„Meine Fotografie ist die Negation des ‘entscheidenden Augenblicks’, wie ihn einst Henri Cartier Bresson definiert hat.“ Interview mit Martin Zeller

25 11 2011

Für die Serie „The Diagonal Mirror. Space And Time In Photographing Hong Kong”[1], entstanden zwischen 2003 und 2007, hat Martin Zeller eine außergewöhnliche Art der Präsentation gefunden: Wir sehen keine rechteckigen Fotoprints an der Wand hängen, sondern zwei Fotografie-„Balken“, die aufeinander stoßen, die sich berühren oder überlagern, sich überschneiden oder durchdringen. Die großformatigen Fotografien – zwischen 2m und 4m – sind nicht in herkömmlicher Weise arrangiert, sondern an die Wand inszeniert und arrangiert.

Waterfall Bay, 2008

Waterfall Bay, 2008

Entstanden über einen längeren Zeitraum von rund 3,5 Jahren in Hong Kong zeigen die Aufnahmen Stadtansichten von der Metropole bei Nacht, Straßen und Gebäude, sehr reich an Details, Architekturaufnahmen. Dabei interessiert Zeller nicht das glamouröse Gesicht der Stadt, nicht die bekannten touristischen Ansichten, sondern das Marginale, Unauffällige. Es sind weder groteske noch sensationelle Szene, sondern ganz gewöhnliche Situationen, die die Aufnahmen präsentieren.

Die Szenerien sind bei Nacht entstanden und wurden analog aufgenommen bei sehr langen Belichtungszeiten, die von 30 Minuten bis zu 2 Stunden reichen.

Der Betrachter kann in diese Stadtpanoramen gleichsam eintauchen, in sie eintreten und auf Entdeckungsreise gehen. Allerdings muss er/sie, wenn man davor steht und versucht, sich diese Szenerie zu erschließen, nach der „richtigen“ Position suchen, sich vielleicht sogar hin und her bewegen, um den besten Blickwinkel zu finden. Nur – es gibt ihn nicht, „den“ richtigen Blickwinkel! Es gibt Unschärfen, Verschiebungen, Überschneidungen an den Stellen, an denen sich die Aufnahmen überlagern. Die Perspektive lässt sich nicht eindeutig erschließen, so wie wir es gewohnt sind. Es ist nicht klar, welche Szene, welcher Blickwinkel eigentlich zu sehen ist!

Ausstellungsansicht, Kunsthalle Mannheim 2008

Ausstellungsansicht, Kunsthalle Mannheim 2008

Durch die Art der Präsentation dieser großformatigen Arbeiten wird der Betrachter aufgefordert, in die Stadt „einzutauchen“, in die Bilder einzutreten, er kann dies aber zugleich nicht „einfach so“. Die Fotografien können nicht einfach „konsumiert“ werden, die Perspektive erschließt sich nicht ohne Weiteres, sondern der Betrachter muss sich darauf einlassen, sich bemühen, sich die Vielschichtigkeit im wahrsten Sinne erschließen. Es gibt keinen Standpunkt und jeden Standpunkt gleichermaßen.

Er/sie sieht anders, auch mit chinesischen Augen.

Martin Zeller (*1961 in Mannheim) lebt und arbeitet seit 2003 in Hong Kong. Zeller ist Fotograf, jedoch kein expliziter Architekturfotograf. Sein Interesse gilt der Darstellung von Raum und Zeit in Bezug zur Kultur- und Mediengeschichte. Er fotografiert ausschließlich Orte, mit denen er vertraut ist, deren Geschichte er kennt. Daher ist es nicht überraschend, dass immer wieder auch städtische Umgebung und Gebautes in seinen Serien eine zentrale Rolle spielt.

Im Interview mit deconarch.com erläutert Martin Zeller, was ihn zu der ungewöhnlichen Präsentationsweise inspiriert hat, welche Themen ihn in seiner Arbeit beschäftigen und wieso er Henri Cartier Bressons „entscheidenden Augenblick“ negiert.

Illus. (c) Martin Zeller

(Alle Abbildungen aus “The Diagonal Mirror”)

INTERVIEW 

Auslöser für Ihre Serie „The Diagonal Mirror“ war Ihr erster Besuch in der Stadt 1998. Warum sind Sie damals nach Hong Kong geflogen?

