(In)Visible Cities: Karl-Heinz Bogner, Stefan Hoenerloh, Johannes Twielemeier, Annett Zinsmeister

4 10 2011

Seit Freitag, 30.09.11, ist die von mir kuratierte Ausstellung “(In)Visible Cities”, ausgezeichnet mit dem Wolfgang Hartmann Preis 2011, im Kunstverein Wilhelmshöhe Ettlingen zu sehen. Gezeigt werden Arbeiten von Karl-Heinz Bogner, Stefan Hoenerloh, Johannes Twielemeier und Annett Zinsmeister.

(In)Visible Cities

KARL-HEINZ BOGNER, STEFAN HOENERLOH, JOHANNES TWIELEMEIER, ANNETT ZINSMEISTER 

ausgezeichnet mit dem Wolfgang Hartmann Preis 2010/11

Ausstellung: 01.10. – 06.11. 2011

Kunstverein Wilhelmshöhe Ettlingen

www.invisiblecities2011.wordpress.com

Die Ausstellung wird von einem KATALOG begleitet, der von Vanessa Buffy. Atelier für Typografie und Gestaltung gestaltet wird. Der Katalog enthält einen Essay von Cordula Rau, Walverwandtschaften.

 

 

(In)Visible Cities: Blick in die Ausstellung (Foto SK)

(Aus dem Konzept:) Das Leben in Städten ist normal geworden. In westlichen Ländern wohnen Dreiviertel der Bevölkerung in urbanen Gebieten, die  Wanderungsbewegungen in städtische Räume sind so stark wie nie zuvor. Weltweit leben zunehmend mehr Menschen in Städten als auf dem Land – Tendenz steigend. Metropolen und Megastädte mit mehreren Millionen Einwohnern gewinnen damit eine immer größere Bedeutung als zentrale Lebensräume der Menschheit, die Urbanisierung prägt die menschliche Lebenswelt immer nachhaltiger und grundsätzlicher. Städtische Strukturen sind im 21. Jahrhundert zum normalen Habitat des Menschen geworden. Aber was ist „Stadt“?

Die Stadt, das unbekannte Wesen?

Wie die Stadt wirklich ist, unter dieser dichten Hülle von Zeichen, was sie enthält oder verbirgt – man verlässt Tamara, ohne es je erfahren zu haben. (Italo Calvino: Die unsichtbaren Städte)

(In)Visible Cities: Blick in die Ausstellung (Foto SK)

Eine Stadt ist ein Konglomerat zahlreicher Faktoren, ein Zusammenspiel kultureller und sozialer ebenso wie ökonomischer, infrastruktureller und finanzieller Aspekte. Am deutlichsten sichtbar und damit unmittelbar plastisch erfahrbar wird Stadt jedoch im Gebauten: Architektonische Strukturen und Konstruktionen, Häuser, Straßen, Plätze, Brücken prägen das urbane „Gesicht“.

Dennoch nimmt der Großteil der Stadtbewohner seine architektonische Umgebung kaum bewusst wahr. Funktionale Nutzbauten wie Büros, Wohngebäude, Werkhallen, denen man tagtäglich begegnet, werden nicht beachtet. Allenfalls außergewöhnliche Bauwerke aus vergangenen Zeiten oder extravagante moderne Bauten werden bemerkt und gegebenenfalls diskutiert. Die allgemeinen architektonischen „Hüllen“ unseres Alltags hingegen werden hingenommen, ohne ihnen viel Aufmerksamkeit zu widmen. Eine überraschende Situation, bedenkt man die Bedeutung der Architektur, die nicht nur das menschliche Lebensumfeld gestaltet, sondern auch die kulturelle und historische Identität wesentlich mitformt.

Bauen ist Lebensraum gestalten

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Schöne Stadt – Urban Cliches: Ausstellung mit Stefan Hoenerloh und Hans Martin Sewcz in Berlin

3 07 2010

Vernissage morgen, 4.7.10 um 18h!

Eine Plattenbausiedlung ist trist, eintönig, hässlich. Das Leben hier ist unpersönlich, anonym, uniform. In modernen Zweckbauten, wie man sie in Marzahn findet, will keiner leben, auch wenn sie zu ihrer Zeit als fortschrittlich, modern, erstrebenswert galten. Altbauten hingegen haben Konjunktur: Hohe Räume, luftig und mit einem besonderen Flair wohnt es sich in ihnen gemütlich, individuell, schön.

Aber wer nach Marzahn kommt, findet zwischen den Hochhäusern viel Grün, offene Plätze, Kunst am Bau – es ist bei weitem nicht so trist, wie es das Klischee von der 70er-Jahre-Plattensiedlung glauben macht.

