Nachbilder: Johanna Diehl und Margret Hoppe in Cuxhaven

13 02 2011

The exhibit »Nachbilder« (after-images) presents works by German photographers Johanna Diehl and Margret Hoppe. Both show deserted spaces as they are found, nothing is arranged. Diehl’s “Displace” series was shot in Cyprus, portraying abandoned places in both Greek and Turkish Cyprus. The title “displace” aims to be understood in an ambivalent way: these venues are both left and replaced with something new. Margaret Hoppe researched on the socialistic past of the former GDR and Bulgaria: she photographed the empty spaces left after socialistic memorials have been removed.

Johanna Diehl "displace" Serie mit Farbfotografien 2008/2009 "Syrianochori/ Yayla, Cyprus (North)", 2009, C-Print, 127x163cm

Johanna Diehl "displace" Serie mit Farbfotografien 2008/2009 "Syrianochori/ Yayla, Cyprus (North)", 2009, C-Print, 127x163cm

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„Nachbilder“ – Ausstellung mit Fotoarbeiten von Margret Hoppe und Johanna Diehl –
im Ausstellungsraum des Schlosses Ritzebüttel in Cuxhaven
kuratiert von Erle Bessert – Auftakt der Reihe „Junge Fotografie im Schloss“
vom 6. Februar bis zum 27. März 2011.

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Aus dem PR-Text: Auch wenn Johanna Diehl und Margret Hoppe einen ähnlichen Ansatz haben, an ihre Themen und Bilder heranzugehen, detaillierte Recherchen, nichts wird gestellt oder arrangiert, die Orte werden so belassen, wie sie vorgefunden sind, so unterschiedlich erscheinen die Ergebnisse: die Fotografien von Johanna Diehl an manchen Stellen fast malerisch romantisch, die Arbeiten von Margret Hoppe dagegen eher direkter, minimalistischer ohne etwas beschönigen zu wollen. Doch eines haben sie auf alle Fälle gemeinsam: Auf den Fotos sind keine Menschen zu sehen, und doch geht es bei diesen Arbeiten weit mehr um Menschen, als der Betrachter es auf dem ersten Blick erahnen mag.

Johanna Diehl "displace" Serie mit Farbfotografien 2008/2009 Lapithou/ Kozan, Cyprus (North), 2008, C-Print, 122x95cm

Johanna Diehl "displace" Serie mit Farbfotografien 2008/2009 Lapithou/ Kozan, Cyprus (North), 2008, C-Print, 122x95cm

Die aus Hamburg stammende, jetzt in Berlin ansässige Johanna Diehl (* 1977) ist mit ihrer Fotoserie „Displace“ vertreten. Die Arbeiten entstanden 2008/09, als Johanna Diehl im Rahmen eines DAAD-Stipendiums auf Zypern arbeitete. Fern ab der Touristenpfade durchstreifte sie die seit über 35 Jahren geteilte Insel und entwickelte eine Serie über die leer stehenden und umgewandelten Kirchen und Moscheen: im muslimischen Teil, dem türkisch besetzten Norden und im christlich-orthodoxen Süden. Und selbst die Hauptstadt Nikosia ist durch eine Grenze in zwei Bereiche gespaltet. In beiden Landesteilen findet man verlassene Ortschaften, die von ihren ehemaligen Bewohnern fluchtartig geräumt und dem Verfall überlassen wurden.

Der englische Titel „Displace“ ist bewusst gewählt, denn er kann sowohl „Vertreiben“ als auch „Ersetzen“ bedeuten. Zudem verweist der Titel auf die in den Fotografien abwesenden Menschen, die ihre Heimat und ihre Gebetsstätten verlassen mussten. Der Begriff beschreibt aber auch den „Vorgang der Umwidmung und des Wiederbeschreibens“ durch eine andere Volksgruppe, die sich in den verlassenen Dörfern angesiedelt hat. Die Christen ließen die Moscheen zumeist leer stehen, während die christlichen Kirchen im Norden – sofern sie nicht ungenutzt bleiben und verfallen – von den Muslimen in Moscheen umgewandelt wurden: die Fußböden sind mit Teppichen ausgelegt und die aus Kreppstreifen parallel aufgeklebte Linien geben die Richtung Mekka an. Dabei bleibt Johanna Diehl stets eine neutrale Beobachterin und gibt den Arbeiten als Titel jeweils den türkischen und den griechischen Ortsnamen.

