Architektur in China

2 03 2008

Der Spiegel hat vor einiger Zeit online eine Debatte angestoßen über die Verantwortung von Architekten, wenn sie in nicht-demokratischen Ländern wie China, Vietnam, Libyen bauen. Bei diesen Projekten geht es natürlich nicht um ein oder zwei Einfamilienhäuser, sondern um Mammutprojekte, bei denen Milliarden verbaut werden: Regierungsgebäude, repräsentative Niederlassungen, sogar ganze Stadtviertel. Die jeweiligen Machthaber wollen sich mit modernen Gebäuden schmücken und ihren Städten ein neues, repräsentatives Gesicht verpassen. Für Architekten und Stadtplaner eine fast schon ideale Herausforderung.

Allzu oft gehen diese Baumaßnahmen auf Kosten der traditionellen Landeskultur – in China ist der Bauboom schon geradezu sprichwörtlich geworden: Das Gesicht der Städte verändert sich beinahe im Wochenrhythmus. Man kann den Häusern beim Wachsen zuschauen, während die traditionelle Seite des Landes verschwindet. Altstädte? Wozu? Ganz zu schweigen von der gesellschaftlichen Dimension, die manche Bauprojekte nach sich ziehen (Umquartierungen, Totalabrisse bestimmter Viertel, Ausbeutung von Wanderarbeitern, … ich bin hier nur oberflächlich informiert, freue mich aber, wenn jemand mehr Details kennt).

Wie viel Verantwortung trägt der Architekt für seine Entwürfe? Oder genauer (und dieser Aspekt fehlt im Spiegel-Artikel ganz) – Hat ein Architekt für seine Tätigkeit in nicht-demokratischen Ländern mehr Verantwortung, als die Firmen, die ihre Produktion zu Billigpreisen in eben diese Länder verlagern?

Dennoch – soweit, so treffend die Stoßrichtung des Artikels. Leider nimmt sich der Autor selbst den Wind aus den Segeln, indem er seine Kritik selbst einschränkt: Er packt nämlich den „Speer-Faktor“ aus und wirft ausschließlich den deutschen Architekten vor, sich vor der Verantwortung zu drücken.

800px-beijing_national_stadium.jpg Herzog & De Meuron: Nationalstadium Peking (H&dM haben keine eigene Website(!) )

Die anderen Länder stünden nun mal „nicht so sehr im Schatten der Geschichte wie ihre deutschen Kollegen“. Weil Albert Speer Germania geplant hat, haben die deutschen Architekten also Pech gehabt, dass sie nicht aus Holland kommen (Rem Koolhaas und OMA: CCTV Peking; Shenzen Börse, Shenzen/China) oder aus der Schweiz (Herzog und de Meuron: Nationalstadion Peking. In Deutschland bekannt: Allianz Arena München)?

koolhaascctv-peking1.jpg koolhaascctv-peking2.jpg Rem Koolhaas/OMA:CCTV (China Central Television), Peking

Im Zeitalter der Globalisierung also wieder zurück in Kleinstaaterei und jeder kocht sein Süppchen und die Deutschen ab in die Ecke?

Schade, dass ein ohne Frage heikles Thema erst angestoßen wird und dann wieder mit dem historischen Allzweckvorwurf außer Kraft gesetzt wird.
Der Autor zitiert selbst Hans Stimmann[1], der meinte „Speer werde als Schlagwort zu oft zu leichtfertig eingesetzt, um sich Argumente zu ersparen“. Spannender sei die Frage „Welche Verantwortung hat ein Architekt mit seinen Planungen und Bauten für die Gesellschaft?“

Na also.

Meinhard von Gerkan hat am 24.02.08 auf den Vorwurf reagiert und einen Kommentar im Spiegel online veröffentlicht. Sein Hamburger Büro gmp (Gekan, Marg und Partner) arbeitet in Hanoi an mehreren Projekten und errichtet Lingang New City (China), eine Satellitenstadt bei Shanghai für rund 800.000 Einwohner (soll 2020 fertig gestellt werden).

bild1119882535463.jpg Lingang New City, Shanghai

In Deutschland ist von Gerkan vor allem „der vom Berliner Hauptbahnhof“ – auch kein besonders einfaches Bauprojekt.[2] Wenig überraschend deutet er denn auch an, dass in Berlin auch nicht „demokratischer“ gebaut würde als etwa in China.

