Ein Roman über die „Stadt der Engel“ und den unkaputtbaren American Dream James Frey: Strahlend schöner Morgen
1 11 2009Wie soll man sich einen Roman vorstellen, dessen heimliche Hauptrolle eine Stadt besetzt? Beschreibungen von Stadtvierteln, Gebäuden, Verkehrsnetzen? Was macht eine Stadt aus?
deconarch startet eine Themenfeld, in dem in unregelmäßigen Abständen über Literatur berichtet wird, die Architektur und Urbanismus zum Thema hat. Den Auftakt macht James Freys Roman “Strahlend schöner Morgen” (Bright shiny morning) über die Megacity Los Angeles.
What is a novel like whose protagonist is a city? A collection of descriptions of quarters, buildings, transport systems? What is the core of a city?
deconarch is starting a new topic line about literature dealing with architecture and urbanism at irregular intervals. It kicks off with James Frey’s “Bright shiny morning” staging the megapolis Los Angeles.
(A short Engl. summary to follow.)
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James Frey: Strahlend schöner Morgen. Ullstein. 592 Seiten.
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»Er hat ein großes Buch geschrieben. Über eine Stadt. Über Los Angeles.« (New York Times) Und: »Leidenschaftliche Hommage an Los Angeles … James Frey erzählt nicht die Geschichte einer Stadt, er erzählt ihren Mythos.« (Der Tagesspiegel, 09.08.09, Wiebke Porombka)
Was Joyce für Dublin, Dos Passos für New York oder Durrell für Alexandria gelungen sei, das habe Frey für die „Stadt der Engel“, (schreibt jedenfalls die The Washington Post), denn L.A. spiele die eigentliche Hauptrolle von James Freys „Strahlend schöner Morgen“.
So und ähnlich lauten Beschreibungen des fast 600 Seiten starken Buches. Kritikerstimmen überschlagen sich von beeindruckt bis begeistert und das Buch wurde bereits vor offiziellem Erscheinen in Deutschland hochgelobt. Der Einband verspricht einen – ja eigentlich den – amerikanischen Gegenwartsroman über die Megacity L.A. Was ist dran an diesen Kommentaren? Kann eine Stadt die Hauptrolle eines Buches, dazu eines Romans besetzen?
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„Strahlend schöner Morgen“ ist mit Sicherheit kein gewöhnlicher Roman. Schon optisch fällt auf, was denn auch für Stil Freys und den Handlungsverlauf des Buches charakteristisch ist: Der Text ist nicht im Blocksatz gedruckt, sondern in „ausgefransten“ Sätzen, die Seiten wirken dadurch sehr bewegt und unruhig. Unruhig und bewegt ist auch der Inhalt von „Strahlend schöner Morgen“. Frey nimmt in seiner Schreibweise und in der Art, seine Kapitel anzuordnen, ein Charakteristikum von L.A. auf: Die Stadt ist ein Konglomerat aus zahlreichen Vierteln und Orten, die sich ohne Zentrum aneinanderfügen (erst in den letzten Jahren gibt es entsprechende urbanistische Bestrebungen, dieses Fehlen zu beheben).
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Frey gibt Los Angeles Gesichter. In zahlreichen Episoden erzählt er die Lebenswege von Menschen, die die Hoffnung auf ein besseres Leben in die Stadt der Engel geführt hat. Er reiht – mehr oder weniger ausführlich – Abrisse unterschiedlichster menschlicher Schicksale aneinander von Menschen ganz oben oder ganz unten oder irgendwo in der Mitte der gesellschaftlichen Hierarchie, deren Wünsche und Träume meist nicht oder anders als erwartet erfüllt werden – sei es die Hoffnung auf eine Karriere als Sportler, auf ein erfolgreiches Studium, auf ein Haus am Strand, auf ein Leben in Wohlstand oder immer wieder auf den Aufstieg im Film- und Musikbusiness. Manche dieser Lebensläufe werden nur kurz angerissen, andere kehren häufiger wieder.
Es wird schnell klar, dass der Morgen in L.A. nicht so strahlend schön ist, wie es den Anschein haben mag, und dass häufig kaum mehr diese Qualität erfüllt, als das Wetter selbst (L.A. hat rund 300 Sonnentage im Jahr).
L.A. begegnet als Moloch mit unendlich vielen Facetten. Die fiktiven Geschichten zeichnen ein fesselndes, ein grelles, trauriges, auch düsteres Bild der Megacity. Sie zeigen nicht die glamouröse Stadt, die die Filmfabrik Hollywood zu sein scheint, sondern den Blick hinter die Kulissen des Molochs L.A., in dem (meist) gescheiterte Existenzen um das Überleben ihres American Dream kämpfen.
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Nach und nach kristallisiert sich heraus, dass es vor allem vier Geschichten sind, die dem Leser immer wieder begegnen. Da sind das Teenagerpaar Maddie und Dylan, die ihr tristes Leben in Ohio verlassen haben und sich an der Westküste eine Zukunft aufbauen wollen, und der Filmstar Amberton, der alles hat, Geld, Aussehen, Familie, der aber seine Homosexualität geheim hält. Da sind der obdachlose Old Man Joe, der aus seinem vom Alkohol bestimmten Leben heraustritt, als er beginnt, einem drogensüchtiges Mädchen zu helfen, und die junge Mexikanerin Esperanza, die als Haushaltshilfe einer tyrannischen Lady arbeitet, um sich das College zu finanzieren, und sich in den Sohn der Arbeitgeberin verliebt.
