Modernism in Germany | Weissenhofsieldung Stuttgart Weissenhofmuseum im Haus Le Corbusier

Ende Oktober 2006 wurde das Museum zur Geschichte der weltbekannten Weissenhofsiedlung von 1927 in Stuttgart eröffnet. Das kleine, feine Museum ist untergebracht in einem der bekanntesten Häuser der Architektursiedlung, dem Doppelhaus von Le Corbusier und Pierre Jeanneret in der Rathenaustraße.

The Museum about the history of the renowned Weissenhofsiedlung (1927) in Stuttgart/Germany opened in October 2006. The small, but excellent museum is situated in on of the best known houses: the semi-detachted house by Le Corbusier and Pierre Jeanneret. The left half of the building provides an exhibition about the history of the settlement, the right half is reconstructed in the shape the architects designed in 1927. Thus it is the first house being accesible to the public since the exhibi in 1927 (the others being inhabited or destroyed). Together with a stroll through the Siedlung the Weissenhof provides a first hand experience of modern architecture: the list of the participating architects reads like a „Who’s who“ of modernism.

Während in der linken Haushälfte eine Ausstellung über die Geschichte der Architektursiedlung informiert, wurde die rechte Doppelhaushälfte in vier jähriger Renovierungsarbeit so rekonstruiert, wie sie die Architekten 1927 entworfen hatten. Damit ist erstmals seit 1927 wieder ein Gebäude der Weissenhofsiedlung der Öffentlichkeit dauerhaft zugänglich.

Die Weissenhofsiedlung

Die Weissenhofsiedlung, eines der wichtigsten Zeugnisse der modernen Architektur, entstand 1927 im Rahmen einer Ausstellung des Deutschen Werkbundes. Unter dem Thema „Die Wohnung“ wurden 17 Architekten des Neuen Bauens eingeladen, Modellbauten für den „modernen Großstadtmenschen“ zu entwerfen.

Die Teilnehmerliste der Werkbund-Ausstellung liest sich heute wie ein „Who’s Who“ der modernen Architektur des 20. Jahrhunderts. Unter der Leitung von Mies van der Rohe haben neben Le Corbusier und Pierre Jeanneret unter anderem auch Walter Gropius, Ludwig Hilberseimer, Hans Scharoun, J.J.P. Oud, Bruno und Max Taut Häuser auf dem Stuttgarter Killesberg gebaut. Entstanden sind Prototypen aus richtungsweisenden neuen Materialien und Methoden für die moderne Verbindung von Ästhetik und Funktionalität.

Bei den Zeitgenossen erregte die Weissenhofsiedlung außerordentliche Aufmerksamkeit. Praktisch erfolgreich allerdings waren nicht alle Häuser – nach dem Ende der Ausstellung sollten die Bauten vermietet werden: Für das innovative Doppelhaus von Le Corbusier etwa, in dem heute das Museum untergebracht ist, fanden sich erst nach längerer Suche Bewohner, die darüber hinaus die Inneneinteilung des Hauses grundlegend umgestalteten.

Im Zweiten Weltkrieg wurden viele Gebäude der Weissenhofsiedlung zerstört, weitere nach Kriegsende abgerissen oder in konventioneller Bauweise umgebaut. Von den 33 modernen Bauten sind heute noch 11 Häuser original erhalten. Die Siedlung steht seit 1958 unter Denkmalschutz. Bis auf das Doppelhaus von Le Corbusier/Jeanneret sind alle Gebäude heute bewohnt und daher nicht öffentlich zugänglich.

Eine virtuelle Tour durch die Weissenhofsiedlung gibt es hier.

Das Weissenhofmuseum

(c) SK

Dachgarten Weissenhofmuseum (c) SK

Einen Überblick über die Geschichte der Weissenhofsiedlung von 1927, ihre Entstehungsgeschichte, den Ausstellungsverlauf sowie ihr Schicksal danach bis heute, vermittelt das Informationszentrum des neuen Museums. Mit Hilfe von Schauwänden, zahlreichen Modellen und beweglichen Info-Schubladen nutzt die Ausstellung die verhältnismäßig kleine Schaufläche in der linken Doppelhaushälfte des Le Corbusier/Jeanneret-Gebäudes gewinnbringend – letztendlich handelt es sich um eine 3-Zimmer-Küche-Bad-Wohnung.

Glasstellwände und Markierungen auf dem Boden deuten die ursprüngliche Raumeinteilung an ohne dabei die Veränderungen, die seit den 1930er Jahren durchgeführt wurden, rückgängig zu machen.

Die originale Raumgestaltung der Architekten kann dagegen in der rechten Haushälfte erlebt werden, die über die Dachterrasse erreicht wird. Hier wurden die Farbgebung und der Großteil der Einrichtung nach Le Corbusier/Jeanneret rekonstruiert. Der Besucher erhält einen Eindruck des Hauses, wie ihn auch die Besucher der Werkbundausstellung 1927 gewonnen haben.

Über eine Treppe gelangt man vom Ober-/Dachgeschoss in den ersten Stock, dem eigentlichen Wohnbereich des Gebäudes; im Erdgeschoss befinden sich Haushaltsräume und ein Dienstmädchenzimmer (! was eigentlich den sozialen Anliegen der Zeit widerspricht !), im zweiten Stock eine Büro-Nische sowie die Dachterrasse.

Le Corbusier/Jeanneret-Bau: Fünf Punkte und Maschinenästhetik (Zug)

Das Gebäude ist gemäß der Fünf Punkte Le Corbusiers gestaltet, die er für die Werkbund-Ausstellung erstmals auch schriftlich formuliert hatte: Ein Stützensystem aus Pilotis (Punkt 1) ermöglicht freie Grundriss- und Fassadengestaltung (Punkt 3+5) mit Längsfenstern (Punkt 4) und Dachgarten (Punkt 4).

