Zaha Hadid: Hongkong Peak

22 09 2008

Hadids Beitrag zur Dekonstruktivismus-Ausstellung

Zaha Hadids Beitrag zur New Yorker Dekonstruktivismus-Ausstellung 1988 war der Entwurf für einen luxuriösen Privatclub auf dem Hongkong Peak, dem bekanntesten Berg auf Hongkong Island. In diesem Projekt, das sie mit einem Schlag in der Architekturwelt bekannt gemacht hat, werden wesentliche Ideen und Zielsetzungen ihres Schaffens programmatisch zusammengeführt.

Der Entwurf wird begleitet von einem kurzen Erklärungstext, der hauptsächlich aus einer Beschreibung des entworfenen Baus mit seinen Funktionen besteht. Dennoch finden sich einige wenige und daher umso bedeutsamere Schlüsselbegriffe, die dem aufmerksamen Leser Hinweise auf Hadids ideelle Ausgangspunkte geben.

Entwurf des Hongkong Peak

Der Peak-Entwurf besteht aus drei sich überlagernden, gegeneinander verschobenen Balken mit unterschiedlichen Funktionen. Diese Balken wurden abstrahiert von den Hochhäusern der Stadt, die sich um den Hongkong Peak ausdehnt, wie in verschiedenen Zeichnungen deutlich wird. Die durch die Schichtungen entstandenen leeren Zwischenräume werden in das Bauprogramm integriert, so dass fünf Geschoss-Ebenen entstehen, die durch dünne Säulen zusammengehalten werden. Freitragende Vorsprünge, Rampen und Plattformen gliedern den Baukomplex wie einen „horizontalen Wolkenkratzer“. Die eigentliche Clubanlage, zu der ein Schwimmbad, eine Bibliothek, Trainingsflächen und eine Snack Bar gehören, ist im Hohlraum zwischen dem zweiten und dritten Balken vorgesehen und befindet sich zum großen Teil unter freiem Himmel. Damit wird ein Leerraum – ein Void – in den Bau integriert. Streng genommen handelt es sich dabei eigentlich um einen Nicht-Raum, das der Leerraum nicht von Wänden definiert ist, sondern sozusagen ein „Reststück“ zwischen zwei Bauteilen ist. Hadid schafft so neue Raumqualität: Sie dringt über die Grenzen eines gewöhnlichen Gebäudes hinaus und lässt die Trennung von Außen und Innen, von Gebäude und Umgebung zerfließen – im Leerraum entsteht in ihren Worten eine neue architektonische Landschaft[1].

(Bilder aus dem WWW – klicken auf die Icons führt zu den Bildquellen)

Der Peak unterscheidet sich deutlich von den klassischen Bauten, die einen geschlossenen Baukörper haben. Für die Ausstellungsmachern Johnson und Wigley ist es dies, was Hadid zur Dekonstruktivistin werden lässt: in ihren Augen wird die traditionelle, geometrische Bauharmonie „gestört“, „zerstört“. Diese Einschätzung greift jedoch zu kurz, da die komplexen Zielsetzungen, Ideen und Überlegungen, die Hadids Gestaltungsweise zugrunde liegen, nicht berücksichtigt werden. Die konkrete formale Lösung ist die Architektin ebenso wenig vorrangig, wie für alle anderen an der Ausstellung beteiligten Architekten.

Planetary Architecture

Der Entwurf für den Peak-Club erinnert an einen unbekannten Flugkörper, der über dem Berghang schwebt, am Gestein entlanggleitet und zugleich aus diesem herausströmt – ein verblüffender Effekt, da Architektur traditionsgemäß statisch und in sich geschlossen wirkt. Diese Assoziationen werden von Hadid bewusst geweckt; in ihrem Begleittext verwendet sie mehrere Begriffe aus dem Bereich des Fliegens und der gleitenden Bewegung (float, hover, satellite, spaceship).

Es entsteht, was Hadid als Planetary Architecture[2] bezeichnet: Bauten, die wie ein fremdes Objekt in einen bestehenden Kontext ein[ge]fügt[3] werden und diesem so neue Qualität verleihen (sollen). Der planetarische Eindruck eines schwebenden Gebäudes auf dem Hongkong Peak wird erreicht durch die Fragmentierung des Bauvolumens in unverbundene freitragende Balken, die nur von feinen Säulen zusammengehalten werden und jeden Augenblick auseinanderzudriften scheinen. Das Gebäude wirkt wie die Momentaufnahme einer Bewegung.

Dies kommentieren die New Yorker übrigens ebenfalls nicht und verpassen damit die Chance, einen tieferen Einblick in ihr Schaffen und die Intention ihres Entwerfens zu gewinnen.

