Bernard Tschumis Parc de La Villette: Ein Park für das 21. Jahrhundert
28 03 2008Der Parc de La Villette liegt auf dem Gelände eines 1974 geschlossenen Schlachthofes im Quartier La Villette. Von dem 75ha großen Areal nimmt die Parkanlage rund 35ha ein und wird dadurch zur zweitgrößten Grünfläche der Stadt; auf dem restlichen Gelände befinden sich verschiedene Gebäude.
Das Areal wird von zwei Kanälen durchkreuzt, dem alten Trinkwasserkanal Canal de l’Ourcq (Ost-West), und dem ehemaligen Transportkanal St. Denis (Nord-Süd).
Als 1982 unter der jungen Regierung Mitterand[1] der Wettbewerb für die Gestaltung einer Parkanlage auf dem ehemaligen Schlachthofgelände ausgeschrieben wird, blickt das Gelände bereits auf eine längere Planungs- und Baugeschichte seit den 70er Jahren zurück. Mitterand bricht die Planungen seines Vorgängers D’Estaing[2] ab.
Bereits im Bau sind daher 1982:
Cité des Sciences et de l’Industrie von Adrien Fainsilber (Umbau der alten Salle de Vente des Schlachthofs in ein Wissenschafts- und Technikmuseum verwandelt), 1980-1986
La Géode von Adrien Fainsilber, IMAX-Kino mit 360°-Projektionsfläche, 1985 eingeweiht
Zénith, Konzerthalle am Osteingang, 1984 eingeweiht. Prototyp einer modulierbaren Halle für Großereignisse von Philippe Chaix und Jean-Paul Morel.
Einige ältere Schlachthaus-Bauten aus dem 19. Jahrhundert werden saniert: z.B. Grande Halle de La Villette (1867), die zum Ausstellungshaus umgebaut wird.
Cité de la Musique von Christian de Portzamparc, großer Komplex mit verschiedenen Musik-Institutionen, Baubeginn 1984, Einweihung 1995 beendet die Neugestaltung des La Villette-Geländes endet. (Zum Zeitpunkt des Wettbewerbs für die Parkanlage ist noch nicht klar, in welcher Form die Cité de la Musique realisiert wird.)
Wettbewerbsprogramm
Der Vielfalt an Einrichtungen entsprechend wird eine heterogene Parkanlage gefordert, die Raum für Veranstaltungen und Ausstellungen, für Restaurants, Bäder, Spielplätze, Themengärten, Imbissbuden, Liegewiesen und Treibhäuser bietet, sowie die nötigen Service-, Verwaltungs- und Versorgungseinrichtungen integriert. Der neuartige Park de La Villette soll die Ansprüchen der postmodernen Gesellschaft nach Erholung, Unterhaltung und kulturellen Veranstaltungen am Ende des 20. Jahrhunderts erfüllen und eine „evolutionäre Form“ schaffen, die wegweisend ist für das nächste Jahrtausend.
Der Wettbewerb trifft auf außerordentliche Resonanz; die Gewinnerentscheidung fällt in einer zweiten Runde (unter den 8? Gewinnern sind 6? Landschaftsplaner und 2 Architekten: Tschumi und Rem Koolhaas) 1983 zugunsten von Bernard Tschumi.
Tschumis Konzept ist sehr umstritten – wohl auch, weil er nur theoretische Zeichnungen und einen abstrakten Beschreibungstext ohne Hinweis auf die konkrete Gestaltung seines Entwurfs eingereicht hat.
Tschumis Entwurf
Tschumis Entwurf will ein noch nie da gewesenes Modell für einen Urban Park entwickeln, das die unterschiedlichen Aktivitäten kombiniert.[3]
Er entwickelt eine einfache strukturelle Lösung[4] aus drei sich überlagernden autonomen Ebenen. Die Programmanforderungen werden aufgeteilt – dekonstruiert:
- In einem Punkt-System werden die baulichen Anforderungen untergebracht.
- In einem Linien-System werden die Wegestrukturen untergebracht.
- In einem Flächen-System werden die Gartenanlagen untergebracht.
Punkt-System:
Das Punkt-System überzieht das Gelände in einem regelmäßigen Quadrat-Raster. An den Schnittstellen sitzen sechsundzwanzig rote Bauten, die Folies.
