Architektur in/aus Afrika? Ein Essay

26 10 2010

Architektur im Schatten der WM-Stadien – Gibt es zeitgenössische Architektur auf dem afrikanischen Kontinent?

Es ist noch nicht lange her, dass sich dank der Fifa-Fußballweltmeisterschaft die Blicke der Welt auf den afrikanischen Kontinent gerichtet haben. Das Sportgroßereignis hat im Gastgeberland Südafrika für einen Bauboom gesorgt, bei dem nicht zuletzt auch deutsche Architekten engagiert waren – drei der zehn Austragungorte wurden von den Hamburger Architekten gmp entworfen (mehr zum Thema). Aber nicht nur Stadien, sondern vor allem auch Unterkünfte für Zehntausende Besucher sowie die nötige Infrastruktur mussten geschaffen werden. Die WM wurde für Südafrika Anlass für umfangreiche stadtplanerische Aktivitäten. Diese Ziele wurden zumindest im Rahmen der WM erreicht, ob der Erfolg sich auch langfristig einstellen wird, bleibt abzuwarten.

Die Berichterstattung über Architektur in Südafrika erschöpfte sich jedoch weitgehend mit Dokumentationen über die Sportstadien. Weiter wurde der Blick auf zeitgenössische Architektur, ja auf eine mögliche Architektur-Avantgarde in und aus Afrika nicht verfolgt. Eine Situation, die symptomatisch ist für den gesamten Kontinent. Dubai und die arabischen Emirate, China und Fernost sind die neuen architektonischen Boomtowns – aber Afrika? Bedeutet dies, dass es in Afrika keine zeitgenössische Architektur gibt?

Zeitgenössische Architektur in und aus Afrika im WWW?

Erste Recherchen im Internet zeigen, dass das so nicht stimmt. Natürlich gibt es zeitgenössische Architektur in und aus Afrika. Allerdings ist die moderne afrikanische Architektur im westlichen Kulturraum bislang tatsächlich eher unbekannt und vor allem: Sie ist deutlich unterrepräsentiert. Gerade im deutschsprachigen Web findet sich nur wenig Informatives zum Thema. Wenn, dann wird man vor allem auf englischsprachigen Webseiten fündig.

Wer ohne größeres Vorwissen afrikanische Architekten und Architektur sucht, stößt auf Namen wie den ghanaischen Architekten David Adjaye (*1966), der in London lebt und arbeitet und Büros in Berlin und New York betreibt, oder den Ägypter Hassan Fathy (1900-1989), der für seine Lehmziegelhäuser berühmt wurde, mit denen er traditionelle, den Gegebenheiten seines Heimatlandes angemessene – im Gegensatz zu westlichen Bautechniken stehende – Bautechniken aufgriff. Auch das ambitionierte Operndorfprojekt von Christoph Schlingensief, das auch nach Schlingensiefs Tod unter der Ägide des burkinischen Architekten D. Francis Kéré in Burkina Faso realisiert wird (mehr hier), ist einer der ersten Treffer, den Suchmaschinen finden. Danach wird es jedoch dünn.

Modellcollage des Operndorfs © Kéré Architects

Modellcollage des Operndorfs © Kéré Architects

Dass es wenig zu finden gibt, liegt jedoch auch an der Art und Weise, wie in Afrika gebaut wird: Die ganz alltäglichen Gebäude baut man in Afrika selbst, im Dorfverband, mit überlieferten Techniken, ohne größere Bauintention. Größere Aufmerksamkeit erringt man als Architekten jedoch in der Regel mit Großprojekten – für die nicht zuletzt die Gelder fehlen. Der Kreis schließt sich.

Architekturparadies Afrika?

