Architektur in/aus Afrika? Ein Essay

26 10 2010

Architektur im Schatten der WM-Stadien – Gibt es zeitgenössische Architektur auf dem afrikanischen Kontinent?

Es ist noch nicht lange her, dass sich dank der Fifa-Fußballweltmeisterschaft die Blicke der Welt auf den afrikanischen Kontinent gerichtet haben. Das Sportgroßereignis hat im Gastgeberland Südafrika für einen Bauboom gesorgt, bei dem nicht zuletzt auch deutsche Architekten engagiert waren – drei der zehn Austragungorte wurden von den Hamburger Architekten gmp entworfen (mehr zum Thema). Aber nicht nur Stadien, sondern vor allem auch Unterkünfte für Zehntausende Besucher sowie die nötige Infrastruktur mussten geschaffen werden. Die WM wurde für Südafrika Anlass für umfangreiche stadtplanerische Aktivitäten. Diese Ziele wurden zumindest im Rahmen der WM erreicht, ob der Erfolg sich auch langfristig einstellen wird, bleibt abzuwarten.

Die Berichterstattung über Architektur in Südafrika erschöpfte sich jedoch weitgehend mit Dokumentationen über die Sportstadien. Weiter wurde der Blick auf zeitgenössische Architektur, ja auf eine mögliche Architektur-Avantgarde in und aus Afrika nicht verfolgt. Eine Situation, die symptomatisch ist für den gesamten Kontinent. Dubai und die arabischen Emirate, China und Fernost sind die neuen architektonischen Boomtowns – aber Afrika? Bedeutet dies, dass es in Afrika keine zeitgenössische Architektur gibt?

Zeitgenössische Architektur in und aus Afrika im WWW?

Erste Recherchen im Internet zeigen, dass das so nicht stimmt. Natürlich gibt es zeitgenössische Architektur in und aus Afrika. Allerdings ist die moderne afrikanische Architektur im westlichen Kulturraum bislang tatsächlich eher unbekannt und vor allem: Sie ist deutlich unterrepräsentiert. Gerade im deutschsprachigen Web findet sich nur wenig Informatives zum Thema. Wenn, dann wird man vor allem auf englischsprachigen Webseiten fündig.

Wer ohne größeres Vorwissen afrikanische Architekten und Architektur sucht, stößt auf Namen wie den ghanaischen Architekten David Adjaye (*1966), der in London lebt und arbeitet und Büros in Berlin und New York betreibt, oder den Ägypter Hassan Fathy (1900-1989), der für seine Lehmziegelhäuser berühmt wurde, mit denen er traditionelle, den Gegebenheiten seines Heimatlandes angemessene – im Gegensatz zu westlichen Bautechniken stehende – Bautechniken aufgriff. Auch das ambitionierte Operndorfprojekt von Christoph Schlingensief, das auch nach Schlingensiefs Tod unter der Ägide des burkinischen Architekten D. Francis Kéré in Burkina Faso realisiert wird (mehr hier), ist einer der ersten Treffer, den Suchmaschinen finden. Danach wird es jedoch dünn.

Modellcollage des Operndorfs © Kéré Architects

Modellcollage des Operndorfs © Kéré Architects

Dass es wenig zu finden gibt, liegt jedoch auch an der Art und Weise, wie in Afrika gebaut wird: Die ganz alltäglichen Gebäude baut man in Afrika selbst, im Dorfverband, mit überlieferten Techniken, ohne größere Bauintention. Größere Aufmerksamkeit erringt man als Architekten jedoch in der Regel mit Großprojekten – für die nicht zuletzt die Gelder fehlen. Der Kreis schließt sich.

Architekturparadies Afrika?

