(In)Visible Cities: Karl-Heinz Bogner, Stefan Hoenerloh, Johannes Twielemeier, Annett Zinsmeister

4 10 2011

Seit Freitag, 30.09.11, ist die von mir kuratierte Ausstellung “(In)Visible Cities”, ausgezeichnet mit dem Wolfgang Hartmann Preis 2011, im Kunstverein Wilhelmshöhe Ettlingen zu sehen. Gezeigt werden Arbeiten von Karl-Heinz Bogner, Stefan Hoenerloh, Johannes Twielemeier und Annett Zinsmeister.

(In)Visible Cities

KARL-HEINZ BOGNER, STEFAN HOENERLOH, JOHANNES TWIELEMEIER, ANNETT ZINSMEISTER 

ausgezeichnet mit dem Wolfgang Hartmann Preis 2010/11

Ausstellung: 01.10. – 06.11. 2011

Kunstverein Wilhelmshöhe Ettlingen

www.invisiblecities2011.wordpress.com

Die Ausstellung wird von einem KATALOG begleitet, der von Vanessa Buffy. Atelier für Typografie und Gestaltung gestaltet wird. Der Katalog enthält einen Essay von Cordula Rau, Walverwandtschaften.

 

 

(In)Visible Cities: Blick in die Ausstellung (Foto SK)

(Aus dem Konzept:) Das Leben in Städten ist normal geworden. In westlichen Ländern wohnen Dreiviertel der Bevölkerung in urbanen Gebieten, die  Wanderungsbewegungen in städtische Räume sind so stark wie nie zuvor. Weltweit leben zunehmend mehr Menschen in Städten als auf dem Land – Tendenz steigend. Metropolen und Megastädte mit mehreren Millionen Einwohnern gewinnen damit eine immer größere Bedeutung als zentrale Lebensräume der Menschheit, die Urbanisierung prägt die menschliche Lebenswelt immer nachhaltiger und grundsätzlicher. Städtische Strukturen sind im 21. Jahrhundert zum normalen Habitat des Menschen geworden. Aber was ist „Stadt“?

Die Stadt, das unbekannte Wesen?

Wie die Stadt wirklich ist, unter dieser dichten Hülle von Zeichen, was sie enthält oder verbirgt – man verlässt Tamara, ohne es je erfahren zu haben. (Italo Calvino: Die unsichtbaren Städte)

(In)Visible Cities: Blick in die Ausstellung (Foto SK)

Eine Stadt ist ein Konglomerat zahlreicher Faktoren, ein Zusammenspiel kultureller und sozialer ebenso wie ökonomischer, infrastruktureller und finanzieller Aspekte. Am deutlichsten sichtbar und damit unmittelbar plastisch erfahrbar wird Stadt jedoch im Gebauten: Architektonische Strukturen und Konstruktionen, Häuser, Straßen, Plätze, Brücken prägen das urbane „Gesicht“.

Dennoch nimmt der Großteil der Stadtbewohner seine architektonische Umgebung kaum bewusst wahr. Funktionale Nutzbauten wie Büros, Wohngebäude, Werkhallen, denen man tagtäglich begegnet, werden nicht beachtet. Allenfalls außergewöhnliche Bauwerke aus vergangenen Zeiten oder extravagante moderne Bauten werden bemerkt und gegebenenfalls diskutiert. Die allgemeinen architektonischen „Hüllen“ unseres Alltags hingegen werden hingenommen, ohne ihnen viel Aufmerksamkeit zu widmen. Eine überraschende Situation, bedenkt man die Bedeutung der Architektur, die nicht nur das menschliche Lebensumfeld gestaltet, sondern auch die kulturelle und historische Identität wesentlich mitformt.

Bauen ist Lebensraum gestalten

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Virtual Exhibition: Alltagsarchitektur | Everyday Architecture

9 03 2011

Nur selten achtet man auf die ganz alltägliche Architektur, die einen tagein tagaus umgibt. Architektur wird, wenn man ihr denn mehr Aufmerksamkeit schenkt (alle, die beruflich damit zu tun haben, seien hier einmal ausgenommen), zumeist nur in ihrer monumentalen Form warhrgenommen – Prachtbauten aus vergangenen Zeiten etwa, historische Schlösser, Burgen und Kirchen stehen weit oben auf der touristischen Beliebtheitsskala. Aber auch zeitgenössischere Neubauten fallen auf und sorgen hin und wieder für Gesprächsstoff, seien es die trendy Luxusmalls, die in den letzten Jahren aus dem Boden sprießen, oder giganteske Hochhäuser. Hier jedoch ist es eher das auffällige Äußere, über das man spricht, weniger die Architektur als solche.

Alltägliche Zweckbauten hingegen erregen nur selten Aufmerksamkeit. Allenfalls wenn sie stören oder zum Problem werden, diskutiert man über sie – besonders hitzig so geschehen etwa beim Streit um den Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs, zuvor trotz Denkmalstatus weniger ein Beispiel beliebter Bauwerke.

Alltagsarchitektur ist meist zweckmäßig, unauffällig, unspektakulär, neutral, nicht unbedingt das, was gemeinhin als “schön” empfunden wird. Alltagsarchitektur sind funktionelle Nutzbauten, sind Wohnbauten und Büros, sind Fabriken und Läden, sind Bahnhöfe, Supermärkte, Hochhäuser, Reihenhäuser, … Die Liste lässt sich lange fortsetzen.

Die folgenden Künstler und Künstlerinnen machen gerade diese Architektur zu ihrem Thema und widmen ihnen ihre Aufmerksamkeit. So werden etwa in Fotoserien oft Bauten zum Thema gemacht, die sonst kaum oder allenfalls beiläufig wahrgenommen werden. In diesen Arbeiten wird gerade die Alltäglichkeit, die Unauffälligkeit und Serialität in den Fokus gestellt, und so manches Mal werden überraschende An- und Einsichten enthüllt.  Die hier präsentierten künstlerischen Positionen verfolgen Herangehensweisen und verschiedene Perspektiven, mit denen sie sich dem Thema der Alltagsarchitektur annähern.