Margret Hoppe "Bulgarische Denkmale" Serie 2007, C-Prints | 90 x 72 cm "Stoju Todorow, Einheit des Kampfes für nationale und soziale Freiheit, 1975 Metall, Beton, Busludscha-Gipfel, Balkangebirge", 2007

Margret Hoppe "Bulgarische Denkmale" Serie 2007, C-Prints | 90 x 72 cm "Stoju Todorow, Einheit des Kampfes für nationale und soziale Freiheit, 1975 Metall, Beton, Busludscha-Gipfel, Balkangebirge", 2007

Ähnlich der Serie „Die verschwundenen Bilder“ (2007), bei der die Künstlerin Margret Hoppe den Spuren von Kunst aus der ehemaligen DDR nachging und die Leerstellen in Räumen, an Wänden oder an Hausfassaden fotografierte, die nach dem Abnehmen oder Übermalen der Bildern entstanden sind, ist die Fotoserie „Bulgarische Denkmale“ aufgebaut: Auch hier dokumentiert Margret Hoppe den Umgang mit der sozialistischen Vergangenheit. In Bulgarien suchte sie Wandgemälde, Denkmäler und Statuen auf, die – zumeist Auftragsarbeiten des Bulgarischen Staates – während der kommunistischen Zeit errichtet und angebracht wurden. Und auch die überdimensionalen Monumente auf dem Busludscha-Gipfel im Balkangebirge sind dem langsamen Verfall überlassen, wobei dabei umso mehr der Bedeutungswandel von Denkmälern im postkommunistischen Bulgarien deutlich wird. Margret Hoppes Hauptinteresse gilt, wie auch in früheren Bildserien der Erinnerungsarbeit, die – so stellte sie 2008 auf ihren Reisen durch Bulgarien fest – dort weniger ausgeprägt ist, als in Deutschland.

Im thüringischen Greiz 1981 geboren und aufgewachsen, lebt und arbeitet Margret Hoppe seit ihrem Studium in Leipzig. Beim Fall der Berliner Mauer 1989 war sie gerade acht Jahre alt und somit zu jung, um den Systemwechsel selbst bewusst miterlebt zu haben. Heute positioniert sich Margret Hoppe mit ihren Arbeiten zwischen empathischem Nachempfinden einerseits und einem dokumentarisch-archivarischem Aufzeichnen der Situation andererseits.

Info + illus. courtesy Margret Hoppe und Johanna




“Mit Ästhetik fängt alles an.” Interview mit Hans Martin Sewcz

29 06 2010

Es ist die Beschäftigung mit der Alltagskultur und dem alltäglichen Lebensgefühl, das sich wie ein roter Faden durch das vielfältige Werk des Fotografen und Konzeptkünstlers Hans Martin Sewcz zieht. In den 1970er Jahren, noch als Student an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, dokumentierte er mit der Kamera das Leben auf den Straßen in Leipzig und Ostberlin und porträtierte vor allem Jugendliche und Künstler in der Tradition der Porträtfotografie von August Sander bis Diane Arbus. Immer interessier(t)en ihn dabei die psychologisch wesentlichen Momente eines Augenblicks, den einzufangen er sich bemüht  – ähnlich in seinem Vorgehen etwa H. Cartier Bresson, der über seine Arbeit sagt: „Das Handwerk hängt stark von den Beziehungen ab, die man mit den Menschen herstellen kann. Ein Wort kann alles verderben, alle verkrampfen und machen dicht.“ (Quelle Zitat)