Dennoch hat Afrika in den vergangenen Jahrzehnten Investoren und Bauherren aus vielen Ländern angezogen. So sind etwa einige der „modernsten“ Bauvorhaben der klassischen Moderne auf dem afrikanischen Kontinent entstanden. Hier fanden die modernen Baumeister die ihren Vorstellungen vom Bauen der „Tabula Rasa“ entsprechenden Bedingungen vor. Das eriträische Asmara etwa ist eines der größten Ensembles moderner europäischer Architektur (mehr hier). Nur Miami South Beach, Tel Aviv und Napier, Neuseeland, haben entsprechende Anlagen aufzuweisen. Allerdings ist die typische moderne Bauweise – Glas und Beton – für viele afrikanische Länder, die sich etwa im (sub)tropischen Raum oder in Wüstengebieten befinden, nicht angemessen: Sie heizen sich übermäßig auf und müssen mit viel Energie gekühlt werden.

Heute ist es vor allem China, das Afrika als Investitionsland (und als Ressourcen-Paradies) entdeckt hat und Großbauten dort realisiert – allerdings wenig nachhaltig: Die chinesischen Firmen bringen oft nicht nur das Kapital und Know-how, sondern auch die (ungelernten) Arbeiter mit. Sind die Bauprojekte hingeklotzt, zieht man weiter – mitsamt dem technischen Know-how und den Arbeitern. Dadurch wird nicht nur die heimische Bauindustrie geschädigt, die bei den Dumping-Preis-Offerten der chinesischen Konkurrenz nicht mithalten kann, da sie den staatlichen Arbeitsgesetzen und Mindestlöhnen unterliegt. Auch die Leute vor Ort erwerben wenig Fachwissen – weder davon, wie man baut, noch wie man das Hingebaute fachgerecht instand hält. So begegnen die asiatischen Investoren den Afrikanern zwar auf Augenhöhe und nicht mit zum Teil zweifelhaften Entwicklungshilfeprojekten. Sie investieren jedoch auch nur in einer Art und Weise, die für sie selbst einen Vorteil verspricht.

Zudem befinden sich auch einige der Megacities der Welt auf dem afrikanischen Kontinent, deren Untersuchung künstlerisches wie architektonisches Interesse weckt. So erregt beispielsweise Lagos, die größte Stadt Nigerias, immer mehr Aufmerksamkeit. Rem Koolhaas etwa hat dort ein intensives Rechercheprojekt mit Harvard-Studenten durchgeführt – ein Film von Bregtje van der Haak hat Koolhaas dabei beobachtet –, während MAGNUM-Fotograf Thomas Dworzak die Stadt mit der Kamera porträtiert hat.

Dabei war Lagos lange Zeit keine Megacity: 1901 lebten gerade rund 37.000 Menschen dort, 1921 waren es schon 100.000 und 1971 schon 1,2 Millionen. Heute hat die Stadt die 9-Millionen-Grenze gesprengt, im Jahr 2020 sollen es über 14 Millionen Einwohner sein.

Auf Spurensuche: Architektur in/aus Afrika

Auslöser, sich auf Spurensuche zu begeben in die Welt der zeitgenössischen Architektur in und aus Afrika, war das neue Online-Magazin SAVVY | art.contemporary.african (demnächst online), das sich – erstmals im deutschen Sprachraum – der Vermittlung von zeitgenössischer Kunst in und aus Afrika widmen wird.

Für die erste Ausgabe von SAVVY | art.contemporary.african habe ich ein Interview mit D. Francis Kéré (vorab veröffentlicht in der AZ) über sein Operndorf-Projekt sowie über seine Arbeit allgemein geführt, das “Remdoogo” selbst stelle ich ebenfalls in einem Porträt vor.

Modellcollage des Operndorfs: Festspielhaus mit umliegenden Wohnmodulen  © Kéré Architects

Modellcollage des Operndorfs: Festspielhaus mit umliegenden Wohnmodulen © Kéré Architects

Dabei soll keinesfalls die genannte Lücke in der Berichterstattung über afrikanische Architektur in den deutschsprachigen Medien geschlossen werden – das Thema ist viel zu umfangreich, als dass es mit gelegentlichen Berichten zu schließen wäre. Vielmehr geht es darum, die Lücke überhaupt erst offenzulegen und aufzuzeigen.

Diese Annäherung ist auch für mich Neuland und daher möchte ich alle Leser einladen, sich mit mir auf Entdeckugnreise zu begeben und mit Kommentaren, Tipps, Hinweisen dazu beizutragen, dem facettenreichen Thema rund um die zeitgenössische Architektur in und aus Afrika ein Stück näher zu kommen!




