„Offenheit und das ‚Sehen’ immer wieder neu zu erlernen, sind die eigentlichen Herausforderungen für mich.“ INTERVIEW mit Stefan Boness

Vor Kurzem haben wir „Asmara“ vorgestellt (hier) – eine Foto-Entdeckungsreise in ein Juwel der modernen Architektur. In Afrika. Bis heute ist der Einfluss der ehemaligen Kolonialmacht Italien auf die Architektur der eritreischen Hauptstadt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sichtbar, eine der größten erhaltenen Ansammlungen moderner Architektur weltweit.

Der Fotograf Stefan Boness hat Eritrea mehrfach besucht und die sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungen dokumentiert. Seine Aufnahmen des einzigartigen architektonischen Erbes wurden jetzt in einer überarbeiteten und veränderten Auflage neu herausgegeben: Asmara – Africa’s Jewel of Modernity. Begleitet von einem Essay zur Geschichte und Entwicklung der Stadt, begegnet Asmara in Boness‘ Aufnahmen als lebendiges Museum der Moderne.

deconarch.com hat bei Stefan Boness nachgefragt – wie er zur Arbeit in Eritrea gekommen ist, wie die Arbeit dort abgelaufen ist und welche Themen und Fragestellungen ihn in seinem Schaffen interessieren.

all illus. (c) Stefan Boness
www.iponphoto.com

INTERVIEW

Ausgerechnet Asmara: Wie kam es dazu, dort zu arbeiten?

Vor mehr als 20 Jahren fing ich an in Eritrea zu fotografieren. Zu dieser Zeit war Eritrea der jüngste Staat in Afrika und die große Hoffnung auf diesem Kontinent. Die Stimmung im Land war einzigartig: Es gab einen großen emotionalen Aufbruch nach dem Sieg im jahrzehntelangen Befreiungskampf gegen das große Äthiopien, der Enthusiasmus war riesig. Der eritreische Weg – „Wir bauen unser Land aus eigener Kraft auf” – wurde von vielen internationalen Beobachtern zunächst als eigenwillig belächtet, aber auch gleichzeitig als ein „Modell für Afrika” gewertet. In den westlichen Medien wurde Eritrea damals oft als die „Schweiz Afrikas” betrachtet.
Zu dieser Zeit und in den Jahren des erneuten Krieges mit Äthiopien 1998 bis 2000 arbeitete ich vorwiegend fotojournalistisch in dieser Region, für UNHCR (für die Eritreer, die nach Jahrzehnten in sudanesischen Camps wieder zurückkehrten), aber auch für andere NGOs wie die Deutsche Welthungerhilfe sowie Zeitungen (The Guardian, verschiedene deutsche Zeitungen). Es gab aber auch ein Projekt über ein Meeresforschungsprojekt am Roten Meer für das Geo Magazin etc.

In Eritrea entstanden mehrere Serien, über Menschen ebenso wie über Architektur. Für deconarch.com ist natürlich die Architektur besonders spannend …

Mit dem ersten Architekturprojekt begann ich erst 2001, in Asmara, der Hauptstadt von Eritrea. Ich saß in einem Café an der Hauptstraße von Asmara, beobachtete das Straßenleben und dachte mir: „Man müsste wirklich ein paar Bilder von dieser außergewöhnlichen Architektur hier machen!“ Und erst einmal damit angefangen, war meine Begeisterung für diese italienische Kolonialarchitektur der 1930er Jahre geweckt. Asmara ist wie ein Museum der modernen Architektur! Je mehr ich Asmara durchwanderte, mich in viele Häuser hinein begab, immer mehr entdeckte, umso spannender wurde es.