Dennoch hat Afrika in den vergangenen Jahrzehnten Investoren und Bauherren aus vielen Ländern angezogen. So sind etwa einige der „modernsten“ Bauvorhaben der klassischen Moderne auf dem afrikanischen Kontinent entstanden. Hier fanden die modernen Baumeister die ihren Vorstellungen vom Bauen der „Tabula Rasa“ entsprechenden Bedingungen vor. Das eriträische Asmara etwa ist eines der größten Ensembles moderner europäischer Architektur (mehr hier). Nur Miami South Beach, Tel Aviv und Napier, Neuseeland, haben entsprechende Anlagen aufzuweisen. Allerdings ist die typische moderne Bauweise – Glas und Beton – für viele afrikanische Länder, die sich etwa im (sub)tropischen Raum oder in Wüstengebieten befinden, nicht angemessen: Sie heizen sich übermäßig auf und müssen mit viel Energie gekühlt werden.

Heute ist es vor allem China, das Afrika als Investitionsland (und als Ressourcen-Paradies) entdeckt hat und Großbauten dort realisiert – allerdings wenig nachhaltig: Die chinesischen Firmen bringen oft nicht nur das Kapital und Know-how, sondern auch die (ungelernten) Arbeiter mit. Sind die Bauprojekte hingeklotzt, zieht man weiter – mitsamt dem technischen Know-how und den Arbeitern. Dadurch wird nicht nur die heimische Bauindustrie geschädigt, die bei den Dumping-Preis-Offerten der chinesischen Konkurrenz nicht mithalten kann, da sie den staatlichen Arbeitsgesetzen und Mindestlöhnen unterliegt. Auch die Leute vor Ort erwerben wenig Fachwissen – weder davon, wie man baut, noch wie man das Hingebaute fachgerecht instand hält. So begegnen die asiatischen Investoren den Afrikanern zwar auf Augenhöhe und nicht mit zum Teil zweifelhaften Entwicklungshilfeprojekten. Sie investieren jedoch auch nur in einer Art und Weise, die für sie selbst einen Vorteil verspricht.

Zudem befinden sich auch einige der Megacities der Welt auf dem afrikanischen Kontinent, deren Untersuchung künstlerisches wie architektonisches Interesse weckt. So erregt beispielsweise Lagos, die größte Stadt Nigerias, immer mehr Aufmerksamkeit. Rem Koolhaas etwa hat dort ein intensives Rechercheprojekt mit Harvard-Studenten durchgeführt – ein Film von Bregtje van der Haak hat Koolhaas dabei beobachtet –, während MAGNUM-Fotograf Thomas Dworzak die Stadt mit der Kamera porträtiert hat.

Dabei war Lagos lange Zeit keine Megacity: 1901 lebten gerade rund 37.000 Menschen dort, 1921 waren es schon 100.000 und 1971 schon 1,2 Millionen. Heute hat die Stadt die 9-Millionen-Grenze gesprengt, im Jahr 2020 sollen es über 14 Millionen Einwohner sein.

Auf Spurensuche: Architektur in/aus Afrika

Auslöser, sich auf Spurensuche zu begeben in die Welt der zeitgenössischen Architektur in und aus Afrika, war das neue Online-Magazin SAVVY | art.contemporary.african (demnächst online), das sich – erstmals im deutschen Sprachraum – der Vermittlung von zeitgenössischer Kunst in und aus Afrika widmen wird.

Für die erste Ausgabe von SAVVY | art.contemporary.african habe ich ein Interview mit D. Francis Kéré (vorab veröffentlicht in der AZ) über sein Operndorf-Projekt sowie über seine Arbeit allgemein geführt, das “Remdoogo” selbst stelle ich ebenfalls in einem Porträt vor.

Modellcollage des Operndorfs: Festspielhaus mit umliegenden Wohnmodulen  © Kéré Architects

Modellcollage des Operndorfs: Festspielhaus mit umliegenden Wohnmodulen © Kéré Architects

Dabei soll keinesfalls die genannte Lücke in der Berichterstattung über afrikanische Architektur in den deutschsprachigen Medien geschlossen werden – das Thema ist viel zu umfangreich, als dass es mit gelegentlichen Berichten zu schließen wäre. Vielmehr geht es darum, die Lücke überhaupt erst offenzulegen und aufzuzeigen.

Diese Annäherung ist auch für mich Neuland und daher möchte ich alle Leser einladen, sich mit mir auf Entdeckugnreise zu begeben und mit Kommentaren, Tipps, Hinweisen dazu beizutragen, dem facettenreichen Thema rund um die zeitgenössische Architektur in und aus Afrika ein Stück näher zu kommen!