Juni 1990. Berlin. Marzahn. HO-Kaufhalle mit DDR-Produkten. Salz

Juni 1990. Berlin. Marzahn. HO-Kaufhalle mit DDR-Produkten. Salz

In den 1980ern widmete sich Sewcz der DDR-Produktkultur, die er zunächst etwa in den kargen Schaufensterauslagen fotografisch festhielt und schließlich auch in Form ihrer Produkte und deren Verpackungen selbst sammelte. Diese Sammlung von industriellem Produktdesign, die mittlerweile ein ganzes Lager füllt und durch den Lauf der Geschichte damit auch historisch besonderen Wert hat, integriert er in Installationen und skulpturalen Werken. Durch die Transferierung in einen neuen Zusammenhang werden die alltäglichen Objekte künstlerisch aufgewertet, erhalten zu ihrer kulturellen Aussage auch einen neuen ästhetischen Wert. Sewcz arbeitet häufig mit vorgefundenen Objekten, die er in Anlehnung an Marcel Duchamp „ready founds“ nennt. Im Gegensatz zu dem französischen Modernen jedoch geht Sewcz noch einen Schritt weiter: Er arrangiert und inszeniert die gefundenen Objekte präzise in ihrem Umraum, der dadurch ästhetischer Teil des Werks wird, so etwa fügen sich in der Installation „Industrial Vegetation“ Schaufelköpfe zu organisch wirkenden, pflanzenartigen Stelen.

H. M. Sewcz mit seiner Installation INDUSTRIAL VEGETATION, 2007, Foto: Klaus Rudolf

H. M. Sewcz mit seiner Installation INDUSTRIAL VEGETATION, 2007, Foto: Klaus Rudolf

Nach wie vor arbeitet der Künstler, dessen Arbeiten in zahlreichen öffentlichen Sammlungen vertreten sind -  etwa im Deutschen Historischen Museum in Berlin, in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, der Staatsgalerie Stuttgart und dem Designmuseum London -,  aber auch mit der Kamera. So hat er im Zuge der deutsch-deutschen „Wiedervereinigung“ die Bruchstellen der Wende festgehalten, wie sie sich in den Veränderungen im Berliner Stadtbild widerspiegeln. Seit den 1990ern hält er zudem die Gegenwart und das Lebensgefühl im wiedervereinigten Berlin nicht nur mit dem Fotoapparat, sondern auch filmisch fest: Straßenszenen, Techno-Paraden,  (Künstler-)Porträts, ready founds, Autobiografisches, … – der Künstler findet seine Motive überall und setzt sich mit Vielfalt des Alltags auseinander.

Palast der Republik

Palast der Republik 1993

Auch die Auseinandersetzung mit der Architektur spielt eine bedeutende Rolle im Schaffen von Sewcz, hat jedoch bislang noch nicht viel öffentliche Aufmerksamkeit erhalten. Er begegnet den Bauwerken wie Persönlichkeiten, die er fotografisch porträtiert und sie in ihrem besonderen Wesen einzufangen sucht.

Desweiteren erarbeitet er auch unterschiedliche Installationen und realisiert Kunst-am-Bau-Projekte, wobei sein architektonischer Bezug Anwendung findet. Sewcz sieht sich somit einerseits als wahrnehmender, andererseits als “ideengebärender” (Konzept-)Künstler.

Aktuell sind Sewcz’ Arbeiten gemeinsam mit Gemälden von Stefan Hoenerloh in der Ausstellung “Schöne Stadt – Urban Cliches” in der Berliner Galerie M zu sehen (4.7.-17.9.2010).

In einem Interview mit deconarch.com erklärt Hans Martin Sewcz, wie er Gebäude porträtiert, was ihn an der Architektur moderner und postmoderner Bauten interessiert und welche Möglichkeiten ihm die künstlerische Auseinandersetzung mit seiner Umwelt bietet.

Abb.:  © Hans Martin Sewcz

INTERVIEW

Ein paar Worte zu Ihrem Werdegang: Sie haben Ihre künstlerische Arbeit mit Fotografie begonnen und arbeiten nach wie vor viel mit der Kamera. Warum Fotografie? Welche Möglichkeiten eröffnet sie Ihnen?

H. M. Sewcz: Sammelleidenschaft ist ein wichtiges Motiv, Ereignisse und Situationen festzuhalten. Sobald das Abgebildete nicht mehr existiert, entfaltet sich dessen besondere Geltung.

DDR_Design, Vollformat

DDR-Design 1986

Das Faszinierende am Medium Fotografie ist darüber hinaus, mit der technischen Aufnahme der realen Außenwelt die eigene innere Welt darstellen zu können, subjektives Empfinden einfließen zu lassen.