Silent Witness, 2008

Silent Witness, 2008

Auf Einladung war ich 1998 zum ersten Mal in HK. Es war von meiner Seite eine spontane Zusage, so dass ich zwei, drei Wochen später relativ unvorbereitet im Flugzeug saß und nicht mehr Bilder im Kopf hatte, als wir alle. Also von der Skyline, der Börse und einigen Straßen mit unzähligen Neonreklamen.

Nach der Landung in HK nahm ich wie so oft lieber einen Bus als die Schnellbahn vom Flughafen in die Innenstadt. So kann man schon einmal einen Überblick über die Stadt mit ihrer Landschaft und den Vororten gewinnen. Ich bevorzuge es, Städte von der Peripherie her zu erkunden. So versuche ich auch Länder meist von einer kleinen Ortschaft aus kennenzulernen und erst später in die größeren Städte vorzudringen.

Auf dieser Fahrt vom Flughafen Chek Lap Kok nach Kowloon hing ich vor Überraschung über die vorbeiziehende Stadtlandschaft nur noch am Fenster und meine einzige Frage war: Wie kann ich all diese faszinierenden Orte und Plätze wiederfinden, an denen wir jetzt mit dem Bus vorbeirauschen? Die 3,5 Jahre, die ich von Herbst 2003 bis Frühjahr 2007 mit „The Diagonal Mirror” verbrachte, war ich ausschließlich damit beschäftigt, diese Fahrt vom Flughafen ins Zentrum von HK wieder rückwärts aufzurollen.

Wie kam die Gestaltungsweise des „Diagonal Mirror“ zustande? Was hat Sie dazu inspiriert, großformatige Fotografien sich überschneiden zu lassen?

Run Down, 2008

Run Down, 2008

Bevor ich im Herbst 2003 nach HK ging, hatte ich in Berlin über 10 Jahre hinweg zwei große Projekte realisiert: Entstanden zuerst meist großformatige Fotoarbeiten der steinernen Metropole mit weiten Fluchten („Berlin“, 1997), so beschäftigte mich später der Bildraum als Ort von Überlagerungen visueller Informationen – und somit die Vielschichtigkeit des Bildlichen selbst („Die verklärte Nacht“, 2002). Die letzten Bilder, die für „Die verklärte Nacht“ entstanden, sind schon von meinen ersten HK-Besuchen beeinflusst. Arbeitete ich aber bisher vorwiegend in Städten/Regionen, die sich horizontal ausdehnen, war ich zuerst an der zusätzlichen vertikalen Dimension der Stadtlandschaft HKs interessiert.

HK wurde ursprünglich an sehr steiler Hanglage errichtet (Mount Austin, 552 m), was dazu führte, dass später nur noch eine Ausdehnung in der Vertikalen möglich war. Aber die ersten Bilder, die ich in HK machte, zeigten schnell, dass das rechteckige Bildformat ungeeignet war, um mich dieser organischen, vielschichtigen und dreidimensionalen Urbanität zu nähern.

Nach meiner Ankunft in HK hatte ich sogleich begonnen, mich auch mit chinesischer Malerei zu beschäftigen, vorwiegend mit der Landschaftsmalerei der Song Dynastie (960 bis 1279). Auf den ersten Blick sehen diese Bilder wie realistische Darstellungen der Landschaft aus, aber auf den zweiten Blick erkennen wir, dass Vorder-, Mittel-, und Hintergrund jeweils eine eigene Perspektive haben. Dies ermöglicht dem Betrachter, in ein Haus hineinzuschauen und zur gleichen Zeit auch über den Berg hinweg bis zum Horizont zu sehen. Interessant ist auch, dass christliche Mönche schon recht früh Kopien der Meister der Renaissance mit nach China brachten, so dass die chinesischen Künstler über den Schritt der europäischen Malerei zur Zentralperspektive Bescheid wussten. Aber bis auf eine kleine Epoche fand diese Sichtweise, die wohl auch eine Denkweise spiegelt, in China keinen Widerhall. Warum soll ich mich auf eine Perspektive konzentrieren, wenn ich auch zwei, drei oder mehr haben kann?