Rediscovered: Interview with Rem Koolhaas in 2006 – or: what does an architect have to do with R. Meyer?

6 06 2009

An older interview with Dutch architect Rem Koolhaas, conducted in 2007 by German magazine Spiegel editors Matthias Matussek and Joachim Kronsbein, rediscovered by a friend of mine and still interesting to read, with some valuable insights, thus I don’t want to keep it from you.

Koolhaas tells about the CCTV project and working in autocratic Peking, the differences between himself and fellow architects like F. O. Gehry or I. M. Pei, the social possibilities of buildings, the Berlin Stadtschloss/Palace of the Republic situation – to reconstruct or not to reconstruct? – and how ugliness happens to be more interesting than beauty. And, well, about he used to write screenplays for Russ Meyer who’s rather well-known, too, for a certain kind of movie genre… (this is actually mentioned in Chuck Palahniuk‘s  “Snuff”, though a little contorted – Koolhaas wrote, but didn’t act).

Thanks for the good research, M.! :-)

Read the Spiegel interview here.




Ein Stück OMA im SAM…

5 05 2009

Bis Mitte Juni kann man im SAM noch ein Stück OMA bewundern. Nein, gemeint ist damit natürlich keine Ausstellung im Stil eines G. v. Hagens, sondern die aktuelle Ausstellung im Basler Schweizerischen Architekturmuseum S AM:

Madelon Vriesendorp, City of the Captive Globe, 1972

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DIE WELT DER MADELON VRIESENDORP
Gemälde, Postkarten, Objekte, Spiele von 1967 bis heute

Kuratiert von Shumon Basar und Stephan Trüby
Eine Ausstellung der Architectural Association, London

16.01. – 14.06.2009

-.-.-.-.-

Madelon Vriesendorp ist Gründungs- mitglied des Office for Metropolitan Architecture (OMA) und Ehefrau von Rem Koolhaas. Die Ausstellung, die zuvor in der Architectural Association Londn zu sehen war, gibt erstmals einen Überblick über 40 Jahre Vriesendorp Schaffens.

Gezeigt werden 50 Gemälde und Zeichnungen, die zwischen 1967 und heute von der in London lebenden Künstlerin erschaffen wurden. Zu sehen sind außerdem rund 8000 Postkarten, die von Vriesendorp und

Madelon Vriesendorp, Flagrant Delit, 1975. Courtesy CCA Montreal

Koolhaas in New York während der 70er Jahre zusammengetragen wurden. Koolhaas selbst verweist in seinem Buch (und Bestseller) “Delirious New York. A Retroactive Manifesto for Manhattan” darauf, dass er dieses immense Postkarten-Archiv wesentlich zu seinen Forschungen beigetragen habe.  Sehr viele ihrer Arbeiten illustrieren Koolhaas’ Buch – das bekannteste, “Flagrant délit“, ist auf dem Cover zu sehen:

Das Chrysler und das Empire State Building in post-koitaler Umarmung in flagranti vom Rockefeller Center erwischt – ein Versuch, das unbewusste Doppelleben der modernen Architektur zu veranschaulichen.

Doch auch vor und nach dieser gefeierten Periode entstanden eine ganze Reihe bedeutender Werke, die von der breiten Öffentlichkeit meist unbeachtet blieben.

In der Ausstellung (Foto SAM)

In der Ausstellung (Foto SAM)

Darüber hinaus wird dem Besucher  Einblick versprochen in Vriesendorps erstaunliches “Archiv” mit Miniaturobjekten, Modellen und Figürchen (insgesamt einige tausend), in dem unter anderem eine lokal gekleidete, indianische Minnie Mouse zu sehen ist, die sich mit einem geflügelten Weihnachtsmann fraternisiert. Ebenfalls zu sehen ist eine interaktive Sonder-Installation, die eine lebensgrosse Verkörperung des von der Künstlerin erfundenen Psycho-Diagnose Bausatzes “The Mind Game” zeigt sowie neue, bisher unveröffentlichte Arbeiten der Künstlerin.

