„Das Geheimnis eines teils verdeckten oder irritierten Raumes ist Antrieb und Ziel unserer Arbeit.“ INTERVIEW mit OSTER+KOEZLE

Es ist eine ungewöhnliche Verbindung der Medien. Seit über fünfzehn Jahren arbeiten der Maler Willy Oster und der Fotograf SG Koezle im Team. Als OSTER+KOEZLE schaffen sie Arbeiten, die auf Architekturfotografie basieren, dabei jedoch malerisch verfremdet und überarbeitet werden – freilich nicht mit Pinsel und Farbe. Das wäre zu klassisch gedacht.

#149, 80 x 120 cm, aus: architectures

#149, 80 x 120 cm, aus: a r c h i t e c t u r e s

Malerisch ist vielmehr die freie Arbeitsweise, wie das Duo mit dem Bildmaterial umgeht. Während Oster aus der konkreten Kunst kommt, ist Fotograf Koezle „still lifer“. Digital wird bearbeitet, Raumansichten werden mit Farbflächen überblendet (in den älteren Arbeiten) oder architektonische Details herausgelöst und neu komponiert (in den jüngsten Arbeiten). So entstehen aus dem Ausgangsmaterial – Raumaufnahmen – eigene Architekturen, a r c h i t e c t u r e s. Diese Räume irritieren und fordern heraus, sie entfalten skulpturale Qualität bis hin zur Auflösung des Raums.

Im Januar sind Arbeiten von OSTER+KOEZLE im Hildener Kunstverein H6 zu sehen – VOM RAUM (16.1.-31.12016) -, während im Monat darauf zum Düsseldorfer Fotoweekend bei der SITTart Galerie eine Auswahl gezeigt wird (12.2-14.2.2016). Auch bei der GROSSEN KUNSTAUSSTELLUNG NRW in Düsseldorf (20.2.-13.3.2016) werden sie vertreten sein. Weitere Ausstellungen sind im VfaKR Oberhausen und in Münster im FAK für September 2016 fest geplant.

Im Doppel-Interview mit deconarch.com erläutern Willy Oster (W.) und SG Koezle (SG) ihre Arbeit im Duo, wie sich Fotografie und Malerei in ihrer Arbeit zusammenfügen und woher das Interesse an Räumlichkeit kommt.

all illus. (c) OSTER+KOEZLE
www.osterundkoezle.de

INTERVIEW

In medias res: Warum das Interesse an Räumlichkeit?

#103, 60 x91 cm, aus: Perspectives

#103, 60 x91 cm, aus: perspectives

SG: Räume sind für den Fotografen immer eine Steilvorlage für die Komposition von Linien, Flächen und Perspektiven.

W.: Nicht mehr genutzter und verlassener Raum enthält durch seine Spuren Geschichten, die Anlass zu Neuinterpretationen bieten.

Das Geheimnis des teils verdeckten und irritierten Raumes ist Antrieb und Ziel unserer Arbeit. Drei Werkreihen haben sich aus dieser Philosophie entwickelt:

Konfrontation von Räumen mit Farbflächen (rooms)
Irritation von Raum durch Farbflächen, die perspektivische Veränderungen erzeugen (perspectives)
Extrahieren vom Raumelementen durch Farbmasken zur Generierung eigenständiger architektonischer Elemente (a r c h i t e c t u r e s)

Und woher rührt Ihr Interesse insbesondere an architektonischen Motiven?

#138, 60 x 90 cm, aus: architectures

#138, 60 x 90 cm, aus: a r c h i t e c t u r e s

Die ursprünglichen Werkreihen rooms und perspectives boten immer einen, wenn auch durch Flächen irritierten, Blick in das Innere von Räumen.

Die neue Werkreihe a r c h i t e c t u r e s extrahiert Teile von Räumen mit Hilfe farbiger Masken zu eigenständigen Kompositionen architekturaler Art – mithin Architektur in sich selbst. In unserem Verständnis auch eine radikale Änderung und doch eine logische Weiterentwicklung unserer Arbeit.

Ausgangsmaterial für die a r c h i t e c t u r e s ist die Aufnahme eines Raumes bzw. Raumdetails. Hierzu wird eine farbige Vektormaske erstellt. Das Endergebnis ist die Zerlegung des Raumes in einzelne oder auch zusammenhängende, skulptural wirkende Elemente
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Ihre Bildszenen sind immer menschenleer, warum?