Hinzu kommt eine weitere Beobachtung, die ich bei einer Busfahrt in HK gemacht habe: Der Busfahrer war recht schnell unterwegs, so dass ich nach vorne blickte, um nach dem Rechten zu schauen. Dabei fiel mir auf, wie der Fahrer seinen Rückspiegel diagonal angebracht hatte. Jetzt verstand ich, wie ich die Stadtlandschaft HKs mit meiner Kamera erfassen konnte: mehrperspektivisch und diagonal.

Hollywood Queen, 2008

Hollywood Queen, 2008

Viele Ihrer Projekte seit 1989 entstanden bei Nacht, wie auch „The Diagonal Mirror“, mit Belichtungszeiten von 30 Minuten bis zu 2 Stunden. Arbeiten Sie bevorzugt bei Nacht?

Die Künstlichkeit des nächtlichen Lichts spiegelt sehr gut die Künstlichkeit des chemischen Prozesses bei der Entwicklung und Vergrößerung der Bilder wieder. Alle Bilder zu „The Diagonal Mirror” wurden analog auf Film aufgenommen und analog auf Fotopapier vergrößert.

Den Farben von Tagesaufnahmen, z.B. dem Blau des Himmels oder dem Grün der Blätter eines Baumes, haftet in der analogen Fotografie immer etwas Künstliches an, so dass ich es seit meinem Projekt „412 432″ vorzog, vorwiegend bei Nacht zu fotografieren.

Aber es entstanden auch immer wieder Arbeiten bei Tageslicht, etwa das erste Kapitel von „Das Dreieck” (1993), die Fotoinstallation „Rampenweg” (1993) oder die Arbeit „Märkischer Sand” (1996). Meist fotografierte ich dann bei gleißendem Sonnenlicht mit harten Schatten, was auch wieder eine gewisse Künstlichkeit des fotografischen Abbilds betonte.

Seit 2008 arbeite ich vorwiegend bei Tageslicht.

Warum Fotografie? Welche Möglichkeiten eröffnet Ihnen die Arbeit mit der Kamera?

Ausstellungsansicht, Kunsthalle Mannheim 2008

Ausstellungsansicht, Kunsthalle Mannheim 2009

Ich habe, seit ich 13 Jahre alt war, gemalt, mit 16 Jahren die erste Kamera gekauft und mit 24 Jahren mit Video begonnen. Meinen Abschluss an der Fachhochschule für Gestaltung in Darmstadt habe ich mit einer Videoarbeit bestritten, 1988 die erste Diplomarbeit in diesem Medium. Danach, im Jahr 1989, habe ich mehr aus Verdruss an der Arbeit mit Video (damals waren die Bilder schneller als die Technik erlaubte) und Zufall eine erste Nachtaufnahme mit langer Belichtungszeit am Rheinufer gemacht, deren Ergebnis mich so neugierig gemachte hat, dass ich 20 Kilometer dem Licht entlang des Rheins fotografisch gefolgt bin. Die Bilder des „412 432″-Projekts habe ich später im Rahmen des Kultursommers Ludwigshafen multimedial umgesetzt und ein Jahr später habe ich eine Arbeit mit Fotografien auf Transparentfilm auf dem Klüberplatz in Ludwigshafen realisiert. Ich war immer mehr am Medium Fotografie in Bezug zu anderen Medien wie Film, Video, der Malerei oder Skulptur interessiert. Die sogenannte dokumentarische Qualität der Fotografie hat mich nie interessiert.

Wie finden Sie Ihre Motive?

Reine Intuition.

Welche Themen interessieren Sie? 

Highland Spring, 2008

Highland Spring, 2008

Mein Interesse gilt der Darstellung von Raum und Zeit in Bezug zur Kultur- und Mediengeschichte. So war „412 432″ (1990) eine fotografische Reise entlang der gleichnamigen Rheinkilometer bei Nacht, aber auch eine Auseinandersetzung mit der New American Color Photography und ihren Verweisen auf den amerikanischen Film. „Berlin” (1997) zeigt die deutsche Hauptstadt nach dem Fall der Mauer, aber im Licht der frühen deutschen subjektiven Fotografie. „The Diagonal Mirror” spiegelt die sich von der europäischen Kultur unterscheidende asiatische Raum- und Zeitvorstellung.

