Interview: This world is not my home (Ausstellungsprojekt in Berlin von Bonaventure S. B. Ndikung)

28 04 2008

Ein interessantes Ausstellungsprojekt, das im September/Oktober ( 01.09.-07.10.08 ) im Kunsthaus Tacheles in Berlin stattfinden wird, befasst sich mit dem Thema „This world is not my home“ – diese Welt ist nicht mein zu Hause, meine Heimat.


Was ist Heimat?

Der Geburtsort oder der Ort, an dem man die meiste Zeit seines Lebens verbracht hat? Die eigenen vier Wände?

Ist Heimat an Räumlichkeiten gebunden?

Kann ich mehrere Heimaten haben oder meine Heimat aus mehreren „Orten“ bestehen?

Und was ist, wenn ich mich nirgendwo heimisch fühle – heimisch fühlen darf? Was muss gegeben sein, damit ich mich heimisch fühlen kann, damit diese Welt doch meine Heimat ist?

Die Problematik um den Begriff „Heimat“ ist nicht einfach. Schon bei den Romantikern war die Suche nach der Heimat eines der zentralen Themen. Ernst Bloch hat im „Prinzip Hoffnung“ ein utopisches Verständnis von der Heimat als „Noch-Nicht“ entworfen, Martin Heidegger kann gar als „Heimatphilosoph“ bezeichnet werden (– was auch immer letztlich damit ausgedrückt werden soll, zumindest spielen Begriff wie „Heimat“ und „Heimkehr“ in Heideggers Gedankengebäude eine bedeutende Rolle).

Heimat als Beziehung zwischen Mensch und „Umraum“ – Umwelt, Umgebung, Umfeld?

.

Ich freue mich sehr, dass ich mit dem Kurator der Ausstellung „This world is not my home“, Dr.-Ing. Bonaventure S. B. Ndikung, ein „Chatgespräch“ über sein ambitioniertes Ausstellungsprojekt führen konnte:

.

„This world is not my home“ – das Thema ist nicht einfach und auch ein wenig provokant. Wie kam es zu dieser Fragestellung?

Ich werde täglich mit Heimatgeschichten konfrontiert. Ich lebe in Berlin – eine Multikulti-Stadt, aber auch eine Stadt, in der man täglich Geschichten über rechtsextremistische Übergriffe hört. Da stellt man sich oft die Fragen: Ist das hier meine Heimat? Wo ist meine Heimat? Reicht diese Welt überhaupt als Heimat? Und wenn ja – was machen wir daraus?

Ich glaube, das ist auch der Fall bei den Künstler, die an der Ausstellung teilnehmen werden.

Das waren meine Fragestellungen, aus denen ich das Ausstellungskonzept entwickelt habe – ohne pädagogischen Hintergrund und ohne erhobenen Zeigefinger.

Was verstehst du unter Heimat?

Die Frage ist zu klassisch… Es spielt eigentlich keine Rolle, was ich unter Heimat verstehe, sondern was die Leute in meiner Umgebung darunter verstehen, also die Resonanz meiner „Heimat“ auf mich.

Heimat ist sehr viel mehr, als nur die sprichwörtlichen eigenen vier Wände. Was sie ist, lässt sich aber nicht einfach fassen. Ein Definitionsversuch wäre: Heimat ist die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt/Umgebung/Umfeld.

Ist eine Annäherung an den Begriff „Heimat“ Ziel der Ausstellung?

Die Auseinandersetzung mit dem Begriff „Heimat“ ist eines der Ziele dieser Ausstellung. Je bewusster man sich mit diesem Thema auseinandersetzt, desto näher kommt man dem Kern der Frage „Was ist (meine) Heimat?“.

Erst dann kann man sich und die Resonanz seiner Umgebung verstehen.

Die Resonanz seiner Umgebung?

Wir leben in konstanter Kommunikation mit unserer Umgebung! Wenn „Heimat“ die Beziehung ovn mir zu meinem Umfeld ist, dann gilt das ebenso in der umgekehrten Richtung. Wie heißt es so schön: „Wie man in den Wald hinein schreit, so hallt es heraus.” Das ist die Resonanz!