Rezension: 3 Stadia 2010. Architektur für einen afrikanischen Traum

2 10 2010

Es liegt schon ein wenig länger neben meiner Couch und ich und Gäste blättern immer wieder gern durch seine Seiten: 3 Stadia 2010 ist nicht nur vom (Über-)Format ein eindrucksvolles „Coffee-Table-Book“. Es erzählt die Geschichten der drei Fußballstadien, die das Hamburger Architekturbüro gmp zur WM 2010 in Südafrika gebaut hat, in Texten und Bildern. Und es sind vor allem die eindrucksvollen Fotografien, die sowohl die Stadien illustrieren als auch die Städte “um die Stadien herum” einfangen und ein wenig WM-Flair nachwirken lassen.

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3 Stadia 2010
Architektur für einen afrikanischen Traum

Herausgeber: Falk Jaeger
DEUTSCH/ENGLISCH
176 Seiten
mit 157 farb. und 12 s/w Abbildungen
Hardcover
Format: 24 x 32 cm
Euro 34.00  sFr 60.00
ISBN 978-3-86859-063-0

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Herausgegeben von Falk Jaeger, der schon für mehrere Bücher mit dem Jovis Verlag zusammengearbeitet hat, versammelt die zweisprachige Publikation Beiträge von mehreren Autoren aus Architektur und Journalismus und teilt sich in zwei Kapitel: Während im ersten Teil die „Macher“, die Architekten von gmp und die Ingenieure Schlaich Bergermann und Partner zu Wort kommen, widmet sich der zweite Teil den Stadien selbst.

Die Architektur hatte einen sehr konkreten politischen Auftrag zu erfüllen – die Ausrichtung einer Fußballweltmeisterschaft war auch eine deutliche und bewusste Botschaft einer Nation an die Welt, dass hier ein neues, demokratisches Südafrika im Entstehen begriffen sei. Hellen Zille, einzige weiße Provinzgouverneurin Südafrikas, hat dafür eine eingängige Formulierung gefunden: „Yes Afri-can!“

So wurde etwa das Cape Town Stadium in Kapstadt nicht in einem schwarzen Township – Fußball ist in Südafrika vor allem ein „schwarzer“ Sport –, sondern mitten im weißen Viertel von Greenpoint errichtet (was freilich nicht ohne Widerstände auszuführen war).

Über die Entwicklungen des Landes Südafrika in den vergangenen Jahrzehnten, mit seinen Fortschritten, aber auch den Problemen, die nach wie vor herrschen, schreibt Afrika-Korrespondent Thomas Scheen. Hubert Nienhoff von gmp beschreibt die Erfahrungen der Architekten im Stadionsbau, welche Ziele sie konkret für die afrikanischen Bauten verfolgt haben und nicht zuletzt wie es dazu kam, dass gmp den „Hattrick“ in Südafrika geschafft hat. Er schildert aber auch, welche Probleme dem deutschen Architekturbüro begegnet sind, wie Zweifel und internationale Entwicklungen das Vorangehen der Projekte gebremst haben, wie die südafrikanische Art der Entscheidungsabläufe – „wait and see“ – gewöhnungsbedürftig und fremd waren.

Auch Knut Göppert vom Tragwerksplaner-Unternehmen gibt Einblicke in die Art und Weise des Arbeitsprozesse, die den Ingenieuren in Südafrika begegnet sind. Mit fremden und zunächst unbekannten Anforderungen war ebenso umzugehen wie mit spezifischen Erfordernissen der lokalen Wirtschaftsförderung – so wurden etwa die zu vergebenden Aufträge auf möglichst viele Büros aufgeteilt und ungelernte Bauarbeiter auf der Baustelle gezielt qualifiziert.

