art Karlsruhe 2010

8 03 2010

Vom Geheimtipp zum Pflichttermin: Über das erste Märzwochenende hat die mittlerweile 7. Ausgabe der art Karlsruhe ihre Pforten geöffnet. Von Wirtschaftskrise war nichts zu spüren (aber hier müsste man wohl in die Kassen der Galeristen schauen). Die Stimmung jedenfalls war gut, die Besucher kamen schon zur Preview zahlreich. Die Vorlage vom letzten Jahr – der Rekord lag bei über 42.000 Besuchern – wurde nochmals um über 1000 Besucher getoppt, wie aus Karlsruhe zu hören ist.

Once an insider, it now is an obligatory date in the art scene: The 7th art Karlsruhe fair was held during the first weekend in March. No impact of the economic crisis was visible (but to judge that, we’d have to take a glimpse into the galleries’ books, wouldn’t we). Yet the atmosphere was great, the visitors came in droves. Last year’s record of more than 42.000 visitors could even be topped.

My impression from the preview (in German) can be found on “Art and Events” (Link). Now I’ll present galleries and artists interesting to deconarch’s “architecture meets art” focus.

Einen allgemeinen Bericht von mir frisch von der Preview am 3. März 2010 gibts bei “Art and Events” zu lesen (Link).

Auch aus dem Blickwinkel des „Architecture meets art“ gab es dieses Mal doch einiges zu entdecken bzw. wieder zu sehen. Dazu gehören „alte Bekannte“, deren Ausstellungen bzw. deren Arbeit zu besuchen sich immer wieder lohnt.  So etwa vor allem die Zürcher Galerie Alex Schlesinger mit ihrem Fokus auf Urbanem Leben, Architektur und Industrielandschaften, die u. a. Werke von Tobias Weber, Janika Fabrikant und Patrick Tschudi präsentierte.

Auch die Galerie CP Wiesbaden habe ich 2009 schon erwähnt – hier wurden wieder Arbeiten Anja Ganster und Michael Bach gezeigt. Neue Gemälde von Karl-Heinz Bogner waren bei der Galerie Kränzl zu sehen.

Sheri Warshauer, Brooklyn Bred, 2008, Acryl und Latex auf Leinwand, 152 x 152 cm Unikat, Courtesy Davis Klemm Gallery

Sheri Warshauer, Brooklyn Bred, 2008, Acryl und Latex auf Leinwand, 152 x 152 cm Unikat, Courtesy Davis Klemm Gallery

Eindrucksvoll zu sehen waren auch einige Gemälde von Stefan Hoenerloh in verschiedenen Ständen sowie eine großfromatige Arbeit von Ben Willikens.

Aufgefallen sind darüber hinaus Arbeiten der französischen Künstler Anne Valverde (Fotografien) und Thikent (“Peintographies”), Sheri Warshauer bei Davis Klemm, Frankfurt, Sabine Wilds Fotografien bei Dengler und Dengler, Stuttgart.

Darüber hinaus erwähnenswert sind Detlef Waschkaus Reliefs, die sich zum Teil mit Kultur-Landschaften und Gebautem beschäftigen, sowie Johannes Schramms “Wasser”-Arbeiten.

Die Beschäftigung mit dem Urbanen ist Programm in der “Bastropolis” von M. S. Bastian / Isabelle L.:

Magic Bastropolis Kunstharz auf Leinwand, 2007 190 x 160 cm

M.S. Bastian/Isabelle L., Magic Bastropolis Kunstharz auf Leinwand, 2007, 190 x 160 cm, courtesy Neue Kunst Gallery




Gegenräume: Strenge Reduktion in Grautönen Ben Willikens in Stuttgart

5 10 2009

Bis zum 4. Oktober zeigte das Kunstmuseum Stuttgart in einem Teil seiner Räume am Kleinen Schlossplatz Arbeiten von Ben Willikens (*1939), der für seine streng komponierten, menschenleeren architektonischen Räume in Grautönen bekannt ist:

Ben Willikens

Licht und Dunkel

25.7.- 4.10.2009

In der Stuttgarter Sonderausstellung werden Arbeiten aus den späten 1970er Jahren neuere Werke aus den 1990er Jahren gegenübergestellt.

The Kunstmuseum Stuttgart showed works of Ben Willikens (*1939), who became known for his severely composed, deserted rooms, painted in grey tones in the 1970s. These series culminated in the “Gegenräume” (Opposite/Opposing Rooms) of the late 1970s in which Willikens intensively worked on da Vinci’s famous “Last Supper”. A younger series emerged in the 1990s: “Orte” (Places). Now the artist portrayed real buildings from in- and outside, the buildings being reminiscent of the German fascist regime of the 1930s.