Short summary: “Everyday architecture” Hardly do we notice the everyday architecture around us (unless we are dealing with architecture for professional reasons). And if we do so, it is mostly the monumental forms – historical buildings, e.g., castles, palaces, churches are popular touristic sights; or maybe contemporary newly built houses, such as luxurious malls or gigantic highrises. But it is mostly the extravagant exterior that is capturing attention, rather than architecture itself.

These artists focus on everyday architecture, like functional housing, offices, shops, factories, supermarkets, … With different media and their very own point of view, they think about the “everydayness”, the seriality and normality of these buildings.


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Tobias Weber, Parking Nord (In der Stadt), Acryl auf Baumwolle, 240 x 120cm, 2009

Tobias Weber, Parking Nord (In der Stadt), Acryl auf Baumwolle, 240 x 120cm, 2009 © Tobias Weber

Kunst und Architektur inspirieren sich gegenseitig im Schaffen von Tobias Weber. Der Schweizer Künstler ist studierter Architekt und in beiden Bereichen gleichermaßen tätig. Seine Themen findet er in alltäglichen Szenerien der dichtbesiedelten urbanisierten Welt; er zeigt Häuserfassaden, Straßen, Tiefgaragen, kurz: vom Menschen eingenommene funktionale Räume und die Spuren, die dies hinterlässt. Webers Bilder präsentieren Ausschnitte von Zweckarchitekturen, die überall begegnen, die man aus eben diesem Grund jedoch kaum mehr wahrnimmt, geschweige denn, dass man sie in irgendeiner Weise als »künstlerisch« wertvoll empfindet.

Tobias Weber, Park Ost (Schönes neues Zürich), Acryl auf Baumwolle, 200 x 110, 2006

Tobias Weber, Park Ost (Schönes neues Zürich), Acryl auf Baumwolle, 200 x 110, 2006 © Tobias Weber

Auffällig ist die ungewöhnliche Formensprache der Gemälde: Die Bilder kommen mit wenig Farben aus, meist setzt Weber nur einen Farbton in verschiedenen Abstufungen ein oder kontrastiert wenige Farben. Die Motive werden dominiert von schwarzglänzenden, leicht erhabenen und unregelmäßigen Konturlinien, die wie Lakritze auf der Leinwand zu liegen scheinen. Sie formen reine Farbflächen ohne Schattierungen, die den Bildern eine ungewöhnliche, comichafte Wirkung verleihen.

Mehr über Tobias Weber in meinem Text in der architekturzeitung.de.

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Fenster, Inden, Aug. 2002 (aus: Orte ohne Wiederkehr)

Fenster, Inden, Aug. 2002 (aus: Orte ohne Wiederkehr) © Johannes Twielemeier

Für seine Serie Orte ohne Wiederkehr etwa hat Johannes Twielemeier die Spuren einer enormen Umsiedlungsaktion mitten in Deutschland festgehalten: Seit 1984 wird das Braunkohletagebaugebiet Garzweiler zwischen Aachen und Düsseldorf erweitert. Bis zum Jahr 2040 wird auf einer Gesamtfläche von ca. 120 Quadratkilometern eines der größten Braunkohletagebaugebiete Europas entstehen – für das über 7500 Menschen in 13 Ortschaften umgesiedelt werden. Eine ganze Region wird in eine Geisterlandschaft aus leerstehenden Häusern und verwaisten Straßen verwandelt. Twielemeiers Fotografien, die von 2002 bis 2009 entstanden, zeigen Szenen dieser vom Verschwinden bedrohten Region.

Garten, Spenrath, Mai 2006 (aus: Orte ohne Wiederkehr)

Garten, Spenrath, Mai 2006 (aus: Orte ohne Wiederkehr) © Johannes Twielemeier

Es ist eine ungewöhnliche Verbindung künstlerischer Ausdrucksmittel, die Twielemeiers Arbeit prägt: Der gelernte Steinmetz arbeitet nicht nur mit Stein, sondern auch als Fotograf. Den Fotografen Twielemeier beschäftigen die Spuren, die von Menschen in Zeit und Raum hinterlassen werden, die Bruchstellen im urbanen Raum, die sich vor allem und immer wieder in architektonischen Zeugnissen aufspüren lassen.

Mehr Informationen über seine Arbeit gibt Johannes Twielemeier in einem Interview mit deconarch.com.

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Porto Interior, 80 x 80 cm, 2007 © Inês d'Orey

Porto Interior, 80 x 80 cm, 2007 © Inês d'Orey

Inês d’Orey‘s ongoing project “Porto Interior” shows empty interiors of public and semi-public spaces the photographer’s home city of Porto, Portugal.

Fenianos 2 (from: Porto Interior), 80 x 80 cm, 2007 © Inês d'Orey

Fenianos 2 (from: Porto Interior), 80 x 80 cm, 2007 © Inês d'Orey

Porto Interior functions as a collection of spaces that I search and find throughout the city. These interiors are photographed absent of any human presence. Familiar places like theatres, swimming pools or staircases, used by people on a daily basis, become stages for a story that is never clear, but that doesn’t need to be clear.  Through digital manipulation, I alter  the photographs subtly until I create  the atmosphere I find appropriate.” Inês d’Orey

More in an interview with Inês d’Orey.