Es ist aber leider auch so, dass manchmal der Wald hallt, ohne dass man hinein geschrieen hat! ;-)

Mit diesem Diskurs, dieser Reflektion und diesen Widersprüche möchten wir uns in dieser Ausstellung befassen. Wir möchten uns und die Besucher der Ausstellung dazu anregen, ein wenig über den Tellerrand hinauszuschauen… sprich: global zu denken (aber ohne denen Nachbarn Schaden zuzufügen).

Man kann natürlich immer jammern, dass man sich irgendwo nicht heimisch fühlt… aber was heißt das in einem globalen Kontext?

Man ist daher gezwungen, sich zu fragen, ob diese Welt unsere Heimat ist…

Es ist auch eine Frage nach unserer Beziehung zur Welt… Wie gehen wir mit unserer Heimat um? Wie gehen wir mit Menschen, Tiere, unsere Umwelt um? Auch dies im globalen Sinne gedacht.

Ist das nicht eigentlich ein Widerspruch – „Heimat“ und „global”? Man verbindet Heimat meist mit einem bestimmten Punkt, einem bestimmten Umfeld. Ich kann mich nur dann in der „Welt“ wohlfühlen, wenn ich diesen „Rückzugsort“ habe?

Es ist gleichzeitig ein Widerspruch und auch nicht… Heimat ist wahrscheinlich immer ein Bezugspunkt – aber es kommt auf die Definition dieses Bezugspunkt an, ist sie nur geografisch gefasst oder umfassender?

Für die Leute, die nicht über den Tellerrand hinausschauen wollen, ist Heimat tatsächlich nur ihre eigenen vier Wänden und der Stadt, in der sie leben, demzufolge ein Widerspruch zu „global“.

Das Verständnis von „Heimat“ sollte aber viel größer sein!

Von einen subjektiven Standpunkt gesehen ist mein Bezugspunkt die Welt! Das heißt, ich will das Recht haben mich grenzenlos zu bewegen und mich irgendwo zuhause zu fühlen… wenn die “Einheimischen” das zulassen. Die Welt ist mein Rückzugsort und wenn das nicht der Fall ist, dann gilt „This world is not my home“.

Das ist das Thema der Ausstellung. Was kann und soll Kunst zu dieser Problematik beitragen?

Kunst kann Brücken schlagen…. sie kann Mauern einreißen… oder einfacher, Kunst kann kommunizieren.

Zum Beispiel die europäische Moderne: Der Einfluss der afrikanischen Kunst auf der europäische Moderne hat - für die, die es verstehen wollten – zu einer großen Verständigung zwischen den Kulturen geführt. Man hat versucht, die Symbolik des anderen zu verstehen. Und so kommt man den anderen näher.

Oder aktueller: Ai Wei Wei, der als Beitrag zur Dokumenta 1001 Chinesen nach Deutschland gebracht hat und zum Austausch zwischen den Kulturen beigetragen. Kann man dem noch viel mehr hinzufügen?

Oder Hans-Ulrich Obrist, der als Wanderkurator durch die Welt geht.

Oder Simon Njami, der mit der „Afrika Remix“-Ausstellung von zeitgenössischer afrikanischen Kunst, praktisch eine Welttournee macht mit Stationen in Düsseldorf, London, Paris, Tokio und Johannesburg.

Das alles kann die Kunst, wenn sie nicht missbraucht wird. Sie kann zu einer besseren Verständigung führen.

Die Zeitgenössische afrikanische Kunst ist ein Thema, auf das ich gerne zurückkommen möchte. Aber zunächst möchte ich ein paar konkretere Fragen zu deinem Ausstellungsprojekt stellen. Was wird in der Ausstellung zu sehen sein?

Wir versuchen, so viele verschiedene Medien der Kunst zu präsentieren wie möglich. Wir wollen weg von der Vorstellung einer reinen „Foto-“ oder „Malerei-Ausstellung“. Auf einer Flächen von 400m2 werden Videos, Installationen, Malerei, Fotografie, Performance… zu sehen sein.

Die meisten Künstler machen neue Arbeiten zu dem Thema, extra für die Ausstellung.

Welche Künstler werden gezeigt?

Die beteiligten Künstler kommen aus verschiedenen Ecken der Welt. Manche leben in Berlin, andere in London, Heidelberg, Barcelona, Prag…

Es gibt Künstler, die in ihren 20ern sind, andere sind in ihren 40ern. Es gibt Autodidakten, es gibt einen Kunstprofessor. Es gibt Frauen und Männer. Manche haben nur in Berlin ausgestellt, andere in New York oder Peking.