Die Kuratoren der Ausstellung, Shumon Basar (Direktor Cultural Projects, Architectural Association) und Stephan Trüby (Professor an der HfG Karlsruhe und in Stuttgart ansässiger Architekt und Theoretiker), erhielten einen einzigartigen Zugang zu Vriesendorps aussergewöhnlichem Studio/Archiv im Norden Londons, einer private Kosmologie gefundener und erfundener Symbole und Geschichten. Für Hans Ulrich Obrist ist Madelon Vriesendorp ein “fast unbekanntes Künstlergenie”.

Bei VernissageTV gibt es ein Video zur Ausstellung (engl.).

ArtReview bietet einen ausfürhlichen Artikel zur Künstlerin (engl.).

Ein aufschlussreiches Interview mit Madelon Vriesendorp über ihre Arbeit, anlässlich einer Zwischenstation der Ausstellung in Berlin (aedes) 2008 (dt.).




Dokumentation über die Bauwut am Golf, ZDF aspekte 9.1.09

11 01 2009

Die ZDF-Sendung “aspekte” hat am 9.1.09 einen interessanten Bericht über die aktuellen Entwicklungen in den arabischen Ländern gebracht: In der Golfregion wachsen die Hochhäuser, Luxushotels und künstlichen Inseln in Schwindel erregendem Tempo. Aber auch in die Kultur investieren die Emire, gründen milliardenschwere Stiftungen und neue Museen. Nur – welche Kultur wird es denn sein? Dieser Frage geht “aspekte” nach und hat sich dafür auf eine Reise in die boomenden Wüstenstaaten begeben.

Ein wichtiger Bestandteil des Beitrags war – natürlich – das Thema Architektur und Bauboom am Golf:

Sandkasten-Exzesse. Mega-Bauprojekte in Dubai

“Jeder vierte Baukran weltweit ist in Dubai im Einsatz. Der Hafen ist der größte der Welt, derzeit entsteht das höchste Gebäude der Welt in Dubai. Mit anderen Worten: Auf Wüstensand entsteht die Stadt der Superlative. Sie hat keine Zeit zu wachsen, sie explodiert – das Öl wird knapp, die neuen Märkte heißen Business, Tourismus und rücksichtslose Stadtvermarktung ohne erkennbaren Masterplan.” Christina Haberlik

Viele der auffälligsten Bauprojekte werden vorgestellt und kommentiert, etwa die Zaha Hadids Oper von Dubai oder Jeoh Min Peis Museum of Islamic Art (MIA) in Doha/Qatar.

Dohas skyline seen from the south side of Doha Bay, with the Museum of Islamic Art in the foreground.

Doha's skyline seen from the south side of Doha Bay, with the Museum of Islamic Art in the foreground.

Interessant ist auch ein Interview mit Rem Koolhaas, der schon seit mehreren Jahren das Geschehen am Golf kritisch studiert – aber durchaus selbst dort baut:

Michael Schindhelm und Rem Koolhaas im aspekte-Interview © ZDF

Michael Schindhelm und Rem Koolhaas im aspekte-Interview © ZDF

“Seit einigen Jahren schon studiert Rem Koolhaas, Pritzker-Preisträger und kritischer Geist unter den Star-Architekten, den Bauwahn am Golf: “Ich glaube, der Begriff ‘Wahnsinn’ trifft nicht nur für Dubai zu, sondern für das gesamte ökonomische System und zwar in dem Maße, wie sich die westliche Zivilisation in den letzten 20 Jahren dem Wachstum verschrieben hat”, so Koolhaas. “Und das ist für mich der eigentliche Wahnsinn, daher kommen diese Auswüchse, die wir hier sehen – ob sie nun hier stattfinden oder in unseren eigenen Ländern. Glücklicherweise könnte die Finanzkrise dazu führen, dass sich die Bauwut automatisch verringert – und das wird der Moment sein, sich wieder auf Inhalte zu besinnen statt den Exzess weiterzutreiben.”
[...]