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“Die fundamentale Eigenschaft der Fotografie, das Anhalten der Zeit, hat für mich nichts von ihrer Faszination verloren.” Interview mit Johannes Twielemeier

21 08 2010

Es ist eine ungewöhnliche Verbindung künstlerischer Ausdrucksmittel, die Johannes Twielemeiers Arbeit prägt: Der gelernte Steinmetz arbeitet nicht nur mit Stein, sondern auch als Fotograf. Den Fotografen Twielemeier beschäftigen die Spuren, die von Menschen in Zeit und Raum hinterlassen werden, die Bruchstellen im urbanen Raum, die sich vor allem und immer wieder in architektonischen Zeugnissen aufspüren lassen.

Seine Fotoserien tragen Titel wie Krematorien, Orte ohne Wiederkehr oder Niemandsland und zeigen stille, meist menschenleere Szenen, die erst auf den zweiten Blick komplexe Zusammenhänge offenbaren. Sylvia Böhmer vergleicht Twielemeiers Arbeitsweise mit „der eines Archäologen oder Entdeckers auf fremdem Terrain, bemüht Spuren einstigen Lebens zu sichern, ohne diese Chiffren und Zeichen einem finalen Plan zu unterwerfen.“

Plakatsäule, Otzenrath, Jan. 2006

Plakatsäule, Otzenrath, Jan. 2006 (aus: Orte ohne Wiederkehr)

Für seine Serie Orte ohne Wiederkehr etwa hat der Künstler die Spuren einer enormen Umsiedlungsaktion mitten in Deutschland festgehalten: Seit 1984 wird das Braunkohletagebaugebiet Garzweiler zwischen Aachen und Düsseldorf erweitert. Bis zum Jahr 2040 wird auf einer Gesamtfläche von ca. 120 Quadratkilometern eines der größten Braunkohletagebaugebiete Europas entstehen – für das über 7500 Menschen in 13 Ortschaften umgesiedelt werden. Eine ganze Region wird in eine Geisterlandschaft aus leerstehenden Häusern und verwaisten Straßen verwandelt. Twielemeiers Fotografien, die von 2002 bis 2009 entstanden, zeigen Szenen dieser vom Verschwinden bedrohten Region.

Orte ohne Wiederkehr ist zur Zeit im Museum für Sepulkralkultur in Kassel zu sehen.

Johannes Twielemeier – Orte ohne Wiederkehr

Museum für Sepulkralkultur, Kassel

13. Mai – 5. September 2010

Abb.:  © Johannes Twielemeier

INTERVIEW

Johannes Twielemeier, Ihre Fotoserien heißen Krematorien, Orte ohne Wiederkehr, Niemandsland und kreisen um Themen wie Vergänglichkeit, Tod, Zerstörung, Leere – zumindest assoziiert man dies mit den Titeln. Was ist das besondere Interesse Ihrer Fotografien?

Eingang, Krematorium Aachen

Eingang, Krematorium Aachen (aus: Krematorien)

Seit Jahren interessieren mich Orte, die, aus verschiedenen Gründen, von ihren Bewohnern verlassen wurden. Mich interessieren die Spuren, die Menschen dabei zurücklassen und ich mag die Magie, die Räume dieser Art entfalten können. Mir gefällt diese nutzlose, verbrauchte Architektur, die, auf sich selbst zurückgeworfen, ein Eigenleben entwickelt.

Im Fall des Krematorium-Projekts fand ich es sehr spannend, einen Blick in Räume zu werfen, die normalerweise nicht ohne Weiteres zugänglich sind. Da musste ich auch viel Überzeugungsarbeit leisten, um zu meinen Bildern zu kommen und war am Ende sprachlos über die Beschaffenheit der Räume, die ich zu Gesicht bekommen hatte.

Diese Spuren zeigen sich in Ihren Fotografien vor allem auch als Spuren von architektonischen Elementen. Woher kommt dieser Fokus auf die Architektur?

Gaststätte (aus: Niemandsland )

Als Fotograf interessieren mich Gebäude / Bauwerke vor allem dann, wenn die Zeit nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen ist. Ich richte meinen Blick auch eher auf eine Architektur, bei der die Zweckmäßigkeit im Vordergrund steht und nicht die Ästhetik. Deshalb bin ich sehr gerne in Industriegebieten unterwegs, ich mag die Bruchstellen, die man hier finden kann, am Rand von großen oder kleinen Städten …

Wo und wie finden Sie Ihre Motive?

Ich bewege mich mit meinen fotografischen Arbeiten in der Dokumentarfotografie, aber ich hoffe doch, das meine Arbeiten über das rein Dokumentarische hinausgehen. Das große Thema, das sich seit Jahren durch meine Fotoarbeiten zieht, ist das unaufhaltsame Fließen der Zeit und das war schon in meinen allerersten Fotografien so. Das hat sich natürlich im Lauf der Jahre um andere Aspekte erweitert, aber die fundamentale Eigenschaft der Fotografie, das Anhalten der Zeit, hat für mich nichts von ihrer Faszination verloren.

Fenster, Inden, Aug. 2002

Fenster, Inden, Aug. 2002 (aus: Orte ohne Wiederkehr)

Als ich vor Jahren mit dem Thema Krematorien in Deutschland begonnen habe, hat mich die Banalität und Zweckmäßigkeit dieser Räume angeregt, mich näher damit zu befassen, aber eigentlich bin ich in das erste Krematorium gefahren, um für meine Examensarbeit, eine Urne aus Stein, zu recherchieren, und daraus hat sich dann das Fotoprojekt entwickelt. Das Orte ohne Wiederkehr-Thema liegt fast vor meiner Haustür im Rheinland, auch deshalb konnte ich über einen Zeitraum von sieben Jahren immer wieder dort arbeiten.

