Zweimal „Mein Moskau“: Ein Stadt-Lese-und-Schau-Buch

MORMO (Mein Moskau) ist ein Stadtlesebuch – genauer noch: ein Stadt-Lese-und-Schau-Buch –, das nicht zum schnellen Durchblättern geeignet ist. MORMO will in Ruhe gelesen werden, immer wieder zur Hand genommen und goutiert werden. Auf über 200 Seiten versammelt MORMO Fotografien und Kurztexte, die die russische Hauptstadt porträtieren, visualisieren, beschreiben, sie in alltäglichen Momentaufnahmen ebenso plastisch vor Augen treten lassen wie in architekturhistorisch interessanten Ansichten. „Mein Moskau“ ist der zweite Band der Stuttgarter Edition Esefeld & Traub, die mit „My New York“ eine Reihe von Stadtlesebüchern begonnen hat. Hervorgegangen ist das Projekt aus einer Ausstellung im Theaterhaus Stuttgart im Sommer 2008.

 

 

Mein Moskau
Jörg Esefeld, Sascha Neroslavsky
Edition Esefeld & Traub, April 2010
Hardcover, 224 Seiten
Deutsch, Englisch, Russisch
53 Euro

 

 

 

 

Foto Jörg Esefeld

Foto Jörg Esefeld

In zwei zeitlichen Blöcken – 1987/88 und in den Jahren von 2003 bis 2009 – haben sich die beiden Fotografen, der Stuttgarter Architekt und Stadtplaner Jörg Esefeld und der Moskauer Fotografen und Grafiker Sascha Neroslavsky, der russischen Metropole durch die Linse genähert. So verschieden die historischen, sozialen und kulturellen Umstände dieser zeitlichen Phasen waren, so unterschiedlich sind auch die fotografischen Perspektiven – der eine hat in Schwarzweiß und analog gearbeitet, der andere in Farbe und digital. Und so vielfältig sich die fotografische Annäherung präsentiert, so facettenreich ist damit auch das Moskau, das in diesen Aufnahmen sichtbar wird: Während Esefeld Szenen des Sowjet-Moskaus in der Umbruchsphase von Glasnost und Perestroika eingefangen hat mit einem besonderen Blick auch für avantgardistische „Merk-Würdigkeiten“ der Architektur, zeigt Neroslavsky das neue Gesicht der Stadt – ein Gesicht der Werbetafeln und Firmenlogos, des Konsums und der Statussymbole.

Inspiriert von diesen Fotografien haben rund 60 Autoren kurze Texte verfasst, die den Aufnahmen gegenübergestellt wurden. Unter den Verfassern finden sich Vertreter aus Politik und Journalistik ebenso wie aus Architektur, Kunst und Literatur, aus Deutschland ebenso wie aus Russland. So nennt die Autorenliste etwa Gabriele Krone-Schmalz und Rainer Graefe ebenso wie Wladimir Kaminer, Vittorio Magnago   Lampugnani, und Günther H. Oettinger. Präsentiert in den drei Sprachen Deutsch, Englisch und Russisch (zum Teil sind die Übersetzungen auch hier im Internet zu finden), denen zur besseren Unterscheidung und schnelleren Auffindbarkeit unterschiedliche Schriftfarbenzugeordnet sind, umreißen diese Texte ganz unterschiedliche Eindrücke, Gefühle, Beobachtungen und Erlebnisse in der Stadt Moskau. Es finden sich architekturgeschichtliche Ausführungen neben feuilletonistischen Texte, experimentelle Geschichten und alltägliche Erinnerungen neben rationalen Beobachtungen. Die Vielfalt der Texte spiegelt die Eindrücke der Fotografien wider und macht die Verschiedenartigkeit des Lebens in Moskau im historischen Wandel auch auf sprachlicher Ebene sichtbar – manches überraschend, manches humorvoll, manches sachlich-nüchtern.

Foto Sascha Neroslavsky

Foto Sascha Neroslavsky

Da ist, natürlich, der historistische Einkauftempel GUM, der bei keiner Stadtbesichtigung fehlen darf. Hatte er zu Sowjet-Zeiten auch oder gerade wegen Restriktion und Warenknappheit noch einem besonderen Charme, so beobachtet der Autor heute dort nur mehr als eine weitere seelenlose Shopping-Mall. Da sind auch die rosaroten Flamingos im Krasnaja Presnja Zoo vor der grau-tristen Fassade eines Hochhauses im stalinistischen Zuckerbäckerstil – im Unterschied zu ihren New Yorker Pendants wuchsen die Moskauer Wolkenkratzer jedoch weniger in die Höhe als vielmehr rücksichtslos in die Breite. Auch vom Roten Platz ist die Rede, der sich kaum verändert und den der Einzug des Kapitalismus wenig beeinflusst zu haben scheint – bis auf das italienische Café, das neuerdings Stühle nach draußen stellen darf.

Diese ganz unterschiedlichen Sichtweisen fügen sich in MORMO zu einem Panorama einer Metropole, die „uns“ in Deutschland, im Westen meist fremd ist und bleibt. Im Zusammenspiel von Fotografien und Texten entfaltet sich ein Porträt der russischen Hauptstadt im Umbruch, das man immer wieder zur Hand nehmen, durchblättern und hineinlesen kann, um sich auf visuelle und literarische Entdeckungsreise zu begeben durch ein Panoptikum der Perspektiven auf Moskau.

Beispielseiten aus dem Buch als PDF

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