Die Situation in Asmara ist bis heute sehr ungewöhnlich …

Alles befindet sich wie in einem Status des Vakuums: 30 Jahre Bürgerkrieg haben das ganze Land immens betroffen, aber die Stadt Asmara blieb unbeschadet. Auch 25 Jahre Unabhängigkeit haben das Stadtbild kaum verändert; deswegen auch der Titel des ersten Buches The Frozen City. Das lässt sich auch – fast schon symbolisch – auf das ganze Land übertragen: Eritrea befindet sich seit Jahrzehnten wie unter einer Glaskuppel; auch gesellschaftliche Veränderungen finden quasi nicht statt. Viele Menschen, und insbesondere die jungen Eritreer, wollen natürlich ein anderes Leben. Dies ist einer der Gründe für die große Flüchtlingsbewegung aus diesem Lande.
Bis heute ist auch der Konflikt mit Äthiopien nicht geregelt, die Grenze ist immer noch stark militärisch abgeriegelt und quasi undurchlässig. Seit 2000 haben sich beide Länder grundlegend gegensätzlich entwickelt, in jeder Hinsicht. Im Gegensatz zum isolierten Eritrea wird in Äthiopien und vor allem in der Hauptstadt Addis Abeba alles umgebaut und modernisiert wird. Ich hatte im letzten Jahr die Gelegenheit beide Länder und Hauptstätte zu besuchen. Während Asmara in einem Vakuumzustand stagniert, findet in Addis ein unbeschreiblicher Bau- und Entwicklungsboom statt. Leider wird hierbei auf das kulturelle Erbe im Stadtbild keinerlei Rücksicht genommen. Selten habe ich solche immensen Gegensätze wahrgenommen. Ein pulsierende Metropole mit allen ihren negativen Entwicklungen hier, eine verschlafene, aber sehr charmante kleine Stadt dort.

Die Aufnahmen von Asmara wurden 2006 in einem Bildband veröffentlicht, der jetzt noch einmal neu überarbeitet wurde.

Mein Interesse an dieser faszinierenden Architektur hält bis heute an, die letzten Fotos entstanden erst im Juli 2016! Das war auch das Jahr in dem mein neustes Buch Asmara – Africa’s Jewel of Modernity im Jovis-Verlag erschien. Es ist ein völlig neu konzeptioniertes Buch gegenüber dem bereits 2006 veröffentlichten Buch Asmara – The Frozen City. Dies wurde damals auf Initiative von Herrn Visscher vom Jovis-Verlag angeregt. Seitdem sind mit diesem Verlag und seinem sehr engagierten Team mehrere gemeinsame Bücher realisiert worden. Zum Beispiel Tel Aviv – The White City. Neben Asmara hat wohl Tel Aviv die größte zusammenhängende Komplementarität modernistischer Architektur in der Welt. Irgendwie habe ich immer noch die Idee, diese beiden Projekte mal in einer Ausstellung zusammen zu führen…

In der Zusammenarbeit mit dem Jovis-Verlag konnten dann weitere schöne Fotografie-Bücher realisiert werden, wie zum Beispiel „Japan – Fleeting Encounters” (melancholische Straßenfotografie zur Zeit der Kirschblüte), oder Southern Street (Verfall urbaner Strukturen am Beispiel eine Straße in Manchester, England). Asmara hat so im weitetesten Sinne mein Interesse geweckt überhaupt Fotobücher herauszubringen.

Noch einmal zurück nach Asmara, wo der Einfluss Italiens nach wie vor noch zu sehen und zu spüren ist…

Der Einfluss der italienischen Kolonialmacht ist bis heute immens. Obwohl die italienische Gemeinde natürlich sehr klein geworden ist; immerhin gibt es noch die sehr geschätzte italienische Schule. Neben der ständig präsenten Kolonialarchitektur sind es die Kleinigkeiten, die das alltägliche Leben ausmachen: hervorragenden italienischen Kaffee in den vielen schicken Cafés, leckere Pizzen und viele Pasta-Gerichte, die alte italienische Eisenbahn … Und natürlich die „Asmarinos“: Stolze alte Männer in europäischen Anzügen, mit Hut und Stock und handgemachte Lederschuhen, die ihren täglichen Macchiato in einem Café trinken und danach eine „Passeggiata“ auf der Hauptstraße unternehmen – was ihnen in ihrer Jugend noch verboten war.
Gerade hat der offizielle Katalog der Modefirma Benetton eine sehr schöne Fotostrecke von mir mit der Portraitserie Asmarinos und Aufnahmen von Asmara veröffentlicht.

Wie war die Arbeit vor Ort, musste viel Überzeugungsarbeit geleistet werden?