Zur Zeit recherchiere ich für ein neues Projekt in Italien, darauf bin ich durch einen Beitrag im Radio aufmerksam geworden. So wie es aussieht, werde ich dieses Projekt mit einer selbstgebauten Camera obscura fotografieren, darauf freue ich mich besonders – back to the roots, sozusagen. Aber es gibt immer auch noch Tage, da nehme ich mir eine Kamera und flaniere ziellos durch eine Stadt oder einen Ort, an dem ich zufällig gerade bin, und lasse mich treiben, und wenn ich viel Glück habe, dann finden mich auch meine Motive, ohne dass ich nach ihnen suchen muss.

Vielleicht wollen Sie die ein oder andere Arbeit näher vorstellen?

Da würde ich sehr gerne zwei Foto-Projekte vorstellen:

Garten, Spenrath, Mai 2006

Garten, Spenrath, Mai 2006 (aus: Orte ohne Wiederkehr)

Zum einen meine aktuelle Orte ohne Wiederkehr-Serie, an der ich von 2002 bis 2009 gearbeitet habe und die gerade im Museum für Sepulkralkultur in Kassel gezeigt wird. Ich habe zum ersten Mal über einen so langen Zeitraum an einer Sache gearbeitet, aber die ganze Dimension dieser Abriss- und Umsiedlungsaktion im Braunkohletagebau Garzweiler ist ja auch immens: Ende der 1980er Jahre wurde damit begonnen und in ca. 15 Jahren werden 13 Ortschaften in einer dann über 120 Quadratkilometer großen Braunkohlegrube für immer verschwunden sein. Fast 8.000 Bewohner verlieren Haus und Hof und werden „umgesiedelt“, was ein sehr harmloses Wort für den totalen Verlust ihrer Heimat ist. Ich habe mich irgendwann auf eine absurde Art „zu Hause“ gefühlt in dieser Geisterlandschaft aus verlassenen Häusern und verwaisten Straßen und habe mich regelrecht an den Themen, die mich ja seit Jahren fotografisch interessieren, abgearbeitet. Das hat aber auch dazu geführt, das ich nach der Beendigung dieses Projektes das Gefühl hatte, mit dieser Art der Fotografie erst mal an einem Endpunkt angekommen zu sein. Das haben mir jetzt auch die Vorbereitungen zu der Ausstellung bestätigt. Allerdings fühle ich mich in dem Museum für Sepulkralkultur in Kassel sehr gut aufgehoben mit meiner Arbeit. Neben den Fotografien zeige ich auch eine Steinarbeit, die parallel zu den Fotos entstanden ist. Ein Museum, in dem alles zum Thema Tod und Sterben gesammelt wird ist ja kein schlechter Platz für eine Fotoausstellung über eine verschwindende Landschaft, oder ?

Brooklyn, 19.09.1999

Brooklyn, 19.09.1999 (aus: New York City)

Dann würde ich gerne noch ein paar Worte zu meinem New York City-Serie sagen, die ist zwar schon vor 10 Jahren entstanden und war meine letzte Arbeit in s/w. Ich glaube, es gibt kaum eine Stadt, die so „durchfotografiert“ ist wie New York. Als ich 1999 für drei Wochen dort war, habe ich natürlich auch all die Bilder von den Hochhausschluchten und dem hektischen Gewimmel der Menschen in meinem Kopf gehabt. Da ich keine Lust hatte, solche Bilder zu machen, bin ich fast nur in den Nebenstraßen und Hinterhöfen der touristisch eher nicht so besuchten Stadteile Queens, Brooklyn und Coney Island unterwegs gewesen. Meine einzige Kamera war eine auf einem Flohmarkt für 40$ gekaufte Kleinbildsucherkamera aus den 70er Jahren. Ich bin morgens aufgestanden und habe mich getreu dem Motto „Be open to what the streets may deliver“ treiben lassen und ein New York entdeckt, in dem es kaum ein Hochhaus und fast keine Menschen gibt. Das Zitat stammt übrigens aus dem wundervollen Bildband „End Time City“ von Michael Ackerman, das ich damals in NY gekauft habe.

Sie haben es schon ein paar Mal angesprochen: Sie sind von Haus aus Steinmetz, arbeiten aber auch als Fotograf. Das ist eine eher unübliche Verbindung. Wie kommt es dazu? Warum die Entscheidung für die Kunst?

Postkarte

Die Totenstadt, Anröchter Dolomit, 90 cm | 45 cm | 50 cm

Ich habe Mitte der 80er Jahre eine Ausbildung zum Steinmetz absolviert und danach einige Jahre als Steinmetz gearbeitet. Obwohl meine Lehrzeit nicht so besonders war, gab es doch auch Momente, in denen ich gespürt habe: Das ist es! Dabei hat mich schon damals das Thema Grabmal besonders interessiert, aber vor allem deshalb, weil mir die absolute Einfallslosigkeit und Öde auf den meisten Friedhöfen, die ich zu Gesicht bekommen habe, doch sehr verwundert hat. Wohin man auch schaute, gab es nur die immer gleichen inhaltslosen und sinnlosen Formen, zu einem großen Teil aus industrieller Fertigung, da hat der Steinmetz dann noch den Namen graviert und, wenn´s hoch kam, vielleicht noch ein Ornament. Dabei bietet ein Grabmal, wenn man es richtig zu Ende denkt, die Chance, etwas über die Person auszusagen, für die es gemacht worden ist. Dass sich dafür allerdings die wenigsten Steinmetzen interessiert haben, hat mich damals wie heute verwundert.