Sandaufschüttungen für die Waterfront in Dubai © ZDF

Sandaufschüttungen für die "Waterfront" in Dubai © ZDF

Mittendrin die kleine “Waterfront-City” – wer sie baut und geplant hat, überrascht dann doch: Es ist Rem Koolhaas. Er ist zwar ein kritischer Kopf – aber nicht gefeit gegen die Faszination, neue architektonische Welten miterschaffen zu können. Koolhaas verteidigt das: “Es geht hier nicht darum, Allmachtsphantasien zu entwickeln. Worauf wir in diesem speziellen Fall sehr stolz sind, ist, dass wir die Möglichkeit hatten, eine Stadt zu konzipieren, die alle traditionellen Elemente einer Stadt aufweist – sie hat eine Infrastruktur. Wir sind heutzutage ständig mit Projekten konfrontiert, die am Reißbrett entstanden sind, so dass es nahezu dämlich wäre, nicht ebenso zu arbeiten. Und was wir hier tun ist, tatsächlich eine fundierte, wohlüberlegte Enklave inmitten all dieses Wildwuchses zu schaffen.” “ Christina Haberlik

Daneben stellt die Dokumentation auch die Künstlerszene Dubais vor – rappende Emiratis, Gegenwartskünstler und eine durchsetzungsfähige Filmproduzentin -, die Luxusexzesse und ihre Auswüchse mit Prachtmalls, Luxusyachten – alles ist da: das höchste Gebäude, das größte Einkaufszentrum, der beste Vergnügungspark -, führt einige aufschlussreiche Interviews, etwa mit Michael Schindhelm und der Tochter des Emirs von Qatar, Sheikha Al Mayassa und führt sowohl die Errungenschaften als auch die Schattenseiten der Entwicklungen am Golf vor Augen.





Rem Koolhaas – A Kind of Architect

8 08 2008

DVD über Rem Koolhaas

124 min

Prod. 2005, erschienen 2007

Produktbeschreibung:

Kaum ein Architekt hat in den letzten Jahren außerhalb der Architekturszene für so viel Aufsehen gesorgt wie Rem Koolhaas. Dem Holländer ging es nie um das einzelne “masterpiece”, sondern stets darum, zu provozieren und Spannung zu erzeugen. Die Seattle Library, die Casa da Música in Porto oder die Niederländische Botschaft in Berlin sind eindrucksvolle Beispiele einer Architektur, die mehr sein will als bloße Architektur. Die Bedeutung und das internationale Renommee des “Architekturdenkers” (Der Spiegel) bezeugen eine Professur an der Harvard-Universität und die Verleihung des Pritzker-Preises im Jahr 2000. Die Jury würdigte Koolhaas als “Visionär und Ausführer, Philosoph und Pragmatiker, Theoretiker und Prophet”.

((www.amazon.de))

Comment

I’ll be watching the DVD this weekend and I’m already excited about it. Read positive critics, but also that there’d be some comments on “morality” and his CCTV Tower in Beijing. Sounds promising.

I’ll get back to you about the film!




Moral in der Architektur? (CCTV-Tower Peking)

19 05 2008

Ein weiterer Artikel zur Frage nach der Moral in der Architektur erschien am ersten Mai-Wochenende in der Süddeutschen: hier.

“Die Moral am Bau: das scheint ein bewegliches, auf interessante Weise schillerndes Gut zu sein.”

Im Mittelpunkt des Artikels steht die Besprechung des Pakinger CCTV-Towers – CCTV steht übrigens für “China Central Television”, nicht für Closed Circuit… – von Koolhaas’ OMA.

Der Bau ist eine architektonische Meisterleistung: wie eine in sich verdrehte Endlos-Röhre erhebt er sich, getragen von einem den Baukörper umhüllenden Netz. Der CCTV-Tower ist ein “komplex organisiertes Gebilde, das die Geschichte der hohen Häuser um ein intelligentes Kapitel bereichert.” Das Hochhaus ist unhierarchisch gegliedert – das Loop als Symbol für eine offene Gesellschaft?? Lässt sich eines der derzeit teuersten Projekte wirklich so einfach verkaufen??