Dieses Thema greife ich auch in meinem jüngsten Projekt „New Gardens” auf, das ich mit der chinesischen Künstlerin Sou Vai Keng realisiere: Auf der einen Seite beziehen wir uns auf Walter Benjamins Thesenpapier „Über den Begriff der Geschichte” von 1940, auf der anderen Seite nutzen wir Techniken der chinesischen Landschaftsmalerei.

Sie arbeiten nicht ausschließlich mit Architekturfotografie, trotzdem spielt sie – oder allgemeiner noch gesprochen: das Menschengemachte – in vielen Ihrer Serien eine Rolle. Warum?

Block Two, 2008

Block Two, 2008

Ursprünglich interessierte ich mich mehr für die Architektur des Lichts. Natürlich braucht Licht einen Gegenstand, an dem es sich brechen kann, um sichtbar zu werden, aber die Wahl dieses Objekts unterlag weniger architektonischen Kriterien, als meinem persönlichen Bezug zu ihm. So fotografiere ich ausschließlich Orte, mit denen ich vertraut bin, deren Geschichte ich kenne. Das ist wohl der Grund, weswegen meine ersten Fotoarbeiten in der städtisch und industriell geprägten Region von Mannheim, in der ich aufwuchs, entstanden sind. Meine Fotografie ist die Negation des „entscheidenden Augenblicks”, wie ihn einst Henri Cartier Bresson definiert hat. Ich besuche meine Aufnahmeorte immer und immer wieder, bis ich in einer inneren Kommunikation mit diesem Ort seine Essenz gefunden habe.

Heute interessiert mich mehr die Architektur des Bildes selbst. Die Arbeiten zu „The Diagonal Mirror” sind zugleich Bild und Objekt und auch die Präsentation der Arbeiten des neuesten Projekts „New Gardens”, die auf Reispapier vergrößert und als mehrteilige Rollenbilder präsentiert werden, birgt eine architektonische Qualität.

Analog oder digital?

Hollywood Queen, 2008

Hollywood Queen, 2008

Ich arbeitete bis 2008 ausschließlich analog, heute vorwiegend digital. Die Wahl zwischen analog und digital ist für mich weniger eine medienphilosophische Frage als vielmehr eine der Zweckmäßigkeit. Beide Techniken haben ihre Vor- und Nachteile und während ich früher immer den Grenzbereich der analoger Techniken auslotete, experimentiere ich heute mit den Grenzen der Digitaltechnik. Aber dies ist wirklich ein abendfüllendes Thema.

Was ist charakteristisch für Ihre Arbeit – in Ihren Worten?

Es ist besser, wenn man das als Künstler nicht weiß, sondern immer auf der Suche bleibt. Ansonsten unterliegt man zu leicht der Gefahr, sich zu wiederholen und seine Arbeit nur noch unter einem Markenzeichen zu sehen.

Zum Abschluss noch einen Ausblick auf Ihre neuesten Arbeiten?

„New Gardens“ wurde schon erwähnt. Daneben läuft auch ein Projekt mit dem Arbeitstitel „”Die Rückseite des Auges” ” ist eine weitere Zusammenarbeit mit der chinesischen Künstlerin Sou Vai Keng und bezieht sich auf den norwegischen Maler Edvard Munch.

Martin Zeller, herzlichen Dank für die Einblicke in Ihre Arbeit!

 


[1] The Diagonal Mirror, Kehrer Verlag Heidelberg 2008 (Begleitkatalog zur Ausstellung in der Kunsthalle Mannheim 2009)




Rooftop Communities in Hongkong: Ghetto with City View

2 06 2009

Das Kunsthaus Hamburg zeigt die Ausstellung ‘Portraits from Above – Hong Kong‘s Informal Rooftop Communities‘ mit Zeichnungen, Fotografien und Text von Rufina Wu und Stefan Canham. Die Schau ist sowohl ein Beitrag zu ‘Jugend kulturell Bildende Kunst. EXTRA‘ als auch zum 6. Hamburger Architektur Sommer. Sie wurde bereits im Spiegel Online wahrgenommen.