Bei der Wiedergabe von Objekten des Alltags ergibt sich für mich die spannende Frage, ob das Original oder deren Abbildung mehr Kraft, mehr Berechtigung haben. Deshalb sicherte ich z.B. DDR-Produkt-Verpackungen im Original, statt sie zu fotografieren, hielt sie aber in Zusammenhängen des täglichen Lebens fotografisch fest.

Neben der Auseinandersetzung mit der ganz alltäglichen Konsumkultur der letzten 30 Jahre bilden auch die Architektur sowie urbane Strukturen einen ganz besonderen Schwerpunkt Ihrer Arbeit. Ihre Architekturfotografien haben bislang jedoch noch nicht so viel öffentliche Aufmerksamkeit erfahren. Was interessiert Sie an der Architektur besonders? Gibt es eine Bauphase, die Sie besonders reizt?

Besonders interessiert mich die Architektur der Moderne in ihrem visionären Schwung, in ihrer Leichtigkeit und Eleganz, die die Aufschwung-Stimmung der Nachkriegszeit mit sich brachte. Gegenwärtig gibt es viele Tendenzen parallel nebeneinander, so auch in Richtung Kaiserzeit-Mentalität, vor allem in Berlin.

Kaiserzeit-Mentalität, hier spielen Sie sicher auch auf die geplante „Neo“-Fassade des Berliner Stadtschlosses an. Ohne auf dieses Streitthema näher einzugehen – der Diskussion darüber könnte man sicher mehr als ein Gespräch widmen –: Gemeinhin werden historische Fassaden und klassische Bauten als schöner empfunden denn moderne und postmoderne Nachkriegsbauten. Diese werden eher wenig beachtet und wenn, dann meist als hässlich bezeichnet. Sie dagegen sprechen vom besonderen Schwung, von Leichtigkeit und Eleganz dieser Bauten, den Sie in Ihren Aufnahmen einzufangen suchen. Können Sie das näher erläutern?

“Das Luftschloss” Berlin 1993

Das geplante Stadtschloss soll das der Kaiserzeit nach außen imitieren. Ich spiele mehr auf steinerne Fassaden in Blockstruktur und Traufhöhe auf dem Grundriss des 19. Jahrhunderts an, gerade dort, wo nach der Maueröffnung Stadträume mit großen Chancen für hervorragende Architektur eng verbaut wurden.

Die Frage nach hässlichen Gebäuden wird von verschiedenen Menschen aus jeweils andersartiger Sicht, oft gegensätzlich beantwortet. Im vergangenem Jahr wurde im Berliner „Tagesspiegel“ der Abriss der sogenannten „Westberliner Bausünden“ gefordert, Wahrheitszeichen wie dem Internationalen Congress-Centrum, kurz ICC, das bei Architekturinterssierten weltweit höchsten Kultstatus hat. Ich leide eher darunter, wenn Architekturdenkmäler der Moderne verunstaltet und vernichtet werden, um plumpem ästhetischen Analphabetismus Platz zu schaffen – ob in Ost oder West, spielt dabei keine Rolle. Meine Affinität zur Architektur der Moderne ist nicht rückwärtsgewandt.

So fasst Patrik Schuhmacher, Partner im Büro Zaha Hadid Architects, die Baustile  gleich folgendermaßen zusammen: Renaissance, Barock, Moderne, Parametrismus (die jüngere Avantgarde-Architektur,in der alles in Beziehung zueinander steht). Den Klassizismus und die Postmoderne zählt er nicht mit auf.

Sie sprechen davon, dass Sie in Ihren Architekturaufnahmen die Gebäude „porträtieren“ . Wie kann man sich das vorstellen?

Weil ich eine emotionale Beziehung zur Architektur habe, „porträtiere“ ich sie eher als „Persönlichkeit“, die einen mit den Menschen äquivalenten Lebensablauf haben.

Architektur-Persönlichkeiten haben ein Wesen, strahlen Psychologie aus, die ich aus einem charakterisierenden Blickwinkel einfange. Die Einmaligkeit aller Bedingungen, auch meiner eigenen Befindlichkeit, machen das Bild unwiederholbar.

Wie finden Sie Ihre Themen und Motive?

