People meet in ARTitecture: 12. Architektur-Biennale in Venedig (Teil 2)

Meine erste Architekturbiennale! Nachdem ich in den letzten Jahren schon mehrere Kunstbiennalen besuchen konnte, habe ich es dieses Jahr das erste Mal zu einer Architekturbiennale geschafft. Ein Tag ist nicht gerade viel, um alles mitzunehmen, aber wir haben es geschafft, zumindest die Länderpavillons in den Giardini (ausgiebig) und das Arsenale (zügig) zu sehen. Die Eindrücke waren vielfältig und sind jetzt allmählich verdaut, so dass es an der Zeit für einen „Erfahrungsbericht“ ist: Was hat gefallen, was weniger, welche zwei Pavillons haben es in mein persönliches Best of geschafft und was hat es mit der ARTitecture auf sich? Hier kommt TEIL 2.

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Meine Top 2 …

Dutch Pavilion: Vacancy

Dutch Pavilion: Vacancy

Beeindruckt haben mich vor allem der holländische und der belgische Pavillon. Die Niederländer haben sich selbstreflexiv und mit der „Vacancy“ auseinandergesetzt – schließlich steht ihr Pavillon (gebaut 1954), wie alle anderen Bauten in den Giardini auch, den Großteil der Zeit leer und wird nur einmal im Jahr für rund drei Monate genutzt: „This building has been vacant for 39 years“, heißt es denn auch plakativ auf einem Transparent, das an der Außenwand angebracht ist. Und damit ist der Pavillon einer von tausenden niederländischen Gebäuden, die für mehr oder minder lange Zeit leerstehen.

Leer ist dementsprechend auch der Pavillon selbst – betritt man den Raum, so findet man sich in einem weißen, bläulich schimmernden Ausstellungskubus wieder, nur ein Wandtext weist darauf hin, dass hier tatsächlich eine Präsentation zu sehen ist. Das bläuliche Schimmern stammt von der Decke: Auf quer gespannten Drähten schweben kleine Kuben aus dem typischen blauen Architekten-Styropor. Der Blick von der integrierten kleinen Empore des Pavillons eröffnet dann den Blick von oben auf die eingespannte „Decke“: Die Styroporwürfel sind Miniaturmodelle verschiedenster Bauten, gemeinsam bilden sie ein blaues Meer Architektur.

Kuratiert von Rietveld Landscape will die Präsentation Vacant NL, where architecture meets ideas im Biennale-Pavillon auf das riesige Potenzial der (zeitweilig) ungenutzten Räume in den Niederlanden aufmerksam machen und aufrufen dazu, leerstehende Bauten weltweit intelligent wiederzunutzen – was kreativ und gelungen umgesetzt wurde.

Belgian Pavilion

Belgian Pavilion

Auch gelungen ist der belgische Pavillon: Die Ausstellung „Usus/Usures“ der Brüsseler Kollektive Rotor thematisiert ein ganz zentrales Element der Architektur – den Gebrauch. Gezeigt werden gebrauchte Teile von Gebäuden – etwa Geländer, Bodenplatten, Teppiche –, die durch das Herauslösen aus dem gewohnten Kontext und die „kunstvolle“ Art der Präsentation verfremdet und überraschend ästhetisch begegnen. Meist ist es nur der Hinweis auf dem Schildchen, der verrät, worum es sich hier handelt: ein Teil einer PVC-Wand eines Bürogebäudes etwa oder ein Randstein einer Metrostation.


Sehnsucht im/nach dem deutschen Pavillon?

German Pavilion, Sehnsucht

German Pavilion, Sehnsucht

Eher skeptisch beäugt wurde die Gestaltung des deutschen Pavillons durch das Büro Walverwandtschaften. „Sehnsucht“ zum Thema einer Architekturschau mag gewagt erscheinen, weil allzu fern vom praktischen Architektenalltag und allzu romantisch angehaucht. Und nicht zuletzt scheint auch das Motto des bodenständige „People meet in architecture“ nicht zum urdeutschen Sehnsuchtsmotiv zu passen. Die Kuratoren haben deutlich gemacht, was sie nicht meinen – nicht klischeehaftes Sehnen à la Neuschwanstein, sondern grundsätzliches emotionales Sehnen und Wünschen als Triebfeder kreativen Schaffens (dennoch: trotz gegenteiliger Betonungen schwingen bei einem solchen Terminus immer auch andere, nicht gewünschte Konnotationen in der assoziativen Wahrnehmung mit).

Der Ansatz ist interessant und ungewohnt, Baukünstler und Architekten einzuladen, sich in ihrem „ureigensten“ Medium, der Zeichnung, sich der persönlichen emotionalen Antriebsfeder ihrer Arbeit anzunähern und eine Begegnung der unterschiedlichen Ergebnisse zu kreieren. Der Besucher ist eingeladen, sich im Pavillon niederzulassen – Augenblick, verweile doch! –, die Zeichnungen zu studieren, sich zu treffen, ins Gespräch zu kommen. Die Inszenierung des Hauptraums im Pavillon erscheint mir gelungen, da sie anders daher kommt: eben nicht pompös, kein Knaller zum Auftakt, sondern dezent und zurückhaltend, mit dem Schwerpunkt auf den Sitzmöglichkeiten, die das Zentrum des Raumes einnehmen – ein ernst genommenes Reagieren auf das „People meet in architecture“, wie es in keinem andere Pavillon in der Form begegnet. (Trotzdem: dass in den vier Nebenräumen so wenig zu sehen ist, lässt den Hauptsaal etwas zu sehr zum Durchgangsraum werden, es fehlt etwas.)