Gestalterisches Leitmotiv für das transformable Haus ist ein Zugabteil: Drei Zimmer bilden einen großen zusammenhängenden Raum, der durch bewegliche Schiebewände in kleinere Zimmer unterteilt werden kann. Ausgestattet mit Einbaumöbeln können diese Räume nach Bedarf in Schlafzimmer umgewandelt werden – ganz im Sinne des Schlafwagen eines Zuges, in dem „Wohnen“ und „Schlafen“ im gleichen Abteil geschieht, das durch wenige Handgriffe umgestaltet wird.

Verbunden werden die Räume „hinten“ durch einen schmalen Gang, der für den heutigen Besucher erstaunlich eng ist, aber ganz der Logik eines Zugwaggons entspricht: Lediglich für die nächtliche Nutzung gedacht führt er zu den sanitären Anlagen. Nach „vorne“ eröffnet sich aus dem Wohnbereich durch die durchgehenden Längsfenster ein eindrucksvoller Panoramablick über die Stadt.

Die Erfahrung der Gesamtraumwirkung des Doppelhauses sowie die kleinen Details, die nur vor Ort zu beobachten sind, lassen den Besuch im Weissenhof zu einem spannenden Erlebnis werden. So überrascht den Besucher, dass das innovative und mittlerweile weltberühmte Baukonzept Le Corbusiers und Jeannerets doch gemischte Gefühle weckt: Die Innenräume sind kleiner als von außen erwartet, der lange enge Gang und die nüchtern-kalten Einbaumöbel wirken wenig wohnlich. Zugleich wirken jedoch die langen Fensterbänder und der Dachgarten auch heute noch erstaunlich modern und fortschrittlich.

Rundgang durch die Weissenhofsiedlung heute

Unbedingt anschließen sollte man nach dem Besuch im Weissenhofmuseum einen Rundgang durch die Siedlung selbst.

Auch hier gilt: Das Erlebnis des Gesamtensembles vor Ort lässt sich von keiner noch so detaillierten Beschreibung ersetzen. Interessant zu beobachten ist, wie die elf noch erhaltenen Werkbund-Häuser im Laufe der Zeit den Bedürfnissen ihrer Bewohner angepasst worden sind.

Der Eingang von Ouds Reihenhäuser etwa wurde nach „hinten“ an die Straße verlegt, während van der Rohes Wohnblock durch zusätzliche Isolierung „dicker“ geworden ist – deutlich sichtbar an den verkürzten Fenstergittern. Gerade der Mies-Bau wurde stark verändert und ist zu einem am besten angenommenen Häuser der Siedlung geworden. Leichte Ironie der Zeit: Die teilweise enormen Eingriffe in die Bausubstanz sind für den Architekturhistoriker ein Graus, während sie die Absicht des Architekten, einen Nutzbau zu schaffen, der von seinen Bewohnern nach ihren Wünschen mitgestaltet werden kann, bestens erfüllen.

Wohnblock von Mies van der Rohe

Ein weiteres (Einfamilien-)Haus von Le Corbusier und Jeanneret neben dem Doppelhaus ist übrigens die erste Realisierung des sogenannten Haus Citrohan, der Prototyp für Le Corbusiers Wohnmaschinen.

Bemerkenswert ist auch der Kontrast, wo moderne Bauten zwischen später errichteten Häusern stehen und sich die Reaktionen der Bewohner auf die innovative Architektur erkennen lässt: Nachdem zunächst anstelle der zerstörten Häuser traditionelle Gebäude mit „ordentlichem“ Satteldach errichtet wurden, werden etwas später wohlwollender die Neubauten angepasst und mit Flachdach ausgestattet.

Darüber hinaus sind es gerade die kleineren Details, die Rückschlüsse auf das alltägliche Leben der ersten Weissenhof-Bewohner geben und den

Vor-Ort-Besuch zum unersetzlichen Erlebnis machen: So etwa die Vorhangstangen auf dem Balkon des Scharoun-Hauses, das den Bewohnern ungestörte Frühgymnastik an der freien Luft gemäß des anthroposophisch-ganzheitlichen Lebensideals ermöglichen sollte, oder der zentral gelegene Milchladen, der leicht verderbliche Lebensmittel anbot – den ersten europäische Kühlschrank gab es erst 1929.

Ein Besuch im Weissenhofmuseum sowie ein Rundgang durch die Weissenhofsiedlung bietet dem Besucher Architekturgeschichte live. Spannend, aufschlussreich und interessant vermittelt das Info-Zentrum eine Überblick über die Geschichte der Siedlung, die durch den Besuch des rekonstruierten Le Corbusier/Jeanneret-Hauses abgerundet wird.

Die Kochenhofsiedlung

Nur wenige Meter entfernt von der Weissenhofsiedlung befindet sich eine weitere architekturhistorisch interessante Siedlung: Die Kochenhofsiedlung wurd 1933 unter Paul Schmitthenner errichtet als traditionalistisches Gegenstück zum modernen „Kameldorf“ im Weissenhof. Aus diesem Grund wird die Kochenhofsiedlung auch weniger häufig erwähnt. Vor einer vorschnellen Verurteilung sei jedoch gewarnt, da die Planungen bereits 1927, parallel zum Weissenhof begannen. Die nationalsozialistische „Machtergreifung“ hat jedoch eine besonders „traditionalistische“ Version dieser Modellbausiedlung – Satteldachpflicht“ – möglich gemacht.

Weitere Informationen über die Kochenhofsiedlung hier.

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