Altbauten sind schön, funktionale Nutzbauten sind hässlich: Sind die „Schubladen“ im Denken so einfach oder sitzen wir urbanen Klischees auf?

Stefan Hoenerloh

Stefan Hoenerloh, Empire of Light, 2010 © S. Hoenerloh

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Schöne Stadt – Urban Cliches

Ausstellung in der Galerie M

5.7.2010 – 17.9.2010

kuratiert von Karin Scheel und Simone Kraft

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Menschenleere Häuserschluchten, verwaschene Hauswände, hohe Bauten in teils verzerrender Untersicht, an denen deutlich der Zahn der Zeit nagt, zeigen Stefan Hoenerlohs Gemälde. Momentaufnahmen, Ausschnitte aus verschiedenen historischen Altstädten europäischer Städte scheinen die von Grau- und Brauntönen dominierten Stadtansichten zu präsentieren. Hoenerlohs Stadtporträts sind reine Fiktion. Fast in altmeisterlicher Manier komponiert er seine Bauten aus architektonischen Elementen auf die Leinwand. Dabei balanciert der Künstler auf der Grenzlinie zwischen Fiktion und Erinnerung und „baut“ auf der Leinwand Architekturen, die sich an der Grenze des Möglichen bewegen, die realistisch zu sein scheinen und es doch nicht sind. Hoenerlohs Stadtpanoramen wirken beunruhigend, verstörend, sie sind eine Spur zu trist, zu grau, um „schön“ kontemplativ zu sein. Zu deutlich sichtbar sind die Spuren des Verfalls, die die Zeit hinterlassen hat, um „schön“ im landläufigen Sinne zu sein. In einer Gratwanderung zwischen malerischer Perfektion und realistisch Möglichem schöpft der Künstler die Möglichkeiten der Malerei aus, komponiert, eröffnet Perspektiven und vermischt Sichtweisen, ohne den Anspruch, Wirklichkeit abzubilden.

Hans Martin Sewcz, Portrait ICC Berlin, 2003 © H. M. Sewcz

Dem stehen Hans Martin Sewcz Fotografien gegenüber. Sie zeigen Ansichten von Berliner Bauten aus den 1960er und 1970er Jahren, Nutzbauten wie der ICC  oder dem „Ahornblatt“, die zwar funktional und zweckmäßig sind, aber weniger als „schön“ empfunden werden.

Sewcz begegnet diesen Gebäuden anders als gewohnt: nicht nüchtern, sondern emotional. Er porträtiert die Bauten wie „Persönlichkeiten“ mit ihren besonderen Stärken und Schwächen, durch die ihr Charakter zum Ausdruck kommt. Intuitiv reagiert Sewcz auf die urbane Umwelt, durch die er sich bewegt. So setzt ein Prozess der Auseinandersetzung ein, auf dessen Weg die Arbeiten reifen.

Der Fotograf nimmt bewusst die Position eines Beobachters ein, der der ihn umgebenden urbane Umwelt unvoreingenommen begegnet und sie auf sich wirken lässt. Seine Architekturfotografien transportieren eine Realität moderner und postmoderner Zweckbauten, die meist verborgen bleibt: Sie zeigen ein unerwartetes, ein „schönes“ Gesicht der funktionalen Gebäude. Die Seherwartungen des Betrachters werden herausgefordert und auf den Kopf gestellt. Macht er sich die individuelle Perspektive des Fotografen zu eigen, kann er sich mit einem neuen Blick durch die Stadt und ihre Architektur bewegen und seine eigenen urbanen Klischees hinterfragen.  (Text: Simone Kraft)




“Das Streichen einer Wand ist also die egoistische Zerstörung von Lebensraum und Information.” Interview mit Stefan Hoenerloh

22 04 2010

Der Berliner Künstler Stefan Hoenerloh zeigt in seinen Gemälden Stadtansichten, die wie urbane Momentaufnahmen scheinen, welche auf einem Spaziergang durch eine Altstadt begegnen könnten – und die doch rein fiktional sind. Zu sehen sind keine Veduten, sondern menschenleere Ausschnitte urbaner Architektur: Monumentale Großbauten werden in Ausschnitten gezeigt, meist in Untersicht mit stürzenden Linien, wie man sie vor Ort erlebt. Hoenerloh bringt sie in einer altmeisterlich perfekten Technik vielschichtig lasierend auf den Bildträger.