Es ist eine breite Palette.

Ziel ist es, 12-15 verschiedene Künstler zu zeigen. Die endgültige Auswahl wird Ende Mai getroffen.

Nach welchen Kriterien wird diese Auswahl getroffen?

Die aussagekräftigsten Arbeiten werden ausgewählt. Es geht dabei nicht um den Künstler, sondern um die Arbeit, um die Kunst.

Einige der Künstler haben schon sehr gute Arbeiten zu dem Thema gemacht. Vielleicht, weil die meisten in einem fremden Land leben, werden sie täglich mit dem Thema „Heimat“ konfrontiert.

Joris Vanpoucke etwa ist Belgier und hat in Südafrika gewohnt. In dieser Zeit hat er viele Arbeiten zum Thema „HOME“ gemacht.

Joris Vanpoucke ……….. Alexander Steffens….Bonaventure S.B.Ndikung

Die Ausstellung wird im bekannten Berliner Kunsthaus Tacheless zu sehen sein. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Tacheles?

Weil es zum Thema passt! TACHELES heißt auf Jiddisch „Klartext reden, jemandem seine Meinung sagen“ und auf Hebräisch „ein Ziel verfolgen“ oder „etwas auf den Punkt bringen“.

Das Tacheles mit seiner wechselhaften Geschichte ist ein Inbegriff des Wandels Berlins, aber gleichzeitig auch der Stagnation der Stadt!

Das Tacheles ist ein Ort, wo Künstler leben und Ausstellungen organisieren, aber auch ein Ort, wo „Heimatlose”, Obdachlose manchmal ein wenig Ruhe finden können, ein Ort, der, obwohl dort so viel gemacht wird, keine Unterstützung von der Stadt mehr bekommt… Es ist wie ein Flüchtling in seinem eigenen Land…

Eine Ausstellung über Heimat, Sich-heimisch-fühlen und all den Schwierigkeiten, die damit verbunden sein können, über die wir geredet haben, ist in einer solchen Umgebung besonders spannend/gewinnt in einer solchen Umgebung an Ausdruckskraft….

…to be continued…

Weitere Informationen: www.artou.de und www.soh-bonny.com




Das Felix-Nussbaum-Haus von Daniel Libeskind

23 04 2008

Ein kleiner Hinweis in eigener Sache:

nach einigem verlegerischen Hin- und Her ist es jetzt erhältlich:

Das Felix-Nussbaum-Haus von Daniel Libeskind

Entstanden ist die Schrift als “sehr gute” Magisterarbeit an der Universität Heidelberg, vorgelegt 2006. Es ist die erste wissenschaftliche Aufarbeitung des Felix-Nussbaum-Hauses, des ersten fertiggestellten Gebäudes von Daniel Libeskind (1998). Da im Jahr darauf jedoch das Berliner Jüdische Museum eröffnet wird (noch ohne Ausstellung), steht der Osnabrücker Bau im Schatten des größeren Museums – eine Tatsache, die dem Felix-Nussbaum-Haus nicht gerecht wird, denn Libeskinds komplexes Architekturverständnis wird kommt hier fast noch deutlicher und komprimierter zum Ausdruck, als im bedeutend größeren Berliner Gebäude.

Das Osnabrücker “Museum ohne Ausgang”, so Libeskinds Titel für das Projekt, beherbergt eine einzigartige Sammlung von Werken Felix Nussbaums, dessen Leben das Gebäude ,,räumlich porträtiert”. Architektur und Gemälde werden zum Gesamtkunstwerk.

Im Buch habe ich in drei thematischen Blöcken zuerst einen Überblick über die Entstehungsgeschichte des Museums erarbeitet. Daran schließt sich eine ausführliche Analyse des Gebäudes selbst an umd schließlich das Felix-Nussbaum-Haus in das Werk Libeskinds einzuordnen.

Ein Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis:

1) Einleitung

2) Entstehungsgeschichte des Felix-Nussbaum-Hauses

2.1) Das Kulturhistorische Museum Osnabrück

2.2) Die Entstehung der Felix-Nussbaum-Sammlung

2.3) Die Vorbereitung für einen Museumserweiteurngsbau

2.3.1) Auf dem Weg zu einem Museumserweiterungsbau

2.3.2) Der Realisierungswettbewerb

2.4) Die Realisierung des Felix-Nussbaum-Hauses

….

