ArchiSkulptur? |

 Der Turm und urbane Giganten in der Skulptur | REVIEW

ArchiSkulptur – dieser Begriff hat sich seit einigen Jahren etabliert zur Bezeichnung des Grenzbereichs zwischen Skulptur und Architektur. Wie so oft bei Wortschöpfungen, die ein neues Phänomen beobachten und greifbar zu machen versuchen, wirft auch dieser Begriff Fragen auf, wie er zu verstehen ist. Klar ist zunächst, was er nicht meint. Er meint nicht die Kunst am Bau, die meist nachträglich in ein bestehendes Bauensemble angefügt wird. Er meint aber auch nicht die klassische enge Verbindung von Skulpturen und Gebäude in der Baugeschichte – man denke etwa an antike Tempel, gotische Kirchen, aber auch an die üppig dekorierten Bauten der Neuzeit, in denen Architektur und Skulptur eine enge, auf bedeutungsgebender Ebene nicht zu trennende Einheit eingehen und damit zum Sedlmayr’schen „Konnubium“ werden, dabei jedoch immer in den Grenzen ihrer Disziplinen erkennbar bleiben. ArchiSkulptur hingegen, nimmt man den Terminus beim Wort, legt eine Verschmelzung von Skulptur und Architektur nahe.

Die Publikationen, die sich mit diesem Phänomen befassen, nähern sich ihm vorwiegend von architektonischer Seite (ein paar von ihnen werden hier genannt). Tatsächlich ist die Architektur im 20. Jahrhundert zunehmend skulptural geworden, mit dem dogmatischen „form follows function“ der Moderne und ihrer Abkehr von der Dekoration wird die gebaute Form selbst ins Blickfeld gerückt. Expressive Beispiele hierfür, die weit über die Architekturkreise hinaus ein Begriff sind, sind etwa die Bauten Frank Gehrys – die jedoch stets, trotz aller Skulpturalität der formalen Gestaltung, in erster Linie praktisch funktionierende Architektur sind.

Zugleich haben aber auch viele moderne Skulpturen architektonische Qualität entwickelt; so machen etwa viele Projekte von Anish Kapoor allein ihrer Größe wegen baupraktische Prozesse zur Umsetzung nötig. Werden diese Arbeiten dadurch zu ArchiSkulptur? Erschöpft sich ihre Bedeutung in einer expressiven formalen Gestaltung, der technische Realisierung zugrunde liegt?

Der Begriff zumindest scheint anderes nahezulegen, sprachlich liegt die Betonung auf der Skulptur, der künstlerischen Seite. Warum wählen ausgebildete Architekten und Ingenieure wie Gordon Matta-Clark, Timm Ulrichs, Stephen Craig künstlerische Mittel, um sich auszudrücken? Warum beschäftigen sich Künstler wie Anish Kapoor, Thomas Schütte, Allan Kaprow mit architektonischen Fragestellungen, mit Bau-Formen, mit urbanen Themen?

 

Dem Phänomen spürt „Macht. Wahn. Vision.“ in mehreren Textbeiträgen nach, erschienen als Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Heilbronner Museum (26.10.2013 – 23.02.2014, danach im Arp Museum Bahnhof Rolandseck, Remagen, 6. April bis 31. August 2014). Im Zentrum steht der Turm als symbol- und bedeutungsbeladenes Bauelement der, ja, Menschheitsgeschichte: „Türme verkörpern nicht nur den uralten Menschheitstraum, dem Himmel nahe zu sein, sondern auch Macht, Reichtum und technologischen Fortschritt.“ Vom Kirchturm über den Wehrturm zum Fernsehturm und letztlich zum Wolkenkratzer – oft haben Turmformen etwas Skulpturales an sich, sind sie doch durch ihre Gestalt deutlich verschieden vom Rest der sie umgebenden Gebäude oder der Landschaft.

Cover


Macht. Wahn. Vision.



Der Turm und urbane Giganten in der Skulptur

mit Textbeiträgen von Dr. Günter Baumann, Dieter Brunner, Prof. Dr. Stefanie Lieb, Jutta Mattern M.A., Dr. Birgit Möckel und Dr. Kirsten Voigt

191 Seiten, ca. 180 Abbildungen, Hardcover, Deutsch

ISBN 978-3-86678-908-1 

Kerber Verlag

 

Für die Ausstellung hat man Werke von 50 internationalen Künstlern, meist Bildhauern, versammelt, und verfolgt damit  eine bildhauerische Perspektive auf das Thema Architektur in der Kunst. Im Katalogbuch werden allerdings nicht einzelne Werke vorgestellt, sondern die wissenschaftlichen Betrachtungen in den Mittelpunkt gerückt (die Werke werden jedoch in den Texten durchaus umrissen!). Acht Beiträge spannen einen Bogen vom Motiv des Turms in der Kunst (z.B. Von Türmen und Menschen in der Kunst (Jutta Mattern)) über die „ArchiSkulptur“ (z.B. Skulptur und Architektur – eine Koinzidenz (Günter Baumann)) bis hin zur skulpturalen Architektur (z.B. Der Turm und seine Tektonik (Birgit Möckel), Inkunabeln der Weltarchitektur als Skulptur (Günter Baumann)). In ihnen wird das Thema der Architektur – im „Gewand“ des Turmbaus – in Kunst und Skulptur umfassend aufgefaltet.

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