Le Seuil de la Forêt 114 x 167 cm, 2003, Öl, Acryl auf LeinwandStefan Hoenerloh, Le Seuil de la Forêt, 114 x 167 cm, 2003, Öl, Acryl auf Leinwand

Dennoch handelt es sich nicht um reale Bauten, die etwa von einer Fotografie abgemalt oder vor Ort mit dem Pinsel anstelle der Kamera “aufgenommen” wurden. Hoenerlohs Motive sind reine Fiktion. Als typische Stadtarchitektur, wie sie überalle begegnen könnte,  verkörpern sie die Idee der “alten gebauten Stadt”. Denn zu sehen sind “alte” urbane Gebäude, wie sie in den alten Stadtkernen europäischer Städte begegnen. Die Gemälde sind in Grau-Tönen gehalten, dunkel, trübe, verwaschen. Die Gebäude haben Patina, deutlich nagt der Zahn der Zeit an ihnen.

Auch kunsthistorische Stilgeschichte zeigen die Gemälde nicht: Es wird nicht nur darauf verzichtet, Realarchitektur zu porträtieren, sondern auch darauf, reale Stile zu zeigen. Aus dieser zweifachen Fiktionalität gewinnen Hoenerlohs Arbeiten ihre Ausdruckskraft.

In einem Interview mit deconarch.com gibt Stefan Hoenerloh Einblicke in seine Kunst, schildert, welche besondere Faszination die Architektur für ihn hat, und verrät, warum er keine modernen Bauten malt.

Abb.:  © Stefan Hoenerloh

INTERVIEW

deconarch.com: Herr Hoenerloh, wie haben Sie zur Kunst gefunden? Welche Möglichkeiten eröffnet sie?

Entwurf bei Sonnenaufgang: 470 Nimoy Street 71 x 123 cm, 2000, Öl, Acryl auf PolyvinylStefan Hoenerloh, Entwurf bei Sonnenaufgang: 470 Nimoy Street, 71 x 123 cm, 2000, Öl, Acryl auf Polyvinyl

Stefan Hoenerloh: Man beginnt als Künstler seine Tätigkeit, ohne zu wissen, dass man Künstler wird. Das stellt sich erst später heraus. Anfangs gibt es einen unbändigen Wunsch, bestimmte Vorstellungen umzusetzen, und erst nach einigen Jahren Tätigkeit merkt man, dass man einen bestimmten Beruf hat, der bestimmte gesellschaftlich verankerte Normen zu erfüllen hat und einigen typischen Mechanismen unterworfen ist. Dies gilt aber nur für Künstler der Postmoderne, also ausgebildet bis etwa 1985; die Generationen danach haben andere Herangehensweisen und bemerken die Existenz dieser Normierung und Mechanismen wesentlich früher, teilweise im Studium bereits, und reagieren entsprechend. Der nachpostmoderne Künstler beabsichtigt zunächst, Künstler zu werden, und sucht sich dann sein Arbeitsfeld, während hingegen der postmoderne Künstler sein Arbeitsfeld quasi in die Wiege gelegt bekommt.

Die Frage der Authentizität stellt sich bei ersterem natürlich neu, da nach dem Ende der Grenzerfahrungen (mit der letzten noch ursprünglichen Kunstrichtung der Land Art 1979 dann abgeschlossen) nur noch Kunstrichtungen erschienen, welche eine Retroausrichtung beinhalten, also bereits Dagewesenes neu interpretieren (bestes Beispiel heutzutage: die Appropriation Art). Eine Kreativität im Sinne von Kreation (Neuschöpfung) ist heutzutage nicht mehr möglich, da alles ausnahmslos schon vorhanden gewesen ist. Künstler wie Schwarzkogler oder Duchamp vernichteten sozusagen jegliche Weiterentwicklungsmöglichkeit. Auch Mark Quinn mit „Shithead” ist nur ein Remake von „merde d’artista” von Piero Manzoni. Auch Tracy Emins ungemachtes Bett ist nur ein Remake von Eugene Delacroix „Un Lit Defait” von 1827.

Wo stehen Sie in dieser komplexen (post-)postmodernen Situation?

The Acceptance of the Inherent Lies in Everything 101 x 132 cm, 2001, Öl auf Polyvinyl/LeinwandStefan Hoerneloh, The Acceptance of the Inherent Lies in Everything, 101 x 132 cm, 2001, Öl auf Polyvinyl/Leinwand

Als Künstler, der 1960 geboren ist, stehe ich genau an der Grenzlinie dieser beiden Zeitabschnitte. Ein Teil wollte eigentlich nur bestimmte psychologische Themen verarbeiten, ein Teil war sich dessen bewusst, dass dies in einen Beruf mündet, den man auch dazu verwenden kann, nach außen zu treten – also auszustellen und zu verkaufen. Diese unheilige Verquickung bedroht dann ständig die eigentliche Herangehensweise an Kunst, eröffnet aber die Möglichkeit weiterzumachen, da man sich die Farben weiter leisten kann. Damien Hirst leistet sich sehr teure Farben, wie man weiß.

