Buchtipp | Architekturführer Graz

Ob ich nicht den neuen Architekturführer von Graz rezensieren wolle, wurde ich gefragt vom Haus der Architektur ebendort, das den Führer herausgibt. Ja sicher, gerne. Aber – warum einen Architekturführer über Graz?

GRAZ … | Graz im südlichen Österreich ist die zweitgrößte Stadt des Landes und Landeshauptstadt der Steiermark. 2003 war es europäische Kulturhauptstadt – und bietet dem Besucher eine überraschend spannende Architekturszene, wie bereits ein erstes Durchblättern des Führers verrät.

Die historische Altstadt mit ihrer charakteristischen Dachlandschaft und Höfestruktur wurde 1999 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. Besonders hervorgehoben wurde in der offiziellen Begründung „die ‚harmonische Kontinuität der Stile‘, von der Gotik über die italienische Renaissance, den Barock und den Historismus bis ins 20. Jahrhundert“. (34) Die stetige architektonische Weiterentwicklung des Stadtbildes prägt den besonderen Charakter der Stadt – und wirkt sich bis heute aus:

„Diese internationale Akzeptanz des weitgespannten und speziellen Wechselspieles der Baugeschichte in Graz […schließt die] neue[] Architektur [mit ein]. In einem solchen Verständnis hat sich die Herausforderung an innovatorisches Bauen auch ständig bewegt und sich vielleicht gerade deshalb zu einer größeren als in anderen historischen Städten entwickelt.“ (34)

Dieses besondere Verhältnis zwischen neuer Architektur und historischem Umfeld wird maßgeblich gestaltet von einer lebhaften Architekturszene, die sich in den 1980er und 1990er Jahren entwickelt hat und als „Grazer Schule“ international bekannt ist: Architekten wie Manfred Kovatsch, Karla Kowalski, Klaus Kada, haben in den 1960er und 1970er Jahren in Graz studiert und arbeiten immer wieder dort – obwohl sie eigentlich sehr unterschiedliche Ansätze verfolgen und mittlerweile europaweit tätig sind. „Trotz manch selbstgewollter Ausgrenzung“ (38f.) verbindet diese Generation von Architekten/innen ihre enge Beziehung zu Graz.

Den Auftakt für die neuen Entwicklungen machte 1989 ein Dachcafé von Richard Ellmer am zentralen Färberplatz, das „das erste Zeugnis eines zeitgemäßen Neubaus in der Altstadt“ darstellt (27, A25). Ein Jahr zuvor, 1988, war auch das Haus der Architektur als Forum und Plattform für einen öffentlichen Diskurs über Architektur gegründet worden, das den Architekturführer herausgebracht hat. Gegründet als gemeinnütziger Verein zur Architekturvermittlung und Förderung zeitgenössischer Baukultur war das HDA Graz das erste Haus dieser Art in Österreich und somit Vorreiter für Gründungen ähnlicher Institutionen in allen anderen Bundesländern  sowie in ganz Europa. Das Spektrum der Aktivitäten reicht von Ausstellungen, Vorträge, Workshops, Wettbewerbspräsentationen, Architekturvermittlung und Organisation von Exkursionen bis zu einem eigenen Verlag, der ein breites Angebot von international vertriebenen Architekturpublikationen betreut und herausgibt.

ARCHITEKTURFÜHRER … | Die neuen „Positionen im Stadtraum mit einem Schwerpunkt ab 1990″ thematisiert der neue Architekturführer: Versammelt werden also zeitgenössische Bauten, die in Standardreiseführern gewöhnlich untergehen: Zwar fallen sie dem Besucher (und Bewohner) einer Stadt auf, aber man findet wenig bis gar keine Informationen über sie. Schon allein von diesem Standpunkt aus verfolgt der Architekturführer einen sehr interessanten Ansatz.

Dieser Zielsetzung werden die Grazer konsequent gerecht – bis auf einige ältere Bauten („älter“ meint hier vor 1990 fertiggestellte Gebäude; angeführt werden durchweg moderne Nachkriegs-Bauten), die „für die Entwicklung der Architektur Graz von entscheidender Bedeutung sind“ (28))werden ausschließlich zeitgenössische Gebäude präsentiert. In der vorliegenden dritten, erweiterten und aktualisierten Auflage sind zudem auch die jüngsten Neubauten ab 2003 mitaufgenommen, etwa die Murinsel von Vito Acconci (2003) und das Kunsthaus von Peter Cook und Colin Fournier (2003).

Handlich im Din A5-Format, mit einem rosafarbenen Schutzumschlag passt der Architekturbegleiter gut in jede Tasche. Allerdings ist er trotz des praktischen Formats recht schwer. Die Umschlagfarbe ist Geschmacksache, auch, dass das Cover lediglich auf dem Buchrücken über Eck den Titel verrät.  Diese Gestaltung ist in den letzten Jahren sehr trendy geworden, ist jedoch nicht für jeden Zweck wirklich empfehlenswert, da man nach einem Blick aufs Cover nicht gleich weiß, woran man ist – und das ist für einen Führer zumindest nicht unwichtig. Allerdings ist diese äußere Gestaltung letztendlich nebensächlich. Viel mehr gibt es denn auch nicht zu kritisieren.