The exhibition “Portraits from Above – Hong Kong’s Informal Rooftop Communities” at the Hamburg Kunsthaus presents the photo documentation by Canadian architect Rufina Wu and German photographer Stefan Canham, including photos, drawings and texts. Within 3 months Wu and Canham have visited and portrayed the informal slum cities of Hong Kong – because of the city’s geographical disposition, these auxiliary sheds have been moved to the roofs of highrises from the 50s and 60s. On minimal space people are “residing” in corrugated iron shacks with up to three “storey”. Since about 50 years these illegal informal communities are essential part of the HK cityscape.

Die kanadische Architektin Wu und der deutsche Fotograf Canham spüren in ihrem Projekt den “Slums” über – genauer: auf den Dächern Hongkongs nach. Während sich die „Ghettos“, die Barackenstädte der armen Bevölkerung, in anderen Megastädten auf freien Stadtflächen, meist am Rande der anderen Viertel ansiedeln, hat die gedrängte räumliche Situation in Hongkong andere Lösungen nötig gemacht: Die einzigen „freien“ Flächen, die noch verfügbar sind und waren, befinden sich auf den Dächern der Wolkenkratzer. Hier wurden kleinste Wohnzellen errichtet – sie sind das andere Ende der “Micro Houses” als beliebte neue Bauform.

Seit über fünfzig Jahren sind die informellen “Dach-Siedlungen” ein wesentlicher – und spektakulärer – Bestandteil der Stadt. Trotzem ist diese Architektur ohne Architekten noch weitgehend unbekannt außerhalb Hongkongs.

Einwanderung in Hongkong

Im Zuge der politischen Veränderungen in China im 20. Jahrhundert – Stichwörter sind etwa der Große Sprung nach vorn oder die Kulturrevolution – kamen Flüchtlingsströme nach Hongkong. Diese Zuwanderer vom chinesischen Festland, später auch Migranten aus Südostasien und Pakistan, mussten sich in der 7-Mio.-Stadt, in der aufgrund der geografischen Lage das Bauland knapp und die Wohnungsnot umso größer ist, billige Behelfsunterkunft suchen.

Hinzu kommt, dass in Hongkong nur der einen Anspruch auf eine Sozialwohnung hat, der sieben Jahre in der Stadt gelebt hat. Bis es soweit ist, müssen einige immer noch mit vergitterten Etagenbetten in einer der berüchtigten Bettunterkünfte (“cage homes”) auskommen. Allerdings sind diese Sozialwohnungen meist in Wohntürmen in Satellitenstädten untergebracht – dort gibt es jedoch keine Jobs.

Jobs wiederum finden die Einwanderer in den Altstadtvierteln auf Märkten, in Garküchen oder im innerstädtischen Kleingewerbe-Gewimmel – als Küchenhilfen, Reinigungskräfte oder auf dem Bau.

Slums in Top-Lage

Auf den Dächern von sieben bis zwölfstöckigen Wohnbauten aus den 50er und 60er Jahren errichteten sich die Einwanderer informelle, selbstorganisierte Wohnsiedlungen. In Verschlägen und Hütten aus Wellblech, Holz und Restmaterialien leben sie auf engstem Raum. Einige dieser “Dach-Aufbauten” sind bis zu drei Stockwerke hoch.

Tatsächlich bieten diese informellen Kleinst-Wohnzellen auf den Dächern auch einige Vorteile:

“Obwohl meist winzig, ärmlich und der Witterung ausgesetzt, bieten die Dachhütten mehr Licht und Luft als manche Etagenwohnung. Hier und da gibt es kleine Freiflächen, auf denen Kinder kicken oder Basketball spielen. Dachgärten aus Topfpflanzen werden gehegt. Leitern aus Stühlen und Kisten schaffen Verbindungen zwischen Gebäudeteilen. Manchmal findet sich Platz für kleine Schreine und Hausaltäre. Und in den engen Gängen zwischen den Verschlägen verschmelzen buddhistische Gesänge mit den Klängen pakistanischer Musikvideos und thailändischer Seifenopern.”  (zitiert aus Spiegel Online)

Dennoch:

“So pittoresk diese Dachaufbauten sind, zu sozialromantischer Verklärung taugen sie kaum. Die Sonne heizt die Räume gnadenlos auf. Bei Taifun segeln Dachpappen wie Drachen durch die Luft. Und beschwert sich ein Bewohner der umliegenden Häuser über den Blick auf den Verhau aus Wellblech, Planen und verrottenden Latten, rücken die Abrisstrupps an. Denn obwohl die Behörden die Siedlungen meist tolerieren, ja sogar Post zustellen, Strom und Wasser liefern, Gebühren und Steuern kassieren – die Aufbauten sind illegal. 