2.3.2) Libeskinds Entwurf und seine Modifikationen

3) Das Leben Felix Nussbaums in der Dreigliederung Libeskinds

4) Das Felix-Nussbaum-Haus – Entwürfe, Bauidee und realisiertes Gebäude

….

4.2) Libeskinds Wettbewerbsentwurf

4.2.1) Die Bestandteile des Wettbewerbsentwurfs…

4.2.2) Analyse und Interpretation der Entwurfspläne

4.3) Libeskinds Bauidee(n) für das Felix-Nussbaum-Haus

4.4) Ein Rundgang durch das Felix-Nussbaum-Haus

…..

5) Daniel Libeskind – Eine Biografie ((ist in dieser ausführlichen Form auf dem dt. Markt bisher nicht erhältlich))

6) Libeskinds Architektur-Theorie

6.3) Die Architektur-Zeichnung: De-Kon-Struktion der Grundlagen der Architektur

6.4) Libeskinds Lösungsansatz: Das “Andere” in der Architektur

6.5) Die Planung eines Gebäudes: “Ort”, Geschichte, Erinnerung – Die Präsenz der Leere

6.6) Daniel Libeskind als Dekonstruktivist?




Oligarchitecture (Times online)

22 04 2008

A friend adverted me the following TIMES article (grazie mille a Vicenza! :-)):

Build me a pyramid: Daniel Libeskind and the oligarchitects

Western architects make a killing building monuments for regimes that you wouldn’t want to bring home to meet the folks (February 27, 2008)

It’s an ironic, but still precise statement about what the author calls oligarchitecture – the (not so innocent) relationship between Western architects and one-party systems.

Only Libeskind made “a Spielberg” and protested against buidling in totalitarian countries – but read on yourselves!




Aedes Architekturforum Berlin

17 04 2008

Das Architekturforum Aedes in Berlin ist eine der wichtigsten Institutionen, die sich „der Kommunikation von Architekturkultur, Stadtgestalt und themenverwandten Inhalten“, so die Selbstbeschreibung, widmen. Ihr Ziel ist es, „Baukultur und Architektur in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses zu rücken sowie architektonische Visionen, nachhaltige urbane Konzepte, Stadtplanung und Landschaftsarchitektur darzustellen und zu vermitteln.“

Gegründet wurde die Aedes Galerie 1980 von Kristin Feireiss als erste private Architekturgalerie in Europa.

Schon früh hat die Galerie Gespür für innovative Strömungen in der Architektur bewiesen und auch und gerade umstrittene Arbeiten gezeigt:

Zaha Hadids Hongkong Peak wird 1984 gezeigt (Hadid hat den entsprechenden Wettbewerb 1983 gewonnen) oder Rem Koolhaas/OMAs Boompjes-Projekt in Rotterdam, das schon 1981 gezeigt wird – obwohl es nie realisiert wird und nicht zu den meist publizierten Projekten OMAs gehört, ist es doch dieser Entwurf, der 1988 in der Decon-Show des MoMAs gezeigt wird (abb. OMA Website).

Mittlerweile, so die Aedes-Website, wird die Galerie „weltweit verbunden mit den großen Namen der Avantgarde und bietet eine hervorragende Plattform für aufstrebende Architektengenerationen im globalen Kontext. Die kontinuierliche Arbeit hat Aedes zu einer Kulturmarke werden lassen, die hohes Ansehen genießt und in seiner Art einzigartig ist.“

Dass die Aedes Galerie immer noch Gespür für den Puls der Zeit hat, hat sie 2007 bewiesen: In diesem Jahr wurde Aedes Land eröffnet, die erste Galerie für Landschaftsarchitektur und Urbanen Raum – weltweit die erste Plattform, die diesem Thema eigenständig präsentiert.




Stadtarchitektur. Fallbeispiele von der Antike bis zur Gegenwart

15 04 2008


Eine Einführung in die Stadtarchitektur bietet das gleichnamige Buch von Michael Hesse.

In Fallbeispielen von der Antike bis zur Gegenwart werden die wichtigsten Phänomene urbaner Entwicklungen in knappen Kapiteln vorgestellt.