Der Preis allerdings ist mit 27,50 € sehr stattlich – und wird wohl Besucher der Stadt, die sich nicht ausdrücklich mit Architektur befassen, nicht zu einem Kauf animieren. Dies ist schade, da der Architekturführer einiges zu bieten hat:

Eröffnet wird der Architekturführer von zwei einleitenden Texten; der kürzere von Renate Ilsinger, ehemalige Leiterin des Verlages HDA Graz, umreißt Zielsetzung und Auswahl des Führers – gezeigt werden öffentlich zugängliche Bauten (um die Privatsphäre der Bewohner zu respektieren), die von einem internationalen Komitee, darunter Marie-Héléne Contal, Paris, Grigor Doytchinov, Sofia, Peter Blundell Jones, Sheffield, Walter Titz, Graz, Maria Welzig, Wien, Frank R. Werner, Münster, ausgewählt wurden. Daran schließt sich ein Essay von Michael Szyszkowitz an, selbst Architekt der „Grazer Schule“, der dem Leser die Stadt aus der „Flugperspektive“ vorstellt, die auf den ersten 8 Doppelseiten auch mit Luftaufnahmen abgebildet wird. Eine schöne Idee, die die vorgestellten Gebäude direkt ins Stadtbild verortet und so einen plastischeren Eindruck der Stadt vermittelt, als es Stadtpläne allein ermöglichen würden.

Szyszkowitz beschreibt die Besonderheiten Graz‘ vom Zentrum ausgehend, den Burgberg, der hier Schlossberg heißt und der Stadt ihren Namen gegeben hat (das slawische  „gradec“ bedeutet Burg), die Ufer der Mur, die die Stadt durchfließt, die Altstadt mit ihren Plätzen, „fliegt“ dann nach außen in die Studentenstadt im Osten und „zieht Schleifen“ über die Viertel im Süden und im Westen der Stadt. Auch ein Kommentar zur aktuellen Situation der politischen Neuorientierung, die durch „Umverteilung des Wohnbauressorts […] Fundament innovatorischer Möglichkeiten“ (44) entzogen hat, fehlt nicht.

An die einleitenden Essays schließt sich der Kern des Führers an, die Vorstellung der Gebäude. Über 150 der wichtigsten zeitgenössischen Bauten werden präsentiert. Die begleitenden Texte, die von den Mitgliedern des Auswahlkomitees verfasst wurden, sind zwar – dem Umfang des Bandes entsprechend – sehr knapp gehalten, aber sie bieten zusammen mit Fotografien konzentriert die wichtigsten Informationen. Pläne bzw. Grundrisse geben eine zusätzliche Orientierungshilfe. Die Auswahl ist sehr vielfältig: Vorgestellt werden ebenso Geschäftsgebäude wie Banken, Polizeiämter und Kaufhäuser, wie Wohnungsbau, Museen, Plätze.

Angeordnet in 11 Rundgängen durch die Stadtviertel kann der Besucher der Stadt Graz und ihre Bauten erlaufen.  Vor jedem Rundweg bietet ein schematisierter Ausschnitt aus dem Stadtplan einen Überblick über das jeweilige Viertel und die Lage der vorgestellten Bauten. Dieses Verfahren ist aus Reiseführern bekannt und bewährt. Zwar war ich selbst noch nicht vor Ort und kann somit nicht beurteilen, ob die Rundgänge gelungen sind. Grundsätzlich aber ist dies die beste Form eine Stadt kennenzulernen – sie zu erlaufen. Die Auswahl der Bauten klingt sehr vielversprechend und verspricht interessante Einblicke und Entdeckungen.

Den Abschluss des Architekturführers bilden kurze Statements der Autoren zur Architektur in Graz sowie ihre Kurzbiografien. Am Ende helfen zwei umfangreiche Indices, gezielt nach Namen der Architekten und nach Bautwerken zu suchen. Auch ein paar Leerseiten für Notizen sind eingeschlossen.

FAZIT … | Eine „aufschlussreiche Standortbestimmung der Architekturszene des letzten Jahrzehnts“ in Graz verspricht die Ankündigung des Architekturführers Graz. Die „neue und neueste gebaute Architektur“ der Stadt soll „facettenreich und vielschichtig einem Fach- und breiteren Publikum näher [gebracht werden]“, heißt es in der Buchbeschreibung des HDA. Und dies triff, kurz gesagt, bestens zu.

Das handliche Buch weckt nicht nur Interesse für die Baukultur Graz‘, sondern weckt auch ein generelles Bewusstsein für die zeitgenössische Architektur, die uns umgibt. Gerade aktuelle Bauten fallen zwar meist auf, werden aber selten in ihrem architektonischen Wert wahrgenommen – schlicht und einfach, weil sie zu jung sind. Damit leistet der Architekturführer auch einen Beitrag über die Grenzen der Stadt hinaus: Noch mehr Publikationen dieser Art wünsche ich mir auch für andere Städte.

Vor allem aber macht der Architekturführer  Lust auf einen Besuch in Graz!

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ARCHITEKTUR_GRAZ
Positionen im Stadtraum mit Schwerpunkt ab 1990

Verlag Haus der Architektur Dezember 2008 (3. Auflage)
Text: deutsch/englisch
ca. 400 Seiten, Format: 12 x 16 cm, zahlreiche Farb- und sw-Abbildungen, Broschur
27,50 €
deutsch: ISBN 978-3-901174-66-7
englisch: ISBN 978-3-901174-67-4

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  1. Ganz besondere Ansichten „Von Menschen und Häusern“ im neuen Jahrbuch des HDA Graz | deconarch - 12. März 2010

    […] spannende Neuerung, denn schließlich hat man einen Ruf zu verteidigen in der Grazer Architektur. In den 1980er und 1990er Jahren hat sich hier eine lebhafte Architekturszene mit Architekten wie […]

  2. Ganz besondere Ansichten „Von Menschen und Häusern“ im neuen Jahrbuch des HDA Graz | deconarch.com | Literature - 27. Februar 2014

    […] spannende Neuerung, denn schließlich hat man einen Ruf zu verteidigen in der Grazer Architektur. In den 1980er und 1990er Jahren hat sich hier eine lebhafte Architekturszene mit Architekten wie […]

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