Vergleichbare Siedlungen wuchern auf den Dächern Kairos, auch in Phnom Penh soll es sie geben.”(zitiert aus Spiegel Online)

Zur Zeit sind die Dachsiedlungen in Hongkong stark bedroht: Die relativ niedrigen Hochhäuser aus den 50er und 60er Jahren werden nach und nach durch wesentliche höhere Bauten ersetzt werden.

Ausstellung in Hamburg

Rufina Wu und Stefan Canham dokumentieren die informellen Siedlungen auf Hongkongs Dächern mit Fotos der Wohnverschläge von innen und außen, Zeichnungen zur architektonischen Anlage der „Dach-Aufbauten“ und mit Texten. Sie machen sichtbar, wie diese Selbsthilfe in Existenznöten funktioniert. Zudem porträtieren sie auch einige Bewohner und ihr Leben in ihren Wohnzellen.

Für ihre Arbeit wurden Wu und Canham mit dem 3. Preis des Internationalen Bauhaus Award 2008 ausgezeichnet.




Nicola Meitzner: City Code. Ausstellung in Berlin

30 04 2009

Passend zum “open weekend” der Berliner Galerien zeigt die Galerie Degenhartt in Berlin Mitte ihre neue Ausstellung:

aus der 94-teiligen Arbeit shanghai builder, inkjet-prints, 2008

Nicola Meitzner, aus shanghai builder, inkjet-prints, 2008 © N. Meitzner

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Nicola Meitzner

City Code

Fotografien

1. Mai bis 13. Juni 2009

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Gezeigt werden die neuesten Arbeiten der in Zürich lebenden Fotografin Nicola Meitzner (*1969), die das Leben in Metropolen zum Thema ihrer präzise beobachteten Arbeiten macht. In Schwarzweiß- und Farbfotografien spürt sie den Besonderheiten der verschiedenen Orte nach – zwar gleichen sich die Städte im Zuge der Globalisierung immer mehr einander an, dennoch ist jede Stadt durch unterschiedliche örtliche Gegebenheiten, verschieden schnelles Wachstum und politische Verhältnisse deutlich ausgeprägt.

Nicola Meitzner,

aus luckyland, 2005, c-print, 2005, 30 x 40 cm © N. Meitzner

(aus den Infos der Galerie:)

In der 15-teiligen, farbig fotografierten Arbeit luckyland (2005) fängt Nicola Meitzner das Leben und Treiben in Sportstätten in Sydney ein. Hier kommen Gegensatzpaare wie Spiel und Künstlichkeit, Freiheit und Begrenzung, Freizeit und Alltag zum Ausdruck. Die sommerlichen Szenen von Pferderennen, Regatten oder Skateboarding zeigen eine bis zur Modellhaftigkeit künstlich erscheinende Kulisse, vor der die Freizeitbeschäftigung weitestgehend reglementiert stattfindet.

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Erstmals in einer Galerie ausgestellt wird die Arbeit Shanghai Builder (2007/08), die Elemente der Stadt wie Verkehrswege, Gebäude, Grün und ihre Bewohner gleichsam mit dem Seziermesser in Einzelteile zerlegt. Die 94-teilige Arbeit, deren Bruchstücke auf den ersten Blick zufällig wirken, nimmt mit einer Länge von über 8 Metern zwei Wände des Galerieraums ein. Der Betrachter ist gefordert, die fast abstrakt wirkenden Teile selbst zu ordnen und zu einer eigenen Stadtwahrnehmung zusammenzufügen. In der ungewöhnlichen räumlichen Präsentation wird die Dynamik des städtischen Lebens unmittelbar erfahrbar.

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Nicola Meitzners neueste, in Hongkong fotografierte Serie Synergy (2008/09) thematisiert den Dreiklang Mensch – Urbanität – Natur. Die sieben Fotografien dieser Arbeit zeigen einen fragmentierten städtischen Kontext, welcher der Unübersichtlichkeit und Kleinteiligkeit unserer Alltagswahrnehmung entspricht. Die Fotos wirken collagenhaft bis zur Unwirklichkeit, ganz wie unser von Technik, zwanghaftem Fortschritt und Medien geprägtes Leben selbst.