Gerkan weist ebenfalls v. a. darauf hin, dass man „nicht mit einem moralischen Prinzip argumentieren und es dann mit zweierlei Maß messen“ kann. Weiter sagt er, es sei „Heuchelei, lautstark Architekturexporte nach China anzuprangern und zugleich über Massenimporte aus China zu schweigen“.

Zwar hakt auch seine Argumentation an manchen Stellen (darauf komme ich noch zurück), aber seine wesentliche Kritik ist überzeugend.

Also (ein paar Gedanken zum Abschluss) / So (some thoughts):
Grundsätzlich nötig ist Sensibilität für die Globalisierungsbestrebungen nicht-demokratischer Staaten (ich sage bewusst nicht Diktaturen, weil damit auch wieder eine pauschale Schublade aufgemacht wird) – und dies gilt nicht nur für Architektur-Unternehmungen, sondern generell auch für Wirtschaftsbeziehungen (Stichwor:t China).
Bascially necessary is sensibility for the efforts in globalization of non-democratic states (I am intentionally not using the word dictatorship as this would just be another generalization) – and this concerns not only architectural enterprises, but all economic relationships in general (key word: China).

Speziell für den architektonischen Aspekt gilt, sich bewusst zu machen, welche Bedeutung Bauten zukommt (und das sicher nicht nur in China): Gebäude prägen wesentlich unsere Lebenswelt. Die Art und Weise, wie ein Bau gestaltet ist, beeinflusst maßgeblich das, was darin passiert – und damit letztendlich auch eine Kultur.
Meinhard von Gerkan jedenfalls betont, dass viele Architekten „an einer besseren, lebenswerteren Welt mit[]bauen“ wollen – und das ebenso in nicht-demokratischen Ländern wie in demokratisch regierten.

Regarding architecture in particular, it is important to realise what buildings mean (and certainly not only in China): buildings fundamentally affect our lifeworld.  The way an edifice is featured influences significantly what is happening inside the building – and  thus, ultimately,  culture, too. Meinhard von Gerkan stresses that many architects want to “create a better world, being more pleasant to live in” – and this both in non-democratic and democratic countries.


[1] Hans Stimmann war seit Anfang der 1990er Jahre bis 2006 fast ununterbrochen Senatsbaudirektor in Berlin und hat den Auf/Umbau Berlins nach der Wende wesentlich mitbestimmt – nicht unumstritten: bestimmte Vorgaben wie einheitliche Traufhöhen und Einsatz von Steinfassaden haben sehr großen Protest hervorgerufen, auch der Faschismusvorwurf fiel.

[2] Zur Erinnerung: Vom Auftraggeber DB wurden verschiedene Merkmale des Baus verändert (die Gesamtlänge des Hallendachs wurde verkürzt, für die Decken der unterirdischen Bahnsteige wurde eine Flachdecke eingebaut statt der geplanten gewölbeartigen Konstruktion; letzteres ohne Absprache mit dem Architekten).




Snøhetta: Norwegian architects build Oslo opera and new library of Alexandria

26 02 2008

Im April wird Oslos neues Opernhaus von Snøhetta eingeweiht und dem Spiegel online ist das eine Nachricht wert.

In April, Oslo’s new opera will open, constructed by Snøhetta, and German weekly Spiegel online thinks this worth mentioning.

olsoer-oper.jpg osloer-oper2.jpg osloer-oper3.jpg

Snøhetta? Na, die von der Bibliothek in Alexandria! Ich muss gestehen, der Name Snøhetta war mir vorher kein Begriff!

Snøhetta? Well, remember the new library of Alexandria? It’s them! I have to admit, I didn’t know the name Snøhetta before!

library-alexandria.jpg egyptalexandriabibliothecaalexandrina01.jpg Bibliotheca Alexandrina, 2002 (photogallery)

2002 wurde in Zusammenarbeit mit der Unesco eine neue Bibliothek von Alexandria eröffnet. Das Projekt will an die antike Bibliothek von Alexandria erinnern, die die größte Sammlung ihrer Zeit war. Bis heute gibt es immer wieder Kontroversen um ihre Ende in spätantiker Zeit sowie um Rekonstruktionsversuche.Die moderne Bibliothek will zugleich aber auch in die Fußstapfen des Vorbilds treten: Sie ist für 8 Millionen Bände angelegt und umfasst auch ein Internetarchiv.