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Am Ende ist alles offen. Die Geschichten und Handlungsstränge werden – überraschenderweise – nicht inhaltlich zusammengeführt, kein auktorialer Eingriff löst die aufgebaute Spannung oder gibt Informationen auf den Ausgang der Geschichten. Einzig dass die vier zentralen Schicksal in einem letzten Kapitel nacheinander aufgeführt werden und, ist alles, was an Zusammenführung möglich ist.
Die Grundstimmung ist eher wenig einladend und sehr kritisch gegenüber dem American Dream, der sich mit der kalifornischen Westküste verknüpft ist, wie mit kaum einem anderen Staat der USA. Die Geschichten haben immer etwas Düsteres, Bedrohliches, als ob das Glück nur von kurzer Dauer sein darf.
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Fakten, Fakten, Fakten…
Den romanhaften Kapiteln stehen kurze Erläuterungen zur Stadtentwicklung Los Angeles von der Siedlungsgründung im späten 18. Jahrhundert bis zur Metropole der Gegenwart gegenüber. Sie vermitteln sehr knapp die wichtigsten Fakten in der Stadtentwicklung und geben ein Bild über zentrale Ereignisse in der Entstehung L.A.s. Dabei werden nicht nur urbanistische, sondern auch (sozial-)politische Punkte aufgeführt, sondern auch Aspekte wie die Eingemeindung verschiedener Gebiete, die Entwicklung der Wasserversorgung und die Entstehung öffentlicher Einrichtungen in wenigen Worten umrissen sowie immer wieder kritische Aspekte wie die (für Europäer befremdliche) Waffen-Gesetzgebung und die Dominanz der Öl-Lobbies, die etwa den Ausbau des ÖPNV-Netzes verhindert, gestreift.
Dazu werden auch im Text selbst vermehrt Kapitel eingeschoben, die ebenfalls faktische Informationen geben zu zentralen Themen von L.A. und die in ihrer umfangreichen Auflistung etwas von einer Fleißarbeit haben. Dies ist sehr informativ, allerdings streckenweise auch anstrengend zu lesen. Aufgeführt werden etwa immer wieder die Gewalt der Stadt, Banden und Gangs sowie die unterschiedlichen Rassen und der überall präsente Rassismus. Daneben sind die Beschreibungen der unterschiedlichen Stadtviertel und ihrer Geschichte(n) von Chinatown über Beverly Hills bis Hollywood interessant. Auch das Straßennetz und die Bedeutung des Automobils wird ausführlich kommentiert (L.A. als die „horizontale“ Autostadt) – einprägsam ist etwa das Schicksal einer New Yorker Galeristin, die in L.A. von einem Bus überfahren wird:
Da dort kein Mensch zu Fuß geht, hat der Busfahrer schlicht nicht damit gerechnet, dass jemand die Straße zu Fuß überqueren würde. ((Die Geschichte ist wohl vor allem für die mit Gehwegen verwöhnten Europäer bemerkenswert und erfüllt sicherlich auch einige klischeehafte – allerdings eben gerade nicht unbegründete – Vorurteile.))
Eingestreut werden auch „lustige Fakten“, die bei Frey jedoch sehr zynisch anmuten (aber durchaus unterhaltsam zu lesen sind).
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„Strahlend schöner Morgen“ ist kein typischer Roman, aber ein starkes Buch über das zeitgenössische Amerika. Es ist kein schönes, einladendes Bild, das Frey zeichnet. Er stellt die Stadt L.A. vor und verleiht ihr eindrucksvoll Profil, indem er ihr nicht ein, sondern gleich 100te Gesichter gibt. Das ist interessant und streckenweise auch spannend zu lesen, kann aber auch ermüden – Frey neigt zu Aufzählungen und gehäuftem Einsatz von Trikola. Da ich das Buch aber auf Deutsch gelesen habe, bewerte ich die Sprache weniger. Die Übersetzung zumindest ist gelungen!
Freys sehr kritische, skeptische Grundhaltung macht den Roman zudem zu einer nicht ganz einfachen Lektüre. Wer sich davon nicht abschrecken lässt, wird von James Freys Roman über die Metropolis L.A. beeindruckt sein.
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Noch ein paar abschließende Worte zum Autor: Frey stammt aus dem Nordosten der USA (Ohio und Michigan) und hat ab 1996 als Drehbuchschreiber und Filmschaffender in Los Angeles gelebt. Heute lebt er mit seiner Familie in New York City. Mit dem vorgeblich autobiografischen Roman A Million Little Pieces (dt: Tausend kleine Scherben), der 2003 erschien, gelang ihm der Durchbruch als Schriftsteller. Um die angeblichen autobiografischen Details, die sich weitgehend als erfunden herausstellten, entwickelte sich eine große Kontroverse, mehr dazu umreißt etwa das allzeit informierte Wikipedia.
Kategorien : Architecture + Art, Literatur
Schlagworte : Bright shiny morning, James Frey, Los Angeles, Strahlend schöner Morgen