Space and Time in Photographing Hong Kong, Martin Zeller in der Kunsthalle Mannheim

24 04 2009

Mehr als drei Jahre lebte der gebürtige Mannheimer Fotograf Martin Zeller (*1961) in Hongkong. Die Ergebnisse seines Aufenthalts in Fernost sind noch bis Anfang Mai in der Kunsthalle Mannheim zu sehen.

Martin Zeller, Pink Lady, 2004

Die Wolkenkratzerstadt Hongkong, in der sich das Leben auf engstem, hoch verdichtetem Raum abspielt, hat Zeller fasziniert: “Hongkong ist eine Stadt, die sich in die Vertikale entwickelt: Wo bei uns irgendwann nur noch Himmel ist, hat man dort immer noch Information.” Seine Arbeiten reflektieren diese  Zuspitzung städtebaulicher, raumstruktureller und sozialer Entwicklungen. Der Stadtraum in Hongkong ist offener und ständiger Veränderung unterworfen. In seinen Nachtaufnahmen mit sehr langer Belichtungszeit erscheinen Bewegung verwischt oder vom Hintergrund überblendet.

Um dies auch in seinen Arbeiten einzufangen, hat Zeller eine eigene Bildsprache entwickelt: Er fotografiert die urbane Landschaft in extremen Hoch- und Querformaten, die er in eindrucksvollen, sich diagonal überkreuzenden Collagen aus zwei oder mehr Bildern installiert. So entsteht ein mehrperspektivischer Bildraum,d er verschiedene Anblick gleichzeitig zeigt. Grenzen lösen sich auf, die Trennung von Innen und Außen wird aufgehoben.

“Ich habe ziemlich schnell gemerkt, dass ich mit meiner vom europäischen Kulturraum geprägten Arbeit an Grenzen stoße. Ich musste mich erst einmal mit der Vorstellung von Raum und Zeit in Asien auseinandersetzen.”

Martin Zeller, vor Silent Witness, 2005, bei der Pressekonferenz 13.02.2009 in der Kunsthalle MA

Martin Zeller, vor "Silent Witness", 2005, bei der Pressekonferenz 13.02.2009 in der Kunsthalle MA

Die traditionelle chinesische Kunst kennt keine Zentralperspektive, die sich in Europa seit der Renaissance durchgesetzt hat. Vielmehr gibt es in einem Bild mehrere Perspektiven, Bildvorder-, Mittel- und Hintergrund werden jeweils gestaltet. Zudem ist das Bildformat meist das einer Papierrolle – ein Überformat im Seitenverhältnis 1:5. Beeinflusst von diesen haben Zellers Arbeiten keinen Horizont und keinen Fluchtpunkt. Die Raumwahrnehmung erscheint gleichgeordnet.

Zellers Fotografien thematisieren damit nicht nur das Stadterleben Hongkongs, sondern darüber hinaus auch die Unterschiede zwischen europäischer und asiatischer Perspektive und Raumwahrnehmung. Zeller selbst sagt: „Die Chinesen hat meine Bildfindung auch nicht überrascht. Hier ist die Irritation viel größer: Ich habe noch nie soviel über eine Ausstellung gesprochen! Ich fühle mich richtig als Übersetzer.”

((Zitate aus MEIER. Das Magazin für das Rhein-Neckar-Delta, April 2009   | © Abb. Kunsthalle Mannheim))

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Martin Zeller

Space and Time in Photographing Hongkong

14.02. – 03.05.2009




Michael Wolf: Architecture of Density

9 12 2008

Ein kleiner Hinweis auf eine Architekturfotoreihe:

Michael Wolfs “Architecture of Density” zeigt Hongkong – nein, nicht ganz anders, sondern so, wie es ist: extrem dicht bebaut. Da sieht man das Haus vor lauter Fenstern nicht mehr…

(Beide Abbildungen von Michael Wolfs Website.)

Wenn ich mehr Zeit habe, werde ich mehr Informationen zusammentragen (vorerst sei auch hier auf die Website des Fotografen verwiesen).

Aufmerksam wurde ich auf den Fotografen über diesen Artikel.