Spektakulär ist hier an der gläsernen Bibliothek vor allem die Dachlandschaft, bei dem Olafur Eliasson – ein dänisch-isländischer Projektkünstler und zur Zeit einer der wichtigsten – mitgewirkt hat.

In 2002, a new library of Alexandria was opened in collaboration with UNESCO. The Projekt wants to remember the antcient library of Alexandria, housing the largest collection of its time. To this day, there are controversies about the library’s end in Late Antiquity as well as about possible reconstructions. At the same time, the modern library wants to keep up with its example: It is built to house 8 million volumes and also encloses an internet archive.

Above all, the glass library’s roof scape is spectacular. Olafur Eliassin – a Danish-Icelandic project artists and recently one of the most important ones – contributed to its concept.

Das norwegische Büro Snøhetta mit Sitz in Oslo und New York hat heute rund 80 Mitarbeiter und betreut Architektur-, Landschaftsarchitektur und Innenarchitektur-Projekte weltweit. Snohetta arbeiten interdisziplinär und versuchen, möglichst vielfältige Perspektiven in ihre Projekte einfließen zu lassen. Sie wollen eine Verbindung von Architektur und Landschaft erreichen und auf „Design-Schnickschnack verzichten“.

Snøhetta ist übrigens der Name des höchsten Bergs Norwegen und heißt wohl soviel wie „Schneekoppe“.

The Norwegian office Snøhetta, based both in Oslo and New York, has around 80 employees and is in charge of architectural, landscape architectural and interior design projects all over the world. Snohetta work interdisciplinary and try to combine as many different perspectives as possible in their projects. They want to reach a connection between architecture and landscape and “dispense with design bric-a-brac”.

The Norwegian office Snøhetta, based both in Oslo and New York, has around 80 employees and is in charge of architectural, landscape architectural and interior design projects all over the world. Snohetta work interdisciplinary and try to combine as many different perspectives as possible in their projects. They want to reach a connection between architecture and landscape and “dispense with design bric-a-brac”.

By the way, Snohetta is the name of Norway’s highest mountain and probably means something like “Snow Mountain”.

Zu Snøhettas Projekten zählen: / Among Snøhettas projects are:

norw-botschaft1.jpgnorw-botschaft2.gif

Norwegische Botschaft Berlin, fertiggest. 1998

serpgallerypavillonsnohetta.jpg pavilion_interior.jpg

Serpentine Gallery Pavillon 2007, London (another coop with Olafur Eliasson)

[no image]

WTC Cultural Museum am Ground Zero, Museum Pavillon (Entrance to Museum), New York

More information about Snohetta at archilab




South Korean Video Artist Junebum Park

23 02 2008

Mit Junebum Park (*1976) möchte ich einen Künstler vorstellen, dessen Schwerpunkt auf Video-Arbeiten liegt. Aufgefallen ist mir Park mehr oder weniger zufällig – auf einem Werbefaltblatt seiner deutschen Galerie.

I want to introduce Junebum Park (*1976), an artist focusing on videos. I happened to notice Park on a brochure of his German gallery.

The Occupation, 2006, Digital Video, Ed. 3/10, 7:30min © JB Park

Der Südkoreaner gehört zur jungen und innovativen Künstlergeneration seines Landes und blickt schon auf eine beachtliche Ausstellungsliste zurück. Er war mehrfach in Europa, Nordamerika und natürlich Korea zu sehen.

June Bum Park befasst sich zwar nicht ausschließlich mit Architektur, aber zwei seiner bisherigen Arbeiten passen zum Thema.

Die “Occupation” (oben) und ein weiterer Film “Advertisement” – von beiden habe ich leider nur Stills gefunden – zeigen beide zunächst ein Gebäude mit bloßer Fassade, das eine in einer ländlichen Umgebung, das andere ein Hochhaus in einer (Groß-)Stadt.
Plötzlich greifen menschliche Hände aus dem Nichts ein und verwandeln das “nackte” Haus mit Werbetafeln – mal in eine Bank, mal in einen Supermarkt, dann wieder in ein Sportgeschäft. Die Videos werden im Zeitraffer abgespielt.

junebumpark2.jpg junebumpark3.jpg junebumpark4.jpg
The Advertise, 2004, DVD1 © Junebum Park (source: Koch und Kesslau)

The South Korean belongs to the young and innovative generation of artists in his country and already comes up with an impressive list of exhibitions. He was exhibited in Europe, Northern Amerika and, of course, Korea several times.