Auf den Kunstmarkt werden wir gleich noch einmal zurückkommen. Ein besonderer Schwerpunkt Ihres Werks liegt auf der Architektur bzw. dem Zeigen von architektonischen Räumen. Wie kam und kommt es dazu? Was beschäftigt Sie besonders in Ihren Arbeiten?

Dies ist eine der schwer zu erklärenden Fragen, da sie aus dem jugendlichen unartikulierten Bedürfnis erwuchs. Architektur ist eine vom Menschen geschaffene langfristige Raumsituation, welche gut dazu geeignet ist, Zeit, Informationstheorie und Negativraum gleichzeitig darzustellen. Da Bauwerke länger als Menschen existieren, heben sie sich über deren Wichtigkeit primär hinweg. Das ist günstig, um nicht in den Chor der anderen Menschenaffen einzustimmen, welche sich immer nur einen Spiegel vorhalten. Viele Kunstwerke zeigen nur menschliche Gesichter, als ob dies alles wäre, was im Universum wichtig ist.

Ihre Gemälde zeigen menschenleere Stadtansichten, verwittert, sie scheinen realistisch möglich und sind doch rein fiktional. Wie stellen sie die Fragen nach der Zeitlichkeit, dem Vermitteln von Informationen und dem Negativraum, um die Ihre Arbeiten kreisen?

 Stelenfeld 100 x 170 cm, 2007, Oel, Acryl auf Polyester/LeinwandStefan Hoenerloh, Stelenfeld, 100 x 170 cm, 2007, Oel, Acryl auf Polyester/Leinwand

Die Zeitfrage ist dadurch dargestellt, dass Gebäude übereinander gestellt sind, ohne dass sich ihr Baustil ändert. Dies zeigt eine Metapher für eine fortschrittslose Gesellschaft, in welcher das menschliche Gehirn Zeit hat, sich evolutionär den neuen Entwicklungen anzupassen; ergo eine sehr langsam vergehende, begreifbare Zeit.

Die entstandene Information komplexer patinierter verwitterter Oberflächen ist ein Symbol für eine Gesellschaft, die wahrscheinlich durch die höhere Quantität an Information die höherstehende ist. Die Bibliothek von Athen hatte gewiss weniger Bände als die British Library, genauso hat eine schmutzige Wandfläche tausendfach mehr Information als eine frisch gestrichene. Besonders für Kleinlebewesen ist die verwitterte Wand ein Sammelsurium an Versteckmöglichkeiten, komplex wie ein Tropenwald.

Das Streichen einer Wand ist also die egoistische Zerstörung von Lebensraum und Information.

Und der dritte Aspekt, der Negativraum …

Dann noch der Negativraum: Er bietet das Bühnenbild für Handlung, welche vom Betrachter imaginiert werden soll, das Kunstwerk entsteht sozusagen im Kopf des Betrachters. Dadurch wird das Kunstwerk interaktiv. Es ist nur die Weiterführung von Caspar David Friedrichs und Bellottos Räumen, welche noch nicht auf den Menschen als Referenzpunkt verzichtet haben. Dieses Bühnenbild kann ein Canyon sein, eine Straße oder ein Waldweg. Der Inhalt ist der gleiche, aber die natürlichen Dinge entbehren hier ein wenig der Kausalität, da sie ihren Sinn in sich selbst tragen und die Informationstheorie sowie die Zeitfrage bei ihnen keine Rolle spielt.

In ihren Arbeiten konzentrieren Sie sich ausschließlich auf „alte“ Bauten. Warum keine modernen Gebäude?

Die Sixtinische Madonna 58 x 85 cm, 2007, Oel, Acryl auf Polyester/LeinwandStefan Hoenerloh, Die Sixtinische Madonna, 58 x 85 cm, 2007, Oel, Acryl auf Polyester/Leinwand

Bei modernen Bauten findet man weder proportionierte Schönheit, noch gibt es eine patinierte Wand, welche durch ihren Komplexitätsgrad eine Allegorie zu Baumrinde, Holzboden oder Felswänden darstellt, sondern nur Oberflächen und Formen, welche eine möglichst weite Entfernung zu jeder Natürlichkeit zurückgelegt haben. Die Ängste der Menschen vor der Natur (und dem Tod) hat hier eine neue Dimension gewonnen. Die 3 Väter des Internationalen Stils (Le Corbusier, Mies v. d. Rohe und W. Gropius) haben einen Stil geschaffen, welcher zusätzlich eine extreme Ökonomie am Bau zuließ und sich damit komplett weltweit ausgebreitet hat. Diese Ökonomie (das Gegenteil von Kultur) lässt sich nun nicht wieder wegzaubern, die Gründe dazu sind in Tom Wolfes Buch „Mit dem Bauhaus leben” genauestens und verständlich dargelegt. Die Macht der Verbünde und Seilschaften an den Universitäten lässt anderes Bauen gar nicht erst zu, da es abgewertet wird. Nach dem Studium dieses Buches versteht man, warum große Teile der Architektur seit 1918 aufgehört haben zu existieren.