Ich habe dann durch Zufall von der Akademie für gestaltende Handwerke in Aachen erfahren und dort von 1994 bis 1997 ein Studium absolviert. Dabei war es nicht primär mein Ziel, die Steinmetzarbeit hinter mir zu lassen, um mich der Bildhauerei zuzuwenden, sondern ich wollte vor allem das Thema Grabmal in all seinen Möglichkeiten ausloten. Denn meine Vorstellung war, dass ich nach dem Studium eine kleine Werkstatt gründen wollte, die sich auf ganz besondere Grabzeichen spezialisiert. Nach einigen Umwegen ist das mittlerweile auch der Fall und seit 4 Jahren unterrichte ich als Dozent an dieser Akademie das Fach Plastisches Gestalten und seit diesem Jahr auch noch Fotografie. Ich bin 2 Tage in der Akademie beschäftigt und der Rest der Zeit verteilt sich auf meine Fotoprojekte und die Arbeit in meiner Werkstatt.

Wie unterscheidet sich die Steinmetzarbeit von der Bildhauerkunst?

In der Regel stellt sich mir die Frage nach Steinmetzarbeit oder Bildhauerkunst überhaupt nicht, da ich immer auf einen konkreten Anlass hin tätig werde – und das ist in den meisten Fällen der Entwurf und die anschließende Anfertigung für ein Grabzeichen, das sich jemand für einen Verstorbenen wünscht. Es kommt natürlich vor, dass Menschen diese Arbeiten dann als Kunst bezeichnen, weil eben manchmal auch Dinge mitschwingen, die weit über das hinausgehen, was man üblicherweise mit einem Grabmal verbindet.

Beeinflussen sich die beiden Arbeitsweisen, Steinmetzarbeit und Fotografie, gegenseitig oder sind es zwei ganz unterschiedliche Bereiche?

Skulptur 2 Versailles, Februar 2010

Skulptur 2 Versailles, Februar 2010

Es gibt schon wechselseitige Einflüsse. Ich arbeite zum Beispiel gerade an einem Ornament für eine Stele, für die die Pflanzenfotografien von Karl Blossfeldt die Initialzündung waren. Vor einigen Jahren habe ich ein Fotoprojekt über diese kleinen Porträts von Verstorbenen gemacht, die besonders im Süden oder in Frankreich und Belgien auf Grabmälern zu finden sind. In der Regel sind das bedruckte Porzellantafeln, und wenn die einige Jahrzehnte der Witterung ausgesetzt waren, werden sie selber zum Memento Mori. Im vergangenen Winter habe ich in den Gärten von Schloss Versailles fotografiert. Ich hatte erfahren, das dort alle Marmorskulpturen der Witterung wegen von Planen verhüllt werden und das fand ich sehr reizvoll.

Vor zwei Jahren habe ich Fotografien über die Lehmhochhäuser im Jemen gesehen und die haben dann anschließend zu einer Umsetzung in Stein geführt.

Wer oder was beeinflusst Ihre Arbeit? Gibt es Vorbilder?

Es gab und gibt natürlich Künstler, die meine Arbeit auf die ein oder andere Art beeinflusst haben. Aber es kann auch ein Buch, ein Film oder Musik sein. Wenn ich Namen nennen müsste, dann sicher zuerst Walker Evans, Stephen Shore, Lewis Baltz und Robert Adams, deren Arbeiten faszinieren mich seit Jahren. Aber vor rund 25 Jahren war es Robert Franks Buch „Die Amerikaner“ das mich dazu brachte, mich näher mit der Fotografie zu befassen. Vor einiger Zeit habe ich Joachim Brohm für mich entdeckt, seine Fotografien finde ich sehr spannend.

In der Bildhauerei schätze ich die Arbeiten von Karl Prantl und Ulrich Rückriem.

Was ist Ihrer Meinung nach charakteristisch für Ihre Arbeiten?

Für meine Steinarbeiten ganz sicher die reduzierte und klare Formensprache, ich übe mich seit Jahren in der Kunst des Weglassens. In meiner Fotografie ist es die fast immer zurückgenommene Farbigkeit in Verbindung mit einem präzisen und durchdachten Bildaufbau Teil meines Bildprogramms.

Johannes Twielemeier, herzlichen Dank für das Interview!

[ [ VORSPANN_TEXT ] ]

- Krematoriumprojekt

- Ausbildung Steinmetz

Ihre Fotoserien heißen Krematorien, Orte ohne Wiederkehr, Niemandsland und kreisen um Themen wie Vergänglichkeit, Tod, Zerstörung, Leere – zumindest assoziiert man dies mit den Titeln. Was ist das besondere Interesse Ihrer Fotografien?

Seit Jahren interessieren mich Orte, die, aus verschiedenen Gründen, von ihren Bewohnern verlassen wurden. Mich interessieren die Spuren, die Menschen dabei zurücklassen und ich mag die Magie, die Räume dieser Art entfalten können. Mir gefällt diese nutzlose, verbrauchte Architektur, die, auf sich selbst zurückgeworfen, ein Eigenleben entwickelt.

Im Fall des Krematorium-Projekts fand ich es sehr spannend, einen Blick in Räume zu werfen, die normalerweise nicht ohne Weiteres zugänglich sind. Da musste ich auch viel Überzeugungsarbeit leisten, um zu meinen Bildern zu kommen und war am Ende sprachlos über die Beschaffenheit der Räume, die ich zu Gesicht bekommen hatte.

Diese Spuren zeigen sich in Ihren Fotografien vor allem auch als Spuren von architektonischen Elementen. Woher kommt dieser Fokus auf die Architektur?

Ich denke, dass da der Grundstein in meiner Steinmetz-Ausbildung liegt, denn damit stehe ich ja sozusagen in der Tradition der Baumeister aus dem Mittelalter. Leider sind die Steinmetzen in der heutigen Baukultur höchstens noch damit befasst, Platten vor eine Betonfassade zu hängen, wenn wir den Bereich Restaurierung mal ausnehmen. Als Fotograf interessieren mich eher Gebäude und Bauwerke, an denen der Zahn der Zeit nicht spurlos vorübergegangen ist. In der Regel auch eine Architektur, die auf Zweckmäßigkeit ausgelegt ist. Deshalb bin ich auch gerne am Rand von großen oder kleinen Städten unterwegs, im urbanen Niemandsland, da gibt es immer etwas zu entdecken. Ich mag die Bruchstellen, die man hier finden kann.