Die Fotos entstanden insgesamt in einem Zeitraum von über 15 Jahren. Asmara ist eine relativ kleine und übersichtliche Hauptstadt. Alles lässt sich erwandern, die Außenbezirke sind per Fahrrad schnell zu erreichen. Und es ist eine wirklich schöne und auch sichere Stadt. Das Klima ist durch die Höhenlage von 2400 Metern ganzjährig sehr angenehm.

Das Fotografieren selbst ist wie eine Entdeckungsreise. Und obwohl es in Eritrea keinerlei Pressefreiheit gibt (auf der Liste von Reporter ohne Grenzen ist Eritrea vorletzter), konnte ich mich über die Jahren hinweg in der Stadt selber meistens völlig frei und unabhängig bewegen. Die heutigen Bewohner sehen Asmara auch nicht als kolonialistisch geprägt. Vielmehr ist es „ihre“ Stadt, auf die sie auch in gewisser Weise stolz sind. Mit vielen Bewohnern bin ich in interessante Gespräche verwickelt worden. Überzeugungsarbeit war also nicht notwendig. Die Bewohner und die staatlich Verantwortlichen sind sich über das wertvolle kulturelle Erbe sehr bewusst. Das hervorragend arbeitende Asmara Heritage Project hat jetzt einen Antrag gestellt, einen Großteil der Stadt von Asmara zum UNESCO Weltkulturerbe erklären zu lassen. Im Sommer 2017 wird darüber entschieden; und sollte es klappen, wäre das schon einzigartig: Welche afrikanische Stadt hat jemals diesen Status erreicht! Jedenfalls sind quasi alle Architekten und Stadtplaner auf der ganzen Welt von dieser Stadt begeistert – wenn sie denn Asmara besucht, davon überhaupt gehört oder Fotos gesehen haben.

Wie ist Ihr Arbeitsprozess? Gehen Sie konzeptionell vor oder „finden“ Sie Ihre Themen zufällig?

Das Interesse für bestimmte Themen entsteht aus ganz unterschiedlichen Gründen. Manchmal komme ich „zufällig“ in eine Situation, bin von dieser inspiriert, entwickle intuitiv ein Bildkonzept und fotografiere sofort. Dies war zum Beispiel beim dem Buchprojekt Southern Street der Fall. Die verbarrikadierten Reihenhäuser dieser typisch nordenglischen Straße waren visuell einfach überwältigend und das Licht perfekt. In einer halben Stunde habe ich die Serienaufnahmen gemacht, welche die Grundlage für das spätere Buch darstellen. Aber dabei habe ich es nicht belassen. Ich bin über einen Zeitraum von zwei Jahren immer wieder zu diesen Ort gefahren und habe den Prozess bis zum völligen Verschwinden dieser Straße festgehalten. Das war dann der zweite Teil des Buches. Und erst durch die Verbindung beider Elemente ist sozusagen ein „Gesamtkunstwerk“ entstanden.
Ganz zufällig bin ich dann allerdings nicht auf Southern Street gestoßen. Es war vielmehr ein Seitenprojekt vom großen und noch nicht abgeschlossenen Projekt Manchester – City in Transition. Für mich ergeben sich vielmehr im Laufe eines Projektprozesses Entwicklungen und Herausforderungen, denen ich dann offen begegne.
In diesem Zusammenhang ist auch wichtig zu betonen, dass meine Projekte oft als exemplarisch gesehen werden sollten. Obwohl Southern Street nur das Verschwinden einer einzelnen Straße zum Thema hat, kann es vor allem als ein typisches Beispiel für das kulturelle Erbe Englands und die immensen urbanen Veränderungen einer post-industrialisierten Stadt in Europa gesehen werden. Vom Konkreten zum Allgemeinen sozusagen.