Wenn eine Klasse einen Kurs mit Aktzeichnen hat, dann arbeiten sie nach einem menschlichen Modell. Sie würden wohl kaum, wie es in der Architektur seit 1918 der Fall ist, stattdessen eine Schaufensterpuppe porträtieren.

Wie finden Sie Ihre Themen und Motive?

Die Themen und Motive zu finden ist eine andere, schwierigere Aufgabe. Ein Situation wird zunächst schemenhaft skizziert, da die schemenhaften Bilder sich selbst formen. Dann wird Haus für Haus soweit hin und her geschoben in einem virtuellen Grundriss, dass der Blickwinkel interessant ist.

Manchmal wird auch eine Situation aus einem Canyon nachgestellt, mit Hauswänden verdeutlicht.

Das Motiv des Canyons, der „canyon-haften“ Häuserschlucht, wird besonders deutlich auch in der Gegenüberstellung zu Fotografien von Natascha Wilms, die amerikanische Canyons porträtiert. Arbeiten Sie zusammen?

Natascha Wilms, The Wave in ArizonaNatascha Wilms, The Wave in Arizona © N. Wilms

Die Canyons sind prinzipiell eine ähnliche Situation: eine Darstellung der Zeit, nur in umgekehrter Reihenfolge, von oben nach unten. Städte wachsen andersherum. Beiden ist gemeinsam, dass der Negativraum die sichtbaren Flächen erst ermöglicht und verstärkt, je steiler die Wand ist. Architektur und Canyon sind Gebilde, die der Entropie entgegengerichtet sind und gegen sie kämpfen.
Damit kämpfen sie gegen den Tod, die Canyons dabei sehr erfolgreich, da sie schon sehr alt sind. Ich lasse mich von den Fotografien von Natascha Wilms auf neue städtebauliche Ideen bringen, man kann Flussläufe in Grundrisse umsetzen.

Ihre Arbeiten spielen auch mit der Seherwartung der Betrachter – „Hier bin ich schon mal gewesen!“ – und sind dennoch nicht „real“ existent. Malerei bietet andere Möglichkeiten als die „realistische“ Fotografie. Warum Malerei?

Wenn es die Möglichkeit gäbe, diese Bilder zu fotografieren, dann würde ich das tun. Da es die Gebäude aber nicht gibt, muss ich sie malen, dies aber nur ungern. Malerei ist eine hilflose Krücke mit der man nur einen Teil der eigenen Ideen verwirklichen kann. Aber das Ganze tatsächlich bauen, steht auf einem anderen Blatt.

Jede Situation muss genau auf der Grenzlinie zwischen Fiktion und Erinnerung balancieren, da nur dann jegliches Schubladendenken unterlaufen wird. Geht man zu weit und baut 5 Brücken übereinander, dann ist es unrealistisch und fordert keine Auseinandersetzung, da man sich mit Träumen nicht auseinandersetzen muss. Aber wenn zu wenig Brücken und Ebenen da sind, dann wirkt es wie eine Vedute; dann startet der Beunruhigungsprozess nicht.

Wer und/oder was beeinflusst Ihre Arbeit? Gibt es Vorbilder?

 Stefan Hoenerloh im Atelier, Berlin 2003Stefan Hoenerloh im Atelier, Berlin 2003

Vorbilder ohne Ende, mein Kunstgeschichtestudium war recht lang. Das erste Vorbild war Max Ernst und ein wenig MC Escher, aber heute haben sich die Vorbilder verschoben. Monokausale Übereinstimmungen sind nicht mehr zu finden, sondern die Vorbilder liegen grundsätzlich  in einer Mehrschichtigkeit, welche immer auf einer primären (sichtbaren) und sekundären (konzeptuellen) Ebene ein Kunstwerk erfahrbar macht. Demnach Mark Tansey, Christoph Steinmeyer, Desiree Dolron, Rosson Crow, Dirk Skreber, Glenn Brown, Anselm Kiefer, Rebecca Horn und Mathias Weischer.

Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihren Arbeiten?

Das frühere Ziel war es, mit einem didaktischen Ansatz eine Herkulesarbeit zu versuchen, da man diese Welt aber nicht auch nur einen Millimeter verändern kann, ist es mein jetziges Ziel möglichst viele Bilder mit irritierenden Namen zu malen wie: Udo Kittelmanns Breakfast, Larry Gagosians Daughter oder Greetings to Saatchi.