#056, 43 x 45 cm, aus: rooms

#056, 43 x 45 cm, aus: rooms

W.: Die Oster’schen Farbinstallationen und -objekte kommen aus der konkreten Kunst, die nicht abbildet. Sie benötigt den Menschen nicht als Aussage, sondern als Gegenüber.

SG: Schon mit der Ausbildung zum Fotografen stellte sich eine besondere Liebe zu Dingen heraus, die nicht weglaufen oder im falschen Moment lächeln. Ich wurde „Still Lifer“ und bin das im Prinzip auch in der Zusammenarbeit mit Willy Oster geblieben.

Der Reiz unserer gemeinsamen Arbeit ist die Kombination von realistischer Abbildung und Artefakt.

Wo in den Abbildungen Spuren zu sehen sind, ist hierdurch auch der Mensch indirekt einbezogen. Kratzer, Farbreste oder verbliebene Nägel z.B. werden bewusst in unserer Komposition belassen zum Beleg des Gebrauchs des Raumes und des Ursprungs aus realer Fotografie.

Seit 1999 arbeiten Sie im Duo. Wie läuft Ihr gemeinsamer Arbeitsprozess ab? Wie finden Sie Ihre Themen?

#107, 38 x 50 cm, aus: perspectives

#107, 38 x 50 cm, aus: perspectives

SG: In der Tat steht am Anfang die Fotografie von Räumen bzw. Raumdetails als Ausgangspunkt. Das machen wir zusammen, so oft es geht, aber ich lasse natürlich keine Gelegenheit aus, wenn ich allein unterwegs bin. Das Material sichten wir dann gemeinsam am Rechner und beginnen mit unsere Arbeit durch Diskussion und „trial and error“. Dabei entscheiden wir, in welche Werkgruppe sich die Arbeit entwickelt.

Wie kam es zur kontinuierlichen Arbeit als Duo? Und arbeiten Sie jeweils auch noch allein?

Farbinstallationen in verlassenen Räumen waren ein Teil der Arbeit Willy Osters in den 1990er Jahren. Entstehung und Ergebnis dieser Arbeiten wurden von SG Koezle fotografisch begleitet. In den ursprünglich rein dokumentarisch gedachten Aufnahmen entdeckten wir das Potenzial zu eigenständig schlüssigen Arbeiten.

SG: Mir, dem Fotografen, wurde „Raum“ als künstlerisches Medium erst durch Willys Abwendung vom zweidimensionalen Tafelbild hin zur Farbinstallation und dem Entstehen dreidimensionaler Farbobjekte bewusst.

#128, 100 x 100 cm, aus: rooms

#128, 100 x 100 cm, aus: rooms

Die ersten gemeinsamen Arbeiten waren dezente digitale Verbesserungen des analogen (damals noch gescannten) Bildmaterials. Die darauf abgebildete Farbflächenmalerei Willy Osters blieb unangetastet. Daraus entwickelte sich als nächster Schritt die Konfrontation/Erweiterung des fotografierten Raumes mit digital erstellten artefaktischen Farbflächen. Diese sind durch ihre homogene Farbigkeit ohne Texturen und Lichteffekte und die mathematisch präzise als Vektoren gezogenen Kanten als artefaktisch erkennbar. Wir sehen das als die logische Fortsetzung von Malerei mit Hilfe eines anderen Mediums.

Rauminstallationen mit malerischen Mitteln gibt es seitdem nicht mehr. Willy arbeitet seit 2013 nicht mehr eigenständig als Maler, sondern nur noch im Duo OSTER+KOEZLE. SG Koezle fotografiert weiterhin noch im Bereich Jazzfotografie, Landschaft, Architektur und Technik.

Welche besonderen Möglichkeiten eröffnet Ihnen Ihr spezifischer Zugang über die Kombination von Malerei und Fotografie?

Die beiden unterschiedlichen Denk- und Herangehensweisen von Malerei und Fotografie werden durch die permanente Diskussion in der Zusammenarbeit auf eine neue gemeinsame Ebene gebracht.

SG: Insbesondere dem Fotografen bieten sich durch das freie Gestalten artefaktischer Flächen bzw. Masken gänzlich neue Möglichkeiten, die sich der Malerei annähern.

Gibt es Vorbilder, Inspirationen?

Vorbilder gab und gibt es nicht. Inspiriert wurden und werden wir von unserer Lust an künstlerischer Zusammenarbeit nach Jahrzehnten des Alleinarbeitens.

OSTER+KOEZLE, herzlichen Dank für die Einblicke in Ihre Arbeit!

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