Zeichnungen

In den Entwürfen erzählt Hadid die Entwicklung ihres ungewöhnlichen Baus, wie er sich aus dahingleitenden Balken und Formen leicht wie ein Flugobjekt zusammenfügt. Die Architektin betont, dass die Zeichnungen und Gemälde einen wesentlichen Bestandteil ihres Entwurfsprozesses ausmachen. Im Zeichnen formen sich ihre Bauideen aus. Die ungewöhnlichen Detailansichten und Aufsichten, die unkonventionellen Schnitte und Gesamtansichten sind keine schlichten Baupläne, sondern Kunstwerke, die die Geschichten der Bauten erzählen.

Modern / Suprematist Geology

Der dynamische Charakter des Baus wird darüber hinaus wesentlich bestimmt durch einen gewagten Konstruktionsvorschlag Hadids: Der Entwurf sieht vor, das Gestein bis zum Grund auszuhöhlen, den freigelegten Granit zu polieren und in die Gesamtanlage zu integrieren. Der Bau wird in die Natur hineingesetzt, während der Berg gleichzeitig Teil der Clubanlage wird. Die Grenzen zwischen Natur und dem vom Menschen Gemachten verschwimmen.

Hadid gelingt das Meisterstück, zwar ganz massiv in die vorgefundene Umgebung einzugreifen und ein eigenständiges neues Gebilde zu schaffen, zugleich jedoch den Ort zu respektieren, ihn in seinem Charakter zu belassen und ihm zusätzlich neue Qualität zu verleihen – dies steht freilich unter dem Vorbehalt, dass der Entwurf für den Peak-Club nie realisiert wurde.

Die gegenseitige Verwiesenheit von Gebäude und Gelände als einen grundlegenden Gedanken ihres Schaffens verdeutlicht Hadid im Peak-Begleittext, in dem sie zweimal den Begriff Geologie[4] in einer ungewöhnlichen Verbindung mit den Attributen suprematistisch und modern nennt: Ihre nach einer suprematistischen Geologie gestaltete Architektur will traditionelle Prinzipien vernichten und neue etablieren. Nach Hadid müssen die Ansätze und Projekte der modernen Architekten, die unterbrochen wurden und nicht zur Ausführung gekommen sind, wiederaufgenommen werden – und dies ganz ausdrücklich nicht im Sinne einer Wiederbelebung, sondern als Weiterentwicklung. Beispielhaft ist im Peak-Entwurf die besondere Verbindung von Gebäude und Boden – etwas, das etwa bei den Piloti-Bauten Le Corbusiers, die den Zwischenraum zwischen Stützen und Bau vernachlässigen, zum Kritikpunkt geworden ist.

Hadid setzt ihr Schaffen in Bezug zur Klassischen Moderne. Es sei jedoch erneut betont, dass Hadid keine stilistische Wiederaufnahme oder gar Wiederbelebung dieser frühen modernen Kunstströmung propagiert. Vielmehr ist die Beschäftigung mit Malewitsch und seinem Schaffen ein Einstieg, ein Denkansatz, von dem ausgehend die Architektin schnell ein eigenständiges Gestaltungsrepertoire entwickelt; die Art und Weise wie Hadid mit diesem Formenvorbild umgeht, ist es, die als „dekonstruktivistisch“ bezeichnet werden kann (das ist noch extra nachzuweisen).

Wie die anderen Architekten beschränkt auch sie sich an keiner Stelle ausschließlich auf den russischen Konstruktivismus; diese Bezugnahme berücksichtigen die New Yorker Ausstellungsmacher nicht. Auch geht es nicht um die Nachahmung von Vorbildern; dies wäre nicht viel mehr als oberflächliches Tortenverziere[n][5], eine deutliche Abgrenzung von der in den 1970er und 1980er Jahren dominierenden Postmoderne.

Ein weiteres Beispiel, wie die Architektin moderne Ideen aufnimmt und weiterentwickelt, ist ihr Diplomprojekt Malewitschs Tektonik, in dem sie sich mit dem räumlichen Schaffen Malewitschs auseinandergesetzt; die Arbeit wird im Anschluss analysiert.


[1] Hadid, The Peak, 1983, S. 84.

[2] Hadid fasst ihre frühen Arbeiten unter dem Titel „Planetary Architecture“ zusammen. So heißt auch ihre erste retrospektive Ausstellung in der Architectural Association London, 1983 (Hadid, Planetary Architecture, 1983).

[3] Hadid/Noever, Heute gibt es keinen Platz, 1991, S. 26.

[4] Folgende Zitate alle: Hadid, The Peak, 1983, S. 84,

[5] Hadid, Eighty-Nine Degrees, 1983, o. S. 2.