Das ist in der Tat irritierend und eröffnet kritische „Seitenblicke“ auf den aktuellen Kunstbetrieb. Was ist Ihrer Meinung nach charakteristisch für Ihre Arbeiten?

Via Volterra 42/II 95 x 71 cm, 1999, Öl auf Polyvinyl/LeinwandStefan Hoenerloh, Via Volterra 42/II, 95 x 71 cm, 1999, Öl auf Polyvinyl/Leinwand

Mehrschichtigkeit ist ausschlaggebend, das heißt, dass eine primäre Ebene den Zugang zum Werk eröffnet und die im Kunstbetrieb übliche Hermetik, das elitäre Ausschlussdenken unterminiert. Der künstlerische Elfenbeinturm entspricht ja nicht mehr der ursprünglichen Aufgabe der Kunst „The true artist helps the world by revealing mystic truth” (Bruce Naumann), sondern ist inzwischen völlig zweckfreiem ökonomischen Denken untergeordnet; Kunst ist ja nur noch Geldanlage und hat  damit ihren kulturellen Anspruch völlig verloren. Kunstsammeln ist heute gesellschaftlich so wichtig wie Briefmarken sammeln. Es sollte aber nicht der Sinn der Kunstakademien sein, hochbegabte Ökonomen zu erzeugen, die zuerst ans Geld denken, bevor sie sich einen Pinsel kaufen und später mühsam erkennen müssen, dass es zu viele von ihnen gibt, so dass die Relevanz des einzelnen Kunstwerks gegen null geht (siehe: Kursbuch 122/1995 Daghild Bartels: „Kunstdämmerung”: Wenn es nicht Venedig gewesen wäre, dann wäre ja keiner mehr hingegangen… Siehe auch Wirtschaftswoche 30.9.2007 von Gary Hill: „Man sieht kaum mehr Kunst von Künstlern, sondern Strategie von Strategen”).

Zweiter Aspekt: Antagonistenpaare, welche Spannung aufbauen. Homogene und heterogene Flächen; Architekturplanung und Abbau durch die Natur;  Bewegung durch Perspektive und trotzdem in sich ruhende Architekturlinie; unschönes Geordnetes und schönes Ungeordnetes; logische, die Kraft aufzeigende Elemente gemischt mit manieristischen ornamentalen Verbrechen, so dass keine strukturierende Logik das Gesamtsystem zu schnell erfassbar macht, so dass ein Rest Irrationalität stets bleibt.

Und zum Abschluss eine allgemeine Frage: Welche Bedeutung hat Architektur und überhaupt die gebaute Umwelt für uns?

Hierzu empfehle ich den Film Why Beauty Matters von Roger Scruton, der zwar eine einseitig gefärbte Weltsicht des Verlustes bestimmter gesellschaftlicher Werte beschreibt, aber dennoch auch für eine Zeit, die ständig auf Wachstum aufgebaut sein will, einen warnenden Rufer darstellt. Wachstum, also Fortschritt hat eine Kehrseite der Medaille: Der Fortschritt schreitet fort von dem Ort der möglicherweise einmal als gut befunden wurde. Fort heißt, unumkehrbar, ohne Zurück, also mit Verlust behaftet. Dieser Verlust sollte vermieden werden, sonst ist unsere Zivilisation keine bessere, sondern nur eine andere.

Ein Wachstumsbeschleunigungsprogramm ist also genau das, was wir nicht brauchen, es beschleunigt den Zerfall der Welt. Architektur ist heute nur noch ökonomisch orientiert und verwandelt sich binnen sehr kurzer Zeit in hässlichen Schrott; hingegen würde eine Architektur, die den Alterungsprozess einberechnet, womöglich im Laufe der Jahrhunderte interessanter. Einfach ist diese Aufgabe nicht, was das Dorf Poundbury beweist, welches von Prince Charles erbaut wurde:

Zwar wurden nur traditionelle Materialien und Formen verwendet, aber er vergaß den Schmutz und so mutierte das Dorf zu einer angepassten Rentnerstadt mit extremer Freiheitseinschränkung. Dass die Architektur für den Menschen einen Großteil seines positiven Lebensgefühls ausmachen kann, beweisen die intakten Altbauquartiere deutscher Städte in denen der Zufriedenheitsindex höher liegt als in Trabantenstädten. Wir werden sehen, ob Beijing damit klarkommt, alle Hutong-Altbaubestände flächendeckend abgerissen zu haben. Diese extreme Entwurzelung wird unzufriedene Menschen hervorrufen. Die Krise durch überschnelles Wachstum ist vorprogrammiert.