Das Motiv fesselt mich intuitiv. Ich werde in einer alltäglichen Situation spontan „angehalten“ und von einem Ausschnitt „angesprochen“, den ich mit der Kamera festhalte. Mein Thema reift mit der Auseinandersetzung über eine lange (Lebens-)Zeit.

Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihren Arbeiten?

Alexanderplatz

Alexanderplatz

Es geht darum, die Existenz in erweiternden Kontexten wahrzunehmen, um Erkenntnis auf verschiedenen Ebenen, die das Bewusstsein reifen lassen. Im Konkreten fotografiere ich Architektur, um deren vergessene Schönheit wieder erlebbar zu machen, der Abrissbirne entgegenzutreten oder deren Andenken zu bewahren.

Wer und/oder was beeinflusst Ihre Arbeit? Gibt es Vorbilder?

Marcel Duchamp und Andy Warhol haben mich am meisten beeinflusst; beide teilen sich über das Objekt, das Produkt mit. Marcel Duchamps erklärtes Ziel war es, Werke jenseits der Kunst zu schaffen, die allein Ausdruck des Intellektes sind und alle Ästhetik, die sich im Sinnlich-Manuellen manifestiert, wegzulassen. Darauf bezugnehmend arbeite ich an meinem Zyklus „Ready Found“. Andy Warhol, der das alltägliche Produkt zum Kunstwerk erklärte, regte mich  zu dessen Arrangement und Überhöhung an, den Umraum ins Kunstwerk einbeziehend.

Ich lasse mich von wechselnden Künstlern inspirieren, deren Einfluss nicht direkt  in meinen Arbeiten sichtbar wird, aber die Energie, die Art und Weise meines Sehens steuert.

Gegenwärtig bin ich besonders von Günter Fruhtrunk beeindruckt, der in den 70er Jahren  den Vorraum das UN-Sicherheitsrats mit seiner resoluten Streifen-Ästhetik als Geschenk vom modernen Deutschland überzog und die Plastiktüte für Aldi Nord entwarf. Zu seinem Werk schrieb Florian Illies im  vergangenen Jahr in der Zeitschrift „Monopol“: „Hinter der Strenge lodert das Feuer.“ Das beschreibt prägnant, was ich beim Aufspühren  der Architektur der Moderne fühle.

Was ist Ihrer Meinung nach charakteristisch für Ihre Arbeiten?

Diese Frage ist vom Künstler selbst schwer zu beantworten, das überlasse ich besser den Rezipienten!

Wollen Sie es trotzdem versuchen? Ein paar Stichworte?

Der Grat zwischen Dokument und künstlerischer Intention.

Gestaltungswillen. Komponierendes Sehen. Klarheit.

Eleganz als Verhältnis aus Spannung und Harmonie.

Meine Bilder entstehen entweder in schwärmerischen Einvernehmen zum Abgebildeten oder gegenteilig im Aufzeigen meiner Abneigung zu etwas bis hin zur Satire: Das anachronistische Design der DDR-Waren in den Schaufenstern der 80er Jahre hielt ich damals mit „Andy Warhol im Kopf“ fest. Zusammen mit dieser Motivwelt des „normalen“ Alltags, damals keiner Aufmerksamkeit würdig, verabschiedete sich eine Gesellschafts-ordnung gänzlich. So empfinde ich mich als Seismograf gesellschaftlicher Entwicklungen aus einem ästhetischen  Blickwinkel:  Mit Ästhetik fängt alles an.

Eine allgemeine Frage zum Abschluss: Welche Bedeutung hat Architektur, gebaute Umwelt für uns?

ICC 2003

ICC, 2003

Architektur kann mir Wohlgefühl bis zu beschwingter Freude schenken oder Unwohlgefühl, Beengtsein bis zur Bedrohung auslösen – ein Ärgernis sein. Ich erfreue mich oft einfach an spannenden Proportionen und schwungvollen Linien, vor allem der Gebäude der 50er Jahre bis zur Gegenwart. In der Architektur geht es zuerst um Funktionalität und Lebensqualität. Der West-Berliner Architekt Georg Heinrichs äußert sich im Film „Die Fahrt durchs Haus“ zu seiner Architekturskulpturstruktur: „Ob Form allein moralisch ist, kann ich natürlich nicht beantworten. Aber man kann versuchen, einer bestimmten Moralvorstellung Gestalt zu geben.“

Gegenwärtig bereiten Stefan Hoenerloh und ich die Ausstellung “Schöne Stadt – Urban Cliches” in der Berliner Galerie M vor, für die wir Beziehungsachsen zwischen seinen Gemälde und meinen Fotografien spinnen. Für die Einladungskarte suchte ich das ICC aus, weil der skulpturale Solitär dem Motiv Stefan Hoenerlohs Charisma entgegensetzt.