Denn der CCTV-Tower ist aber auch das Hauptquartier des chinesischen Staatsfernsehens, “ein Medium also, das wie kein anderes dazu bestimmt ist, Macht auszuüben: die Macht der Fernsehbilder.” Hier wird produziert, was ein Sechstel der Weltbevölkerung an medialen Informationen erhält und somit beeinflusst, wie es sich über was eine Meinung bildet.

Ergänzt wird der Artikel durch ein Interview mit dem Bauleiter des CCTV-Towers, dem gebürtigen Karlsruher Ole Scheeren; das Interview ist allerdings nicht im Internet verfügbar. Über die Haltung OMAs oder zumindest Scheerens zur Frage nach der Moral in der Architektur wird hier allerdings nichts ausgesagt (und dies liegt nicht an den Fragestellungen des Interviewers).

Ein weiterer Artikel zum CCTV-Tower sowie anderen Bauprojekten in Peking und v. a. zu den Umständen des Baus, findet sich in der FAZ, hier (auch mit einigen Fotos von der Baustelle).

Ein ausführlicher Essay zum Thema (mit Reflexionen zu Koolhaas’ Bigness-Theorie) von Knut Birkholz außerdem hier.




Aedes Architekturforum Berlin

17 04 2008

Das Architekturforum Aedes in Berlin ist eine der wichtigsten Institutionen, die sich „der Kommunikation von Architekturkultur, Stadtgestalt und themenverwandten Inhalten“, so die Selbstbeschreibung, widmen. Ihr Ziel ist es, „Baukultur und Architektur in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses zu rücken sowie architektonische Visionen, nachhaltige urbane Konzepte, Stadtplanung und Landschaftsarchitektur darzustellen und zu vermitteln.“

Gegründet wurde die Aedes Galerie 1980 von Kristin Feireiss als erste private Architekturgalerie in Europa.

Schon früh hat die Galerie Gespür für innovative Strömungen in der Architektur bewiesen und auch und gerade umstrittene Arbeiten gezeigt:

Zaha Hadids Hongkong Peak wird 1984 gezeigt (Hadid hat den entsprechenden Wettbewerb 1983 gewonnen) oder Rem Koolhaas/OMAs Boompjes-Projekt in Rotterdam, das schon 1981 gezeigt wird – obwohl es nie realisiert wird und nicht zu den meist publizierten Projekten OMAs gehört, ist es doch dieser Entwurf, der 1988 in der Decon-Show des MoMAs gezeigt wird (abb. OMA Website).

Mittlerweile, so die Aedes-Website, wird die Galerie „weltweit verbunden mit den großen Namen der Avantgarde und bietet eine hervorragende Plattform für aufstrebende Architektengenerationen im globalen Kontext. Die kontinuierliche Arbeit hat Aedes zu einer Kulturmarke werden lassen, die hohes Ansehen genießt und in seiner Art einzigartig ist.“

Dass die Aedes Galerie immer noch Gespür für den Puls der Zeit hat, hat sie 2007 bewiesen: In diesem Jahr wurde Aedes Land eröffnet, die erste Galerie für Landschaftsarchitektur und Urbanen Raum – weltweit die erste Plattform, die diesem Thema eigenständig präsentiert.




Architektur in China

2 03 2008

Der Spiegel hat vor einiger Zeit online eine Debatte angestoßen über die Verantwortung von Architekten, wenn sie in nicht-demokratischen Ländern wie China, Vietnam, Libyen bauen. Bei diesen Projekten geht es natürlich nicht um ein oder zwei Einfamilienhäuser, sondern um Mammutprojekte, bei denen Milliarden verbaut werden: Regierungsgebäude, repräsentative Niederlassungen, sogar ganze Stadtviertel. Die jeweiligen Machthaber wollen sich mit modernen Gebäuden schmücken und ihren Städten ein neues, repräsentatives Gesicht verpassen. Für Architekten und Stadtplaner eine fast schon ideale Herausforderung.