Inhaltsverzeichnis

Das Buch ist ein schmaler Band und soll es auch sein, da der herausgebende Verlag den „eklatanten Mangel an systematischer Ausbildungsliteratur im Fach Kunstgeschichte beseitigen“ will – die Einführung bietet einen (stellenweise sehr) konzentrierten Überblick über die wichtigsten Punkte.

Mehr zum Inhalt in dieser Rezension, aus der auch das Zitat stammt.

Nach einem kurzen Vorspann werden die konkreten Fallbeispiele abgehandelt. Dabei entsteht ein beeindruckender Querschnitt durch die Geschichte der Stadtarchitektur, die stellenweise aber sehr deskriptiv und sprachlich etwas knapp und abgehackt bleibt.

Besonders informativ wird der Band immer dort, wo über die Beschreibung bestimmter urbaner Phänomene hinaus auch in den Gesamtkontext einordnet wird, z.B. das Prinzip der Blockbebauung mit mehrstöckigen Häusern, die im Erdgeschoss eine Ladenzeile und Eingänge haben und darüber mehrer Büro- und Wohngeschosse. Dieser Gebäudetyp hat sich als idealer Großstadtbautpyus erwiesen, wie z.B. in Berlin-Mitte zu finden ist, schreibt Hesse. Seine Ursprünge liegen in den Mietshäusern der römischen Kaiserzeit, die in der Renaissance zur Grundlage des neuzeitlichen Stadtpalastes geworden sind.

Schwerpunkte liegen auf der europäischen Stadtgeschichte, bzw. auf dem europäischen Stadtmodell, das auch in die neue Welt übertragen und weiterentwickelt wird (Washington, New York).

Der Überblick endet „heute“, ist aber sehr kurz gehalten. Konzentration liegt deutlich auf den historischen Entwicklungen.

Das Buch eignet sich sowohl zum Durchlesen am Stück, als auch zum gezielten Nachschlagen. Als Einführung bleibt es dabei aber immer sehr konzentriert auf die wichtigsten Punkte. Wer einen Einblick in grundlegende urbane Entwicklungen sucht, ist hier richtig, wer genauere Informationen braucht, sollte am besten gleich zu den Literaturempfehlungen im Anhang greifen.





Jiading: Neues Stadt"viertel" in Shanghai

14 04 2008

Ein Beispiel für die vielbeschworene chinesische megalomanische „Bauwut“, die ich mittlerweile schon ein paar Mal zitiert habe, ist Jiading.

(Bild aus einem der Links, die ich unten zitiere)


Jiading liegt im Yangtse-Delta im Nordwesten von Shanghai, ist rund 463 km2 groß und von über 1 Mio. Menschen bewohnt. Es ist eine von drei neuen Städten, die in den nächsten fünf Jahren, so die Planung, in der Umgebung von Shanghai entstehen (neben Songjiang New Town und Lingang New Town von Gerkan, Marg und Partner, die “Wasserstadt”, die in Anlehnung an den Stadtgrundriss Hamburgs entwickelt wurde) und damit eigentlich kein Stadt”viertel” mehr. Sie soll zum künftigen Zentrum für Politik, Wirtschaft und Kultur in der Region werden.

Momentan gibt es um Shanghai übrigens 12 sogenannte Satellitenstädte.

Die Informationen entnehme ich großen Teils aus chinesischen Infobroschüren (Danke an meinen China-Korrespondenten in Berlin!! :-) )

Jiading wurde im 10. Jahrhundert von Kaiser Jiading in der Nan Song Dynastie gegründet. Laut der Broschüren gibt es auch ein altes Zentrum mit “numerous historic sites such as Confucius Temple, Ancient Guyi Garden, Quixia Garen etc.). Laut Wikipedia gibt es aber außer dem besagten Tempel kaum historische Sehenswürdigkeiten – da in den Infobroschüren ebenso wie auf diversen Websiten hauptsächlich betont wird, was für das neue Jiading geplant ist, scheint der Wikipedia-Eintrag recht zu haben.

Jiading New Town soll eine neue moderne Stadt werden, mit einem „distinctive character in culture, social harmony development, comprehensive strength and strong radiation”, so eine Infobroschüre über Jia Ding Investment Guidelines.

Der Jiading District ist die zentrale urbane Gegend von Shanghai, die das Zentrum Shanghais mit den neuen Städten verbinden wird.