Wo und wie finden Sie Ihre Motive?

Ich bewege mich mit meinen fotografischen Arbeiten in der Dokumentarfotografie, aber ich hoffe doch, das meine Arbeiten über das rein Dokumentarische hinausgehen. Das große Thema, das sich seit Jahren durch meine Fotoarbeiten zieht, ist das unaufhaltsame Fließen der Zeit und das war schon in meinen allerersten Fotografien so. Das hat sich natürlich im Lauf der Jahre um andere Aspekte erweitert, aber die fundamentale Eigenschaft der Fotografie, das Anhalten der Zeit, hat für mich nichts von ihrer Faszination verloren.

Als ich vor Jahren mit dem Thema Krematorien in Deutschland begonnen habe, hat mich die Banalität und Zweckmäßigkeit dieser Räume angeregt, mich näher damit zu befassen, aber eigentlich bin ich in das erste Krematorium gefahren, um für meine Examensarbeit, eine Urne aus Stein, zu recherchieren, und daraus hat sich dann das Fotoprojekt entwickelt. Das Orte ohne Wiederkehr-Thema liegt fast vor meiner Haustür im Rheinland, auch deshalb konnte ich über einen Zeitraum von sieben Jahren immer wieder dort arbeiten.

Zur Zeit recherchiere ich für ein neues Projekt in Italien, darauf bin ich durch einen Beitrag im Radio aufmerksam geworden. So wie es aussieht, werde ich dieses Projekt mit einer selbstgebauten Camera obscura fotografieren, darauf freue ich mich besonders – back to the roots, sozusagen. Aber es gibt immer auch noch Tage, da nehme ich mir eine Kamera und flaniere ziellos durch eine Stadt oder einen Ort, an dem ich zufällig gerade bin, und lasse mich treiben, und wenn ich viel Glück habe, dann finden mich auch meine Motive, ohne dass ich nach ihnen suchen muss.

Vielleicht wollen Sie die ein oder andere Arbeit näher vorstellen?

Da würde ich sehr gerne zwei Foto-Projekte vorstellen:

Zum einen meine aktuelle Orte ohne Wiederkehr-Serie, an der ich von 2002 bis 2009 gearbeitet habe und die gerade im Museum für Sepulkralkultur in Kassel gezeigt wird (LINK IM VORSPANNTEXT). Ich habe zum ersten Mal über einen so langen Zeitraum an einer Sache gearbeitet, aber die ganze Dimension dieser Abriss- und Umsiedlungsaktion im Braunkohletagebau Garzweiler ist ja auch immens: Ende der 1980er Jahre wurde damit begonnen und in ca. 15 Jahren werden 13 Ortschaften in einer dann über 120 Quadratkilometer großen Braunkohlegrube für immer verschwunden sein. Fast 8.000 Bewohner verlieren Haus und Hof und werden „umgesiedelt“, was ein sehr harmloses Wort für den totalen Verlust ihrer Heimat ist. Ich habe mich irgendwann auf eine absurde Art „zu Hause“ gefühlt in dieser Geisterlandschaft aus verlassenen Häusern und verwaisten Straßen und habe mich regelrecht an den Themen, die mich ja seit Jahren fotografisch interessieren, abgearbeitet. Das hat aber auch dazu geführt, das ich nach der Beendigung dieses Projektes das Gefühl hatte, mit dieser Art der Fotografie erst mal an einem Endpunkt angekommen zu sein. Das haben mir jetzt auch die Vorbereitungen zu der Ausstellung bestätigt. Allerdings fühle ich mich in dem Museum für Sepulkralkultur in Kassel sehr gut aufgehoben mit meiner Arbeit. Neben den Fotografien zeige ich auch eine Steinarbeit, die parallel zu den Fotos entstanden ist. Ein Museum, in dem alles zum Thema Tod und Sterben gesammelt wird ist ja kein schlechter Platz für eine Fotoausstellung über eine verschwindende Landschaft, oder ?

Dann würde ich gerne noch ein paar Worte zu meinem New York City-Serie sagen, die ist zwar schon vor 10 Jahren entstanden und war meine letzte Arbeit in s/w. Ich glaube, es gibt kaum eine Stadt, die so „durchfotografiert“ ist wie New York. Als ich 1999 für drei Wochen dort war, habe ich natürlich auch all die Bilder von den Hochhausschluchten und dem hektischen Gewimmel der Menschen in meinem Kopf gehabt. Da ich keine Lust hatte, solche Bilder zu machen, bin ich fast nur in den Nebenstraßen und Hinterhöfen der touristisch eher nicht so besuchten Stadteile Queens, Brooklyn und Coney Island unterwegs gewesen. Meine einzige Kamera war eine auf einem Flohmarkt für 40$ gekaufte Kleinbildsucherkamera aus den 70er Jahren. Ich bin morgens aufgestanden und habe mich getreu dem Motto „Be open to what the streets may deliver“ treiben lassen und ein New York entdeckt, in dem es kaum ein Hochhaus und fast keine Menschen gibt. Das Zitat stammt übrigens aus dem wundervollen Bildband „End Time City“ von Michael Ackerman, das ich damals in NY gekauft habe.

Sie haben es schon ein paar Mal angesprochen: Sie sind von Haus aus Steinmetz, arbeiten aber auch als Fotograf. Das ist eine eher unübliche Verbindung. Wie kommt es dazu? Warum die Entscheidung für die Kunst?