Der zweite umfangreiche Teil ist den drei Stadion-Bauten in Durban, Port Elizabeth und Kapstadt gewidmet: Moses Mabhida Stadium, Nelson Mandela Bay Stadium und Cape Town Stadium. Neben einem Porträt der Städte von Richard Klug und Wolfgang Drechsler – Klug ist seit 2006 ARD-Korrespondent für das südliche Afrika mit Sitz in Johannesburg, Drechsler seit 1995 Afrika-Korrespondent für das Handelsblatt mit Sitz in Kapstadt – mit einem Überblick über die jeweiligen historischen Entwicklungen und die soziale Situation vor Ort, folgt die Darstellung des jeweiligen Gebäudes von der Entwurfsphase bis hin zum fertigen Bau von Falk Jaeger. Kurzweilig geschrieben bieten die Texte eine ganze Reihe von Informationen und interessanten Einblicken, die nicht nur Fußball-Fans ein paar der architektonischen Facetten der WM, sondern auch Architekturinteressierten die Stadienbauten näher bringen.

Den Abschluss bildet ein weiterer Text von Richard Klug, in dem nachgezeichnet wird, welche besondere Bedeutung das Fußballspielen in Südafrika hat und wie die Fußball-WM auch „Balsam für die nationale Seele“ war: Dazu gehören amüsante Anekdoten wie die von der „Makarapa“, der ausgefallenen Kopfbedeckungen der südafrikanischen Fans, und natürlich der unüberhörbaren „Vuvuzela“, dazu gehören aber auch ernste Geschichten wie die von der „Makana“, der wohl seltsamsten Fußball-Liga weltweit: 1963 beantragten die Häftlinge auf der Gefängnisinsel Robben Island, Fußball spielen zu dürfen. Erst vier Jahre später wurde der Antrag gewährt und die Gefangenen konnten beim Fußball den harten Alltag im Gefängnis im wahrsten Sinne ein wenig „überspielen“. Fußball ist in Südafrika immer auch politisch.

„3 Stadia“ bildet einen schönen Nachklang zur WM 2010, bei dem auch die Schwierigkeiten rund um die Bauarbeiten sowie im südafrikanischen Alltag erwähnt werden. Allerdings herrscht der positive Blick auf die Realisierung der „Architektur für einen afrikanischen Traum“ vor. Schön wäre es noch gewesen, wenn auch Südafrikaner zu Wort gekommen wären. Aber das könnte ja in einem Nachfolgeband nachgeholt werden – in vier Jahren etwa: Dann wäre es interessant zu erfahren, was mit den Stadien nach der WM geschieht.




Afrika jetzt! Die Stadien von Gerkan, Marg und Partner. Ausstellung und Buchpräsentation in Berlin

13 06 2010

Aus gegebenem Anlass..: “WM, WM, wir fahren zur WM!” :-) Wer es aber nicht gleich nach Südafrika schafft, kann in Berlin die Gelegenheit nutzen, sich die drei neuen Stadien in den Küstenstädten Durban, Port Elizabeth und Kapstadtvon Gerkan, Marg und Partner in einer Ausstellung anzusehen.

For current reason … “WM, WM, wir fahren zur WM!” (German fan song, means more or less: Let’s go to the championship!). Who can’t make it to South Africa, though, can still watch the three new stadiums in Durban, Port Elizabeth and Cape Town designed by German Gerkan, Marg and Partner in a Berlin exhibition. A new book by Felix Jaeger tells the stories of and around the stadiums.

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“Ke Nako Afrika – Afrika jetzt!“

11. Juni bis 11. Juli 2010

Kutscherhaus am Kurfürstendamm (Geschäftsstelle des Architekturpreis Berlin e.V)

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Bei der Ausstellungeröffnung am Donnerstag, dem 10. Juni 2010, präsentierte Falk Jaeger sein neues Buch 3 Stadia 2010. Architektur für einen afrikanischen Traum. Die Publikation erzählt auch die Geschichten rund um die Neubauten.