Beatrice Minda: Social changes and architecture

22 05 2010

Paris Goethe Institut presents Romanian photographer Beatrice Minda “Shift”, including the two complementary series “Staatsbank der DDR [State Bank of GDR] / Hotel de Rome” and “Innenwelt [Interiors]“. Both projects deal with social changes in Eastern European states during and after the fall of the “Iron Curtain”. These changes become apparent in building interiors, too.  While “Innenwelt” focuses on private rooms, “Staatsbank Berlin / Hotel de Rome” shows public, representative rooms.

Beatrice Minda, Staatsbank der DDR/Hotel de Rome, 2003-2007

Beatrice Minda, Staatsbank der DDR/Hotel de Rome, 2003-2007 © B. Minda

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SHIFT – FOTOGRAFIEN VON BEATRICE MINDA
“Staatsbank der DDR / Hotel de Rome”
“Innenwelt”

In Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Toulouse

Goethe-Institut Paris

6. Mai – 30. Juni 2010

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PR-Text: In der Ausstellung “Shift” zeigt Beatrice Minda die sich ergänzenden Fotoserien “Staatsbank der DDR / Hotel de Rome” und “Innenwelt”. In beiden Projekten geht es um gesellschaftliche Umbrüche, die auch im Innern von Gebäuden, in Innenräumen, sichtbar werden. Die Serien beziehen sich auf denselben Zeithorizont, auf den politisch- historischen Wandel der osteuropäischen Staaten, die sich plötzlich als Teil der westlichen Welt wiederfanden. Während es sich bei “Innenwelt” um die Erkundung privater Räume handelt, liegt der Fokus bei “Staatsbank Berlin / Hotel de Rome” auf öffentlichen und repräsentativen Räumen.

Beatrice Minda, Staatsbank der DDR/Hotel de Rome, 2003-2007

Beatrice Minda, Staatsbank der DDR/Hotel de Rome, 2003-2007 © B. Minda

“Staatsbank der DDR / Hotel de Rome” 2003-2007 zeigt den Wandel des Gebäudes der ehemaligen Staatsbank Berlin der DDR, das bis vor wenigen Jahren noch als Veranstaltungsort benutzt wurde und nun zum Hotel umfunktioniert wurde. Ein repräsentatives Gebäude verändert sich mit der Gesellschaft und der jeweiligen Funktion, die sie ihm zuweist. Jede Umfunktionierung und Umnutzung zeichnet sich durch eine mehr oder weniger radikale Aneignung der Räumlichkeiten aus. Die unsichtbare Hand des jeweiligen Kapitals tilgt die vorangegangene Funktion. Dabei werden Spuren ausradiert – andere erhalten. Man nutzt die ursprüngliche Substanz und Aura des Gebäudes, doch der jeweilige Geist der Zeit schreibt sich immer wieder neu ein. Zu sehen sind Phasen des Übergangs, Geschichte als Ablagerung. Dabei wird ein Wechsel von Atmosphären sicht- und spürbar.

Die Serie “Innenwelt” , 2003-2006, beruht auf Kindheitserinnerungen an die Wohnräume der Großeltern von Beatrice Minda in Rumänien. Dort fotografierte sie Interieurs einer Welt, die sich an der Schwelle zum Verschwinden befindet. Diese menschenleeren Innenansichten fungieren wie “Zeitinseln”. Mit Aufnahmen von Wohnungen rumänischer Emigranten in Frankreich und Deutschland findet die Serie ihre Fortsetzung. Bilder voller Details, in denen die Künstlerin Spuren kollektiver Erfahrung und wahrnehmbaren Verlustes festhalten wird. Es sind exemplarische Projektionsräume eines größeren historischen Zusammenhangs.

Info + illus. courtesy Beatrice Minda