Die „Overall Impression“ – ein Fazit

Bahraini Pavilion

Bahraini Pavilion

Insgesamt habe ich einige Impulse von der Biennale mitgenommen, aber die „Overall Impression“ war tatsächlich so, wie sie im Voraus beschrieben wurde: ganz nett, aber nicht nachhaltig. Der Wow-Effekt, wenn man so will, das, was einem im Gedächtnis bleibt, hat gefehlt. Vieles erschien (zu) beliebig – auch und gerade im italienischen Pavillon: Hier war konzentriert das zu beobachten, was für die ganze Biennale gilt: Es gab ein paar sehr interessante Arbeiten, die im Gedächtnis bleiben, aber eben auch sehr viele, die man gern wieder vergisst. Allerdings sei auch dazu gesagt, dass es nicht einfach ist, so einen Raum zu bespielen mit dem Anspruch, durchgehend neu-innovativ-anregend zu sein. Vielleicht muss man hier auch Abstriche machen zugunsten der Vielfalt – alle Geschmäcker können kaum getroffen werden.

Ähnliches gilt auch für das Arsenale, das – wieder für mich – enttäuschend daher kam: Unglaubliche Räumlichkeiten in den Werft-Hallen, deren Inszenierung aber nicht fesseln konnte. Allerdings bin ich aus zeitlichen Gründen nur im Schnelldurchlauf durch das Arsenale gegangen und kann mir insofern kein intensives Urteil erlauben. Den Goldenen Löwen-Gewinner Bahrain habe ich aber gesehen: Der (politische) Mut, der hinter der selbstkritischen erstmaligen Präsentation des Wüstenstaats steckt, verdient Respekt! (LINK)

*

Kein Biennale-Bashing …

At the Arsenale

At the Arsenale

Bevor ich an dieser Stelle jedoch den Fehler mache und in ein „Biennale-Bashing“ verfalle (bei dieser Fülle an Ausstellungen kann man kaum allen gerecht werden, geschweige denn alle intensiv aufnehmen), die Gegenfrage: Was soll so eine Biennale überhaupt? Was kann sie leisten? Was erwartet man? Was würde man sich wünschen?

Problematisch war für mich dieses Jahr vor allem das Motto: People meet in architecture. Es gehe um das Sichtbarmachen von anderen Lebensweisen. Aber ist das nicht sowieso der Fall bei einer internationalen Schau? Die Kuratoren der Pavillons hatten sehr freie Hand – möglicherweise zu frei. Die Anklänge an das Motto hat man oft vergebens gesucht (sicher, das Thema ist so weit gesteckt, dass man letztlich mit etwas gutem Willen und Nachdenken bei allen Ausstellungen Assoziationen in diesem Sinne herstellen kann … Eine effektive Umsetzung und Auseinandersetzung mit einem Thema sieht dennoch anders aus). In einigen Pavillons ist das auch gelungen – Belgien etwa, das die benutzte Architektur ins Zentrum rückt, und auch dem vielgescholtenen deutschen Pavillon, der seine Besucher zum Verweilen einlädt.

Grundsätzlich aber gilt: Mit dem Leitthema hat Seijima ein sehr offenes Thema vorgegeben, das zu vielfältigen Herangehensweisen ermutigt und gleichzeitig eine Einladung an die teilnehmenden Länder ist, sich mit ihrer eigenen Architektur auseinanderzusetzen – eben nicht im typischen Bauschau-Jargon „Schaut her, was wir alles Neues machen“, sondern als grundsätzliches Hinterfragen der Lebensformen, wie sie sich durch die gebaute Umwelt niederschlagen. Das ist eine Vorgehensweise, die Respekt verlangt, eben weil die Gefahr besteht, nicht mehr kontrollieren zu können, was kommt. Für die Zukunft wünschenswert fände ich daher durchaus eine etwas klarere thematische Linie in den einzelnen Ausstellungen. Kein leichtes Unterfangen freilich – aber eben darin besteht die auch Herausforderung!

Und ein letztes: Zur ARTitecture …

"Space" in Romanian Pavilion

„Space“ in Romanian Pavilion

Eine Biennale wie die in Venedig ist eben keine reine Bau-Schau (mehr) – schaut her, das machen wir, das können wir –, sondern hat nicht zuletzt auch durch das Ambiente in den Giardini und ihrer großen Schwester, der Kunst-Biennale, einen breit gesteckten Rahmen, an dem sie sich messen und reiben muss/kann/darf: Umso mehr gilt es hier, Architektur als breiter angelegtes Denken zu denken, das sich mit Fragen beschäftigt, die über das reine praktische Bauen an sich hinausgehen. Fragen zum Raum, zum Wie-leben-wir, zum Urbanismus, zum Leben in einer gebauten Umwelt, zu gegenseitigen Einflüssen, … Und gerade hier eröffnen sich über eine künstlerische Herangehensweise, die mehr Freiheiten bietet als die streng akademisch-architektonische Methodik, Möglichkeiten, Schnittstellen, Denkräume – daher gilt: Bitte auch in Zukunft mehr ARTitecture!

 

all illus (c) deconarch.com (NS)

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  1. People meet in ARTitecture: 12. Architektur-Biennale in Venedig (Teil 1) | deconarch.com | Literature - 13. Februar 2014

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