Bei anderen Projekten findet ein völlig anderer Prozess statt. Durch einen Hinweis in einer Zeitung zum Beispiel werde ich auf ein Thema aufmerksam welches mein Interesse weckt. Umfangreiche Recherchen beginnen, ich schreibe vielleicht einen Projektantrag für ein Fotostipendium und starte erst dann – auf Grundlage eine visuellen Konzeptes – mit dem Fotografieren. Normalerweise besuche ich diesen Ort über einen Zeitraum von mehreren Jahren und zu verschiedenen Jahreszeiten um den Prozess der Veränderungen miterleben zu können. Diese Arbeitsweise trifft zum Beispiel auf das Projekt Hoyerswerda – The Shrinking City zu. Die urbanen Veränderungen – welche gleichzeitig auch immer gesellschaftlich erklärt werden können – dieser ehemals sozialistischen Vorzeigestadt der DDR und ihre konsequente Reduzierung lassen sich einfach visuell eindrucksvoll darstellen.

Architektur und urbane Veränderung ist immer wieder Thema – was interessiert daran?

Nicht Architektur an sich ist mein Thema, sondern eher die urbane Landschaftsfotografie. Da stehe ich wohl in der Tradition des konzeptionellen „urban landscape“-Ansatzes, welcher in England geprägt wurde (wo ich meine Fotografie ja auch gelernt habe).
Urbane Landschaften und Architektur sind immer wieder Thema. Grundsätzlich bin ich aber vor allem an gesellschaftlichen Prozessen – die dann oft auch eine historische Dimension haben – interessiert.
Andererseits probiere ich in meinen Fotoprojekten immer offen zu sein für verschiedene Ansätze und Konzepte. Jedes Thema erfordert seine entsprechende Umsetzung. Bei dem Buchprojekt Flanders Fields über die Spuren des 1. Weltkrieges in Belgien bediene ich mich dokumentarischer Landschaftsfotografie, während Japan – Fleeting Encounters vielmehr Straßenfotografie zur Zeit der Kirschblüte ist. Für mich macht es keinen Sinn, mich in bestimmte Fotografie-Kategorien einsortieren zu lassen. Das würde mich viel zu viel einzwängen; Offenheit und das „Sehen“ immer wieder neu zu erlernen, sind die eigentlichen Herausforderungen für mich.

Wie entsteht ein Bild – ganz praktisch gesehen?

In meiner alltäglichen Arbeit (Reportage und Politik/News) nutze ich digitale Techniken; da kommt es dann vor allem auf den richtigen Moment an. Bei meinen (Langzeit-) Projekten nutze ich immer auch wieder eine analoge Mittelformatkamera mit Diafilm. Dadurch verändert sich die ganze Arbeitsweise: man entwickelt mehr Ruhe, Abstand und Konzentration. Der Bildgestaltung kommt das oft zu Gute. Und der konzeptionelle Ansatz wird prägender. Die abwechslungsreiche Kombination von aktueller Arbeit und Projektarbeit habe ich dabei immer als sehr inspirierend empfunden.

Zum Abschluss die Gretchenfrage, gewissermaßen: Warum Fotografie? Welche Möglichkeiten eröffnet Ihnen diese Art der Arbeit?

Die Fotografie gibt mir wahnsinnig viele Möglichkeiten und Freiheiten. Da ich meistens völlig losgelöst von Auftragsgebern arbeite, kann ich quasi alles umsetzen, was mich interessiert. Ideen für Projekte und Themen gibt es viele, viel zu viele zumeist. Sich dann aber auf ein bestimmtes Thema/Projekt einzulassen, kann unheimlich spannend und herausfordernd sein. Zudem trifft man sehr spannende Menschen, man kommt in äußerst interessante Situationen.
Und ich kann mit diesen Fotos dann auch oft in wunderbarer Weise an die Öffentlichkeit treten, und das manchmal weltweit. Sei es über eine Ausstellung, ein Buch, Veröffentlichungen in Magazinen etc. Alleine der angesprochene Benetton-Katalog mit den Asmarino-Fotos hat eine Auflage von knapp einer halben Million!

Überhaupt – und da sind wir wieder beim Thema – ist die Asmara-Architektur-Story schon viele Male international (aber nie in Deutschland!) veröffentlicht worden. Und damit hat man als Fotograf natürlich auch gewissen Einfluss ausüben. Zum Beispiel tragen meine Fotos sicherlich dazu, dass die UNESCO-Verantwortlichen dem Asmara-Antrag vielleicht offener gegenüber treten.

Stefan Boness, haben Sie herzlichen Dank, dass Sie uns mit auf die „Reise“ nach Eritrea genommen haben!

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