Zaha Hadid

17 09 2008

In den nächsten Tagen und Wochen werde ich die jüngste und zudem einzige weibliche Teilnehmerin der Dekonstruktivismus-Ausstellung in New York präsentieren und einige meiner Forschungsergebnisse vorstellen – Zaha Hadid.

For those of you who don’t speak German: I will present Zaha Hadid, the youngest and only female participant of the Deconstrcutivism Exhibition in New York within the next days and weeks. As my results are written in German, I’ll stick to the language and try to work on the translations (somewhen) later. Should you like to know something, please don’t hesitate and let me know!

Biografisches

Zaha Hadid, gebürtige Irakerin und Pritzker-Preisträgerin von 2004, ist bekannt für ihre spektakulären Bauwerke. 1988, zum Zeitpunkt der Dekonstruktivismus-Ausstellung, hatte sie jedoch noch keinen Entwurf realisiert und galt als zwar geniale, aber nicht-baubare Theorie-Künstlerin.

Bereits während des Studiums an der Architectural Association London, wo sie unter anderem bei Rem Koolhaas studiert, fällt Hadids besondere Begabung auf. Schon 1983, nur sechs Jahre nach dem Diplom, wird sie mit einem Schlag in der internationalen Architekturszene bekannt: Mit einem spektakulären Entwurf gewinnt die Architektin den Wettbewerb für einen Privatclub auf dem Hongkong Peak – die höchste Erhebung von Hongkong Island. Das Projekt wird aber nie realisiert.

(Foto Scan SK)

Es dauert noch rund zehn Jahre, ehe sie auch als praktische Architektin tätig wird: 1993 wird das erste Gebäude fertiggestellt, das Hadid ganz nach ihren Vorstellungen gestaltet, das Vitra-Feuerwehrhaus in Weil am Rhein, mittlerweile eines der großen zeitgenössischen Architekturmonumente Deutschlands. Seither errichtet Zaha Hadid weltweit aufsehenerregende Bauten. Was als nicht baubar galt, ist zum Vorbild geworden.

(Foto folgt)

Dekonstruktivismus-Ausstellung

In der New Yorker Ausstellung 1988 ist die Architektin mit dem Hongkonger Wettbewerbsbeitrag The Peak vertreten, der auch den Höhepunkt ihrer frühen Raumexperimente markiert: Die wesentlichen Ideen und Zielsetzungen ihres Schaffens sind in diesem Entwurf programmatisch zusammengeführt und werden in späteren Entwürfen weiterentwickelt, denn alle Projekte, so betont die Architektin, bauen ideell aufeinander auf.[1]

Hadids Architekturverständnis

Anders als ihre „dekonstruktivistischen“ Kollegen von der Architectural Association London, Rem Koolhaas und Bernard Tschumi, entwickelt Hadid ihr Architekturverständnis jedoch nicht über die schriftliche Auseinandersetzung mit architektonischen Fragen, sondern in erster Linie über das grafische Experiment. Ihr Schaffen ist in diesem Sinne „architekturpraktischer“, weil grundlegend von Fragen des Raum ausgehend. Da es nur wenig Texterläuterungen von der Architektin gibt, erfordert eine Annäherung an ihr Werk daher eine Vorgehensweise, die sich hauptsächlich auf die Interpretation ihrer Entwürfe und Zeichnungen stützt, dies gilt insbesondere auch für den abschließenden Ausblick auf Hadids Weiterentwicklung nach 1988: Mit zunehmendem Erfolg wird ihr ohnehin schmales schriftliches Werk noch kleiner. Aufschlussreich sind darüber hinaus auch Projekt-Erklärungstexte, kurze Programmschriften und insbesondere Interviews.

Trotz ihres mittlerweile großen internationalen Renommees ist überraschenderweise weder Hadids Architekturverständnis eingehend aufgearbeitet, noch finden sich umfassendere Arbeiten zur abstrakten Qualität ihres Entwerfens (in der deutschen Literatur sowie der in Deutschland erhältlichen fremdsprachigen Literatur). Es gibt jedoch zahlreiche Publikationen mit allgemeinen Überblicken über ihr bisheriges Schaffen sowie Baumonografien und zahlreiche Artikel; am umfangreichsten ist die kürzlich erschienene vierbändige Monografie zu Zaha Hadid, hrsg. von Gordana Fontana-Giusti, Patrick Schumacher u.a., in der versucht wird, die große Vielfalt ihres Werks „in Bildern, Texten, Zeichnungen und Fotografien“ einzufangen, so Greg Lynn im Vorwort (S. 4).

Hadids Website

Hadids Blog


[1] Hadid, Planetary Architecture, 1983, o. S. 7.