Cover "3Stadia 2010"

PR-Text: Erstmals findet eine Fußballweltmeisterschaft auf dem schwarzen Kontinent statt. Drei der zehn dafür vorgesehenen Stadien sind von den Architekten gmp von Gerkan, Marg und Partner in Zusammenarbeit mit den Ingenieuren schlaich bergermann und partner aus Deutschland geplant und realisiert worden. Mit ihrer aus der Konstruktion logisch entwickelten, zeichenhaften Statur zählen sie zu den schönsten Stadien der Gegenwart. Das Buch erzählt die Geschichten um die drei Stadien und stellt die neuen Wahrzeichen der südafrikanischen Küstenstädte Durban, Port Elizabeth und Kapstadt vor, die zu architektonischen Orten für den afrikanischen Traum geworden sind.

Falk Jaeger (Hrsg.), 3 Stadia 2010. Architektur für einen afrikanischen Traum, deutsch/englisch, 176 Seiten, Jovis Verlag, Euro 34.00, ISBN 978-3-86859-063-0

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Die Baunetzwoche widmet übrigens ein Spezialausgabe ganz der WM 2010 – aus architektonischer Sicht.




Architektur in China

2 03 2008

Der Spiegel hat vor einiger Zeit online eine Debatte angestoßen über die Verantwortung von Architekten, wenn sie in nicht-demokratischen Ländern wie China, Vietnam, Libyen bauen. Bei diesen Projekten geht es natürlich nicht um ein oder zwei Einfamilienhäuser, sondern um Mammutprojekte, bei denen Milliarden verbaut werden: Regierungsgebäude, repräsentative Niederlassungen, sogar ganze Stadtviertel. Die jeweiligen Machthaber wollen sich mit modernen Gebäuden schmücken und ihren Städten ein neues, repräsentatives Gesicht verpassen. Für Architekten und Stadtplaner eine fast schon ideale Herausforderung.

Allzu oft gehen diese Baumaßnahmen auf Kosten der traditionellen Landeskultur – in China ist der Bauboom schon geradezu sprichwörtlich geworden: Das Gesicht der Städte verändert sich beinahe im Wochenrhythmus. Man kann den Häusern beim Wachsen zuschauen, während die traditionelle Seite des Landes verschwindet. Altstädte? Wozu? Ganz zu schweigen von der gesellschaftlichen Dimension, die manche Bauprojekte nach sich ziehen (Umquartierungen, Totalabrisse bestimmter Viertel, Ausbeutung von Wanderarbeitern, … ich bin hier nur oberflächlich informiert, freue mich aber, wenn jemand mehr Details kennt).

Wie viel Verantwortung trägt der Architekt für seine Entwürfe? Oder genauer (und dieser Aspekt fehlt im Spiegel-Artikel ganz) – Hat ein Architekt für seine Tätigkeit in nicht-demokratischen Ländern mehr Verantwortung, als die Firmen, die ihre Produktion zu Billigpreisen in eben diese Länder verlagern?

Dennoch – soweit, so treffend die Stoßrichtung des Artikels. Leider nimmt sich der Autor selbst den Wind aus den Segeln, indem er seine Kritik selbst einschränkt: Er packt nämlich den „Speer-Faktor“ aus und wirft ausschließlich den deutschen Architekten vor, sich vor der Verantwortung zu drücken.

800px-beijing_national_stadium.jpg Herzog & De Meuron: Nationalstadium Peking (H&dM haben keine eigene Website(!) )

Die anderen Länder stünden nun mal „nicht so sehr im Schatten der Geschichte wie ihre deutschen Kollegen“. Weil Albert Speer Germania geplant hat, haben die deutschen Architekten also Pech gehabt, dass sie nicht aus Holland kommen (Rem Koolhaas und OMA: CCTV Peking; Shenzen Börse, Shenzen/China) oder aus der Schweiz (Herzog und de Meuron: Nationalstadion Peking. In Deutschland bekannt: Allianz Arena München)?

koolhaascctv-peking1.jpg koolhaascctv-peking2.jpg Rem Koolhaas/OMA:CCTV (China Central Television), Peking

Im Zeitalter der Globalisierung also wieder zurück in Kleinstaaterei und jeder kocht sein Süppchen und die Deutschen ab in die Ecke?