[[hier wird ein Teil in die Einleitung miteinfließen und daher an dieser Stelle wegfallen]]

Ich habe Mitte der 80er Jahre eine Ausbildung zum Steinmetz absolviert und danach einige Jahre als Steinmetz gearbeitet. Obwohl meine Lehrzeit nicht so besonders war, gab es doch auch Momente, in denen ich gespürt habe: Das ist es! Dabei hat mich schon damals das Thema Grabmal besonders interessiert, aber vor allem deshalb, weil mir die absolute Einfallslosigkeit und Öde auf den meisten Friedhöfen, die ich zu Gesicht bekommen habe, doch sehr verwundert hat. Wohin man auch schaute, gab es nur die immer gleichen inhaltslosen und sinnlosen Formen, zu einem großen Teil aus industrieller Fertigung, da hat der Steinmetz dann noch den Namen graviert und, wenn´s hoch kam, vielleicht noch ein Ornament. Dabei bietet ein Grabmal, wenn man es richtig zu Ende denkt, die Chance, etwas über die Person auszusagen, für die es gemacht worden ist. Dass sich dafür allerdings die wenigsten Steinmetzen interessiert haben, hat mich damals wie heute verwundert.

Ich habe dann durch Zufall von der Akademie für gestaltende Handwerke in Aachen erfahren und dort von 1994 bis 1997 ein Studium absolviert. Dabei war es nicht primär mein Ziel, die Steinmetzarbeit hinter mir zu lassen, um mich der Bildhauerei zuzuwenden, sondern ich wollte vor allem das Thema Grabmal in all seinen Möglichkeiten ausloten. Denn meine Vorstellung war, dass ich nach dem Studium eine kleine Werkstatt gründen wollte, die sich auf ganz besondere Grabzeichen spezialisiert. Nach einigen Umwegen ist das mittlerweile auch der Fall und seit 4 Jahren unterrichte ich als Dozent an dieser Akademie das Fach Plastisches Gestalten und seit diesem Jahr auch noch Fotografie. Ich bin 2 Tage in der Akademie beschäftigt und der Rest der Zeit verteilt sich auf meine Fotoprojekte und die Arbeit in meiner Werkstatt.

Wie unterscheidet sich die Steinmetzarbeit von der Bildhauerkunst?

In der Regel stellt sich mir die Frage nach Steinmetzarbeit oder Bildhauerkunst überhaupt nicht, da ich immer auf einen konkreten Anlass hin tätig werde – und das ist in den meisten Fällen der Entwurf und die anschließende Anfertigung für ein Grabzeichen, das sich jemand für einen Verstorbenen wünscht. Es kommt natürlich vor, dass Menschen diese Arbeiten dann als Kunst bezeichnen, weil eben manchmal auch Dinge mitschwingen, die weit über das hinausgehen, was man üblicherweise mit einem Grabmal verbindet.

Beeinflussen sich die beiden Arbeitsweisen, Steinmetzarbeit und Fotografie, gegenseitig oder sind es zwei ganz unterschiedliche Bereiche?

Es gibt schon wechselseitige Einflüsse. Ich arbeite zum Beispiel gerade an einem Ornament für eine Stele, für die die Pflanzenfotografien von Karl Blossfeldt die Initialzündung waren. Vor einigen Jahren habe ich ein Fotoprojekt über diese kleinen Porträts von Verstorbenen gemacht, die besonders im Süden oder in Frankreich und Belgien auf Grabmälern zu finden sind. In der Regel sind das bedruckte Porzellantafeln, und wenn die einige Jahrzehnte der Witterung ausgesetzt waren, werden sie selber zum Memento Mori. Im vergangenen Winter habe ich in den Gärten von Schloss Versailles fotografiert. Ich hatte erfahren, das dort alle Marmorskulpturen der Witterung wegen von Planen verhüllt werden und das fand ich sehr reizvoll.

Vor zwei Jahren habe ich Fotografien über die Lehmhochhäuser im Jemen gesehen und die haben dann anschließend zu einer Umsetzung in Stein geführt.

Wer oder was beeinflusst Ihre Arbeit? Gibt es Vorbilder?

Es gab und gibt natürlich Künstler, die meine Arbeit auf die ein oder andere Art beeinflusst haben. Aber es kann auch ein Buch, ein Film oder Musik sein. Wenn ich Namen nennen müsste, dann sicher zuerst Walker Evans, Stephen Shore, Lewis Baltz und Robert Adams, deren Arbeiten faszinieren mich seit Jahren. Aber vor rund 25 Jahren war es Robert Franks Buch „Die Amerikaner“ das mich dazu brachte, mich näher mit der Fotografie zu befassen. Vor einiger Zeit habe ich Joachim Brohm für mich entdeckt, seine Fotografien finde ich sehr spannend.

In der Bildhauerei schätze ich die Arbeiten von Karl Prantl und Ulrich Rückriem.

Was ist Ihrer Meinung nach charakteristisch für Ihre Arbeiten?

Für meine Steinarbeiten ganz sicher die reduzierte und klare Formensprache, ich übe mich seit Jahren in der Kunst des Weglassens. In meiner Fotografie ist es die fast immer zurückgenommene Farbigkeit in Verbindung mit einem präzisen und durchdachten Bildaufbau Teil meines Bildprogramms.




Sites of no return and at night: Photos by Johannes Twielemeier and Juliane Eirich

20 05 2010

“Orte ohne Wiederkehr”: Großangelegte Umsiedlungsaktionen assoziiert man mit China oder auch Afrika (Ägypten), nicht mit dem Ruhrgebiet. Johannes Twielemeier fotografierte von 2002 bis 2009 vom Abriss bedrohte Orte, die für die Erweiterung des Braunkohletagebaus Garzweiler weichen sollen.
Verlassen, leer, unbewohnt – so scheinen zunächst auch die ungewöhnlichen Arbeiten der jungen Fotografien Juliane Eirich (*1979), die Orte nachts fotografiert und dabei deren spezielle Aura einfängt. In der Münchner Galerie f5,6 ist eine Auswahl von Nachtaufnahmen aus den Serien Nightwatch (Hawai 2004), Hale Kula (Hawai 2005) und Korea Diary (Südkorea 2007/08) zu sehen.