Stefan Hoenerloh, herzlichen Dank für das ausführliche Interview!




art Karlsruhe 2010

8 03 2010

Vom Geheimtipp zum Pflichttermin: Über das erste Märzwochenende hat die mittlerweile 7. Ausgabe der art Karlsruhe ihre Pforten geöffnet. Von Wirtschaftskrise war nichts zu spüren (aber hier müsste man wohl in die Kassen der Galeristen schauen). Die Stimmung jedenfalls war gut, die Besucher kamen schon zur Preview zahlreich. Die Vorlage vom letzten Jahr – der Rekord lag bei über 42.000 Besuchern – wurde nochmals um über 1000 Besucher getoppt, wie aus Karlsruhe zu hören ist.

Once an insider, it now is an obligatory date in the art scene: The 7th art Karlsruhe fair was held during the first weekend in March. No impact of the economic crisis was visible (but to judge that, we’d have to take a glimpse into the galleries’ books, wouldn’t we). Yet the atmosphere was great, the visitors came in droves. Last year’s record of more than 42.000 visitors could even be topped.

My impression from the preview (in German) can be found on “Art and Events” (Link). Now I’ll present galleries and artists interesting to deconarch’s “architecture meets art” focus.

Einen allgemeinen Bericht von mir frisch von der Preview am 3. März 2010 gibts bei “Art and Events” zu lesen (Link).

Auch aus dem Blickwinkel des „Architecture meets art“ gab es dieses Mal doch einiges zu entdecken bzw. wieder zu sehen. Dazu gehören „alte Bekannte“, deren Ausstellungen bzw. deren Arbeit zu besuchen sich immer wieder lohnt.  So etwa vor allem die Zürcher Galerie Alex Schlesinger mit ihrem Fokus auf Urbanem Leben, Architektur und Industrielandschaften, die u. a. Werke von Tobias Weber, Janika Fabrikant und Patrick Tschudi präsentierte.

Auch die Galerie CP Wiesbaden habe ich 2009 schon erwähnt – hier wurden wieder Arbeiten Anja Ganster und Michael Bach gezeigt. Neue Gemälde von Karl-Heinz Bogner waren bei der Galerie Kränzl zu sehen.

Sheri Warshauer, Brooklyn Bred, 2008, Acryl und Latex auf Leinwand, 152 x 152 cm Unikat, Courtesy Davis Klemm Gallery

Sheri Warshauer, Brooklyn Bred, 2008, Acryl und Latex auf Leinwand, 152 x 152 cm Unikat, Courtesy Davis Klemm Gallery

Eindrucksvoll zu sehen waren auch einige Gemälde von Stefan Hoenerloh in verschiedenen Ständen sowie eine großfromatige Arbeit von Ben Willikens.

Aufgefallen sind darüber hinaus Arbeiten der französischen Künstler Anne Valverde (Fotografien) und Thikent (“Peintographies”), Sheri Warshauer bei Davis Klemm, Frankfurt, Sabine Wilds Fotografien bei Dengler und Dengler, Stuttgart.

Darüber hinaus erwähnenswert sind Detlef Waschkaus Reliefs, die sich zum Teil mit Kultur-Landschaften und Gebautem beschäftigen, sowie Johannes Schramms “Wasser”-Arbeiten.

Die Beschäftigung mit dem Urbanen ist Programm in der “Bastropolis” von M. S. Bastian / Isabelle L.:

Magic Bastropolis Kunstharz auf Leinwand, 2007 190 x 160 cm

M.S. Bastian/Isabelle L., Magic Bastropolis Kunstharz auf Leinwand, 2007, 190 x 160 cm, courtesy Neue Kunst Gallery




Gebaute Inseln im Strom der Zeit Stefan Hoenerlohs Stadt-Gemälde | Painted Cities by Stefan Hoenerloh

5 06 2009

Nach einer ganzen Reihe von Fotografen, die sich mit Architektur beschäftigen – die Fotografie scheint das bevorzugte Medium für die Auseinandersetzung mit architektonischen Themen – wieder ein Künstler, der sich malerisch mit Architektur befasst: Stefan Hoenerloh zeigt in seinen Gemälden Stadtansichten, die wie urbane Momentaufnahmen auf einem Spaziergang durch eine Altstadt begegnen könnten und doch rein fiktional sind.

