Zaha Hadid – LF one, Weil am Rhein
29 10 2008In direkter räumlicher Nachbarschaft zum Vitra-Feuerwehrhaus in Weil am Rhein befindet sich ein weiteres Gebäude von Zaha Hadid: Der Landesgartenschau-Pavillon LF one / Landscape Formation one, zwischen 1997-1999 entwickelt und realisiert.
Wie der Name andeutet, ist er eines der ersten Projekte einer neuen Versuchsreihe der Architektin.
Hintergrund: Landesgartenschau Weil am Rhein 1999
Das Landesgartenschaugelände in Weil am Rhein befindet sich in einem aufgelassenen Kieswerk und bietet ein äußerst interessantes Landschaftsareal: Ausgangspunkt ist keine „natürliche“ Natur, sondern ein renaturiertes Industriegelände. Hier soll das Beziehungsgeflecht Kultur – Natur, Industrie – Stadt thematisiert werden. Zudem ist die Anlage auch als städtisches Pendant zum Vitra-Architekturpark gedacht. Diese Aspekte führen dazu, dass Hadid zur Gestaltung eines Ausstellungspavillons eingeladen wird.
Heute ist im LF one-Pavillon das Trinationale Umweltzentrum untergebracht.
Beschreibung
Der Pavillon entsteht durch die Bündelung dreier Bahnen. Streng genommen ist er kein Gebäude, sondern ein längliches “Wegebündel“[1] aus mehreren parallelen und stellenweise ineinander verwobenen Räumen. Statt in kantigen, spitzen Formfragmenten erhebt sich dieser Betonbau in sanft geschwungenen Kurven aus dem Gelände.
Der LF one nimmt die geologischen Formationen des Areals auf, wie es dem Ziel der neuen Projektreihe entspricht: Hadid versucht, aus dem Studium natürlicher Landschaftsformationen fließende Raumstrukturen herzuleiten, die in architektonische Formen übersetzt werden.
Ziel ist es auch hier, neue Räume zu entwickeln, die den komplexen modernen Lebensprozessen entsprechen.
Noch deutlicher als beim Vitra-Feuerwehrhaus entsteht kein isoliertes, in sich geschlossenes Gebäude, sondern ein rhythmisiertes Ganzes aus ineinander verwobenen Räumen, deren Grenzen nicht klar definiert sind. Die Übergänge zwischen Bau und Umgebung verschwimmen (im Modell noch deutlicher als im realisierten Bau).
Ein Kiesweg schneidet in flacher S-Kurve diagonal durch und über das Gebäude – ist ein Passant auf diesem Weg noch „draußen“ oder schon im Gebäude, steht er auf dem Dach oder auf einer Terrasse? Für den Besucher verschmelzen die Erfahrungen von innen und außen. Wo ist der Anfang, wo das Ende des Pavillons?
Von jedem Standpunkt eröffnen sich andere Sichtweisen und Deutungsmöglichkeiten.
Erinnert sei an Malewitschs Tektonik, wo bereits der Anspruch eines wahrhaft dreidimensionalen Baus zum Ausdruck kam, der keine einheitliche Fassade zur Schau trägt, sondern Vielfalt.
LF one ist ein offener und flexibler Bau, der nicht wie ein „normales“ Gebäude „kanalisiert, segmentiert und verschließt“, so Hadid, sondern Möglichkeiten eröffnet, „Angebote und Vorschläge“ zur Wahrnehmung machen will, indem zahlreiche und immer wieder andere Sichtweisen möglich werden.[2]
Architekturlandschaft
Es entsteht eine artifizielle Landschaft, eine Architekturlandschaft:
Das Bauwerk ist Teil der Landschaft, nimmt die Formen der Landschaft auf. Es ist nicht mehr „planetarisch“ wie das Peak-Projekt, bei dem durch massives Eingreifen in das Gestein eine Verbindung ganz eigener Art zwischen Bau und Umgebung hergestellt werden sollte. Es unterscheidet sich aber ebenfalls vom Vitra-Feuerwehrhaus, das als Teil einer künstlichen Architekturlandschaft entworfen ist.
(weitere Abb. der Entwurfes konnte ich online leider nicht finden; Quelle dieser Abb. wie immer durch Anklicken)
Vielmehr geschieht die Integration des Umfelds jetzt in umgekehrter Richtung. Die Architektur nimmt natürliche Formationen auf und versteht sich als Teil der Umgebung, ist dabei aber immer in seinem artifiziellen Charakter zu erkennen: auch LF one ist aus Sichtbeton gebaut. Hadid betont, dass sie keinesfalls die Architektur aufgebe und der Natur unterwerfe. Vielmehr werden Formen nach dem Vorbild der Natur entwickelt, die ihren eigenständigen Charakter behalten und gleichberechtigt neben natürliche Formationen treten.
Die Verbindung von Bau und Umgebung wird in einer ganz neuen Weise erprobt.
Fazit
Dass der Bau ein Experiment ist, ist vor Ort durchaus zu spüren. Während die drei Bahnen im filigranen Modell tatsächlich wie aus der umgebenden Landschaft herausgeformt erscheinen, wirkt der realisierte Bau massiver und fremd in der Landschaft und wirkt je nach Standort eher wie ein Skaterpark – was auch ein wenig am nicht so gepflegten “Drumherum” liegen mag.
Den Innenraum konnte ich leider nicht erleben, da just an diesem Tag geschlossen war.
Diese Methode der Verflechtung von „Raum-Bahnen“ zu einem Gebäude wird seither häufig eingesetzt, etwa beim Contemporary Arts Center in Rom, der sich derzeit im Bau befindet. Dass diese Gestaltungsweise auch weiterhin von Bedeutung ist, zeigt auch das Design ihrer Internetpräsenz, deren Startseite in ähnlicher Weise gestaltet ist.
Kategorien : Architecture
Schlagworte : Landesgartenschau-Pavillon, Landscape Formation one, LF one, Trinationales Umweltzentrum, Weil am Rhein, Zaha Hadid