Allzu oft gehen diese Baumaßnahmen auf Kosten der traditionellen Landeskultur – in China ist der Bauboom schon geradezu sprichwörtlich geworden: Das Gesicht der Städte verändert sich beinahe im Wochenrhythmus. Man kann den Häusern beim Wachsen zuschauen, während die traditionelle Seite des Landes verschwindet. Altstädte? Wozu? Ganz zu schweigen von der gesellschaftlichen Dimension, die manche Bauprojekte nach sich ziehen (Umquartierungen, Totalabrisse bestimmter Viertel, Ausbeutung von Wanderarbeitern, … ich bin hier nur oberflächlich informiert, freue mich aber, wenn jemand mehr Details kennt).

Wie viel Verantwortung trägt der Architekt für seine Entwürfe? Oder genauer (und dieser Aspekt fehlt im Spiegel-Artikel ganz) – Hat ein Architekt für seine Tätigkeit in nicht-demokratischen Ländern mehr Verantwortung, als die Firmen, die ihre Produktion zu Billigpreisen in eben diese Länder verlagern?

Dennoch – soweit, so treffend die Stoßrichtung des Artikels. Leider nimmt sich der Autor selbst den Wind aus den Segeln, indem er seine Kritik selbst einschränkt: Er packt nämlich den „Speer-Faktor“ aus und wirft ausschließlich den deutschen Architekten vor, sich vor der Verantwortung zu drücken.

800px-beijing_national_stadium.jpg Herzog & De Meuron: Nationalstadium Peking (H&dM haben keine eigene Website(!) )

Die anderen Länder stünden nun mal „nicht so sehr im Schatten der Geschichte wie ihre deutschen Kollegen“. Weil Albert Speer Germania geplant hat, haben die deutschen Architekten also Pech gehabt, dass sie nicht aus Holland kommen (Rem Koolhaas und OMA: CCTV Peking; Shenzen Börse, Shenzen/China) oder aus der Schweiz (Herzog und de Meuron: Nationalstadion Peking. In Deutschland bekannt: Allianz Arena München)?

koolhaascctv-peking1.jpg koolhaascctv-peking2.jpg Rem Koolhaas/OMA:CCTV (China Central Television), Peking

Im Zeitalter der Globalisierung also wieder zurück in Kleinstaaterei und jeder kocht sein Süppchen und die Deutschen ab in die Ecke?

Schade, dass ein ohne Frage heikles Thema erst angestoßen wird und dann wieder mit dem historischen Allzweckvorwurf außer Kraft gesetzt wird.
Der Autor zitiert selbst Hans Stimmann[1], der meinte „Speer werde als Schlagwort zu oft zu leichtfertig eingesetzt, um sich Argumente zu ersparen“. Spannender sei die Frage „Welche Verantwortung hat ein Architekt mit seinen Planungen und Bauten für die Gesellschaft?“

Na also.

Meinhard von Gerkan hat am 24.02.08 auf den Vorwurf reagiert und einen Kommentar im Spiegel online veröffentlicht. Sein Hamburger Büro gmp (Gekan, Marg und Partner) arbeitet in Hanoi an mehreren Projekten und errichtet Lingang New City (China), eine Satellitenstadt bei Shanghai für rund 800.000 Einwohner (soll 2020 fertig gestellt werden).

bild1119882535463.jpg Lingang New City, Shanghai

In Deutschland ist von Gerkan vor allem „der vom Berliner Hauptbahnhof“ – auch kein besonders einfaches Bauprojekt.[2] Wenig überraschend deutet er denn auch an, dass in Berlin auch nicht „demokratischer“ gebaut würde als etwa in China.

Gerkan weist ebenfalls v. a. darauf hin, dass man „nicht mit einem moralischen Prinzip argumentieren und es dann mit zweierlei Maß messen“ kann. Weiter sagt er, es sei „Heuchelei, lautstark Architekturexporte nach China anzuprangern und zugleich über Massenimporte aus China zu schweigen“.

Zwar hakt auch seine Argumentation an manchen Stellen (darauf komme ich noch zurück), aber seine wesentliche Kritik ist überzeugend.