Durch dieses Punkt-Gitter können die programmatischen Anforderungen des Parks in einem Minimum an Ausstattung untergebracht werden, ohne viel Bau-Masse anhäufen zu müssen – mit der großen Cité des Sciences im Norden und der umfangreichen Cité de la Musique im Süden entlastet das den Park.
Die Folie-Bauten sind die einzigen architektonischen Bauten Tschumis im Park. In der Grundstruktur sind sie neutrale Würfel (10,8 m x 10,8 m x 10,8 m). Ihre Form leitet Tschumi vom Nine-Square-Problem her, das er durchspielt und variiert; die so erhaltenen Figuren werden mit den nötigen Rampen, Treppen und Aufgängen ausgestattet.
Die entstehenden Folie-Bauten entsprechen nicht der gewohnten Parkarchitektur und sind für den Betrachter daher nicht ohne weiteres zu einordnen.
Linien-System:
Die Hauptachsen sind überdachte Galerien, die von Nord nach Süd und von Ost nach West entlang verlaufen des Ourcq-Kanals und sich in einem orthogonalen Wegekreuz schneiden. Das Regendach der N-S-Passage ist gewellt, das der O-W-Galerie flach.
Die N-S-Galerie hat eine Gesamtlänge von 906 m – zum Zeitpunkt der Entstehung gibt es dafür weltweit nur wenige Vergleichsbeispiele[5]. Ihre Ausrichtung orientiert sich an der Grande Halle, die im Verhältnis zum N-S-Kanal um 2° geneigt ist (nach Tshcumi liegen dem freimaurerische Ideen zugrunde). Die N-S-Galerie ist damit zu den Gitterlinien, die sich an den Kanälen orientieren, ebenfalls um 2° verschoben.
Es kommt zwischen Punkt- und Linien-System zu Kollisionen: Die Galerie und einige Folie-Bauten stoßen aufeinander, wodurch die Gestaltung dieser Folies beeinflusst wird:
Hier wird Tschums Gestaltungsprinzip der Überlagerung autonomer Ebenen besonders deutlich.
Das Linien-System wird neben den Galerie-Achsen auch von der Promenade Cinématique bestimmt, einem wie in einer zufällig gezogenen Linie geschwungene Rundweg, der durch Themengärten führt. Wie in einem Filmstreifen sind diese Themengärten als Abfolge von verschiedenen Einstellungen angelegt (vgl. Pläne oben).
Einen dritten Linientyp bilden Baumreihen, die bestimmte Gartenflächen einrahmen. Sie werden von Tschumi nicht näher erläutert.
Flächen-System:
Alle Anforderungen, die viel Fläche benötigen, werden in diesem System untergebracht.
Es entsteht ein abwechslungsreicher Park aus kleineren Räumen und weiten Flächen, der den Besuchern zahlreiche Entdeckungsmöglichkeiten bietet.
Es fällt auf, dass Tschumi in seinen Texten zum La Villette-Entwurf nur wenig über die konkrete Gestaltung sagt: Sein Schwerpunkt liegt auf der grundlegenden Gliederungsstruktur des Parks – auf dem Konzept oder der Gestaltungsstrategie, wie der Architekt immer wieder betont.
Dies wird bei Bewertungen sowohl des Parc de la Villette als auch von Tschumis Werk generell oft nicht beachtet; unter anderem auch nicht von den Ausstellungsmachern der Dekonstruktivismus-Schau im MoMA 1988.
Tschumis komplexes und theoretisch fundiertes Architekturverständnis wird damit nicht erfasst.
Literatur:
Orlandini, Alain, La Villette 1971-1995: Histories de Projets, Paris 1999
Orlandini, Alain, Un architecture, un oeuvre. Le Parc de la Villette de Bernard Tschumi,
Kategorien : Deconstructivist Architecture
Schlagworte : Adrien Fainsilber, Bernard Tschumi, Christian de Portzamparc, Cité de la Musique, Cité des Sciences et de l'Industrie, La Géode, Parc de La Villette, Paris, Salle de Vente, Schlachthof, Wettbewerb, Zénith