1958 wurde Jiading von der Stadtverwaltung Shanghai zur „City of Science“ ernannt. Hier wurde das erste Auto Chinas produziert. 1995 wurde Jiading zur Autostadt Chinas erklärt. Heute hat das Volkswagenwerk China dort seinen Sitz. Außerdem befindet sich die einzige chinesische Formel 1-Rennstrecke hier.

Seit 2003 gibt es eine Entwicklungsstrategie für die vier Teile Jiadings:

Ø Im Nordteil: Industriezone und Landwirtschaft. Betont wird immerhin, dass alles „in accordance with the function of modern city and te demand of ecological environment“ ist.

Ø Im West-Teil: Car City und Anting New Town, (“German Town” von Albert Speer jr., in Verbindung mit dem Volkswagenwerk für die untere und mittlere Führungsetage errichtet mit knapp 10000-15000 Wohneinheiten, davon zur Zeit 300 bewohnt – ein sehr “ergiebiges” Thema…werde darauf zurückkommen)

Ø Im Süd-Teil : Kommerz, Wohngebiete, „high level public service center“

Ø Central Area: Jiading New Town

Ein paar Links zum Thema, die meine Google-Suche ergeben hat:

Zur Industrial Zone Jiading

Entwicklung Jiading ab 2003, special focus on transportation

Jiading – first wireless zone in China

Bildergalerie

Shanghai Daily: Artificial lake will beautify new town




Wie viel Moral braucht die Architektur?

11 04 2008

Hanno Rauterberg fragt in der Zeit „Wie viel Moral braucht die Architektur?“.

Zentrales Thema sind – wieder – China und seine Prestigeprojekte, die von internationalen Architekten errichtet werden. Gerade vor dem aktuellen Hintergrund der Tibet-Situation und dem Olympia-(Nicht)Boykott fordern, so der Artikel, immer mehr Architekten, nicht mehr für China zu arbeiten.

Andere wie Albert Speer jr. betonen dagegen, dass der Architekt ein „Dienstleister“ sei und tatsächlich:

„Nüchtern betrachtet, sind Architekten nichts anderes als Geschäftsleute. Sie verkaufen keine Waffen und keine Betäubungsmittel, sie handeln mit Entwürfen, wie andere mit Autos oder Schmuck handeln. Und von diesen Auto- oder Schmuckhändlern wird schließlich nicht erwartet, dass sie ihre Geschäfte mit China oder anderen Autokratien kritisch reflektieren. Warum also sollte man es von Architekten erwarten?“

Oder sollte man nicht eher von den Auto- und Schmuckhändlern AUCH erwarten, dass sie ihre Geschäfte wenn nicht moralisch, so doch kritisch reflektieren?

Architektur ist natürlich etwa anderes als Autos oder Schmuck, führt Rauterberg weiter aus, und hat andere Möglichkeiten und – sofern sie gelungen ist – andere Bedeutung für die Menschen. Sie kann natürlich dem Prestige dienen, sie kann aber auch (ganz allgemein gesprochen) Lebensraum gestalten (ein Beispiel dafür der Urban Think Tank, auf den ich noch einmal eingehen werde).

Interessanterweise werden die neuen Bauten von vielen Chinesen als „unchinesisch“ empfunden. Zur „ungeteilten Glorifizierung taugen sie nicht“, so Rauterberg.

Rauterberg wirft einige interessante Fragen dieser Problematik auf, die sich nicht einfach beantworten lassen:

„Wo beginnt das Unrecht? Wo genau wird der Architekt mitschuldig? Darf er im semidemokratischen Russland bauen? In den autokratischen Arabischen Emiraten? Und wie wäre es mit einem Staatsauftrag aus den USA, solange diese noch das Gefangenenlager in Guantánamo betreiben? Muss ein Architekt, polemisch gefragt, erst mit amnesty international telefonieren, bevor er sich an einem Wettbewerb im Ausland beteiligt? Es zeigt sich: Auch in der Architektur ist die Frage nach der Moral oft reichlich verzwickt.

Und noch eine Grenze lässt sich nur schwer bestimmen: Wann und wie wird der Architekt tatsächlich zum Handlanger und Verherrlicher? Muss er dem Diktator ein persönliches Denkmal setzen? Oder reicht es schon, für dessen Land eine Brücke oder eine Straße zu bauen?“

Noch eine abschließende Bemerkung:

Bauen in nicht-demokratischen Systemen – ohne gäbe es kein Versailles, kein Kolosseum, keine Pyramiden, weiß Rauterberg. Und damit hat er recht.

