Rezension: 3 STADIA 2010. Architektur für einen afrikanischen Traum

Es liegt schon ein wenig länger neben meiner Couch und ich und Gäste blättern immer wieder gern durch seine Seiten: 3 Stadia 2010 ist nicht nur vom (Über-)Format ein eindrucksvolles „Coffee-Table-Book“. Es erzählt die Geschichten der drei Fußballstadien, die das Hamburger Architekturbüro gmp zur WM 2010 in Südafrika gebaut hat, in Texten und Bildern. Und es sind vor allem die eindrucksvollen Fotografien, die sowohl die Stadien illustrieren als auch die Städte „um die Stadien herum“ einfangen und ein wenig WM-Flair nachwirken lassen.

3 Stadia 2010

Architektur für einen afrikanischen Traum

Herausgeber: Falk Jaeger
DEUTSCH/ENGLISCH
176 Seiten
mit 157 farb. und 12 s/w Abbildungen
Hardcover, Format: 24 x 32 cm
Jovis
ISBN 978-3-86859-063-0

 

 

Herausgegeben von Falk Jaeger, der schon für mehrere Bücher mit dem Jovis Verlag zusammengearbeitet hat, versammelt die zweisprachige Publikation Beiträge von mehreren Autoren aus Architektur und Journalismus und teilt sich in zwei Kapitel: Während im ersten Teil die „Macher“, die Architekten von gmp und die Ingenieure Schlaich Bergermann und Partner zu Wort kommen, widmet sich der zweite Teil den Stadien selbst.

Die Architektur hatte einen sehr konkreten politischen Auftrag zu erfüllen – die Ausrichtung einer Fußballweltmeisterschaft war auch eine deutliche und bewusste Botschaft einer Nation an die Welt, dass hier ein neues, demokratisches Südafrika im Entstehen begriffen sei. Hellen Zille, einzige weiße Provinzgouverneurin Südafrikas, hat dafür eine eingängige Formulierung gefunden: „Yes Afri-can!“

So wurde etwa das Cape Town Stadium in Kapstadt nicht in einem schwarzen Township – Fußball ist in Südafrika vor allem ein „schwarzer“ Sport –, sondern mitten im weißen Viertel von Greenpoint errichtet (was freilich nicht ohne Widerstände auszuführen war).

Über die Entwicklungen des Landes Südafrika in den vergangenen Jahrzehnten, mit seinen Fortschritten, aber auch den Problemen, die nach wie vor herrschen, schreibt Afrika-Korrespondent Thomas Scheen. Hubert Nienhoff von gmp beschreibt die Erfahrungen der Architekten im Stadionsbau, welche Ziele sie konkret für die afrikanischen Bauten verfolgt haben und nicht zuletzt wie es dazu kam, dass gmp den „Hattrick“ in Südafrika geschafft hat. Er schildert aber auch, welche Probleme dem deutschen Architekturbüro begegnet sind, wie Zweifel und internationale Entwicklungen das Vorangehen der Projekte gebremst haben, wie die südafrikanische Art der Entscheidungsabläufe – „wait and see“ – gewöhnungsbedürftig und fremd waren.

Auch Knut Göppert vom Tragwerksplaner-Unternehmen gibt Einblicke in die Art und Weise des Arbeitsprozesse, die den Ingenieuren in Südafrika begegnet sind. Mit fremden und zunächst unbekannten Anforderungen war ebenso umzugehen wie mit spezifischen Erfordernissen der lokalen Wirtschaftsförderung – so wurden etwa die zu vergebenden Aufträge auf möglichst viele Büros aufgeteilt und ungelernte Bauarbeiter auf der Baustelle gezielt qualifiziert.

Der zweite umfangreiche Teil ist den drei Stadion-Bauten in Durban, Port Elizabeth und Kapstadt gewidmet: Moses Mabhida Stadium, Nelson Mandela Bay Stadium und Cape Town Stadium. Neben einem Porträt der Städte von Richard Klug und Wolfgang Drechsler – Klug ist seit 2006 ARD-Korrespondent für das südliche Afrika mit Sitz in Johannesburg, Drechsler seit 1995 Afrika-Korrespondent für das Handelsblatt mit Sitz in Kapstadt – mit einem Überblick über die jeweiligen historischen Entwicklungen und die soziale Situation vor Ort, folgt die Darstellung des jeweiligen Gebäudes von der Entwurfsphase bis hin zum fertigen Bau von Falk Jaeger. Kurzweilig geschrieben bieten die Texte eine ganze Reihe von Informationen und interessanten Einblicken, die nicht nur Fußball-Fans ein paar der architektonischen Facetten der WM, sondern auch Architekturinteressierten die Stadienbauten näher bringen.

Den Abschluss bildet ein weiterer Text von Richard Klug, in dem nachgezeichnet wird, welche besondere Bedeutung das Fußballspielen in Südafrika hat und wie die Fußball-WM auch „Balsam für die nationale Seele“ war: Dazu gehören amüsante Anekdoten wie die von der „Makarapa“, der ausgefallenen Kopfbedeckungen der südafrikanischen Fans, und natürlich der unüberhörbaren „Vuvuzela“, dazu gehören aber auch ernste Geschichten wie die von der „Makana“, der wohl seltsamsten Fußball-Liga weltweit: 1963 beantragten die Häftlinge auf der Gefängnisinsel Robben Island, Fußball spielen zu dürfen. Erst vier Jahre später wurde der Antrag gewährt und die Gefangenen konnten beim Fußball den harten Alltag im Gefängnis im wahrsten Sinne ein wenig „überspielen“. Fußball ist in Südafrika immer auch politisch.

„3 Stadia“ bildet einen schönen Nachklang zur WM 2010, bei dem auch die Schwierigkeiten rund um die Bauarbeiten sowie im südafrikanischen Alltag erwähnt werden. Allerdings herrscht der positive Blick auf die Realisierung der „Architektur für einen afrikanischen Traum“ vor. Schön wäre es noch gewesen, wenn auch Südafrikaner zu Wort gekommen wären. Aber das könnte ja in einem Nachfolgeband nachgeholt werden – in vier Jahren etwa: Dann wäre es interessant zu erfahren, was mit den Stadien nach der WM geschieht.

Trackbacks/Pingbacks

  1. Architektur in/aus Afrika? Ein Essay | deconarch.com | Literature - 13. Februar 2014

    […] waren – drei der zehn Austragungorte wurden von den Hamburger Architekten gmp entworfen (mehr zum Thema). Aber nicht nur Stadien, sondern vor allem auch Unterkünfte für Zehntausende Besucher sowie die […]

  2. FRISCH GEDRUCKT! | Neues auf dem Buchmarkt – New Books! (5) | deconarch.com | Literature - 7. Juli 2014

    […] In time for the Soccer World Championship | The architects gmp von Gerkan, Marg and Partners and the structural consulting engineers schlaich bergermann und partner are leading stadium builders worldwide. This partnership of architects and engineers from Germany was significantly involved in the development of four emblematic stadia for the soccer world championship 2014 in Brazil. Apart from a completely new stadium on the Amazon, they are also working on the restructuring and renovation of legendary arenas. This book not only presents the Brasília national stadium, the Arena Amazônia in Manaus, the Mineirão in Belo Horizonte, and the Maracanã in Rio de Janeiro, but also conveys impressions of the fascinating cities they were built in and portrays the local enthusiasm for football as an expression of the Brazilian zest for life. (And to check out the precedent book from South Africa 2010, read on here.) […]

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