Also (ein paar Gedanken zum Abschluss) / So (some thoughts):
Grundsätzlich nötig ist Sensibilität für die Globalisierungsbestrebungen nicht-demokratischer Staaten (ich sage bewusst nicht Diktaturen, weil damit auch wieder eine pauschale Schublade aufgemacht wird) – und dies gilt nicht nur für Architektur-Unternehmungen, sondern generell auch für Wirtschaftsbeziehungen (Stichwor:t China).
Bascially necessary is sensibility for the efforts in globalization of non-democratic states (I am intentionally not using the word dictatorship as this would just be another generalization) – and this concerns not only architectural enterprises, but all economic relationships in general (key word: China).

Speziell für den architektonischen Aspekt gilt, sich bewusst zu machen, welche Bedeutung Bauten zukommt (und das sicher nicht nur in China): Gebäude prägen wesentlich unsere Lebenswelt. Die Art und Weise, wie ein Bau gestaltet ist, beeinflusst maßgeblich das, was darin passiert – und damit letztendlich auch eine Kultur.
Meinhard von Gerkan jedenfalls betont, dass viele Architekten „an einer besseren, lebenswerteren Welt mit[]bauen“ wollen – und das ebenso in nicht-demokratischen Ländern wie in demokratisch regierten.

Regarding architecture in particular, it is important to realise what buildings mean (and certainly not only in China): buildings fundamentally affect our lifeworld.  The way an edifice is featured influences significantly what is happening inside the building – and  thus, ultimately,  culture, too. Meinhard von Gerkan stresses that many architects want to “create a better world, being more pleasant to live in” – and this both in non-democratic and democratic countries.


[1] Hans Stimmann war seit Anfang der 1990er Jahre bis 2006 fast ununterbrochen Senatsbaudirektor in Berlin und hat den Auf/Umbau Berlins nach der Wende wesentlich mitbestimmt – nicht unumstritten: bestimmte Vorgaben wie einheitliche Traufhöhen und Einsatz von Steinfassaden haben sehr großen Protest hervorgerufen, auch der Faschismusvorwurf fiel.

[2] Zur Erinnerung: Vom Auftraggeber DB wurden verschiedene Merkmale des Baus verändert (die Gesamtlänge des Hallendachs wurde verkürzt, für die Decken der unterirdischen Bahnsteige wurde eine Flachdecke eingebaut statt der geplanten gewölbeartigen Konstruktion; letzteres ohne Absprache mit dem Architekten).




Deconstructivist Architecture Exhibition at the MoMA 1988

16 02 2008

Das Wesentliche in aller Kürze:

1988 wurde im Museum of Modern Art New York eine Architektur-Ausstellung unter dem Titel “Deconstructivist Architecture” veranstaltet, kuratiert von Philip Johnson und Mark Wigley.

Gezeigt wurden 7 Architekten, die meisten von ihnen noch recht jung. Mittlerweile spielen alle 7 in der obersten Liga weltweit mit:

Zaha Hadid

Bernard Tschumi

Rem Koolhaas

Coop Himmelblau

Daniel Libeskind

Peter Eisenman

Frank O. Gehry

Seit besagter Ausstellung werden diese Architekten – salopp gesagt – in die “Schublade” Dekonstruktivismus einsortiert, eine Zuordnung, die eigentlich keiner von ihnen unterstützt. Hinzu kommt, dass die Dekonstruktion eigentlich ein Begriff ist, der aus der Philosophie stammt und einige Jahre zuvor von Jacques Derrida eingeführt wurde.

Problematisch dabei ist, auf welcher Grundlage also ein ursprünglich philosophischer Terminus in eine andere Disziplin übertragen werden kann:

Haben Kontakte bestanden zwischen Philosophie und Architektur? (Jein – bis auf Tschumi und Eisenman hat sich keiner der Architekten intensiv mit Derrida auseinander gesetzt. Aber keiner sagt jedoch “ich übertrage den philosophischen Begriff jetzt in die Architektur”.)

Hat der De-Konstruktivismus etwas mit dem modernen russischen Konstruktivismus zu tun? (auch hier wieder: jein)

Wird denn etwas “de” gemacht, wie die Vorsilbe nahe legt, also zerstört? (nein, gerade nicht. Alle Architekten entwerfen hoch-komplexe und konstruktiv höchst anspruchsvolle Bauten.)

Warum also die Bezeichnung Dekonstruktivismus in der Architektur?