011, Ausstellungsansicht, Pavillon Haus Burgund, Mainz 2011

Von allen Seiten, 2011, Ausstellungsansicht, Pavillon Haus Burgund, Mainz 2011

Mich hingegen reizen umorganisierte Situationen, in denen sich das Leben einer architektonischen Struktur bemächtigt. Hier entstehen neue städtische Wuchsformen, wie etwa bei Kiosken oder kleinen Lebensmittelläden in den Wohnblocks der sechziger und siebziger Jahre. Sie beleben in unternehmerischer Eigeninitiative totgeglaubte Ecken. Diese Situationen dienen mir auch als motivische Vorlage und es gefällt mir, wie sie sich von der einstigen gestalterischen Doktrin weit entfernt haben.

Wie ist dein Arbeitsprozess? Wie entstehen deine Gemälde?

Im Vorfeld nutze ich die Fotografie, sie ist für mich im ersten Schritt eine Gedankenskizze, eine Idee zu einem Bild. Manchmal weiß ich noch nicht recht, was mich an einer bestimmten städtischen Situation reizt. Zeichnungen und erste Gouachen entstehen zur Klärung, Farbe kommt hinzu, mit ihr versuche ich Stimmungen einzufangen.

Wie beeinflusst deine besondere räumliche Situation dein Arbeiten?

Ich lebe in einer ländlichen Region, meine Motive finde ich in den Städten, die ich wegen eines Ausstellungsvorhabens bereise. Ich habe ein ganzes Haus eigens für die Kunst. Es liegt auf der anderen Straßenseite von unserem Wohnhaus. Das Arbeiten verteile ich auf mehrere Räume mit unterschiedlichen Werkstattbereichen. In den Räumen des Hauses spanne ich Leinwände auf und grundiere sie, hier entstehen die großformatigen Leinwände und anschließenden Bilder.

Motive übertrage ich mittels Holzlinealen, oder einer Laserwasserwaage. So entstehen Konstruktionszeichnungen, die im späteren Gemälde teilweise sichtbar bleiben.

Flat, 2011, Ausstellungsansicht, Oberwelt, Stuttgart

Flat, 2011, Ausstellungsansicht, Oberwelt, Stuttgart

Ein weiterer Atelier-Raum befindet sich im Wohnhaus unter meinem Büro, in ihm setze ich Motive, die ich auf meinen Stadttouren gesammelt habe, spontan um. So entstehen kleinformatige Gouachen und Zeichnungen und hier erprobe ich Installationsansichten mit meinen Bildern.

Welche Ziele verfolgst du mit deinen Arbeiten?

Die Malerei ist für mich ein wichtiges Medium, durch sie definiere ich den Bildraum und finde Bildformulierungen. Architektonische Flächen werden zu farbigen Materialflächen im Bild.

In Gießen zeigten sich die Besucher der Ausstellung sehr gerührt, dass ich mich den ungeliebten Nachkriegsarchitekturen mit Pinsel und Farbe nähere. Das finde ich wunderbar, wenn ich auf diesem Weg den Blick auf architektonische Strukturen öffnen kann.

Gibt es Vorbilder, Einflüsse – zum seriellen Malen, zur Abstraktion?

Ja, die Kunstgeschichte und die Architektur haben meist parallele Wege beschrieben. In den 60er Jahren gab es eine Bewegung in der Malerei zu geometrischen Bildstrukturen – François Morellet, Sol LeWitt und Jennifer Bartlett, um nur ein paar zu nennen. Sie sind für mich auch in der Architektur der Nachkriegszeit gegenwärtig.

Eine letzte Frage: Was ist deiner Meinung nach charakteristisch für deine Arbeit?

Mein individueller Blick auf die Stadt. Als Kind habe ich das Gebilde „Stadt“ noch in seinen ganz einfachen Strukturen erlebt, mit klar definierten Funktionen. Für mich ist das eine schöne Ordnung gewesen. Wir haben in der Familie ganze Städte aus Papier gebaut. Es gab die Post, den Bäcker, den Metzger, den Schreibwarenhändler, die Sparkasse und im Zentrum den Kaufhof. Meist haben sie ähnliche architektonische Stile wie die Gebäude des ehemaligen Kaufhof – die Kaufhof-Fassaden sind auch heute noch fast überall großflächigen mit den Formbausteinen von Egon Eiermann verkleidet. Das restliche städtische Bild dagegen hat sich sehr verändert, der Schreibwarenladen ist gleichzeitig eine Postannahmestelle, der Bäcker backt nicht mehr selbst und ist in einer Lebensmittelkette integriert. In meinen Ausstellungen baue ich Fragmente des Realen zusammen und führe sie dem Betrachter auf neue Weise vor.

Katja,  herzlichen Dank für die Einblicke in deine Arbeit!

 

 

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