After a number of photographs focusing on architecture – photography appears to be the medium of choice when dealing with architectural topics – finally another painter thematizing architecture: Stefan Hoenerloh paints urban situations as  one could happen to encounter on a stroll through an old European city center – no vedutas, but “snapshot”-like views in  bottom view. Yet was seems so real is actually pure fiction. His painted buildings appear like “built islands in the course of time” (as says the German title of this article)

(Informationen und Abb. von der Website des Künstlers, available in German + English)

 Brooke Alexander Avenue 115 x 182 cm, 1998, Öl auf Polyvinyl/Leinwand

Brooke Alexander Avenue 115 x 182 cm, 1998, Öl auf Polyvinyl/Leinwand

Hoenerloh arbeitet in einer altmeisterlich perfekten Technik und bringt seine Motive vielschichtig lasierend auf den Bildträger. Sein Thema ist die Architektur, genauer: die gebaute Stadt. Zu sehen sind jedoch keine Veduten und Panoramen von Städten, wie sie etwa Canaletto so meisterhaft angefertigt hat, sondern Ausschnitte urbaner Architektur, Momentaufnahmen, wie sie einem auch bei einem Spaziergang durch eine Stadt begegnen: Monumentale Großbauten werden in Ausschnitten gezeigt, meist in Untersicht mit stürzenden Linien, wie man sie vor Ort erlebt.

The Knarz Room, Ten Years Later 2001, Öl auf Polyvinyl/Leinwand, 122x151cm

The Knarz Room, Ten Years Later 2001, Öl auf Polyvinyl/Leinwand, 122×151cm

Tatsächlich handelt es sich dabei jedoch nicht um reale Bauten, die etwa von einer Fotografie abgemalt oder vor Ort mit dem Pinsel anstelle der Kamera “aufgenommen” wurden. Hoenerlohs Motive sind reine Fiktion. Als typische Stadtarchitektur, wie sie überalle begegnen könnte,  wollen sie die Idee der “alten gebauten Stadt” verkörpern. Denn zu sehen sind “alte” urbane Gebäude, wie sie in den alten Stadtkernen europäischer Städte begegnen.

Allerdings zeigen die Gemälde auch nicht Stilgeschichte: Elemente zwischen Renaissance und Klassizismus und ihren Neo-Formen werden malerisch verbunden, ohne jedoch den diesen zugrundeliegenden Ideen zu entsprechen. Es wird nicht nur verzichtet darauf, Realarchitektur zu porträtieren, sondern auch darauf, reale Stile zu zeigen.

Aus dieser zweifachen Fiktionalität gewinnen Hoenerlohs Arbeiten ihre Ausdruckskraft.

Die Städte und Bauten sind leer, keine Menschen,  keine Tiere oder Pflanzen sind zu sehen. Der Betrachter muss seine Gefühls- und Gedankenwelt aktivieren und in die gemalte Stadt “eintreten”, sich selbst in Beziehung zu den Bauten setzen – man könnte schon einmal dort gewesen sein, könnte schon einmal in einer Stadt einer ähnlichen Situation begegnet sein.

 Winner of the Isabel Rawsthorne Competition: Das Gummipferd 1999, Öl, Acryl auf Polyvinyl/Leinwand, 93x130cm

Winner of the Isabel Rawsthorne Competition: Das Gummipferd 1999, Öl, Acryl auf Polyvinyl/Leinwand, 93x130cm

Aus dieser Spannung zwischen Gewesenem und Möglichem entfalten Hoenerlohs Bilder ihre Anziehungskraft.

(Zitat Gerhard Charles Rump:)

“Und ist man im Vorstellungsraum der Bilder, dann sieht man die Details, die das Erlebnis bereichern. Da gibt es Räume, die kann man nicht bewohnen, auch wenn es zunächst den Anschein hat. Da gibt es große Gebäudeteile, die gar keine Räume besitzen, auch wenn man erst dachte, das sei der Fall. Da gibt es die ausbalancierten Gegensatzpaare, die Treppen die nach oben und unten führen, die Seufzer-Brücken, die verbinden, was unverbunden erscheint.”

Das führt zu einer reichhaltigen, aber auch paradoxen Erfahrung von Architektur durch das Medium der Malerei, denn erst in der Malerei wird deutlich, was Architektur sein kann, und was sie nicht ist. [...] Sie wird so zu einer symbolischen Konkretisation von Welterfahrung.”

Bilder sind in Grau-Tönen gehalten, dunkel, trübe, verwaschen. Die Gebäude haben Patina, deutlich nagt an ihnen der Zahn der Zeit. Dieser Aspekt spielt für Hoenerloh eine wichtige Rolle: Gebäude sind wie Inseln im Zeit-Strom, sie trotzen der Vergänglichkeit und haben eine Geschichte, sind jedoch davon nicht unberührt, sondern zeigen durchaus Zeichen des Verfalls.

Beim näheren Hinsehen zeigt sich in diesen “minutiöse[n] Registraturen des materiellen Verfalls” (Rump), die an den gemalten Gebäudefassaden zu beobachten sind, auch das Malerische der Arbeiten: Hoenerlohs Gemälde sind immer auch als Malerei erkennbar.