“Sites of no return”: Compelled resettlements you’d expect in China or maybe Africa, not in Germany, Ruhr. Johannes Twielemeier photographed villages and locations endangered with demolition in order to make room for a surface mining site.
Empty, abandoned, deserted – that’s how young photographer Juliane Eirich’s (*1979) work might appear at the first glance. Eirich photographs locations at night, thus capturing their particular aura. Munich based gallery f5, 6 presents a selection of night photos from Nightwatch (Hawai 2004), Hale Kula (Hawai 2005) und Korea Diary (Südkorea 2007/08).

Johannes Twielemeier, Haus / Pier, Juli 2oo9

Johannes Twielemeier, Haus / Pier, Juli 2oo9

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Johannes Twielemeier – Orte ohne Wiederkehr

Museum für Sepulkralkultur, Kassel

13. Mai – 5. September 2010

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PR-Text: Im Jahr 1984 begann der Energiekonzern Rheinbraun mit den Planungen für Garzweiler2, der Erweiterung des bestehenden Braunkohletagebaus Garzweiler zwischen Aachen und Düsseldorf. Bis zum Jahr 2o4o entsteht hier auf einer Gesamtfläche von ca. 12o Quadratkilometern eines der grössten Braunkohletagebaugebiete Europas. Über 75oo Menschen in 13 Ortschaften werden dem Umbau weichen muessen und obwohl seinerzeit energiepolitisch heftig umstritten, hat die Umsiedlung der betroffenen Orte in den 9oer Jahren begonnen und eine ganze Region in eine Geisterlandschaft aus leerstehenden Häusern und verwaisten Straßen verwandelt. Etwa 7o % der betroffenen Bewohner haben das Angebot von Rheinbraun angenommen und versuchen mit den erhaltenen finanziellen Entschädigungen in den umgesiedelten Ortschaften eine neue Existenz aufzubauen. “Meine Bilder zeigen, was man für Geld nicht kaufen kann”, sagt der Fotograf Johannes Twielemeier, der von 2oo2 bis 2oo9 in den vom Abriss bedrohten Orten fotografierte.

Info + illus. courtesy Museum für Sepulkralkultur, Johannes Twielemeier


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Juliane Eirich, Supermarket, Korea Diary, 2007/08

Juliane Eirich, Supermarket, Korea Diary, 2007/08

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Juliane Eirich

21. Mai – 4. September 2010

Galerie f5,6 , München

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Aus dem PR-Text: Juliane Eirich (geb. 1979) fotografiert Orte, die ihre spezielle Aura erst nachts entfalten. Damit bearbeitet die Künstlerin einem Themenkomplex, dem bisher weder in der Malerei noch in der Fotografie ausreichend Augenmerk geschenkt worden ist. Dabei fordert doch gerade die nächtliche Atmosphäre diese beiden Genre, deren ureigene Domäne die Gestaltung von Farbe und Licht ist. Doch Eirich geht es nicht um die Effekte des nächtlichen Hell-Dunkel-Spiels barocker Darstellungen bei Kerzenlicht, sondern vielmehr um die unverfälschte, klare Perspektive des außenstehenden Beobachters. Ihre Arbeiten erinnern daher eher an den distanzierten Blick eines Edward Hopper oder an die Nachtaufnahmen eines Edward Munch, wobei die Einsamkeit und Ruhe der Nacht bei diesen eher negativ konnotiert sind. Juliane Eirich hingegen bietet mit ihren nächtlichen meist menschenleeren Aufnahmen dem Betrachter die Möglichkeit dem lauten und immer hektischer werdenden Alltag zu entfliehen.

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Juliane Eirich, Ship, Korea Diary, 2007/08

Juliane Eirich, Ship, Korea Diary, 2007/08

Dabei ist nicht nur das Motiv entscheidend, sondern auch der richtige Betrachterwinkel, sowie nicht zuletzt der Prozess der Belichtung an sich. Nimmt die Verschlusszeit bei Tagesaufnahmen in der Regel nur Sekundenbruchteile in Anspruch, so zieht sich diese in der Nacht oft bis zu 15 Minuten hin. Es handelt sich also um einen konzentrierten und präzisen Prozess, der es Juliane Eirich ermöglicht, sich voll und ganz auf das Motiv einzulassen. Die Ruhe der Nacht ist hierfür ideal. Weder Menschengewimmel noch Lärm lenken ab, so dass die Künstlerin während dem Prozess der Aufnahme eins wird mit dem dokumentierten Ort. “Diese Orte scheinen mir wie ein Schauspiel, dass keine Zuschauer sucht. …mir gefällt, dass sie normalerweise nicht viel Aufmerksamkeit bekommen, vor allem nicht nachts.” Außerdem liegt Eirich die Tatsache, dass Orte und Gebäude nicht posieren können. Sie sind offen für die subjektiven Empfindungen des Betrachters; sie können nicht manipulieren, wie Menschen, die sich gerne in Szene setzen. Die Untersuchung der Wechselbeziehungen zwischen von Menschen kreierten Orten und deren Umwelt ist dabei ein wichtiger Aspekt von Eirichs Arbeiten, der sich durch alle ihre Serien zieht. Dabei kann die vom Menschen beeinflusste Umwelt mit der Natur eine Einheit bilden oder auch in Disharmonie enden, die als lustig, störend oder auch einfach nur überraschend empfunden werden kann. Das vom Menschen gebildete zeigt damit seine Fähigkeit, auf die Natur einzugehen.

Info + illus. courtesy f5, 6 , Juliane Eirich