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Ben Willikens: Abendmahl 1976-79

Ben Willikens: Abendmahl 1976-79

Schlagartig bekannt wurde Willikens in den 1970er Jahren mit streng perspektivisch konstruierten Raumausschnitten aus Krankenhäusern, in denen er die Erfahrungen eines längeren Klinikaufenthalts verarbeitete. Seine neutralen Klinikinterieurs – Gänge etwa und Krankenzimmer ohne Figurenpersonal – wirken beklemmend und kalt. Eine Wirkung, die durch den Einsatz einer Sprühpistole verstärkt wird: Der Farbauftrag wird „perfekt“, der manuelle Farbauftrag und die Hand des Künstlers sind nicht mehr unterscheidbar; die Wirkung der Bilder wird auch dadurch weitgehend anonymisiert. Dies kann – auch – als Hinweis auf eine zunehmende Neutralisierung und Isolierung des Einzelnen in der Massengesellschaft verstanden werden.

Ben Willikens: München, Ehrentempel 1999
Ben Willikens: München, Ehrentempel 1999

Diese Werkreihen kulminieren in den „Gegenräumen“ der späten 1970er Jahre: Über mehrere Jahre hat sich Willikens intensiv mit Leonardo da Vincis Abendmahl in Mailand auseinandergesetzt. Zahlreiche Studien und Gemälde entstanden. In ihnen ist die biblische Szene reduziert auf die räumliche Situation, Jünger und Christusfigur werden nicht gezeigt, auch andere erzählerische Elemente fehlen. Das kunsthistorische Vorbild wird verdichtet auf eine Licht-Raum-Architektur. Dabei zeigt es sich jedoch so prägnant, dass Betrachter, – sofern er mit dem Original vertraut ist -, es trotz der reduzierten und konzentrierten Darstellung doch sofort als die bekannte Abendmahlsszene erkennt. Das kunsthistorische Vorbild wird verdichtet und für den zeitgenössischen Kontext geöffnet.

Neben zahlreichen verschiedenformatigen Entwürfen entstand 1979 ein monumentales Tafelbild, das sich im Besitz des DAM Frankfurt befindet und in Stuttgart nach fast 30 Jahren erstmals wieder gezeigt wurde.

Ben Willikens: Nürnberg, Zeppelinfeld 1996

Ben Willikens: Nürnberg, Zeppelinfeld 1996

Diesen Arbeiten stellte das Kunstmuseum Stuttgart die Reihe „Orte“ gegenüber: Zehn Leinwände und 15 Gouachen, entstanden 1996 bis 1999, die hier vollständig zu sehen waren. In diesen Bildern hat Willikens erstmals den Innenraum verlassen und reale Bauten auch von außen porträtiert. Motive sind Bauwerke aus den 1930er Jahren, in denen den Allmachtsfantasien der Nazis Gestalt verliehen wurde: Darunter etwa das Zeppelinfeld in Nürnberg oder die Reichskanzlei in Berlin. Auch diese Bauten zeigt Willikens ohne Personal und ohne Dekoration/Machtinsignien. Reduziert auf Raumstrukuren und in einer lichtabsorbierenden Grauskala gemalt, ist das Zentrum hier dunkel – war es bei den Gegenräumen helles Weiß, das die Mitte des “Abendmahlsraums” bestimmt, so wird die Mitte der “Orte” von dunklem Schwarz/Grautönen eingenommen. Dies lässt sich lesen als Verweis auf das faschistische Regimes, das diese Bauten errichten ließ.

Diese Serie wurde von der »Daimler Kunst Sammlung« für das Kunstmuseum Stuttgart erworben und diesem als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt.

Ben Willikens: Berlin, Reichskanzlei I

Ben Willikens: Berlin, Reichskanzlei I

Die dritte Gruppe in der kleinen Schau in Stuttgart waren die „Räume der Moderne“, in denen sich Willikens mit den bekannten architekotnsichen Srukturen der klassischen Moderne des 20. Jahrhunderts auseinandersetzt. Ähnlich dargestellt wie die “Orte” bilden sie einen inhaltlichen Gegenpol zu dieser Werkgruppe, galten die Bauten von Mies van der Rohe, Walter Gropius und Alfred Loos unter den Nationalsozialisten als entartet.


Informations + Illustrations:

Kunstmuseum Stuttgart und Ben Willikens