Zwar rechtfertigt das historische Argument nichts. Bloß weil ein Louis XIV. vor 400 Jahren die Möglichkeiten hatte, sein Traumschloss durchzusetzen, bedeutet das nicht, dass die Baumeister heute widerspruchslos in ähnlichen Großprojekten mitmachen können/dürfen/müssen.

Aber es setzt das Ganze in Relation – nur weil ein nicht-demokratischer Staat bauen lässt, sind die Resultate dadurch noch nicht „schlecht“. (Nach welchen Maßstäben freilich ein gelungener Bau zu beurteilen ist, ist eine andere Frage.)

Womit wir allerdings wieder am Anfang angelangt sind:

Moral in der Architektur – das ist keine architekotnische Frage, sondern eine – moralische, die sich nicht einfach mit “ja” oder “nein” beantworten lässt. Und die beschränkt sich nicht auf die Architektur-„Dienstleister“ allein, sondern auf alle „Dienstleister“.




Email-Interview Tobias Weber

2 04 2008

Vor kurzem habe ich die Arbeit von Tobias Weber vorgestellt und gefragt, was passiert, wenn ein studierter Architekt Kunst macht. Ich freue mich sehr, dass er sich die Zeit genommen hat, diese und ein paar weitere Fragen zu beantworten.

(For English translation, please scroll down)

weberwesttangente.jpgweberzurich2.jpgwebertiefgarage.jpg

Wie haben Sie zu Ihrer Arbeitsweise gefunden (mit „Tuben zeichnen“)?

Die „Outlines“ verfolge ich schon seit mindestens zehn Jahren.
Ursprünglich haben mich die Umfassungslinien beim Comix fasziniert, da diese den Bildern eine unglaubliche Prägnanz und Klarheit verleihen. Die Outlines verhindern zudem, dass sich verschiedenen Farbflächen an deren Grenzen vermischen, was das Sujet noch klarer zum Vorschein bringt. Nun suchte ich immer nach den perfekten Outlines und wurde schliesslich bei der fliessenden Tube fündig, mit welcher ähnlich wie ein Farbstift freie ununterbrochene Linien generiert werden können. (Und natürlich gefällt mir die unglaubliche Plastizität!)

Wieso wird ein studierter Architekt Künstler?

Weiss ich bis heute nicht! Ich glaube dennoch, dass die beiden Metiers nicht grundverschieden sind. Sowohl Architekt wie auch Künstler (Kunstmaler)
benötigen eine hohe Affinität zur Zeichnung. Die meisten Architekten und Kunstmaler finden mit Skizzen zur gesuchten Lösung.

Arbeiten Sie auch als Architekt?

Ja, ich arbeite weiterhin ca. 50 % als Architekt. Ich tue dies allerdings aus Liebe zu beiden Metiers und das eine inspiriert jeweils das andere.

Wie beeinflusst das Architekturstudium bzw. die Architektur Ihre Kunst? Bei der Arbeitsweise, bei der Themenwahl?

Ja, das Architekturstudium hinterliess tiefe Spuren. Es schärfte mein Verständnis für die gebaute Umwelt, in welcher die meisten von uns sich täglich aufhalten. Funktionalität, Abstraktion, Natürlichkeit, Rationalität oder andere Kriterien lassen Gebäude plötzlich ästhetisch oder gar schön erscheinen, sobald diese in ihrer Idee und ihrer Zeit betrachtet werden.
Alltägliche Zweckarchitektur wie beispielsweise Tiefgaragen, Autobahntunnels oder S-Bahn-Brücken empfinde ich als schön, weil sie eine logische Folge aus Bedürfnissen darstellen und sie dem Nutzen entsprechend konzipiert und gestaltet wurden.
In meinen Bildern probiere ich mittels Ausschnittwahl, Farbgebung und Abstraktion aufzuzeigen, dass solche Räume durchaus unsere Beachtung
verdienen und geschätzt werden können.
Meine Arbeitsweise ist nicht spezifisch von der Architektur beeinflusst.

http://www.tobiasweber.ch

English translation, please click…

Lesen »