Schade, dass ein ohne Frage heikles Thema erst angestoßen wird und dann wieder mit dem historischen Allzweckvorwurf außer Kraft gesetzt wird.
Der Autor zitiert selbst Hans Stimmann[1], der meinte „Speer werde als Schlagwort zu oft zu leichtfertig eingesetzt, um sich Argumente zu ersparen“. Spannender sei die Frage „Welche Verantwortung hat ein Architekt mit seinen Planungen und Bauten für die Gesellschaft?“

Na also.

Meinhard von Gerkan hat am 24.02.08 auf den Vorwurf reagiert und einen Kommentar im Spiegel online veröffentlicht. Sein Hamburger Büro gmp (Gekan, Marg und Partner) arbeitet in Hanoi an mehreren Projekten und errichtet Lingang New City (China), eine Satellitenstadt bei Shanghai für rund 800.000 Einwohner (soll 2020 fertig gestellt werden).

bild1119882535463.jpg Lingang New City, Shanghai

In Deutschland ist von Gerkan vor allem „der vom Berliner Hauptbahnhof“ – auch kein besonders einfaches Bauprojekt.[2] Wenig überraschend deutet er denn auch an, dass in Berlin auch nicht „demokratischer“ gebaut würde als etwa in China.

Gerkan weist ebenfalls v. a. darauf hin, dass man „nicht mit einem moralischen Prinzip argumentieren und es dann mit zweierlei Maß messen“ kann. Weiter sagt er, es sei „Heuchelei, lautstark Architekturexporte nach China anzuprangern und zugleich über Massenimporte aus China zu schweigen“.

Zwar hakt auch seine Argumentation an manchen Stellen (darauf komme ich noch zurück), aber seine wesentliche Kritik ist überzeugend.

Also (ein paar Gedanken zum Abschluss) / So (some thoughts):
Grundsätzlich nötig ist Sensibilität für die Globalisierungsbestrebungen nicht-demokratischer Staaten (ich sage bewusst nicht Diktaturen, weil damit auch wieder eine pauschale Schublade aufgemacht wird) – und dies gilt nicht nur für Architektur-Unternehmungen, sondern generell auch für Wirtschaftsbeziehungen (Stichwor:t China).
Bascially necessary is sensibility for the efforts in globalization of non-democratic states (I am intentionally not using the word dictatorship as this would just be another generalization) – and this concerns not only architectural enterprises, but all economic relationships in general (key word: China).

Speziell für den architektonischen Aspekt gilt, sich bewusst zu machen, welche Bedeutung Bauten zukommt (und das sicher nicht nur in China): Gebäude prägen wesentlich unsere Lebenswelt. Die Art und Weise, wie ein Bau gestaltet ist, beeinflusst maßgeblich das, was darin passiert – und damit letztendlich auch eine Kultur.
Meinhard von Gerkan jedenfalls betont, dass viele Architekten „an einer besseren, lebenswerteren Welt mit[]bauen“ wollen – und das ebenso in nicht-demokratischen Ländern wie in demokratisch regierten.

Regarding architecture in particular, it is important to realise what buildings mean (and certainly not only in China): buildings fundamentally affect our lifeworld.  The way an edifice is featured influences significantly what is happening inside the building – and  thus, ultimately,  culture, too. Meinhard von Gerkan stresses that many architects want to “create a better world, being more pleasant to live in” – and this both in non-democratic and democratic countries.


[1] Hans Stimmann war seit Anfang der 1990er Jahre bis 2006 fast ununterbrochen Senatsbaudirektor in Berlin und hat den Auf/Umbau Berlins nach der Wende wesentlich mitbestimmt – nicht unumstritten: bestimmte Vorgaben wie einheitliche Traufhöhen und Einsatz von Steinfassaden haben sehr großen Protest hervorgerufen, auch der Faschismusvorwurf fiel.

[2] Zur Erinnerung: Vom Auftraggeber DB wurden verschiedene Merkmale des Baus verändert (die Gesamtlänge des Hallendachs wurde verkürzt, für die Decken der unterirdischen Bahnsteige wurde eine Flachdecke eingebaut statt der geplanten gewölbeartigen Konstruktion; letzteres ohne Absprache mit dem Architekten).