June Bum Park does not concentrate on architecture only, but still two of his recent works fit in this topic.

Both the „Occupation“ and another film „Advertisement“ – unfortunately I could only find stills – show, at first, a building with pure façade, one of them in a rural environment, the other one a high rise building in a (big) city.

Suddenly, human hands appear from nowhere and change the “naked” house with advertisment – into a bank, a supermarket, a sports shop. The videos are played in fast motion.

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Beate Gütschow: Ganz woanders Architektur- und Landschaftsfotos

17 02 2008

Beate Gütschow ist eine deutsche Fotografin, die mir in der Februar-Ausgabe (2008) von Monopol aufgefallen ist, da sie in ihren Arbeiten sowohl Architekturen als auch vollkommen „Architektur-freie“ Landschaften inszeniert.

S_2

Beate Gütschow,"S2" (Courtesy Louise and Eric Franck collection, London. © B. Gütschow / VG Bild-Kunst Bonn 2007)

Meine Bilder sind fotografische Konstruktionen. Keine dieser Landschaften und keine dieser Städte gibt es wirklich. Meine Bilder entstehen am Computer und sind oft aus mehr als 100 verschiedenen Einzelaufnahmen zusammengesetzt.“

Gütschow inszeniert Naturaufnahmen ebenso wie Stadtansichten auf sehr großen Formaten (bis zu 105 x 380 cm). Ihre Naturbilder erinnern an die heroischen französischen Landschaften des 17./18. Jahrhunderts oder die romantische Landschaftsmalerei in England, so monumental und perfekt erscheinen sie. Und doch – auf den zweiten Blick stimmt etwas nicht, die Inszenierung ist zu „ideal“.

Die schwarzweißen Architekturlandschaften wirken gerade entgegengesetzt: triste, ausweglose Betonwüsten. Jedes Anzeichen von Identifikation fehlt. Die Aufnahmen lassen sich keiner konkreten Stadt zuordnen, könnten überall und nirgends zugleich sein.

Aber auch hier ist das Ganze einen Tick zu “perfekt” – zu negativ, zu trostlos, zu verloren. Zugleich entwickeln die Fotografien aber auch etwas auf seltsame Weise Anziehendes, Geheimnisvolles, Beeindruckendes.

Mehr Infos + Bilder gibt es hier und hier. Und natürlich auf der Website der Fotografin.

In Berlin, Haus am Waldsee, findet aktuell eine Ausstellung von Beate Gütschow statt (25.1.-24.3.2008).

LS_7

Beate Gütschow, “LS #7″ (Courtesy Louise and Eric Franck collection, London. © Beate Gütschow / VG Bild-Kunst Bonn 2007)

Beate Gütschow is a young German photographer who grabbed my attention in the February edition of Monopol (German art magazine) as her works stage both architectures and “architecture-free” landscapes.

“My pictures are photographil constructions. None of these cities and landscapes is for real. My pictures are generated with the computer and sometimes, they are composed of more than 100 single pieces.”

Gütschow stages nature views as well as cityscapes in a huge format (up to 105 x 380 cm). Her nature pictures, so monumental and perfect, resemble heroic French landscapes of 17th / 18th century or romantic landscape painting in England. But still – on the second glance, there’s something wrong, the staging is too “ideal”.
The black and white architecture-scapes seem just opposite: dull, hopeless concrete jungles, lacking every sign of identity. The photographs cannot be allocated to a particular city, they could be everywhere and nowhere at once.

But here, too, everything seems a little too “perfect” – too negative, too dull, too lost. Yet, at the same time the photopragphs develop something weirdly attracting, something mysterious and impressive.

More info and pictures here and here. And on the photographer’s website, of course.

An exhibition of Beate Gütschow can currently be seen in Berlin, Haus am Waldsee (25.1.-24.3.2008).

PS: The German title “ganz woanders” means “somewhere totally else”.